So, 10:19 Uhr
22.06.2008
Zehn und elf
10 Jahre gibt es nun schon den Förderverein Dichterstätte Sarah Kirsch. Zum elften Mal werden von den Machern die Limliingeröder Diskurse veranstaltet. Am kommenden Wochenende wird es wieder soweit sein...
Am Samstag, 28. Juni, beginnen traditionsgemäß um 10.00 Uhr im Salong Musenbundt im Geburtshaus Sarah Kirschs die Limlingeröder Diskurse. Schon zum 11. Mal versammeln sich in diesem vor 775 Jahren urkundlich ersterwähnten Dorf im hügelreichen Südharzvorland Literaturinteressierte, um einen Poeten, der in deutscher Sprache der Dichtkunst frönt, ganz und gar original zu erleben. Dieses Mal ist es Uwe Kolbe, Jahrgang 1957, der zu den anerkannten Dichtern zählt. Er ist dem Klassischen verpflichtet und doch ganz in der Jetztzeit zu Hause. Seine Vortragskunst lässt das Zuhören zum Genuss werden.
Zum Motto des erste Diskursetages wählten wir seine Verszeilen: Wie einer doch noch hoffen kann, / wie sehr, wenn ihn ein gutes Wort / getroffen hat, das auf ihn wartete / an unvermutet offenbarem Ort. Sie stammen aus seinem in diesem Jahr erschienenen Gedichtband Heimliche Feste , aus dem er auch lesen wird
Den Vortrag über Uwe Kolbe hören wir von Thomas Wild, Jahrgang 1973. Er studierte Politikwissenschaften und Germanistik, promovierte über Hannah Arendt und die deutsche Gegenwartsliteratur, lebt als Wissenschaftler und freier Publizist in Berlin. Der Nachmittag führt auf dem Grünen Junipfad bis zum See, an dessem Ufer Gedichte von Sarah Kirsch, Uwe Kolbe und Franz Fühmann erklingen werden.
Am Sonntag, 29. Juni, steht ab 10.00 Uhr der Schriftsteller Franz Fühmann (1922 – 1984) im Mittelpunkt. Aus seiner Lyrik, seinen Lyrikübertragungen aus dem Tschechischen und Ungarischen, aus seinen Erzählungen, seinen Essays, seinen wunderbaren Nacherzählungen antiker Epen und Sagen, seinen Märchen u. a. hat Heidelore Kneffel ein Programm zusammengefügt, das von den Fördervereins-Mitgliedern vorgetragen wird.
Motto dieses Tages sind Franz Fühmanns Worte aus Die Weisheit der Märchen: Immer wächst aus der Mühsal das Glück und aus dem Wunder das Wirkliche ... Immer sind die geringen Dinge die wichtigen ... Immer geht die Reise zum Grund und immer ist es dunkel zunächst am Grund ... Besonders gespannt darf man auf den Vortrag über Franz Fühmann sein, den Uwe Kolbe hält: Rübezahl in der Garage. – Franz Fühmann in Märkisch-Buchholz & Fürstenwalde.Fühmann nannte Uwe Kolbe seinen Meisterschüler, Kolbe sprach am Grabe des 62jährigen die Grabrede.
Die Lesungen werden in einer neuen Kunstausstellung zu hören sein. Die XXV. HausART zeigt Künstlergrüße aus der Kunstsammlung von Ursula Lang. Sie ist Jahrgang 1936, arbeitete als Lehrerin, ist seit 1983 Mitglied der Pirckheimer-Gesellschaft e.V., sammelt künstlerisch wertvolle Kinderbücher vom Jahr 1945 ab, bibliophile Lyrikausgaben und Neujahrsgrafik. Die ausgestellten Künstlerinnen und Künstler Lilo Fromm, Gerda Lepke, Dieter Goltzsche, Max Uhlig, Carlfriedrich Claus kennt sie persönlich oder durch Briefwechsel. Ursula Lang lebt in Beeskow in Brandenburg. Es werden zwei abwechslungsreiche Tage sein, das können die Mitglieder der Dichterstätte aus voller Überzeugung zusagen.
