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Di, 17:44 Uhr
11.07.2006

Fließende Grenzen und aufgeblasene Bälger

Nordhausen/Rudolstadt (nnz). Alle Jahre wieder gibt es in Ostthüringen einen großen Folksauflauf. Warum dieses Mal jede Menge Rosen zerbissen wurden, verrät Ihnen unser Folkskorrespondent Olaf Schulze.


Rudolstadt lud am letzten Wochenende zum größten world roots folk Festival Europas. Ein Jahr Vorfreude auf das tff reicht nicht aus, dachten sich Ostthüringens Verkehrsplaner und gaben den anreisenden Folkies am Freitagabend noch einige Stunden zusätzlicher Zeit, sich im Stau vor den Toren Rudolstadts auf das Großereignis der angewandten Folkmusic einzustimmen.

Um so beeindruckender der Start im Heinepark, wo die Engländer mit BELLOWHEAD eine wesentlich bessere Elf auf die Bühne schickten als vor Wochenfrist in deutsche Fußballstadien. Schicht für Schicht fügten sie die unterschiedlichsten Musikstile übereinander, brillierten mit einer Streichergruppe und einem blitzsauberen Bläsersatz. Irish Folk meets Big Band. Wer es nicht glaubt, der sollte sich im September die erste CD der Jungs kaufen.

Nur wenige Meter entfernt schwelgt das Leschenko-Orchester um Peter Wassiljewski in Erinnerungen an den großen russischen Tangomusiker. Wir haben Tangotage in Rudolstadt und symbolisch schwebt der feurige Tänzer mit der Rose im Mund über alle Bühnen. Zu mitternächtlicher Stunde dann füllt sich der Marktplatz für ein Konzert der Leipziger Band DIE SIEBEN LEBEN. Die ziehen alle Register mit einer gut aufgelegten Frontfrau Susanne Grütz. Ist das noch Folk?

Eine Prise volksmusikalische Tradition ist immer dabei, auch wenn Titel von Bonnie Tyler adaptiert werden. Die sieben Nachfolger der FOLKLÄNDER und BIERFIEDLER vertreten eine neue Sicht auf die Folkmusik, die sehr gefühlvoll von Pop und Schlager mitnimmt, was brauchbar ist. Die Grenzen werden zunehmend fließender. Diese Beobachtung lässt sich auf das ganze 16. tff übertragen. Es gibt viel Jazz, auch Rock, Chanson, Ska, Liedergemachtes. Na und?

Was es überhaupt nicht gab – und damit sind wir beim Herausfischen des Haupthaares aus der Festivalsuppe – waren Vertreter des allseits geliebten Irish Folks. Und das schon zum wiederholten Male. Schade.

Der Samstag beginnt traditionell mit Mitmachtanz im Heinepark. BILWESZ spielt Agropop in der Kirche, was bedeutet, dass drei hervorragende Musiker ländliche Volksmusik aus fünf Jahrhunderten interpretieren. Da werden dann schon mal Schaf und Ziege imitiert; mit Harfe, Drehleier und Sackpfeife perfekt hantiert. Und letztere gehört zu den Instrumenten des Jahres 2006, den Dudelsäcken. Von denen waren am Wochenende auf allen 20 Bühnen reichlich Exemplare unterwegs.

Auf der Heidecksburg gibt das Linzer Ensemble BEEFOLK mit isländischem Frontmann ein lupenreines Konzert, das jedem großen Jazzfest zur Ehre gereicht hätte, auf der Neumarktbühne erlebten wir bei den DEAD BROTHERS eidgenössischen Humor in solchen Mengen, dass es die pitschnassen Zuschauer erstaunte.
Allerdings erst nachdem alle Schirme geschlossen waren.

