Mo, 15:15 Uhr
16.10.2006
nnz-Betrachtung: Neues Thema
Nordhausen (nnz). In der Zeit der politischen Nachrichten sind neue Themen wirklich willkommen. Jetzt ist es die Unterschicht. Dazu eine Betrachtung.
Die große Politik und die ihr lauschende Journaille hat endlich wieder ein Thema: Die Unterschichten-Debatte. Gut, das da erneut ein Wort kreiert wurde, auf das man sich stürzen kann. Jetzt kommen erst einmal die Berliner Politiker zu Wort. Sie geben Interviews in den etablierten Zeitungen dieser Republik, wieselschnell schreiben die PR-Strategen an griffigen Formulierungen für die 30-Sekunden-Statements, die man schnell in die Mikros und Kameras von ARD bis Pro 7 hineinlabern kann. Einen Tag später kommen die Landesfürsten zu Wort, dann die jeweiligen Oppositionäre.
Schließlich werden all die Wissenschaftler von Göttingen bis Berlin angehört, sie werden diese Unterschicht analysieren, aufarbeiten, filettieren. Sie werden so lange daran arbeiten, bis der Otto-Normalo es nicht mehr versteht. Und das, so scheint es, ist gewollt. Das Szenario läuft immer so ab.
Es ist noch gar nicht so lange her, da waren in Mecklenburg-Vorpommern Landtagswahlen und die rechtsradikale NPD hielt Einzug in ein weiteres ostdeutsches Landesparlament. Aufschrei, Betrübnis, Empörung, eingeforderte Reaktionen...
All das ist aus den Zeilen der bundesdeutschen Medienlandschaft verschwunden. Nachdem Heerscharen von Vorzeige-Journalisten das Thema beackert hatten und gar einen Frauenmangel in der ostdeutschen Provinz für das Erstarken der Rechten ausmachten, wird dieser fast verteufelte Landstrich im Nordosten der Republik frei gemacht. Verschwunden sind die Damen und Herren Reporter, die mit leidvoller Miene vor dem Schweriner Landtag Position bezogen hatten.
Die stehen jetzt im Bundestag und fangen jeden ein, der ihnen über den Weg läuft. Die Unterschichten-Debatte spült dann auch mal wieder die zweite und dritte Bankreihe in den Koalitionsreihen nach vorn. Da sagte heute ein Herr Kauder, der Mann in der ersten Unionsreihe, man habe diese Entwicklung unterschätzt, dass die Politik diese Erscheinung zu spät erkannt habe und Herr Schreiner kann noch mal auf seinen Ex-Erzfeind Schröder drauf dreschen.
Eigentlich aber sind die Regierenden weit weg von den zu Regierenden. Sie haben sich ihr Eigenleben geschaffen, umgeben von sicheren Diäten und Pauschalen, eingelullt von Aufsichtsrats- und Stiftungsposten, behütet von satten Nebeneinkünften oder einem ultramodernen, fünf Millionen Euro teuren Kindergarten für den eigenen Nachwuchs, für dessen Kosten man die komplette Kindergartenlandschaft eines Landkreises wie Nordhausen auf Vordermann bringen könnte. Wissen die Damen und Herren denn überhaupt, was sich in den Köpfen der Menschen zwischen Kiel, Rostock sowie Sonneberg und Regensburg abspielt? Ihre Kurzaufenthalte in den Wahlkreisen nutzen sie zu Gesprächen mit dem Bürger, mal werden Bänder durchschnitten, mal gibt es bei einem Spatenstich Sekt und Häppchen. Da ist man gern dabei und verweist auf die solide Politik. Man darf ja auch immer in der ersten Reihe sitzen.
Vielleicht sollten sich die uns Regierenden mal in ein Wartezimmer eines Arztes setzen? Vielleicht sollten sie mal zuhören, was der Arzt einem Patient sagt, wenn sei Budget am Quartalsende kurz vor der Überziehung steht? Vielleicht sollten sie bei einem Vermittler – neuerdings Fallmanager genannt – bei Agentur oder ARGE mit im Zimmer sitzen? Was würden sie einem 58jährigen Langzeitarbeitslosen raten, der vielleicht zum 80. Mal nach einem Job nachfragt?
Ich glaube eher, sie alle sollten sich schämen. Schämen für eine Politik, die den Entwicklungen im eigenen Land immer und immer hinterher rennt. Schämen für eine Politik, die nicht mehr für die Mehrheit der Menschen darin gemacht ist. Schämen für eine Politik, die vielleicht nur noch ihrer Selbstzweck ist. Was bleibt den Damen und Herren? Sie sollten sich ein neues Volk suchen. Vielleicht zuvor - so zur Überbrückung – ein neues Thema.
