Sa, 23:24 Uhr
29.11.2008
Die Leichtigkeit des Scheins
Theater ist ein wandelbares Phänomen. Wo gestern noch der Rialto floss, liegen heute Bahnschienen. Wo gestern noch Premierenspannung und Abendgarderobe knisterte, da ging es heute Abend eher familiär und lässig zu. Wo gestern noch ein Orchester schmetterte, saß heute der Mann am Klavier. Unterhaltung gab es an beiden Abenden. Lesen Sie Teil 2 der Betrachtungen über die Leichtigkeit des Scheins von Olaf Schulze.
Höchste Eisenbahn AG oder Wer hat an der Uhr gedreht? heißt der Schlagerabend des Theaters Rudolstadt, der heute erstmals in Nordhausen aufgeführt wurde. Aber schon die Bezeichnung Schlagerabend ist eine Tiefstapelei, denn was der neue Intendant Steffen Mensching (wohl dem Theater, das einen Schlagerabend auf die Bühne bringt und einen gestandenen Liedermacher zum Intendanten hat!) mit seinem Chefdramaturgen Michael Kliefert an Liedern herausgesucht hat, verlässt mitunter recht weit die Seichtigkeit des Schlagers und taucht ein in die Welt der Liedermacher. Denn Hermann van Veen, Funny van Dannen, Suzanne Vega oder auch Udo Lindenberg als Schlagerstars zu bezeichnen, wäre garstig.
Aber natürlich kommen in dem zweistündigen Programm auch jede Menge Schlager vor. Und mit denen ist es wirklich komisch. Denn sie erwecken dieses Ach! Ja!-Gefühl des lustvollen Wiedererkennens und der geneigte Zuhörer wird mal zehn, mal zwanzig und – ja, ich gebe es zu! – auch mal dreißig Jahre jünger und schwelgt in Erinnerungen und sieht Bilder und hat Düfte in der Nase, die er längst vergessen geglaubt hatte.
Schön ist an einem Liederabend im Theater aber auch, dass man in seinem Stuhl sitzt, den Blick nach vorn gerichtet hat und sich endlich mal die Zeit nimmt, den Texten zu lauschen. Dabei lässt sich leicht feststellen, wie viel Poesie und Weisheit mitunter darin steckt (mal abgesehen von Kermits Manamana, aber das hat ja auch was, oder?). Einige Zeilen haben die Autoren ein bisschen der Zeit angepasst und da wird aus ABBAs S.O.S. schon mal ein sms.
Das Ganze spielt auf einem Provinzbahnhof in Thüringen, der dem Rudolstädter wie aus dem Gesicht geschnitten scheint. Da gibt es wirklich noch einen Kiosk am Bahnsteig – ja, echt! Auf der Bühne agieren zehn Schauspieler, schön paritätisch jeweils fünf Exemplare eines Geschlechts und der grandiose Thomas Vogt am Klavier, der den Nordhäusern ja schon aus früheren Liederabenden wie bspw. Sekretärinnen bekannt ist.
Es ist immer wieder verwunderlich – und das soll jetzt nicht überheblich klingen – wie es diesem wohl kleinsten Thüringischen Theater gelingt, ein so gutes Ensemble zu rekrutieren. Die spielen ihre Rollen und Röllchen auf dem Bahnhof mit der gleichen Hingabe, mit der sie ihre Lieder schmettern oder fast flüstern, wenn sie dran sind. Da verlässt den Betrachter kurzzeitig das Wissen darum, dass der Penner gar kein Penner ist, sondern nur ein Schauspieler und die Kioskfrau ja auch nicht echt ist. Und weil auch die anderen lustvoll die verschiedensten Typen darstellen, wird das kurzweilige und witzig zusammengestellte Programm munter vorangetrieben. Wenn es dann vorbei ist, glaubt man wirklich, da hätte wer an der Uhr gedreht.