Zu Sarah Kirsch äußerte er sich dazu am 15. 9. 1976 brieflich: Im letzten Heft von Sinn und Form ... dieses Jahrs stell ich 2 wirkliche Dichter vor. Hoffentlich klappts noch, es steht auf der Kippe. Schau mal rein. Als 1980 im Aufbau Verlag Kolbes erster Gedichtband Hineingeboren erschien, stammte das Nachwort ebenfalls von ihm. Der folgende Auszug daraus macht die Situation dieser sich nicht in das offiziell gewünschte Dichter-Bild der DDR Einpassenden deutlich.
Uwe Kolbe ... haust, wie so manche seines Zeichens, im vierten Stock eines Hinterhofs in einem verquollenen Verschlag ... jobbt dies und das; liest George, Pessoa und Rilke; ... Zweiundzwanzig Jahre; Asphalt und Pappeln, und hinterm Leuchten der Kindheit jener Alltag, den er skizziert hat, als er achtzehn war ... Ecce poeta! Und willkommen soll er uns sein! Schwer genug wird er’s noch haben; er macht sich’s ja selbst schwer, denn leichter geht’s nicht ...
Seit 1979 ist Kolbe freier Schriftsteller, 1981 kommt der zweite Gedichtband Abschiede und andere Liebesgedichte heraus. In der Zeit absolviert er ein Sonderstudium am Literatur-Institut Johannes R. Becher in Leipzig. Querelen mit der offiziellen Kulturpolitik folgen. Als der Autor 1986 ein Dauervisum erhielt, besuchte er Sarah Kirsch in Tielenhemme, die er in den kulturpolitisch aufregenden und aufreibenden Jahren 1976/77 nicht persönlich kennen gelernt hatte.
Nach der Übersiedlung in die BRD lebte Kolbe zuerst in Hamburg, dann mit einer Gastdozentur in Austin/Texas. Von 1997 bis 2004 leitete er an der Universität Tübingen das Studio Literatur und Theater. Sein Haupt-Wohnsitz ist jetzt wieder in Berlin. Als Gedichtbände erschienen nach 2000 bei Suhrkamp/Insel: Die Farben des Wassers, 2001, Liebesgedichte mit Holzschnitten von Hans Scheib, 2007, Heimliche Feste, 2008.
Über den letzten Band heißt es im Klappentext des Verlages: Wie in den früheren Lyrik-Bänden verbindet Uwe Kolbe seine neuen Gedichte leichthändig und doch kunstvoll zu einem fest gefügten Zyklus. Ein melancholischer Grundton des Verlustes, der zum Pathos hinüberschwingt, nimmt den Leser mit auf eine Rundreise: Verwandlung von Raum und Zeit in ein poetisches Geheimnis
.
Ein Kritiker schreibt: In seinem neuen Gedichtband hält ... Uwe Kolbe Zwiesprache mit Goethes Römischen Elegien. ... Allerdings umgeht Kolbe Rom. .... Kompositorisch liegt dem Band der Verlauf einer Reise als Thema zugrunde, wobei die Gedichte von Lebens-, Liebes- und Schicksalsreise handeln.
Das Weggehenwollen Sarah Kirschs aus der DDR erfuhr er über den Sender Rias und sandte ihr ein Telegramm in die Fischerinsel 9 / Wohnung 17/10 in 102 Berlin: Sarah, liebe Schwester, der Pirol hat die ganze Nacht geweint. Sollen denn hier nur noch die Krähen krächzen? Rufe Dich montag abend an, kann ich Dich sprechen? Franz
Kurz vor der Ausreise der Kirsch nach West-Berlin schrieb er am 4. August 1977 an Sigrid Damm: Ich bin längst zu der Überzeugung gelangt, daß für einen Künstler nur eines maßgebend ist und sein kann, und das ist sein Werk. Was er dafür glaubt, tun zu müssen, muß er tun, es gibt keinen Verantwortlichen dafür außer ihm.
