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Fr, 15:25 Uhr
05.12.2008

nnz-Forum: Kultur des Vergessens

Ein Denkmal regt zum Denken an. Das zeigt, die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen. Und dennoch, die Sache ist nun entschieden. Ein Beitrag zum Lindenhof im Forum der nnz...


Der Lindenhof ist es dem Stadtrat nicht wert, dass ein kleiner Teil des knappen Haushalts auf seine Erhaltung verwandt wird. So setzt man auf das freie Spiel der freien Kräfte der Natur, sich des Unverstandenen samt der eigenen Verantwortung dafür leise zu entledigen.

Es gibt Wichtigeres! Aber das Wichtige ist immer das, was man zum Wichtigen erhebt. Das Wichtige ist somit Ergebnis einer Wertefestlegung. Von Kultur muss man so oder so in jedem Falle reden. Es geht niemals darum, ob Kultur oder nicht. Es geht immer darum, welche Art von Kultur wir wollen. Die Würfel sind gefallen. Wenn ich mich dennoch des Themas annehme, so allein darum, um das Geschehene nicht unwidersprochen zu lassen und weil es mir ein Bedürfnis ist, dem sterbenden Ort die letzte Ehre zu erweisen. Man soll es wissen, es gab auch Andersdenkende.

Über die Besonderheiten der Architektur dort oben auf dem Berg hat Frau Kneffel in ihrem Beitrag schon das Nötige gesagt. Was mich an der ganzen Diskussion jedoch traurig stimmt, ist der Tenor, der die Erinnerung an dieses einmalige Nordhäuser Kulturerbe in eine exotische Ecke mit schrulligem Clubcharakter zu drängen sucht, der mit einem vermeintlichen Willen der Masse nichts gemein habe. Letzteres zu verifizieren, wage ich nicht.

Ich halte es aber auch nicht für die erste Pflicht eines Stadtverordneten, eine eventuelle Mehrheitsprämisse zur Grundlage seines Handelns zu erheben. Vielmehr ist er gewählt, weil man ihn für kompetent hält, nachhaltige und weise Entscheidungen zum Wohle der Stadt und seiner Menschen zu treffen. Wäre es anders, könnte man sich die Politik gleich sparen und es bedürfte allein der repräsentativen Umfrage, um richtig entscheiden zu können. Auch was die Mehrheit meint und will, ist dabei nicht immer das, was der Verantwortung der Sache gegenüber gerecht zu werden vermag. Wir haben diesbezüglich in Deutschland traurige Erfahrungen sammeln müssen, die zeigen, dass das so ist.

Für den demokratischen Zustand von Gesellschaften ist die Beschaffenheit ihrer Erinnerung von entscheidender Bedeutung. Denkmalschutz und Denkmalpflege müssen darum primär Aufgabe der Politik bleiben - in unserem Falle also der Nordhäuser Kulturpolitik, die als solche keine Verzierung des Eigentlichen darstellt, sondern selbst Verantwortung wahrnehmende Gesellschaftspolitik jenseits jeglichen Parteiengezänks sein sollte. Jede Generation ist zum Sterben verurteilt. Ihre Kultur ist das, was bleibt, ist das, worauf wir fußen, wenn wir uns nicht wie ein Blatt im Wind dem Unverwurzelten verschreiben wollen.

Was jüngst entschieden worden ist, ist jedoch ein Votum gegen die Erinnerungskultur, gegen das Wurzelwerk. Das Schlimme ist, dass sich solches ohne Schmerzen ganz sukzessive vollzieht. Das zeigt auf, wenn wir heute nach Werten fragen, denken wir für gewöhnlich zuerst an die Kosten. Aber die echten Werte sind ja gerade die kulturellen, die nicht käuflichen, die uns teuer sein sollten. Warum sehen das so wenige? Nein, das hat nicht nur etwas mit der intellektuellen Bildung zu tun, denn man sieht nur, was man auch weiß, und man weiß nur das, was man mit dem Herzen sah.

Dass der Lindenhof schön ist, das haben durchaus einige Menschen gesehen. Besonders seine
inneren Werte fanden ihre Liebhaber. Wie auch immer, ich hätte nach alledem nun ein parteiübergreifendes Votum für die Villa Lindenhof als Signal der Stadtmütter und Stadtväter gewertet, dass sie im Sinne von Ethik und Moral ein deutliches Zeichen im Bewusstsein unseres geistig-sittlichen Erbes dem entgegenzusetzen gewusst hätten. Man wusste es aber nicht. Leider. Ein solches Signal gab es nicht. Es wird Gründe geben.

