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Fr, 22:31 Uhr
03.03.2006

„Tanzt alle, schwitzt, stinkt!“

Nordhausen (nnz). Das Schauspielensemble des Theaters Rudolstadt gastierte heute Abend wieder mal in Nordhausen. Zu sehen gab es Büchners „Woyzeck“. Für die nnz saß Olaf Schulze in der Premiere.


Georg Büchner dramatisierte die traurige Kriminalgeschichte vom verrückt gewordenen Barbier namens Woyzeck, der die Mutter seines Kindes erstach. Oder war gar nicht der Woyzeck verrückt geworden, sondern die Zeit, in der er lebte? Eine Zeit des Umbruchs, in der viel von Freiheit die Rede war. „Woyzeck, der Mensch ist frei. In dem Menschen verklärt sich die Individualität zur Freiheit“, lässt Büchner den Doktor sagen, der das arme Schwein Woyzeck für medizinische Experimente missbraucht. Und ja, Woyzeck steht es frei, an diesen Experimenten teilzunehmen. Es steht ihm frei, für seinen aufgeblasenen Hauptmann den Popanz zu spielen. Es steht ihm frei, zuzusehen, wie seine geliebte Marie sich mit einem Tambourmajor vergnügt. Warum soll es ihm da nicht frei stehen, ebendiese Marie zu erdolchen?

Der medizinisch geschulte Büchner seziert den historisch belegten Fall Woyzeck. Messerscharf führt er uns vor Augen, was die viel gepriesene Freiheit wert ist, wenn man keine Macht, kein Geld, keine Privilegien hat.

Der Regisseur der Rudolstädter Inszenierung Wolf Bunge hat mit seinem Dramaturgen Christian Marten Molnàr die überlieferten Fragmente der verschiedenen Büchnerschen Fassungen des Stoffes gesichtet, geordnet und mit einem kleinen, überzeugenden Ensemble auf die Bühne gebracht. Diese Bühne ist eine weiße Schräge, links und rechts stehen schwarze Wände, an der Bühnenrückwand sehen wir die Projektion eines Teichs. Während der ganzen Inszenierung läuft Musik des argentinischen Tangokönigs Astor Piazzola. Das drängt Assoziationen zum „film noir“ auf und die kurzen, mitunter hart geschnittenen Szenen bestätigen diesen Eindruck.

Oder ist die alles beherrschende Schräge doch eine Rutschbahn? Die Rutschbahn des Lebens, auf der es mal hoch und dann wieder runter geht. Außer für Woyzeck (einfühlsam gespielt von René Sachse), für den geht es nur noch nach unten, für den verklärt sich die Individualität zu einer Freiheit, mit der er nichts anfangen kann. Auch seine Marie (Daniela Schober mit schönen Nuancen der zwischen Trieb und Reue zerrissenen Frau) weiß die Freiheit nicht zu nutzen.

Der Hauptmann (Johannes Arpe als sinnentleerter Günstling der Macht) nutzt seine Freiheit dazu, Angst vor dem Leben, der schnellen Bewegung zu haben. Und der Doktor (Gabriel Kemmether gibt einen skrupellosen Dandy der Wissenschaft) hält es für seine Freiheit, über Leben und Sterben seiner Opfer nach eigenem Gutdünken zu entscheiden.

Woyzeck klettert nach seiner Bluttat durch den Zuschauerraum, anstatt sich in den Teich zu werfen. Er greift nach unseren Händen, sucht Halt bei seinem Balanceakt über die Sitze, sucht Verbündete und fordert uns auf: „Tanzt alle, schwitzt, stinkt.“

Georg Büchners „Woyzeck“ ist keine leichte Theaterkost, zugegeben – dennoch hätte die Inszenierung heute Abend im Stadttheater mehr Zuschauer verdient. Oder verklärt sich die Individualität unserer heutigen Umbruchszeit nicht mehr in die Freiheit, sich auch einmal mit weniger angenehmen Dingen zu beschäftigen? Erschöpft sich unsere Individualität in der Freiheit, den verlogenen Brei, der uns täglich serviert wird, geduldig zu schlucken? Die Rudolstädter Theatermacher gehen dagegen an. Das verdient meine größte Hochachtung.
Olaf Schulze
Autor: osch

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