eic kyf msh nnz uhz tv nt
Anzeige symplr (4)
Mi, 11:59 Uhr
15.12.2010

Frohe Weihnachten, Oma Gerlinde

Flatternd ließen sich die Tauben vor dem Hoffenster nieder und pickten begierig die Körner aus dem Schnee. Weitere Körner flogen aus dem Fenster in der ersten Etage. Einen Kittel über dem alten Pullover, das weiße Haar zusammengesteckt, stützte sich Oma Gerlinde wieder auf das Kissen im Fenstersims. So beginnt die Kurzgeschichte eines nnz-Leser, die wir Ihnen nicht vorenthalten wollen...


Ihre matten Augen begannen zu leuchten. Wie sich ihre Kleinen freuten. Manchmal glaubte Oma Gerlinde, Dankbarkeit in ihren kleinen Knopfaugen sehen zu können. Die Tauben waren die einzigen, die ihr auf ihre alten Tage noch regelmäßig Gesellschaft leisteten.

Ihr Nachbar schritt stramm quer über den Hof auf die Müllcontainer zu, einen kleinen Plastikeimer mit Bioabfällen in der Hand. Missmutig fiel sein Blick auf die Tauben, dann grüßte er Oma Gerlinde knapp mit einem Nicken. Oma Gerlinde lächelte. Es war schön, ein anderes Gesicht zu sehen. „Guten Tag, Herr Bodolka. Wie geht‘s Ihnen und Ihrer Frau heute?“

„Ganz gut, sind im Weihnachtsstress“, lautete seine lapidare Antwort, ohne auch nur zu ihr herüber zu schauen.

„Jonathan freut sich bestimmt, was?“

Herr Bodolka schüttete den Eimer in den Biocontainer, warf dessen Klappe zu und schritt eiliger als zuvor zurück ins Haus. Dann schien ihm einzufallen, dass er noch antworten sollte. „Klar, der Junge ist richtig hippelig. Schönen Tag noch“, wimmelte er sie ab. „Ja, ja, viel zu tun, so ist es eben. Ein schönes Weihnachtsfest, Herr Bodolka“, rief sie noch hinterher, doch ihr Nachbar war längst in der Hoftür verschwunden. Oma Gerlinde lächelte immer noch.

Drei Jungen sprangen über den Hof, grölten und johlten, Schneebälle flogen durch die Luft. Sie erspähten die pickenden Tauben. Nun feuerten sie ihre Schneegeschoße auf die Vögel ab. Die Tauben stoben wild auseinander und flatterten davon. Die drei Jungen jauchzten vor Freude und warfen noch ein paar Schneebälle hinterher, die aber nur die Hausfassade trafen, direkt neben Oma Gerlindes Fenster.

„Ach herrje, meine Kleinen“, rief Oma Gerlinde mit dünner Stimme und streckte zaghaft die geäderten und welken Hände aus. Wer sollte ihr nun Gesellschaft leisten? Wer würde ihr nun zuhören? Die drei Jungen bemerkten ihre Bestürzung wohl kaum, sie sprangen fröhlich über den kaputten Zaun auf den Nachbarhof.

Sie schloss das Fenster, nahm ihren Gehstock neben der Heizung und tippelte zum Stuhl am Küchentisch. Nur kurz ausruhen. Oma Gerlinde warf einen flüchtigen Blick auf den noch ungeöffneten Brief ihrer Tochter und lächelte. Später. Bestimmt teilte Ulrike ihr die Einzelheiten des lang vereinbarten Besuches am ersten Weihnachtstag mit.

Über dem Küchentisch hing ein Bild von ihr und ihrem Mann Karl, direkt über seinem Platz. Beim Aufstehen stöhnte Oma Gerlinde, ihre alten Knochen waren müde geworden. Sie tippelte auf die Wand zu und stützte sich dabei auf Karls Stuhl ab. Ihre Finger streckten sich aus und rückten das alte Hochzeitsfoto gerade, ein heller Streifen verschwand unter dem Bild. Oma Gerlinde hatte viele Fotos von früher hängen, in der ganzen Wohnung verteilt, die meisten schwarzweiß.

Welcher Tag war doch gleich? Sie kniff die Augen zusammen sah zu dem Kalender mit den großen Zahlen unter der Wanduhr. Bei den Gesprächen im Supermarkt wurde Oma Gerlinde nicht müde, stolz zu betonen, dass sie noch keine Brille brauchte. Der 22., Mittwoch. In drei Tagen war es soweit. Die Vorfreude wärmte ihr Herz.

Für diesen besonderen Tag hatte Oma Gerlinde sich vorgenommen, mal wieder zu backen. Es strengte sie zwar an, doch das tat sie gern. Ihr Enkel Benjamin würde am ersten Weihnachtstag kommen! Und er mochte ihre Plätzchen immer so.

