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Fr, 13:16 Uhr
21.01.2011

Auch für Hartz-IV-Empfänger

Wer Arbeitslosengeld II oder Sozialgeld bezieht, muss künftig bei vielen Kassen, die einen Zusatzbeitrag erheben, für einen Teil der Zahlung selbst aufkommen. Dazu verpflichten erste Kassen betroffene Mitglieder durch Änderung ihrer Satzung. Hier die Einzelheiten...


Für Kassenmitglieder, die Arbeitslosengeld II (ALG II) oder Sozialgeld beziehen, ist seit Januar nicht mehr nur der tatsächliche Zusatzbeitrag ihrer Kasse relevant, sondern auch der durchschnittliche Zusatzbeitrag. Dieser fiktive Wert wird jedes Jahr von der Bundesregierung aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung der gesetzlichen Krankenkassen festgelegt.

Empfänger von Sozialgeld und ALG II müssen für den durchschnittlichen Zusatzbeitrag nicht selbst aufkommen: Der Gesundheitsfonds übernimmt die Zahlung an die Krankenkasse. Für die Kassen birgt diese Regelung ein Problem, wenn ihr individueller Zusatzbeitrag höher ist als der durchschnittliche.

Sie bleiben dann auf der Differenz sitzen, die weder der Gesundheitsfonds noch der Versicherte zahlen muss. Für 2011 bedeutet das konkret: Kassen, die einen Zusatzbeitrag verlangen, erhalten für Mitglieder, die Hartz-IV beziehen, nichts vom Gesundheitsfonds. Denn der durchschnittliche Zusatzbeitrag wurde in diesem Jahr bei 0 Euro festgelegt.

Änderung der Satzung

Die Gesundheitsreform 2011 hat für die Kassen aber eine Regelung geschaffen, die es ihnen ermöglicht, diesen Fehlbetrag von betroffenen Mitgliedern einzufordern. Dafür müssen sie ihre Satzung entsprechend ändern. Dann sind Empfänger von ALG-II und Sozialgeld verpflichtet, den Fehlbetrag zwischen durchschnittlichem und tatsächlichem Zusatzbeitrag aus eigener Tasche zu zahlen. Für 2011 heißt das für diese Kassenmitglieder, dass sie den vollen Zusatzbeitrag selbst aufbringen müssen, da der durchschnittliche Zusatzbeitrag 0 Euro beträgt.

Neun Kassen verlangen Zusatzbeitrag

Bei mehr als der Hälfte der insgesamt neun gesetzlichen Krankenkassen, die im ersten Halbjahr 2011 einen Zusatzbeitrag verlangen, müssen Hartz-IV-Empfänger nun damit rechnen, auch nach der Gesundheitsreform selbst für den Zusatzbeitrag aufzukommen. Gegenüber test.de bestätigten sechs Kassen eine entsprechende Satzungsänderung, darunter viele Betriebskrankenkassen wie die BKK advita, die City BKK, die BKK Gesundheit, die BKK Publik und die Deutsche BKK.

Aber auch die Ersatzkasse DAK will den Differenzbetrag von ihren Hartz-IV-Mitgliedern einfordern. Von den Zahlungen verschont bleiben dagegen Mitglieder bei der KKH-Allianz, der BKK für Heilberufe und der BKK Phoenix. Diese Kassen gaben gegenüber test.de an, auf solche Regelungen verzichten zu wollen. Das bedeutet: Bei diesen drei Kassen sind Empfänger von ALG II und Sozialgeld besser gestellt als noch 2010. Denn im vergangenen Jahr - vor der Gesundheitsreform - mussten auch Hartz-IV-Empfänger den Zusatzbeitrag in voller Höhe zahlen. Nur in Härtefällen konnten sie mit einer Erstattung rechnen.

Kein Sonderkündigungsrecht

Betroffene Mitglieder haben aufgrund dieser Satzungsänderung kein Sonderkündigungsrecht. Dies besteht nur, wenn die Kasse den Zusatzbeitrag erhöht oder erstmalig verlangt. Doch die meisten Kassen verlangen den Zusatzbeitrag in unveränderter Höhe. Einzig Mitglieder der City BKK können das Sonderkündigungsrecht ausüben: Die Kasse erhöhte ihren Zusatzbeitrag für ihre Mitglieder ab Januar 2011 von 8 auf 15 Euro pauschal. Dieser Betrag wird quartalsweise erhoben und ist erstmals am 01.03.2011 fällig. Bis dahin ist die Kündigung möglich.

Bei allen anderen Kassen können Versicherte, die den Zusatzbeitrag nicht zahlen können oder wollen, nur regulär kündigen. Das heißt: Sie müssen mindestens 18 Monate in ihrer alten Kasse versichert sein, bevor sie zu einer anderen wechseln können. Die Frist für die Kündigung beträgt dann zwei Monate zum Monatsende.
Tipp: Mehr zu Kündigungsfristen siehe Special Krankenversicherung.

Kompliziertes Prinzip Zusatzbeitrag

Wie bisher auch erlaubt die Gesundheitsreform 2011, dass Kassen Zusatzbeiträge erheben können, wenn die Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds nicht ausreichen. Seit Januar gibt es aber nur noch einkommensunabhängige Zusatzbeiträge. Das heißt: Jedes Mitglied muss den gleichen Betrag aufbringen. Prozentuale Zusatzbeiträge sind nicht mehr erlaubt.