Doch was steht auf dem Spiel? Wenn der Lindenhof jetzt zugrunde geht, ist er für alle Zeit der Erinnerung verloren, denn was wir jetzt versäumen, kann keine künftige Generation nachholen. Insofern versündigen wir uns auch an unseren Kindern und Kindeskindern, indem wir sie der Möglichkeit berauben, die Vergangenheit in ihrer Zukunft sinnlich erfahren zu dürfen.

Wir sind eine Wertegemeinschaft. Allein, wofür wir stehen, das legen wir selbst fest. Darum beklage niemand, der nicht widersprach, hinterher das kalte Ergebnis des eigenen Wirkens, denn dies ist die Welt, in der wir leben, weil wir sie uns verdienten.

Der Lindenhof hat also jetzt keine Konjunktur mehr. Man kann in ihm ungestraft randalieren. Kein Eigentümer klagte bislang. Man kann ihn verhunzen. Ein altes Gemäuer. Eine kostenverursachende Ruine. Ein Ärgernis. Ich kenne Leute, die haben ein Haus, das schon zwanzig Jahre leer steht. Man könnte es aber morgen beziehen. Es ist gesichert, weil nicht herrenlos. Das geht! Das Vergangene muss nicht vergehen.

Denkmale sind keine Wirtschaftsgüter im herkömmlichen Sinne. Sie sind von unseren Vorfahren beseelte Kulturgüter, die uns überantwortet sind. Nun aber haben die Kosten und kurzfristige Einspareffekte entschieden, nicht aber der uns alle angehende kulturelle Wert mit seiner nachhaltigen Wirkung. Das ist traurig. Man hat sich der Ruine halt nicht für würdig erachtet! Ein Fall von Selbstverleugnung ? Ja, es ist der Schwamm drin!

Die wachsende Armut der öffentlichen Hände ist gewiss ein Argument, das die ablehnende Haltung plausibel zu erklären vermag. Darauf jedoch so zu reagieren, dass man der Verpflichtung zum Erhalt des Denkmals „Lindenhof“ nicht mehr nachkommen will, ist falsch. Es hätte zunächst nicht des großen Geldes bedurft, denn am Anfang steht ja bekanntlich das Wort, der gute Wille. Ein Gutachten und Sicherungsmaßnamen wären nötig gewesen und ein: „YES – WE CAN“!

Denkmalschutz und Denkmalpflege sind übrigens kein Hemmnis, sondern Motor für Stadtentwicklung, standortbedingte Attraktivität und lokale Unverwechselbarkeit. Das weiß man heute. „Der Rest ist Schweigen.“

Dazu Hagelstange:

ERKENNTNIS

Vom Tode genährt
sind die menschlichen Stunden,
von Lüstern versehrt
und von Zweifeln zerstückt.
Das Maß ist verwehrt,
doch die Grenze gefunden,
der Becher geleert,
den auf täuschenden Grunden
kein Bildnis mehr schmückt.

Kein Gleichnis berät
die betrübte Erfahrung,
kein Mystisches lädt
zu Vergessenheit ein.
Die Waage verschmäht
das Gewicht der Bewahrung!
Den Künftigen sät
nur das Künftige Nahrung
und Satzung allein.

Karin Kisker
Autor: nnz

Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
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Kommentare
Nordhäuserin
05.12.2008, 17:26 Uhr
Minderheit
Das, was Frau Kisker das schreibt, mag ja schon in Ordnung sein. Wohl gemerkt, aus der Sicht einiger Kultur-Begeisterter. Doch eine Stadt ist mehr als nur Kultur. In diesem Forum wurde es bereits geschrieben. Die Ausgaben für Kultur können sich sehen lassen. Und ein Gästehaus brauchen wir wirklich nicht. Oder soll das ein Hotelersatz für noble Gäste der Stadtverwaltung werden. Man muss auch mal verzichten und vergessen können.
Der Roland
05.12.2008, 17:39 Uhr
Was war früher?
Ich bin kein Ur-Nordhäuser. Deshalb die Frage, warum hat sich solange niemand um den Schutt der Vergangenheit gekümmert? Wer war der erste Besitzer nach der Wende? Irgendwann gehörte das Haus doch mal dem Krankenhaus. Warum haben die denn nichts damit gemacht? Ich glaube, hier wollen sich einige Leute mit einem angeblichen Denkmal ein Denkmal setzen. Wäre auch interessant zu erfahren, warum es keine Fördermittel des Denkmalschutzes gibt...
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