Sonst war die kleine Familie ihrer Tochter an den großen Feiertagen zu Tante Agatha und deren Mann gefahren, zu denen sie seit Jahren kein gutes Verhältnis hatte. Sie besaßen ein schönes Haus, fast schon eine Villa. Ihr Mann, ein pensionierter Beamter im höheren Dienst, machte Benjamin dann immer teure Geschenke. Doch diesmal wollte Oma Gerlinde ihrem Enkel auch etwas Gutes schenken! Sie freute sich schon darauf, zu sehen, wie Benjamins Augen immer größer werden und vor Freude leuchten würden.

Von den knarrenden Dielen im Flur hallten ihre kleinen Schritte wider, während sie in die gute Stube ging, um die Eisenbahnplatte in Geschenkpapier zu wickeln, die ihr ein freundlicher junger Mann aus der Nachbarschaft in die Wohnung getragen hatte. „Ja, ich weiß, Karl, das Geld, das gute Geld. Sie kommen doch so selten. Versteh doch. Benjamin, unser lieber Enkel. Bestimmt wird er sich sehr freuen. ... Ja. Dann müssen wir eben etwas sparsamer sein. Es wird schon gehen. Wir brauchen doch nicht viel.“

Oma Gerlinde sprach noch oft mit ihrem Ehemann, auch wenn er schon drei Jahre tot war. Sie hörte geradezu seine Vorwürfe, weil sie sich die teure Eisenbahnplatte von der schmalen Rente eigentlich nicht leisten konnte. Doch Oma Gerlinde war genügsam. In den letzten zwei Monaten genügsamer als sonst. Es sollte eine Überraschung werden, von der auch ihre Tochter nichts wusste. Wie Benjamin sich freuen wird!

Oma Gerlinde saß wieder am Küchentisch. Das Geschenk für Benjamin war sorgsam verpackt. Kleine Weihnachtsmänner, um die Schneeflocken tanzten, schmückten die Eisenbahnplatte. Nun hatte sie Zeit, den Brief ihrer Tochter zu lesen.

… Tante Agatha und ihr Mann haben uns auch in diesem Jahr wieder eingeladen. Sie hätten so viel vorbereitet, dass wir unmöglich absagen könnten. Du weißt doch, wie sehr sie sich freuen, den Kleinen zu sehen. Und wie viel Mühe sie sich jedesmal geben. Sie scheuen keine Umstände, um Benjamin ein schönes Weihnachten zu bereiten. Sie haben Benjamin extra eine Spielkonsole mit einem Rennspiel dazu gekauft. Das kostet alles. Darum haben wir letztendlich doch zugesagt. Man muss auch an den Kleinen denken. Das verstehst du doch, Mutter? Nach den Feiertagen werden wir bestimmt auch dich besuchen, sobald sich der Trubel wieder gelegt hat. Leider haben die Umstände in der Vergangenheit oft einen Strich durch die Rechnung gemacht. Diesmal wird jedoch nichts dazwischen kommen, versprochen.…

Still rannen ihr Tränen das faltengefurchte Gesicht herunter, tropften auf das Papier und verwischten die Tinte. Oma Gerlinde sah mit feuchten Augen ihren Mann auf dem Hochzeitsfoto an. Doch der schien nur einen vorwurfsvollen Blick übrig zu haben. Dann las sie die letzte Zeile des Briefes.

Wir wünschen dir noch frohe Weihnachten, Oma Gerlinde.
Andreas Hüllenhagen
Autor: nnz

Anzeige symplr (6)
Kommentare
adele
15.12.2010, 14:15 Uhr
Das macht ein Traurig und regt zum Nachdenken an,
auf jedenfall habe ich diese Geschichte mit leiser Wehmut gelesen und ich muß sagen mir liefen auch ein paar Tränen über das Gesicht. Wieviele ältere Menschen sitzen gerade zum Fest der Familie allein zu Hause und wollen doch nur die Familie wieder um sich haben?!

Wir holen unsere Mutti (83) zum Heiligabend zu uns und freuen uns schon zum 100. mal ihre Geschichten von Früher zu hören! Denn liebe Mutti und Oma wir sind froh Dich noch zu haben und genießen trotz Deiner Altersmacken Deine Gesellschaft denn auch wir werden mal alt, wenn es geht!

Und auch dann möchten wir noch das Fest mit unseren Leiben genießen, denn was ist Weihnachten ohne den lieben Omas und Opas die tolle Geschichten erzählen können und nicht nur an teure Geschenke denken!

Euch liebe Omas und Opas haben wir es zu verdanken auf Erden wandeln zu dürfen, das sollten gerade jetzt viele Kinder bedenken und mal Zeit und Liebe geben, denn mehr möchten diese Menschen nicht!!!!

In diesem Sinne allen älteren Menschen in der ganzen Welt ein frohes und glückliches Weihnachtsfest!!!
Kommentare sind zu diesem Artikel nicht mehr möglich.
Es gibt kein Recht auf Veröffentlichung.
Beachten Sie, dass die Redaktion unpassende, inhaltlose oder beleidigende Kommentare entfernen kann und wird.
Anzeige symplr (8)