Di, 15:00 Uhr
10.02.2026
Das Glücksspiel und die Sucht
Die andere Seite der Medaille
Die meisten Geschichten haben mehr als eine Seite. In der Diskussion um die Besteuerung der Spielhallen in Nordhausen hat man bisher die politische und die wirtschaftliche Seite gehört, was fehlt ist die Seite derer, für die das Spiel mit dem Glück zum Verhängnis geworden ist…
Juliane Hunka kennt diese andere Seite der Geschichte nur zu gut, sie sitzt ihr regelmäßig gegenüber, in der Beratung der Nordhäuser Suchthilfe. Den politischen Vorstoß, die Abgaben auf Spielautomaten in der Stadt zu begrenzen, der vergangene Woche von der CDU im Finanzausschuss vorgebracht wurde, hält sie für Lobbyarbeit in die falsche Richtung. Wer nur über die Zahlen rede, verkenne die Schicksale, die mit einer Glücksspielsucht verbunden sind.
Eine Spielsucht trifft meist nicht die Spieler allein, da hängen Familien, Angehörige und Freunde, mitunter ganze Firmen dran. Wir haben Angehörige hier sitzen, die sind verzweifelt weil sich die Familie kein Essen mehr leisten kann, weil das Einkommen verzockt wurde oder Angestellte, deren Lohn der Chef verspielt hat. Da hängen Schicksale dran, die viel zu oft keine Erwähnung finden. In der Suchthilfe ist der erste Schritt, den Zugang zu beschränken. Die Debatte, die gerade in Nordhausen geführt wird geht aus unserer Sicht in die falsche Richtung und stößt Türen auf, die wir händeringend versuchen zu schließen , berichtet Hunka der nnz.
In Thüringen sind laut Hochrechnung rund 34.000 Personen vom Glücksspielsucht betroffen, ist vom Fachverband Drogen- und Suchthilfe (fdr) zu erfahren. Mit über 80 Prozent komme die große Mehrheit derer, die den Weg zur Suchthilfe findet, aus den Spielhallen und Gaststätten, ein Fakt, den man nicht klein reden dürfe, sagt Steffen Goller, der sich beim fdr unter anderem mit dem legalen Glücksspiel auseinandersetzt. Von einer Sucht spricht man dann, wenn die Leute nicht mehr in der Lage sind, ihr Verhalten selber einzuschränken, obwohl negative Folgen offensichtlich und wahrnehmbar sind. Nach dem internationalem Diagnosesystem DSM-5 werden verschiedene Schweregrade ausklassifiziert aber im Kern reden wir von einer Störung der Impulskontrolle. Ein generelles Problem ist das vor allem im Kindes- und Jugendalter, deswegen gelten hier auch besonders strenge Regelungen, aber auch für Erwachsene bleibt die Erkrankung nicht ohne Konsequenzen., so Goller. Das Glücksspiel sei die Sucht, mit dem höchsten Suizidrisiko, der Druck auf das eigene Portemonnaie führe häufiger in die Verzweiflung. Und wie die Kollegin in der Nordhäuser Suchthilfe sieht man auch in der Thüringer Fachstelle das, was hinter dem Einzelfall steht. Wenn das Geld alle ist, suchen sich Süchtige Alternativen. Das kann ins Kriminelle gehen oder mit leer geräumten Konten enden. Hinter einem Süchtigen stehen so im Schnitt 10 und mehr Betroffene, erzählt der Fachmann.
Gerade das Automatenspiel sei ein Riesenproblem, in der öffentlichen Debatte habe man aber regelmäßig eher die Wirtschaft als die Spieler im Blick. Die Argumentation, die in der Nordhäuser Debatte vorgebracht wurde, entspreche in Teilen Eins zu Eins den Punkten, die von der Automatenlobby regelmäßig ins Feld geführt würden. Dazu gehöre etwa das Argument, dass man das Glücksspiel in legale Kanäle führe, was aber nicht Aufgabe der Automatenbetreiber, sondern laut Glücksspielstaatsvertrag des Gesetzgebers sei. Auch der Punkt Gespielt wird immer wird von der Lobby gerne als Existenzberechtigung angeführt. Im Kern ist die Aussage korrekt, aber sie bezieht sich auf jede Art von Spiel, nicht allein auf das Glücksspiel., sagt Goller.