Franz Fühmann wurde am 15. Januar 1922 in Rochlitz an der Iser im Riesengebirge geboren. Er war Schüler eines Jesuitenkonvikts bei Wien, legte ein Notabitur ab und war im Krieg bei einer Luftnachrichtentruppe. Es folgten sowjetisch Kriegsgefangenschaft, Umschulung in einer Antifa-Schule, 1949 Entlassung in die DDR. Dort war er dann acht Jahre hauptamtlich in der NDPD vor allem auf dem Gebiet der Kulturpolitik tätig, ab 1958 freischaffend als Schriftsteller. Er lebte in Ost-Berlin am Straußbergerplatz 1 und in Märkisch Buchholz/Unterer Spreewald in einem Bungalow im Wald.
Fühmann baute sich eine umfangreiche Bibliothek auf, die letztendlich ihr Domizil in der Zentral- und Landesbibliothek in Berlin in der historischen Sondersammlung fand. Diese Franz-Fühmann-Bibliothek ist ein interessantes Kapitel für sich. Der Schriftsteller sammelte Kunst und war mit Künstlern befreundet, z. B. mit HAP Grieshaber, Nuria Quevedo und Wieland Förster.
Sein schriftstellerisches Leben begann er mit Gedichten, mit Nachdichtungen ungarischer und tschechischer Autoren, mit Novellen und Erzählungen. Seine wundervollen Nachdichtungen berühmter Werke der Weltliteratur schuf er nicht zuletzt deshalb, um diese Stoffe auch jugendlichen Lesern nahe zu bringen. Einfühlsame Kinderbücher entstanden unter seiner Hand. Er arbeitete für den Film, schrieb Briefe und eindrucksvolle Essays. Von letzteren seien erwähnt: Erfahrungen und Widersprüche. Versuche über Literatur, eine Sammlung, in der auch Vademecum für Leser von Zaubersprüchen steht, Gedanken über die Lyrik, die ihm beim Lesen der Gedichte von Sarah Kirschs zweitem Lyrikband kamen. Fühmann war dann mit ihr und deren Sohn befreundet, und sie nennt ihn in ihrer Prosadichtung Franz vom Walde.
Wegweisend waren auch die Essays Das mythische Element in der Literatur, Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, verfasst anlässlich von dessen 200. Geburtstag, Vor Feuerschlünden/Der Sturz des Engels zu Georg Trakl, einem Dichter, den Fühmanns Vater persönlich gekannt hatte und der den Sohn über Jahre hinweg nicht losließ. Hierin ist viel Biographisches eingeschlossen.
In unsere Region führte ihn sein Im Berg-Projekt. 1974 fuhr er erstmals ins Kupferbergwerk in Sangerhausen ein und ins Kaliwerk in Sondershausen. Auch im Harz war er. Lust und Qual erwuchsen ihm aus diesem Werk und es blieb ein Fragment. Ich habe grausame Schmerzen. Der bitterste ist der, gescheitert zu sein: In der Literatur und in der Hoffnung auf eine Gesellschaft, wie wir sie alle einmal erträumten. (Testament, 1983)
Autor: nnzAm Samstag, 28. Juni, beginnen traditionsgemäß um 10.00 Uhr im Salong Musenbundt im Geburtshaus Sarah Kirschs die Limlingeröder Diskurse. Schon zum 11. Mal versammeln sich in diesem vor 775 Jahren urkundlich ersterwähnten Dorf im hügelreichen Südharzvorland Literaturinteressierte, um einen Poeten, der in deutscher Sprache der Dichtkunst frönt, ganz und gar original zu erleben. Dieses Mal ist es Uwe Kolbe, Jahrgang 1957, der zu den anerkannten Dichtern zählt. Er ist dem Klassischen verpflichtet und doch ganz in der Jetztzeit zu Hause. Seine Vortragskunst lässt das Zuhören zum Genuss werden.
