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Fr, 15:11 Uhr
02.02.2001

Heimatgeflüster (7): Matte Scheibe und flauer Vorleser

Nordhausen (nnz). Früher gab es weniger Fernsehprogramme und nicht einmal die konnte man ordentlich sehen. So kam es zu der humorigen Empfehlung, doch etwas Salz und Pfeffer auf den TV-Empfänger zu streuen, damit das Bild schärfer werde. Heute können Sie Essig, Öl und die exotischsten Dressings über ihr Gerät gießen, die Programme werden dadurch nicht besser.
Seit uns ein finanzkräftiger Privatsender mit dem großen Bruder beglückt, gibt es einfach kein Halten mehr: Adventure Island und Girls Camp, demnächst sicher auch Biker Grave und Dollarzählen in Kirchs Keller. Vom großflächigen Fensterputzhilfsmittel mit den V I E R Buchstaben kann man freilich nicht erwarten, dass es sich derart interessante Themen entgehen lässt. Doch wenn die einheimische Tageszeitung auch schon der Ansicht ist, eine gewisse Jenny Elvers zur berühmtesten Schwangeren Deutschlands küren zu müssen, dann nimmt der ganze Unsinn bedenkliche Formen an. Zur kurzen Erinnerung für die unge"bild"eten Leser: Frau Elvers qualifizierte sich zur Berühmtheit, als sie einen begabten und sehr populären deutschen Schauspieler gegen einen strohdummen und deshalb noch populäreren Containerbewohner eintauschte. Flugs ließ sie sich von diesem in gute Hoffnung versetzen und hat nun vor, die Geburt ihrer Leibesfrucht live im TV so richtig hoffnungsvoll zu vermarkten. Pfiffiges Mädel; gebären muss sie ohnehin, warum nicht nebenbei ein paar Millionen erkreißen.
Da hat es der Ex-IM Schindhelm schon schwerer, an das große Geld zu kommen und muss als fleißiger Buchautor die beschwerliche Tingeltangel-Tour durch die Provinz antreten. Zu allem Überfluss stand auch Nordhausen in seinem Terminkalender, dieses miefige Nest, in dem er drei schwere Jahre innerer Emigration fristen mußte, ehe er sich endlich auf den Weg zur ihm gebührenden Stellung als Theaterleiter in Basel aufmachen durfte. Qualifiziert hat ihn dazu ein Studium der Quantenchemie, eine für erfolgreiche Theaterleute unabdingbare Erfahrung. Vielleicht auch ein wenig die Tatsache, dass er in den wilden Achtzigern in Ostberlin eine WG mit Angela Merkel bewohnte - daran wird er sich wohl so lange erinnert haben, wie die heute erfolglose Parteichefin noch einflußreiche Ministerin war. Wie auch immer, nun wollte er zurück in die Stadt, in der er bereits im Herbst 1989 das erste Mal eine Theaterbühne von hinten sah und lernte, was ein Künstlerisches Betriebsbüro ist und womit ein Inspizient eigentlich sein Geld verdient.
Seine angedrohte Lesung hätte auf ihre Art ähnlich aufschlussreich wie eine Big-Brother-Ausgabe werden können. Wesentlich geistreicher als der Dummschwatz unserer neuen Stars und Barden im Container natürlich, aber annähernd so informativ und unterhaltsam. Aus Heinrich Manns "Untertan" wird er jedenfalls nicht lesen, obwohl er das Werk schon in der grässlichen Einsamkeit russischer Einöde verinnerlicht haben dürfte.
Olaf Schulze
Autor: osch

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