Gesetzliche Vorgaben und Regelungen gebe es zwar, doch würden die oft stiefmütterlich behandelt - etwa wenn es Kommunen mit der Abstandsregelungen zwischen Spielhallen nicht so genau nehmen - oder direkt umgangen, etwa wenn beim Punktspiel die Obergrenze für Einsätze ausgehebelt wird. Ein anderes Beispiel ist die Mehrfachkonzession. In einer Halle darf eigentlich nur eine bestimmte Anzahl an Automaten stehen. Das konnten einige Betreiber umgehen, indem sie ihre Objekte einfach in mehrere Hallen aufgeteilt haben., berichtet Goller. Einig ist man sich allein in dem Punkt, das dass Online-Spiel für die Spielhallen keine größere Konkurrenz ist, wobei Goller das größere Problem beim Automatenspiel verortet. In den Hallen und den Gaststätten wird das schärfere Spiel angeboten. Die Einsätze sind höher, die Durchlaufzeiten kürzer - das fördert das Suchtpotential. Beim Online-Spiel ist allerdings die permanente Verfügbarkeit 24/7 riskant.
Der Spielerfehlschluss
Die Zufallsmechanismen sind derweil überall gleich, sowohl in der virtuellen wie der realen Welt, nur die bunte Verpackung kommt mit leichten Abwandlungen daher und schon lange nicht mehr als einarmiger Bandit. Den Start ihrer Karriere legten die meisten Spieler mit einem größeren Gewinn hin, ehe pathologische Spieler ihren Weg zur Suchthilfe finden - so sie ihn denn finden - können mitunter zehn Jahre und mehr vergehen. Viele der Betroffenen kommen aus prekären Verhältnissen. Wenn man da mal 1.000 Euro gewinnt, kommt man eher wieder, in der Hoffnung, sich den mageren Lebensunterhalt aufzubessern. Dann führt eins zum anderen. Am Ende ist die Wahrscheinlichkeit zu verlieren aber immer höher als die, zu gewinnen. Wir reden da vom Spielerfehlschluss, den gibt es bei allen Glücksspielformen. Je höher die Einsätze sind, desto riskanter wird das. An der Stelle muss man auch die Sportwetten erwähnen. Die ersten Betroffenen kommen gerade im Hilfesystem an. Was da passiert, wird noch zu einem großen Problem werden., schätzt Goller.
Anonyme Hilfe in Thüringen
Hilfe finden Betroffene bei allen Suchtberatungsstellen in Thüringen, eine lokale Bindung gibt es nicht. Die Suchthilfe erfolgt immer anonym und kostenfrei. Der Weg zur Suchtberatung ist oft sehr schambehaftet, deswegen besteht in Thüringen kein lokaler Zwang. Sie können sich an jede Suchtberatungsstelle im Freistaat wenden und müssen nicht eine Einrichtung vor Ort aufsuchen. Das gilt auch für Angehörige, erzählt Goller. Hilfe findet sich auch im Netz, ebenfalls anonym, etwa über die Plattform www.suchtberatung.digital, die unter anderem Suchtberatung per Chat anbietet. Zudem besteht die Option, sich selber sperren zu lassen. Der Zugang zu Spielhallen wird dann bundesweit verwehrt, gleiches gilt für Glücksspiel in Gaststätten, zumindest in der Theorie. In der Gastronomie halten sich viele nicht daran, wenn der Gesetzgeber eine Sache dringend angehen sollte, dann die Automaten aus den Gaststätten zu verbannen, gerade mit Blick auf den Jugendschutz ist der Punkt hochproblematisch., so die Einschätzung Gollers.
In der Suchtberartung Nordhausen wurden im Jahr 2024 über 680 neue Fälle aufgenommen, darunter fanden sich vier Glücksspieler und vier weitere Personen mit der Diagnose "exzessive Mediennutzung" sowie diverse Angehörige, die die Statistik des Suchthilfezentrums aber nicht nach Diagnosen ausdifferenziert. Ähnlich liegen die Zahlen im vergangenen Jahr, fünf "Spieler" und ebensoviele Betroffene, die nicht vom Netz lassen können, wobei die Zweitdiagnose hier meist in Richtung Spielsucht geht, erläutert Juliane Hunka. Die Dunkelziffer der Betroffenen dürfte aber deutlich größer sein, vermutet die Therapeutin, viele finden ihren Weg nicht ins Hilfesystem. Mit Blick auf die Debatte in Nordhausen gebe es aus Sicht der Suchthilfe nur einen Weg: zu begrüßen ist alles, was hilft die Suchtgefahr einzudämmen.