Zum Motto des erste Diskursetages wählten wir seine Verszeilen: Wie einer doch noch hoffen kann, / wie sehr, wenn ihn ein gutes Wort / getroffen hat, das auf ihn wartete / an unvermutet offenbarem Ort. Sie stammen aus seinem in diesem Jahr erschienenen Gedichtband Heimliche Feste , aus dem er auch lesen wird
Den Vortrag über Uwe Kolbe hören wir von Thomas Wild, Jahrgang 1973. Er studierte Politikwissenschaften und Germanistik, promovierte über Hannah Arendt und die deutsche Gegenwartsliteratur, lebt als Wissenschaftler und freier Publizist in Berlin. Der Nachmittag führt auf dem Grünen Junipfad bis zum See, an dessem Ufer Gedichte von Sarah Kirsch, Uwe Kolbe und Franz Fühmann erklingen werden.
Am Sonntag, 29. Juni, steht ab 10.00 Uhr der Schriftsteller Franz Fühmann (1922 – 1984) im Mittelpunkt. Aus seiner Lyrik, seinen Lyrikübertragungen aus dem Tschechischen und Ungarischen, aus seinen Erzählungen, seinen Essays, seinen wunderbaren Nacherzählungen antiker Epen und Sagen, seinen Märchen u. a. hat Heidelore Kneffel ein Programm zusammengefügt, das von den Fördervereins-Mitgliedern vorgetragen wird.
Motto dieses Tages sind Franz Fühmanns Worte aus Die Weisheit der Märchen: Immer wächst aus der Mühsal das Glück und aus dem Wunder das Wirkliche ... Immer sind die geringen Dinge die wichtigen ... Immer geht die Reise zum Grund und immer ist es dunkel zunächst am Grund ... Besonders gespannt darf man auf den Vortrag über Franz Fühmann sein, den Uwe Kolbe hält: Rübezahl in der Garage. – Franz Fühmann in Märkisch-Buchholz & Fürstenwalde.Fühmann nannte Uwe Kolbe seinen Meisterschüler, Kolbe sprach am Grabe des 62jährigen die Grabrede.
Die Lesungen werden in einer neuen Kunstausstellung zu hören sein. Die XXV. HausART zeigt Künstlergrüße aus der Kunstsammlung von Ursula Lang. Sie ist Jahrgang 1936, arbeitete als Lehrerin, ist seit 1983 Mitglied der Pirckheimer-Gesellschaft e.V., sammelt künstlerisch wertvolle Kinderbücher vom Jahr 1945 ab, bibliophile Lyrikausgaben und Neujahrsgrafik. Die ausgestellten Künstlerinnen und Künstler Lilo Fromm, Gerda Lepke, Dieter Goltzsche, Max Uhlig, Carlfriedrich Claus kennt sie persönlich oder durch Briefwechsel. Ursula Lang lebt in Beeskow in Brandenburg. Es werden zwei abwechslungsreiche Tage sein, das können die Mitglieder der Dichterstätte aus voller Überzeugung zusagen.
Uwe Kolbe
Lyriker, Essayist, Prosaautor, wurde 1957 in Ost-Berlin geboren. Auf Vermittlung Franz Fühmanns wurden in Sinn und Form im Heft 6/1976 erste Gedichte von ihm gemeinsam mit denen von Frank-Wolf Matthis, Jahrgang 1951, veröffentlicht. Fühmann schrieb dazu eine Einführung Schneewittchen. Gedanken zu zwei jungen Dichtern.Zu Sarah Kirsch äußerte er sich dazu am 15. 9. 1976 brieflich: Im letzten Heft von Sinn und Form ... dieses Jahrs stell ich 2 wirkliche Dichter vor. Hoffentlich klappts noch, es steht auf der Kippe. Schau mal rein. Als 1980 im Aufbau Verlag Kolbes erster Gedichtband Hineingeboren erschien, stammte das Nachwort ebenfalls von ihm. Der folgende Auszug daraus macht die Situation dieser sich nicht in das offiziell gewünschte Dichter-Bild der DDR Einpassenden deutlich.