Ich bin für ein generelles Schirmverbot, auch wenn solche Verbote den Freiheitsgedanken der Französischen Revolution – die im Schwerpunktland des diesjährigen Festes vor geraumer Zeit stattfand – nicht exakt widerspiegeln. Von Regenschirmen tropft permanent Wasser. Und immer den anderen Besuchern in den Ausschnitt oder ins Bierglas. Sehen, was auf der Bühne passiert, kann auch niemand mehr. Außerdem ist Cape-an und Cape-aus viel lustiger und entspricht mehr dem Charakter eines Tanzfestes. Schamlos und überzeugend wilderten die toten Schweizer Brüder in der Musikgeschichte und begruben so manchen alten Zopf mit ihren Arrangements zwischen Psychedelic, Reaggae, Blues und Folk (unter vielem anderen).

ZAKOPOWER elektrisieren anschließend auf der großen Bühne im Heinepark die Freunde elektronisch verstärkter Rockmusik mit einer Violine im Vordergrund. Einmal aktiviert der dominierende Geiger und Sänger Sebastian Karpiel auch den polnischen Dudelsack. Im Laufe des Auftritts drängte sich die Frage auf, ob Karpiel eventuell aus Posen stamme. Von wegen der Bühnenshow.

BABYLON CIRCUS aus Lyon halten alles, was die Medien uns überschwänglich von ihnen versprechen. Ein Feuerwerk inspirierter und intelligenter Ska-, Speedpunk- und Folkmusik. Ein unbestrittenes Highlight des Festivals. Währenddessen erlebte die Heidecksburg eine fast beängstigende Masseninvasion der Suzanne-Vega-Fans. Die Diva kam in Begleitung eines Bassisten, was Orchester genug war, um den populären Folk wie in „Luka“ stilecht zu Gehör zu bringen. Notfalls wurde das Publikum instrumentarisiert. Bei „Tom’s Diner“ sangen Tausende äußerst textsicher den zweisilbigen Refrain.

Am Sonntagmorgen verkündet meine Tochter, dass sie noch bleiben und heute nicht schon wieder nach hause will. Ich stelle fest, mir geht es genauso und es gibt mit Sicherheit schlimmere Visionen, als ein Leben lang auf dem Tanz & FolkFest zu sein.

Bela Agostones verkündet stolz, dass er alle drei ungarischen Sackpfeifer mitgebracht hat und schon legen sie los, ziehen musikalisch aus der Puszta in die jazzrockige Welt und kommen wieder im ungarischen Folk an. Der frühe Sonntagnachmittag wird heiß und auf der Burg erreicht Lila Downs Betriebstemperatur. Die „Stimme Mexicos“ klingt rauchig, nach Tequila und Kaktuskompott. Die außergewöhnliche Entertainerin singt Lieder ihres Mixteken-Volkes ebenso wie Boleros oder Cumbias. Das Wetter passte, das Volk schwitzte.

Und weil das Leben leider doch kein Folkfest ist, hieß es bald schon wieder Abschied nehmen. Auf dem Neumarkt spielten LES PRIMITIFS DE FUTUR, deren freizügige Auffassung von Musette immer wieder ins Jazzige glitt, um dann gekonnt wieder aufgefangen zu werden.

Das Abschlusskonzert auf dem Markt brannte die Erinnerungen an diese 16. Auflage des Rudolstädter Tanz & Folkfests endgültig ins Hirn. Es war ein interessantes Fest, der musikalische Spielraum hat sich wieder vergrößert. Tanz und Folk ist also, wenn die dargebotene Musik irgendwie tanzbar ist. Auch beim HipHop der OHRBOOTEN beispielsweise.
65.000 Besucher kamen unbeeindruckt von patriotischer Fußballhysterie in diesem Jahr und warum sollten es 2007 weniger sein? Dann soll es Polonaise, magische Tasteninstrumente und viel Musik aus dem Schwerpunktland Tansania geben. Und hoffentlich auch wieder was Irisches.
Olaf Schulze
Zeigt her eure Bändchen. Die OHRBOOTEN kontrollieren das Publikum. (Foto: )
Heute Rudolstadt – morgen Montreux? BEEFOLK jazzfolken energisch (Foto: )
Frankreichs BABYLON CIRCUS: Highlight im Park (Foto: )
Autor: osch

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