Angelo Glashagel
Autor: redJuliane Hunka kennt diese andere Seite der Geschichte nur zu gut, sie sitzt ihr regelmäßig gegenüber, in der Beratung der Nordhäuser Suchthilfe. Den politischen Vorstoß, die Abgaben auf Spielautomaten in der Stadt zu begrenzen, der vergangene Woche von der CDU im Finanzausschuss vorgebracht wurde, hält sie für Lobbyarbeit in die falsche Richtung. Wer nur über die Zahlen rede, verkenne die Schicksale, die mit einer Glücksspielsucht verbunden sind.
Eine Spielsucht trifft meist nicht die Spieler allein, da hängen Familien, Angehörige und Freunde, mitunter ganze Firmen dran. Wir haben Angehörige hier sitzen, die sind verzweifelt weil sich die Familie kein Essen mehr leisten kann, weil das Einkommen verzockt wurde oder Angestellte, deren Lohn der Chef verspielt hat. Da hängen Schicksale dran, die viel zu oft keine Erwähnung finden. In der Suchthilfe ist der erste Schritt, den Zugang zu beschränken. Die Debatte, die gerade in Nordhausen geführt wird geht aus unserer Sicht in die falsche Richtung und stößt Türen auf, die wir händeringend versuchen zu schließen , berichtet Hunka der nnz.
In Thüringen sind laut Hochrechnung rund 34.000 Personen vom Glücksspielsucht betroffen, ist vom Fachverband Drogen- und Suchthilfe (fdr) zu erfahren. Mit über 80 Prozent komme die große Mehrheit derer, die den Weg zur Suchthilfe findet, aus den Spielhallen und Gaststätten, ein Fakt, den man nicht klein reden dürfe, sagt Steffen Goller, der sich beim fdr unter anderem mit dem legalen Glücksspiel auseinandersetzt. Von einer Sucht spricht man dann, wenn die Leute nicht mehr in der Lage sind, ihr Verhalten selber einzuschränken, obwohl negative Folgen offensichtlich und wahrnehmbar sind. Nach dem internationalem Diagnosesystem DSM-5 werden verschiedene Schweregrade ausklassifiziert aber im Kern reden wir von einer Störung der Impulskontrolle. Ein generelles Problem ist das vor allem im Kindes- und Jugendalter, deswegen gelten hier auch besonders strenge Regelungen, aber auch für Erwachsene bleibt die Erkrankung nicht ohne Konsequenzen., so Goller. Das Glücksspiel sei die Sucht, mit dem höchsten Suizidrisiko, der Druck auf das eigene Portemonnaie führe häufiger in die Verzweiflung. Und wie die Kollegin in der Nordhäuser Suchthilfe sieht man auch in der Thüringer Fachstelle das, was hinter dem Einzelfall steht. Wenn das Geld alle ist, suchen sich Süchtige Alternativen. Das kann ins Kriminelle gehen oder mit leer geräumten Konten enden. Hinter einem Süchtigen stehen so im Schnitt 10 und mehr Betroffene, erzählt der Fachmann.
Gerade das Automatenspiel sei ein Riesenproblem, in der öffentlichen Debatte habe man aber regelmäßig eher die Wirtschaft als die Spieler im Blick. Die Argumentation, die in der Nordhäuser Debatte vorgebracht wurde, entspreche in Teilen Eins zu Eins den Punkten, die von der Automatenlobby regelmäßig ins Feld geführt würden. Dazu gehöre etwa das Argument, dass man das Glücksspiel in legale Kanäle führe, was aber nicht Aufgabe der Automatenbetreiber, sondern laut Glücksspielstaatsvertrag des Gesetzgebers sei. Auch der Punkt Gespielt wird immer wird von der Lobby gerne als Existenzberechtigung angeführt. Im Kern ist die Aussage korrekt, aber sie bezieht sich auf jede Art von Spiel, nicht allein auf das Glücksspiel., sagt Goller.