Uwe Kolbe ... haust, wie so manche seines Zeichens, im vierten Stock eines Hinterhofs in einem verquollenen Verschlag ... jobbt dies und das; liest George, Pessoa und Rilke; ... Zweiundzwanzig Jahre; Asphalt und Pappeln, und hinterm Leuchten der Kindheit jener Alltag, den er skizziert hat, als er achtzehn war ... Ecce poeta! Und willkommen soll er uns sein! Schwer genug wird er’s noch haben; er macht sich’s ja selbst schwer, denn leichter geht’s nicht ...
Seit 1979 ist Kolbe freier Schriftsteller, 1981 kommt der zweite Gedichtband Abschiede und andere Liebesgedichte heraus. In der Zeit absolviert er ein Sonderstudium am Literatur-Institut Johannes R. Becher in Leipzig. Querelen mit der offiziellen Kulturpolitik folgen. Als der Autor 1986 ein Dauervisum erhielt, besuchte er Sarah Kirsch in Tielenhemme, die er in den kulturpolitisch aufregenden und aufreibenden Jahren 1976/77 nicht persönlich kennen gelernt hatte.
Nach der Übersiedlung in die BRD lebte Kolbe zuerst in Hamburg, dann mit einer Gastdozentur in Austin/Texas. Von 1997 bis 2004 leitete er an der Universität Tübingen das Studio Literatur und Theater. Sein Haupt-Wohnsitz ist jetzt wieder in Berlin. Als Gedichtbände erschienen nach 2000 bei Suhrkamp/Insel: Die Farben des Wassers, 2001, Liebesgedichte mit Holzschnitten von Hans Scheib, 2007, Heimliche Feste, 2008.
Über den letzten Band heißt es im Klappentext des Verlages: Wie in den früheren Lyrik-Bänden verbindet Uwe Kolbe seine neuen Gedichte leichthändig und doch kunstvoll zu einem fest gefügten Zyklus. Ein melancholischer Grundton des Verlustes, der zum Pathos hinüberschwingt, nimmt den Leser mit auf eine Rundreise: Verwandlung von Raum und Zeit in ein poetisches Geheimnis
.
Ein Kritiker schreibt: In seinem neuen Gedichtband hält ... Uwe Kolbe Zwiesprache mit Goethes Römischen Elegien. ... Allerdings umgeht Kolbe Rom. .... Kompositorisch liegt dem Band der Verlauf einer Reise als Thema zugrunde, wobei die Gedichte von Lebens-, Liebes- und Schicksalsreise handeln.
Franz Fühmann
am 8. Juli 1984 nach schwerem Leiden gestorben - hinterließ er ein Testament, in dem auch Vermächtnisworte an heranwachsende Poeten stehen: Ich grüße alle jungen Kollegen, die sich als obersten Wert ihres Schreibens die Wahrheit erwählt haben. Diese Zeilen stehen auch auf seinem Grabstein in Märkisch Buchholz. Zu seiner Beerdigung am 16. 7. sprach Uwe Kolbe, der zur Kenntnis nehmen musste, dass auf dem Friedhof auch Personen erschienen waren, deren Anwesenheit Fühmann sich namentlich verbeten hatte, insbesondere im Hinblick auf die Folgen der Biermann-Ausweisung von 1976 und dem Prozess gegen Stefan Heym und Robert Havemann drei Jahre später.Das Weggehenwollen Sarah Kirschs aus der DDR erfuhr er über den Sender Rias und sandte ihr ein Telegramm in die Fischerinsel 9 / Wohnung 17/10 in 102 Berlin: Sarah, liebe Schwester, der Pirol hat die ganze Nacht geweint. Sollen denn hier nur noch die Krähen krächzen? Rufe Dich montag abend an, kann ich Dich sprechen? Franz
Kurz vor der Ausreise der Kirsch nach West-Berlin schrieb er am 4. August 1977 an Sigrid Damm: Ich bin längst zu der Überzeugung gelangt, daß für einen Künstler nur eines maßgebend ist und sein kann, und das ist sein Werk. Was er dafür glaubt, tun zu müssen, muß er tun, es gibt keinen Verantwortlichen dafür außer ihm.