Peter-Stefan Greiner
Autor: nnzDie große Politik und die ihr lauschende Journaille hat endlich wieder ein Thema: Die Unterschichten-Debatte. Gut, das da erneut ein Wort kreiert wurde, auf das man sich stürzen kann. Jetzt kommen erst einmal die Berliner Politiker zu Wort. Sie geben Interviews in den etablierten Zeitungen dieser Republik, wieselschnell schreiben die PR-Strategen an griffigen Formulierungen für die 30-Sekunden-Statements, die man schnell in die Mikros und Kameras von ARD bis Pro 7 hineinlabern kann. Einen Tag später kommen die Landesfürsten zu Wort, dann die jeweiligen Oppositionäre.
Schließlich werden all die Wissenschaftler von Göttingen bis Berlin angehört, sie werden diese Unterschicht analysieren, aufarbeiten, filettieren. Sie werden so lange daran arbeiten, bis der Otto-Normalo es nicht mehr versteht. Und das, so scheint es, ist gewollt. Das Szenario läuft immer so ab.
Es ist noch gar nicht so lange her, da waren in Mecklenburg-Vorpommern Landtagswahlen und die rechtsradikale NPD hielt Einzug in ein weiteres ostdeutsches Landesparlament. Aufschrei, Betrübnis, Empörung, eingeforderte Reaktionen...
All das ist aus den Zeilen der bundesdeutschen Medienlandschaft verschwunden. Nachdem Heerscharen von Vorzeige-Journalisten das Thema beackert hatten und gar einen Frauenmangel in der ostdeutschen Provinz für das Erstarken der Rechten ausmachten, wird dieser fast verteufelte Landstrich im Nordosten der Republik frei gemacht. Verschwunden sind die Damen und Herren Reporter, die mit leidvoller Miene vor dem Schweriner Landtag Position bezogen hatten.
Die stehen jetzt im Bundestag und fangen jeden ein, der ihnen über den Weg läuft. Die Unterschichten-Debatte spült dann auch mal wieder die zweite und dritte Bankreihe in den Koalitionsreihen nach vorn. Da sagte heute ein Herr Kauder, der Mann in der ersten Unionsreihe, man habe diese Entwicklung unterschätzt, dass die Politik diese Erscheinung zu spät erkannt habe und Herr Schreiner kann noch mal auf seinen Ex-Erzfeind Schröder drauf dreschen.
Eigentlich aber sind die Regierenden weit weg von den zu Regierenden. Sie haben sich ihr Eigenleben geschaffen, umgeben von sicheren Diäten und Pauschalen, eingelullt von Aufsichtsrats- und Stiftungsposten, behütet von satten Nebeneinkünften oder einem ultramodernen, fünf Millionen Euro teuren Kindergarten für den eigenen Nachwuchs, für dessen Kosten man die komplette Kindergartenlandschaft eines Landkreises wie Nordhausen auf Vordermann bringen könnte. Wissen die Damen und Herren denn überhaupt, was sich in den Köpfen der Menschen zwischen Kiel, Rostock sowie Sonneberg und Regensburg abspielt? Ihre Kurzaufenthalte in den Wahlkreisen nutzen sie zu Gesprächen mit dem Bürger, mal werden Bänder durchschnitten, mal gibt es bei einem Spatenstich Sekt und Häppchen. Da ist man gern dabei und verweist auf die solide Politik. Man darf ja auch immer in der ersten Reihe sitzen.
Vielleicht sollten sich die uns Regierenden mal in ein Wartezimmer eines Arztes setzen? Vielleicht sollten sie mal zuhören, was der Arzt einem Patient sagt, wenn sei Budget am Quartalsende kurz vor der Überziehung steht? Vielleicht sollten sie bei einem Vermittler – neuerdings Fallmanager genannt – bei Agentur oder ARGE mit im Zimmer sitzen? Was würden sie einem 58jährigen Langzeitarbeitslosen raten, der vielleicht zum 80. Mal nach einem Job nachfragt?
Ich glaube eher, sie alle sollten sich schämen. Schämen für eine Politik, die den Entwicklungen im eigenen Land immer und immer hinterher rennt. Schämen für eine Politik, die nicht mehr für die Mehrheit der Menschen darin gemacht ist. Schämen für eine Politik, die vielleicht nur noch ihrer Selbstzweck ist. Was bleibt den Damen und Herren? Sie sollten sich ein neues Volk suchen. Vielleicht zuvor - so zur Überbrückung – ein neues Thema.
Peter-Stefan Greiner