Zudem fällt die Regelung weg, dass Versicherte nur mit Zusatzbeiträgen belastet werden dürfen, die ein Prozent ihres beitragspflichtigen Einkommens nicht überschreiten. Statt dessen gibt es nun einen Sozialausgleich. Das etwas komplizierte Prinzip dahinter: Grundlage ist nicht der tatsächliche Zusatzbeitrag, den eine Krankenkasse erhebt, sondern der fiktive durchschnittliche Zusatzbeitrag. Übersteigt dieser durchschnittliche Zusatzbeitrag 2 Prozent des beitragspflichtigen Einkommens eines Mitglieds, bekommt es die Differenz erstattet.
Nur wenig Ausgleich: Zwei Beispiele

Diese Regelung führt jedoch zu einer erheblichen Mehrbelastung, gerade für Menschen mit geringem Einkommen. Hinzu kommt: Für 2011 ist der Sozialausgleich faktisch nicht vorhanden, da der durchschnittliche Zusatzbeitrag für das gesamte Jahr bei 0 Euro liegt - egal wie hoch sich Zusatzbeiträge in dieser Zeit noch entwickeln könnten. Würde der durchschnittliche Zusatzbeitrag zum Beispiel auf 25 Euro im Monat festgelegt, sähe die Rechnung so aus:
Sozialausgleich (durchschnittlicher Zusatzbeitrag - Belastungsgrenze):
Monatseinkommen: 1 000 Euro
Belastungsgrenze (2 % von 1 000 Euro): 20 Euro
Sozialausgleich (25 Euro – 20 Euro) = 5 Euro

Kasse 1:
Tatsächlicher Zusatzbeitrag: 25 Euro
Verbleibender monatlicher Zusatzbeitrag (25 Euro – 5 Euro) = 20 Euro
Kasse 2:
Tatsächlicher Zusatzbeitrag: 35 Euro
Verbleibender monatlicher Zusatzbeitrag (35 Euro – 5 Euro) = 30 Euro

Kassen ohne Zusatzbeitrag

Durch den seit Januar gestiegenen Beitragssatz von 15,5 Prozent verlangen viele Kassen im ersten Halbjahr 2011 noch keinen Zusatzbeitrag. Das ergab die Finanztest-Erhebung bei 114 gesetzlichen Krankenkassen. 76 von ihnen gaben an, im ersten Halbjahr 2011 auf Zusatz beiträge zu verzichten. Diese Informationen sowie detaillierte Angaben zum Leistungs- und Serviceangebot finden Sie im Produktfinder Gesetzliche Krankenkassen.
Autor: nnz

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Kommentare
Georg66
21.01.2011, 14:33 Uhr
Wieder ein...
Schlag in das Gesicht des kleinen Mannes.
Bei diesen Berechnungen blicken doch die wenigsten durch. Aber das hat wieder Methode.
Dem amtierenden Gesundheitsminister können die Neuregelungen ja nicht treffen, denn man hat ja als Minister ausgesorgt.

Gesundheit, welche sich bald keiner mehr leisten kann, das sind die Signale der jetzigen Bundesregierung.
DietmarBrach
21.01.2011, 17:39 Uhr
Imageschaden für DAK
DAK versucht durch Satzungsänderung sozial schwache Mitglieder loszuwerden.

Während das Bundesarbeitsministerium mitteilt, dass an einer schnellen und unbürokratischen Lösung gearbeitet wird, damit Hartz IV Empfänger nicht durch die von einigen Krankenkassen erhobenen Zusatzbeiträge belastet werden, plant die DAK alles zu tun, um solche Mitglieder loszuwerden.

Einen monatlichen Zusatzbeitrag von 8 Euro plant die DAK auch im Jahre 2011 zu erheben. Dies entspricht einem Jahresbetrag von 96 Euro. Mit Hilfe einer Satzungsänderung möchte die DAK erreichen, dass, entgegen dem Willen des Gesetzgebers, selbst chronisch Kranke Leistungsempfänger nach dem SGB II diesen Betrag zusätzlich zu deren obersten Belastungsgrenze von 43,68 zahlen müssen.
Da dies in der Praxis unmöglich ist, werden Betroffene chronisch Kranke zu einer anderen Kasse wechseln müssen. Damit wird die DAK kostenintensive und beitragsschwache Mitglieder zu Lasten anderer gesetzlicher Krankenkassen los.

Eine Krankenkasse die, wie die DAK von dem Solidaritätsprinzip lebt, und sich dann mit solchen Tricks aus der Verantwortung stiehlt ist ein Skandal. Viele Betroffene, die früher gut verdient haben und heute dank Hartz IV in Altersarmut leben, waren ihr ganzes Leben lang Mitglied dieser Krankenkasse.

Heute werden diese Menschen einfach per Satzungsänderung abgeschoben. Die Verantwortlichen in der DAK sollten sich darüber im Klaren sein, dass solch ein Verhalten zu einem kaum reparablen Imageschaden führen wird.
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