Franz Fühmann wurde am 15. Januar 1922 in Rochlitz an der Iser im Riesengebirge geboren. Er war Schüler eines Jesuitenkonvikts bei Wien, legte ein Notabitur ab und war im Krieg bei einer Luftnachrichtentruppe. Es folgten sowjetisch Kriegsgefangenschaft, Umschulung in einer Antifa-Schule, 1949 Entlassung in die DDR. Dort war er dann acht Jahre hauptamtlich in der NDPD vor allem auf dem Gebiet der Kulturpolitik tätig, ab 1958 freischaffend als Schriftsteller. Er lebte in Ost-Berlin am Straußbergerplatz 1 und in Märkisch Buchholz/Unterer Spreewald in einem Bungalow im Wald.
Fühmann baute sich eine umfangreiche Bibliothek auf, die letztendlich ihr Domizil in der Zentral- und Landesbibliothek in Berlin in der historischen Sondersammlung fand. Diese Franz-Fühmann-Bibliothek ist ein interessantes Kapitel für sich. Der Schriftsteller sammelte Kunst und war mit Künstlern befreundet, z. B. mit HAP Grieshaber, Nuria Quevedo und Wieland Förster.
Sein schriftstellerisches Leben begann er mit Gedichten, mit Nachdichtungen ungarischer und tschechischer Autoren, mit Novellen und Erzählungen. Seine wundervollen Nachdichtungen berühmter Werke der Weltliteratur schuf er nicht zuletzt deshalb, um diese Stoffe auch jugendlichen Lesern nahe zu bringen. Einfühlsame Kinderbücher entstanden unter seiner Hand. Er arbeitete für den Film, schrieb Briefe und eindrucksvolle Essays. Von letzteren seien erwähnt: Erfahrungen und Widersprüche. Versuche über Literatur, eine Sammlung, in der auch Vademecum für Leser von Zaubersprüchen steht, Gedanken über die Lyrik, die ihm beim Lesen der Gedichte von Sarah Kirschs zweitem Lyrikband kamen. Fühmann war dann mit ihr und deren Sohn befreundet, und sie nennt ihn in ihrer Prosadichtung Franz vom Walde.
Wegweisend waren auch die Essays Das mythische Element in der Literatur, Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, verfasst anlässlich von dessen 200. Geburtstag, Vor Feuerschlünden/Der Sturz des Engels zu Georg Trakl, einem Dichter, den Fühmanns Vater persönlich gekannt hatte und der den Sohn über Jahre hinweg nicht losließ. Hierin ist viel Biographisches eingeschlossen.
In unsere Region führte ihn sein Im Berg-Projekt. 1974 fuhr er erstmals ins Kupferbergwerk in Sangerhausen ein und ins Kaliwerk in Sondershausen. Auch im Harz war er. Lust und Qual erwuchsen ihm aus diesem Werk und es blieb ein Fragment. Ich habe grausame Schmerzen. Der bitterste ist der, gescheitert zu sein: In der Literatur und in der Hoffnung auf eine Gesellschaft, wie wir sie alle einmal erträumten. (Testament, 1983)

