eic kyf msh nnz uhz tv nt
Do, 13:41 Uhr
01.07.2010

In the heart of the enemy

Es gibt Ereignisse, die verlangen schon einmal vom wissbegierigen Touristen, dass er innehält und sich knapp zwei Stunden anderen wichtige Dingen zuwendet. So erging es am letzten Sonntag Olaf Schulze in London. Hier ist sein Bericht für die nnz.


sun (Foto: sun) sun (Foto: sun) Natürlich war auch London – wie ganz England - weiß mit rotem Kreuz an diesem letzten Sonntag im Juni 2010. Obwohl die Metropole des Commonwealth äußerst weltoffen ist, fieberten die Einheimischen erwartungsfroh der fußballerischen Auseinandersetzung mit dem teutonischen Erzrivalen entgegen. Bis zum Sonntagmittag wurden die deutschen Touristen britisch höflich nach ihrem Tipp befragt und tapfer bis herablassend belächelt, wenn etwa jemand einen deutschen Sieg in Erwägung zog.

So ganz vertrauten die englischen Behörden allerdings nicht auf die britische Gastfreundschaft, denn in ganz London gab es kein public viewing zur Fußball-WM. Aus Angst vor Ausschreitungen, wie unser indischer Hotelmanager zu berichten wusste. Erst zum Finale, fügte er an, wären Leinwände geplant. Wir waren uns schnell einig, dass diese Maßnahme überflüssig sei, da die Stars von der Insel wohl kaum so weit kämen.

Also stellte sich uns Sonntagmorgen die Frage: wo schauen wir uns das Achtelfinale an und gibt es vielleicht Ärger, wenn Deutschland dank eines unberechtigten Elfmeters in der 88. Minute siegt und wir das jubelnd kommentieren? Wir entscheiden uns letztlich für einen kleinen Pub am Leicester Square in der City, der wie so viele andere damit warb, alle Spiele zu zeigen. Unser Vertrauen erlangte die Kneipe dadurch, dass hier auch eine kleine deutsche Flagge hing, was an diesem Tag durchaus nicht selbstverständlich war. Kurz vor Anpfiff war der Laden rammelvoll, wir hatten gute Sitzplätze und die meisten Engländer lautstark gute Laune. Das änderte sich nach etwa zehn Minuten, als Löws Bubis anfingen mitzuspielen und schnell zwei Tore vorlegten. Es wurde merklich ruhiger und nur noch vereinzelte - das eigene Team bewundernde - deutsche Kommentare waren zu hören. Es waren annähernd so viele Deutsche im Pub wie Engländer.

Der unnötige Anschlusstreffer veränderte die Situation schlagartig und als Lampards Lattenknaller für ein schön umstrittenes Tor übertrieben weit hinter der Torlinie landete, war akustisch die Hölle los in dem kleinen Raum. In der Pause beruhigten sich die erhitzten Gemüter mit Bier und Zigaretten, die in London ganz selbstverständlich vor der Tür eingesogen werden. In der zweiten Hälfte hatten die Londoner dann so gar keine Freude mehr und nach dem 4:1 wendeten sich die meisten intensiver dem Tresen zu und orderten Getränke.

Absolutes fairplay zum Spielende, als die deutschen Touristen ihrer Mannschaft Applaus zollten und die Engländer ins Händeklatschen mit einstimmten. Ich bezweifle, ob das in Deutschland jemand im umgekehrten Fall getan hätte.

Draußen am Leicester Square brannte 5 Minuten nach Spielende eine deutsche Fahne und ein aufgebrachter Mob skandierte antideutsche Parolen. Da hatte es wohl einer mit der Schadenfreude etwas übertrieben. Binnen wenigen Minuten war aber die City Police zur Stelle und löste mit sechs Überfallwagen die Versammlung auf. Sonst blieb es ruhig in der Innenstadt, durch die noch Stunden später englische Fans in den Shirts ihrer Idole schlichen.

sun (Foto: sun) sun (Foto: sun)

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Boulevardpresse schon den Schuldigen ausgemacht und ihre Helden fallen gelassen wie heiße Kartoffeln. Das englische Trauma geht nun also weiter und es gibt nach wie vor keinen Farbfilm von einem englischen Sieg bei einer Fußball-WM über Deutschland. Oder wie es ein Leser im „Daily Telegraph“ so schön auf den Punkt brachte: „Bloß gut, dass die Deutschen nicht Cricket spielen wollen.“
london (Foto: rike)
london (Foto: rike)
london (Foto: rike)
london (Foto: rike)
london (Foto: rike)
london (Foto: rike)
london (Foto: rike)
Autor: nnz

Anzeige symplr (6)
Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.

Kommentare sind zu diesem Artikel nicht möglich.
Es gibt kein Recht auf Veröffentlichung.
Beachten Sie, dass die Redaktion unpassende, inhaltlose oder beleidigende Kommentare entfernen kann und wird.
Anzeige symplr (9)
Anzeige symplr (8)