Fr, 18:47 Uhr
08.09.2006
Kein "Supermarkt der Erinnerungen"
Nordhausen (nnz). Die Zeit der Zeitzeugen ist fast vorbei. Jetzt muß anders an Zwangsarbeit und Tod in Konzentrationslagern erinnert werden. Ein halbdunkler Stollen im neuen Dokumentationszentrum lädt ein zu einer Zeitreise in ein wenig rühmliches Kapitel unserer Geschichte. nnz bietet einen virtuellen Einblick.
Kein "Supermarkt der Erinnerungen" (Foto: nnz)
200 Dokumente, 250 Fotos, 40 Gegenstände, fünf historische Filme und sieben Interviews mit Überlebenden, diese Zahlen zeigen bereits, wie langfristig und umfangreich die Vorbereitungen der neuen Ausstellung der KZ-Gedenkstätte Dora waren. Mit Recht sind Gedenkstättenleiter Jens-Christian Wagner und Volkhard Knigge, Vorsitzender der Stiftung Buchenwald und Dora, stolz auf die neue Schau. In den Archiven in Deutschland, Amerika und zahlreichen anderen Ländern sind sie fündig geworden, konnten Zeitdokumente und Fotos auftreiben.
Auch deutsche Firmen, die zu NS-Zeiten von Zwangsarbeit profitierten, wurden um Dokumente gebeten. Leider haben wir von dort kaum Unterstützung bekommen. Bedauert Jens-Christian Wagner. Das könne gut mit der allgemeinen Verdrängung der Geschichte zusammenhängen. Andererseits habe man große Unterstützung von ehemaligen Häftlingen und erstaunlicherweise auch von Angehörigen früherer SS-Leute bekommen.
Noch leben Zeitzeugen wie der Belgier Albert van Hoey, der sich als Vorsitzender des Häftlingsbeirates heute gemeinsam mit Wagner die Ausstellung ansah. Er freute sich vor allem darüber, daß er und zumindest einige andere Mithäftlinge diese dauerhafte Erinnerung an ihr Leiden noch sehen können. Das gesamte Dokumentationszentrum gefalle ihm gut, sagte van Hoey. Die Bibliothek hat es ihm besonders angetan. Nach seiner Befreiung hatte er eigentlich gar nicht mehr an die schreckliche Zeit in Deutschland denken wollen.
Er war Lehrer und Schulleiter, hatte zahlreiche Kinder und inzwischen acht Enkel. Erst 1984 als sich ein Historiker mit einem 45 Fragen umfassenden Brief an ihn wandte, begann er wieder sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Jetzt gibt er regelmäßig ein Heft mit Informationen für ehemalige Häftlinge und andere Interessierte heraus. Die eine Hälfte ist in flämischer, die andere in französischer Sprache verfaßt.
Doch wer soll jungen Leuten etwas über die Grausamkeiten der Naziherrschaft berichten, wenn die Menschen gestorben sind, die es selbst erlebt haben. Jens-Christian Wagner weiß, daß Jugendliche über ein persönliches Schicksal viel besseren Zugang zur Geschichte finden. Volkhard Knigge äußerte Bedenken, daß nach den Zeitzeugen eine Art Supermarkt der Erinnerungen entstünde, wo sich jeder selbst raussuchen kann, was ihm gefällt und angenehm leben läßt. Schon jetzt beobachtet der Stiftungsvorsitzende dieses Verhalten der bewußten Verdrängung und Geschichtsänderung.
NS-Verbrechen auf historische Pietät zu reduzieren und das Geschehen zu bedauern, das macht dumm. Sagte er. Erinnerungen von Geschichte müssen durchgearbeitet werden, damit man daraus lernt und sich dergleichen nicht wiederholt. Dazu möchte die Dauerausstellung einen Beitrag leisten.
Die Hauptzielgruppe sollen junge Leute sein. Die haben völlig andere Sehgewohnheiten als Ältere und andere als vor 15 Jahren, wo eine Ausstellung in Buchenwald konzipiert wurde. Heute werden Informationen stärker visuell wahrgenommen. Dem wurde in der Ausstellung Rechnung getragen. Wer die Räume betritt, kommt in eine halbdunkle, stollenähnliche Halle. Zur rechten gibt eine Informationstafel einen Überblick. Zur linken erinnert Goebbels Sportpalastrede penetrant daran, worum es hier geht, um den totalen Krieg nämlich, der 1943 bereits herrschte, als das KZ Dora angelegt wurde. Ein zentrales Thema ist die Frage, warum die Nationalsozialisten zu der Zeit noch immer in Waffensysteme investierten, wo der Krieg längst verloren war. Warum gaben sie nach Stalingrad nicht auf und begannen mit Friedensgesprächen? Solche Fragen bewegen die Jugendlichen weiß Knigge.
Noch mehr bewege die natürlich die Frage, was sie in so einer Ausstellung überhaupt sollen. Sie haben ja nichts mit den damaligen Verbrechen zu tun. Hier wird Geschichte erzählt, die für alle in unserem Land wichtig ist. sagte Knigge. Diese Ausstellung ist eine Art visuelle Installation, ähnlich einem Film. Sagte er, suchte nach passenden Worten das Werk zu beschreiben. Die Sehgewohnheiten und Interessen der heutigen Menschen trifft die Ausstellung mit Sicherheit. Großformatige Fotos und kurze Einführungstexte auf jeder Tafel geben erste Informationen. Weitere Texte und Zeitdokumente liefern tiefere Einblicke.
