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Do, 10:03 Uhr
15.07.2010

nnz-doku: Wie es begann und endete

Die nnz hatte in ihrer doku-Reihe bereits mehrere Reden und Schriften von Jürgen Hohberg veröffentlicht. Heute wird es die erste als Bürgermeister im Ruhestand sein. Sie ist als Resümee auf mehrere Jahrzehnte anzusehen...

"Ich möchte meine letzte Rede vor dem Gemeinderat und vor Ihnen, liebe Anwesende, dazu nutzen, Ihnen aus sehr persönlicher Sicht meine heutigen Empfindungen 20 Jahre nach der Herstellung der deutschen Einheit in kurz möglichster Form vermitteln.Ich werde mich sehr bemühen, die Vorgabe von 15 Minuten einzuhalten.

Als 1980 in Polen die Gewerkschaft Solidarnost unter Führung von Lech Walesa freie Gewerkschafften freie Wahlen u. Demokratie forderten war es auch für unsere Bergleute ein unüberhöhrbares Singnal. Ich habe damals gegenüber Staats- u. Parteifunktionären offen uund laut auch für uns diese Reformen gefordert. Später las ich in meiner Stasiakte, dass eben diese Funktionäre mich als „Verbrecher wie Walesa“ titulierten. Bis zum Bezirksstaatsanwallt gingen diese Einschätzungen.

Allerdings haben wir ein nur im engsten Freundeskreis geplantes Vorhaben - nämlich die Besetzung bzw. Schließung der Grube nach einer Sonntagsnachtschicht - aus Angst um unsere Familien verworfen. Im Jahre 1988 durfte ich zum 80. Geburtstag meiner Großmutter erstmals in den Westen reisen. Vermerk in m.Stasiakte dazu: “H.darf reisen. Er wird wohl dort bleiben“. Natürlich bin ich in meine Heimat zurückgekehrt.

Allerdings mit vielen Erfahrungen,Eindrücken und Informationen über den Alltag in einer Arbeiterfamilie und der Organisation in einer 3000 Einwohner Gemeinde mit stillgelegtem Bergwerk aber sehr vielen ehrenamtlich geführten Vereinen. Ja ja, meine Neugierde eben Neues zu erfahren und meine Neigung zum „Geistigen Diebstahl“. Dieses Wissen /Know how über/vom Westen war mir 1990 bei meinem Amtsantritt mehr als
nützlich.

Im Sommer 1989 wurden auch unsere Kalikumpel mutiger mit den Äußerungen ihrer Unzufriedenheit über die Zustände in der DDR. Besonders als wir beängstigend feststellten, wie viele besonders junge Menschen unsere Heimat in Richtung Westen verlassen wollten und auch weggingen. Wir (von allen 24 Brigaden desKaliwerkes autorisiert) schrieben an den damaligen FDGB Vorsitzenden mit ähnlichen Forderungen nach Freien Gewerkschaften wie unsere polnischen Kollegen 1980. Gelandet ist dieser Brief ebenfalls bei der Stasi. Aber im Kaliwerk gab es ab November 89 die erste freigewählte Arbeitnehmervertretung.

Als im Sept/Okt 89 der Unmut über die Situation in der DDR immer lauter wurde, schlossen sich aktive Bergleute und Mitglieder der kirchlichen Friedens- und Umweltgruppe in Sollstedt zur Bürgeriniative Sollstedt (BIS) unter dem Dach der Kirche zusammen. Die Friedensgebete in den Kirchen von Sollstedt und Nordhausen aber besonders die wöchentlichen Demos auf dem August-Bebel Platz in Nordhausen wurden mit vielen Sollstedtern ein Sprachrohr unserer Forderungen nach Veränderungen!

Sicher nicht nur für mich der vorläufige Höhepunkt in Sollstedt war die 1. Öffentliche freie Bürgerversammlung am 17.11.89 hier in der damals vollbesetzten Festhalle. Als es dann bekannt wurde: Es gibt am 22.03.1990 die ersten freien Wahlen zur Vollkskammer der DDR und am 6.5.90 die ersten freien Komunalwahlen, entschieden wir uns als politische Vereinigung BIS in der Komunalpolitik unserer Heimatgemeinde mitzutun. Nur wenigen war es damals klar ,daß selbst ein reformierter Sozialismus in der DDR wohl eine Utopie bleiben sollte. Die deutsche Einheit kam!

Auch heute noch sage ich : Es war für uns alle ein Geschenk der Geschichte. Aber wie es bei vielen unerwarteten Geschenken so ist ,sie können vorher nicht ausprobiert werden. Aber wir waren wieder ein Deutschland in seiner ganzen Vielfalt und Unterschiedlichkeit. Das wünschen sich sicher die Koreaner ebenfallls mit einer so friedlichen Revolution. Persönlich danke ich den Bürgerinnen u. Bürgern von Sollstedt aber auch unseren Freunden in den alten Bundesländern, die bei diesem schwierigen Einigungsprozess aktiv mitgetan und geholfen haben.

Mit den auf mich durch die Stasi angesezten neun IM habe ich direkt und persönlich reinen Tisch gemacht, ohne sie öffentlich zu benennen. Das war mir ein inneres Bedürfnis! Jeder Bürger in Ost und West unseres Vaterlandes kann noch heute sehr froh wenn er von den schmutzigen Erpressermethoden der Stasi verschont geblieben war. Ab den 6.6.1990 bis heute war ich in einer hochmotivierten Verwaltungs-Mannschaft mit qualifizierter Arbeit bemüht, um in unseren Heimatorten die Vorzüge der Einheit wirksam werden zu lassen und unangenehme Begleiterscheinungen zu minimieren. Allen meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern - auch den befristet bei uns Tätigen - gilt mein Dank und meine Anerkennung. In der errungenen und nun zu praktizierenden Demokratie - auch das wurde uns bald sehr deutlich - ist es selbst für dringendst notwendige besonders aber die unpopulären Entscheidungen schwierig notwendige Mehrheiten zu finden.

Besonderen Dank sage ich hier den Gemeindevertretern der sogenannten ersten Stunden nach der Wende. Ein Dankeschön an meine Frau und meine ganze Familie für das geübte Verständnis und die Toleranz mit einem sogenannten Workaholik möchte ich hier mal öffentlich loswerden. Danke auch allen Bürgerinnen und Bürgern unserer Einheitsgemeinde für das mir gewährte Vertrauen zahlreichen Hilfen bes auch allen Vereinen für ihre Aktivitäten aber auch für die vielen kritischen Hinweise. Unsere drei freiwilligen FW haben mir meine Arbeit sehr erleichtert. Danke!

Mein sicher sehr zeitaufwändiges und anstregendes politisches Engagement seit der Wende und die Verwaltungsarbeit als Bürgermeister empfand ich insgesamt als persönliche Erfüllung und meine Berufung. Eine Frau aus unserer damaligen Bürgerbewegung hat auch meine innersten Gefühle der Wendezeit in wunderbare Verse gebracht, die ich ihnen zum Abschluss meiner Rede gern nochmal vortragen möchte ...Eine „hohe Zeit“!!!
.“..Hochzeit...----“! Ich danke ihnen mit herzlichem „Glück auf „
Ihr Bürgermeister im Ruhestand, Jürgen Hohberg
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