Gesetzliche Vorgaben und Regelungen gebe es zwar, doch würden die oft stiefmütterlich behandelt - etwa wenn es Kommunen mit der Abstandsregelungen zwischen Spielhallen nicht so genau nehmen - oder direkt umgangen, etwa wenn beim Punktspiel die Obergrenze für Einsätze ausgehebelt wird. Ein anderes Beispiel ist die Mehrfachkonzession. In einer Halle darf eigentlich nur eine bestimmte Anzahl an Automaten stehen. Das konnten einige Betreiber umgehen, indem sie ihre Objekte einfach in mehrere Hallen aufgeteilt haben., berichtet Goller. Einig ist man sich allein in dem Punkt, das dass Online-Spiel für die Spielhallen keine größere Konkurrenz ist, wobei Goller das größere Problem beim Automatenspiel verortet. In den Hallen und den Gaststätten wird das schärfere Spiel angeboten. Die Einsätze sind höher, die Durchlaufzeiten kürzer - das fördert das Suchtpotential. Beim Online-Spiel ist allerdings die permanente Verfügbarkeit 24/7 riskant.
Der Spielerfehlschluss
Die Zufallsmechanismen sind derweil überall gleich, sowohl in der virtuellen wie der realen Welt, nur die bunte Verpackung kommt mit leichten Abwandlungen daher und schon lange nicht mehr als einarmiger Bandit. Den Start ihrer Karriere legten die meisten Spieler mit einem größeren Gewinn hin, ehe pathologische Spieler ihren Weg zur Suchthilfe finden - so sie ihn denn finden - können mitunter zehn Jahre und mehr vergehen. Viele der Betroffenen kommen aus prekären Verhältnissen. Wenn man da mal 1.000 Euro gewinnt, kommt man eher wieder, in der Hoffnung, sich den mageren Lebensunterhalt aufzubessern. Dann führt eins zum anderen. Am Ende ist die Wahrscheinlichkeit zu verlieren aber immer höher als die, zu gewinnen. Wir reden da vom Spielerfehlschluss, den gibt es bei allen Glücksspielformen. Je höher die Einsätze sind, desto riskanter wird das. An der Stelle muss man auch die Sportwetten erwähnen. Die ersten Betroffenen kommen gerade im Hilfesystem an. Was da passiert, wird noch zu einem großen Problem werden., schätzt Goller.
Anonyme Hilfe in Thüringen
Hilfe finden Betroffene bei allen Suchtberatungsstellen in Thüringen, eine lokale Bindung gibt es nicht. Die Suchthilfe erfolgt immer anonym und kostenfrei. Der Weg zur Suchtberatung ist oft sehr schambehaftet, deswegen besteht in Thüringen kein lokaler Zwang. Sie können sich an jede Suchtberatungsstelle im Freistaat wenden und müssen nicht eine Einrichtung vor Ort aufsuchen. Das gilt auch für Angehörige, erzählt Goller. Hilfe findet sich auch im Netz, ebenfalls anonym, etwa über die Plattform www.suchtberatung.digital, die unter anderem Suchtberatung per Chat anbietet. Zudem besteht die Option, sich selber sperren zu lassen. Der Zugang zu Spielhallen wird dann bundesweit verwehrt, gleiches gilt für Glücksspiel in Gaststätten, zumindest in der Theorie. In der Gastronomie halten sich viele nicht daran, wenn der Gesetzgeber eine Sache dringend angehen sollte, dann die Automaten aus den Gaststätten zu verbannen, gerade mit Blick auf den Jugendschutz ist der Punkt hochproblematisch., so die Einschätzung Gollers.
In der Suchtberartung Nordhausen wurden im Jahr 2024 über 680 neue Fälle aufgenommen, darunter fanden sich vier Glücksspieler und vier weitere Personen mit der Diagnose "exzessive Mediennutzung" sowie diverse Angehörige, die die Statistik des Suchthilfezentrums aber nicht nach Diagnosen ausdifferenziert. Ähnlich liegen die Zahlen im vergangenen Jahr, fünf "Spieler" und ebensoviele Betroffene, die nicht vom Netz lassen können, wobei die Zweitdiagnose hier meist in Richtung Spielsucht geht, erläutert Juliane Hunka. Die Dunkelziffer der Betroffenen dürfte aber deutlich größer sein, vermutet die Therapeutin, viele finden ihren Weg nicht ins Hilfesystem. Mit Blick auf die Debatte in Nordhausen gebe es aus Sicht der Suchthilfe nur einen Weg: zu begrüßen ist alles, was hilft die Suchtgefahr einzudämmen.
Angelo Glashagel

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