Das waren zwei schöne Stunden heiterer Unterhaltung, die aber auch besinnlich und manchmal nachdenklich machend daherkamen, ohne den Holzhammer der Didaktik bemühen zu müssen. Und Höchste Eisenbahn AG hätte wesentlich mehr Zuschauer verdient gehabt. Doch wie ließ schon Schiller auf dem Rüttli verkünden: Nur die besten sind zugegen!
Olaf Schulze
Autor: nnzHöchste Eisenbahn AG oder Wer hat an der Uhr gedreht? heißt der Schlagerabend des Theaters Rudolstadt, der heute erstmals in Nordhausen aufgeführt wurde. Aber schon die Bezeichnung Schlagerabend ist eine Tiefstapelei, denn was der neue Intendant Steffen Mensching (wohl dem Theater, das einen Schlagerabend auf die Bühne bringt und einen gestandenen Liedermacher zum Intendanten hat!) mit seinem Chefdramaturgen Michael Kliefert an Liedern herausgesucht hat, verlässt mitunter recht weit die Seichtigkeit des Schlagers und taucht ein in die Welt der Liedermacher. Denn Hermann van Veen, Funny van Dannen, Suzanne Vega oder auch Udo Lindenberg als Schlagerstars zu bezeichnen, wäre garstig.
Aber natürlich kommen in dem zweistündigen Programm auch jede Menge Schlager vor. Und mit denen ist es wirklich komisch. Denn sie erwecken dieses Ach! Ja!-Gefühl des lustvollen Wiedererkennens und der geneigte Zuhörer wird mal zehn, mal zwanzig und – ja, ich gebe es zu! – auch mal dreißig Jahre jünger und schwelgt in Erinnerungen und sieht Bilder und hat Düfte in der Nase, die er längst vergessen geglaubt hatte.
Schön ist an einem Liederabend im Theater aber auch, dass man in seinem Stuhl sitzt, den Blick nach vorn gerichtet hat und sich endlich mal die Zeit nimmt, den Texten zu lauschen. Dabei lässt sich leicht feststellen, wie viel Poesie und Weisheit mitunter darin steckt (mal abgesehen von Kermits Manamana, aber das hat ja auch was, oder?). Einige Zeilen haben die Autoren ein bisschen der Zeit angepasst und da wird aus ABBAs S.O.S. schon mal ein sms.
Das Ganze spielt auf einem Provinzbahnhof in Thüringen, der dem Rudolstädter wie aus dem Gesicht geschnitten scheint. Da gibt es wirklich noch einen Kiosk am Bahnsteig – ja, echt! Auf der Bühne agieren zehn Schauspieler, schön paritätisch jeweils fünf Exemplare eines Geschlechts und der grandiose Thomas Vogt am Klavier, der den Nordhäusern ja schon aus früheren Liederabenden wie bspw. Sekretärinnen bekannt ist.
Es ist immer wieder verwunderlich – und das soll jetzt nicht überheblich klingen – wie es diesem wohl kleinsten Thüringischen Theater gelingt, ein so gutes Ensemble zu rekrutieren. Die spielen ihre Rollen und Röllchen auf dem Bahnhof mit der gleichen Hingabe, mit der sie ihre Lieder schmettern oder fast flüstern, wenn sie dran sind. Da verlässt den Betrachter kurzzeitig das Wissen darum, dass der Penner gar kein Penner ist, sondern nur ein Schauspieler und die Kioskfrau ja auch nicht echt ist. Und weil auch die anderen lustvoll die verschiedensten Typen darstellen, wird das kurzweilige und witzig zusammengestellte Programm munter vorangetrieben. Wenn es dann vorbei ist, glaubt man wirklich, da hätte wer an der Uhr gedreht.
Das waren zwei schöne Stunden heiterer Unterhaltung, die aber auch besinnlich und manchmal nachdenklich machend daherkamen, ohne den Holzhammer der Didaktik bemühen zu müssen. Und Höchste Eisenbahn AG hätte wesentlich mehr Zuschauer verdient gehabt. Doch wie ließ schon Schiller auf dem Rüttli verkünden: Nur die besten sind zugegen!
Olaf Schulze