Biographien von Opfern aber auch Tätern lassen die Vergangenheit lebendig werden. An Computerarbeitsplätzen können Filme und Interviews das Wissen vertiefen helfen. Die Ausstellung im neuen Lern- und Dokumentationszentrum eröffnet am 10.09. um 11.00 Uhr. Über 400 Gäste haben ihr Kommen angekündigt. Danach ist die Ausstellung täglich außer Montag von 10 bis 18 Uhr geöffnet.
Autor: nnz
Kein "Supermarkt der Erinnerungen" (Foto: nnz)
200 Dokumente, 250 Fotos, 40 Gegenstände, fünf historische Filme und sieben Interviews mit Überlebenden, diese Zahlen zeigen bereits, wie langfristig und umfangreich die Vorbereitungen der neuen Ausstellung der KZ-Gedenkstätte Dora waren. Mit Recht sind Gedenkstättenleiter Jens-Christian Wagner und Volkhard Knigge, Vorsitzender der Stiftung Buchenwald und Dora, stolz auf die neue Schau. In den Archiven in Deutschland, Amerika und zahlreichen anderen Ländern sind sie fündig geworden, konnten Zeitdokumente und Fotos auftreiben.
Auch deutsche Firmen, die zu NS-Zeiten von Zwangsarbeit profitierten, wurden um Dokumente gebeten. Leider haben wir von dort kaum Unterstützung bekommen. Bedauert Jens-Christian Wagner. Das könne gut mit der allgemeinen Verdrängung der Geschichte zusammenhängen. Andererseits habe man große Unterstützung von ehemaligen Häftlingen und erstaunlicherweise auch von Angehörigen früherer SS-Leute bekommen.
Noch leben Zeitzeugen wie der Belgier Albert van Hoey, der sich als Vorsitzender des Häftlingsbeirates heute gemeinsam mit Wagner die Ausstellung ansah. Er freute sich vor allem darüber, daß er und zumindest einige andere Mithäftlinge diese dauerhafte Erinnerung an ihr Leiden noch sehen können. Das gesamte Dokumentationszentrum gefalle ihm gut, sagte van Hoey. Die Bibliothek hat es ihm besonders angetan. Nach seiner Befreiung hatte er eigentlich gar nicht mehr an die schreckliche Zeit in Deutschland denken wollen.
Er war Lehrer und Schulleiter, hatte zahlreiche Kinder und inzwischen acht Enkel. Erst 1984 als sich ein Historiker mit einem 45 Fragen umfassenden Brief an ihn wandte, begann er wieder sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Jetzt gibt er regelmäßig ein Heft mit Informationen für ehemalige Häftlinge und andere Interessierte heraus. Die eine Hälfte ist in flämischer, die andere in französischer Sprache verfaßt.
Doch wer soll jungen Leuten etwas über die Grausamkeiten der Naziherrschaft berichten, wenn die Menschen gestorben sind, die es selbst erlebt haben. Jens-Christian Wagner weiß, daß Jugendliche über ein persönliches Schicksal viel besseren Zugang zur Geschichte finden. Volkhard Knigge äußerte Bedenken, daß nach den Zeitzeugen eine Art Supermarkt der Erinnerungen entstünde, wo sich jeder selbst raussuchen kann, was ihm gefällt und angenehm leben läßt. Schon jetzt beobachtet der Stiftungsvorsitzende dieses Verhalten der bewußten Verdrängung und Geschichtsänderung.
NS-Verbrechen auf historische Pietät zu reduzieren und das Geschehen zu bedauern, das macht dumm. Sagte er. Erinnerungen von Geschichte müssen durchgearbeitet werden, damit man daraus lernt und sich dergleichen nicht wiederholt. Dazu möchte die Dauerausstellung einen Beitrag leisten.
Die Hauptzielgruppe sollen junge Leute sein. Die haben völlig andere Sehgewohnheiten als Ältere und andere als vor 15 Jahren, wo eine Ausstellung in Buchenwald konzipiert wurde. Heute werden Informationen stärker visuell wahrgenommen. Dem wurde in der Ausstellung Rechnung getragen. Wer die Räume betritt, kommt in eine halbdunkle, stollenähnliche Halle. Zur rechten gibt eine Informationstafel einen Überblick. Zur linken erinnert Goebbels Sportpalastrede penetrant daran, worum es hier geht, um den totalen Krieg nämlich, der 1943 bereits herrschte, als das KZ Dora angelegt wurde. Ein zentrales Thema ist die Frage, warum die Nationalsozialisten zu der Zeit noch immer in Waffensysteme investierten, wo der Krieg längst verloren war. Warum gaben sie nach Stalingrad nicht auf und begannen mit Friedensgesprächen? Solche Fragen bewegen die Jugendlichen weiß Knigge.
Noch mehr bewege die natürlich die Frage, was sie in so einer Ausstellung überhaupt sollen. Sie haben ja nichts mit den damaligen Verbrechen zu tun. Hier wird Geschichte erzählt, die für alle in unserem Land wichtig ist. sagte Knigge. Diese Ausstellung ist eine Art visuelle Installation, ähnlich einem Film. Sagte er, suchte nach passenden Worten das Werk zu beschreiben. Die Sehgewohnheiten und Interessen der heutigen Menschen trifft die Ausstellung mit Sicherheit. Großformatige Fotos und kurze Einführungstexte auf jeder Tafel geben erste Informationen. Weitere Texte und Zeitdokumente liefern tiefere Einblicke.
Biographien von Opfern aber auch Tätern lassen die Vergangenheit lebendig werden. An Computerarbeitsplätzen können Filme und Interviews das Wissen vertiefen helfen. Die Ausstellung im neuen Lern- und Dokumentationszentrum eröffnet am 10.09. um 11.00 Uhr. Über 400 Gäste haben ihr Kommen angekündigt. Danach ist die Ausstellung täglich außer Montag von 10 bis 18 Uhr geöffnet.





