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Fr, 11:15 Uhr
03.09.2021
Die Landgemeinde sucht ihre gemeinsame Geschichte

14 mal 500 + x

Die Landgemeinde Bleicherode mit ihren 14 Einzelteilen ist noch ein recht junges Gebilde, historisch ist man seit vielen Jahrhunderten verbunden. Das Wissen um die Vergangenheit ist allerdings rar gesät und bruchstückhaft. Das „Netzwerk Lokalgeschichte“ will das jetzt ändern und stieß gestern auf reges Interesse…

14 Gemeinden, eine Geschichte - in Bleicherode stellte man gestern das "Netzwerk Lokalgeschichte" vor (Foto: agl) 14 Gemeinden, eine Geschichte - in Bleicherode stellte man gestern das "Netzwerk Lokalgeschichte" vor (Foto: agl)


Nichts ist so schlecht, das es nicht auch zu etwas gut sein könnte. Beispiel Corona: in Bleicherode machte sich der Seniorenbeirat darüber Gedanken, wie man in der Pandemie Kontakt zu den älteren Mitbürgern halten könne. Besuche standen außer Frage, größere Veranstaltungen waren nicht möglich, was also tun? Man wandte sich in schriftlicher Form an die alten Bleicheröder und gab zwei „Seniorenblätter“ heraus. Darin sollte es um Themen gehen, die für das Zielpublikum vermeintlich von Interesse sein würden und so wurde die Geschichte der Heimat aufgegriffen.

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Wie sich zeigen sollte hatten nicht nur die Senioren Interesse an der eigenen Vergangenheit, sondern auch eine ganze Reihe jüngerer Leute. Gestern nun wurde die erste Ausgabe des „geschichtlichen Heimatmagazins der Landgemeinde Bleicherode“ unter dem Titel „Wilhelms Geschichtsblätter“ in kleiner Auflage unter die Leute gebracht. Der Kreis war noch überschaubar, etwas über 20 Personen, aber die könnten den Grundstock für ein neues Projekt der jungen Landgemeinde bilden.

Das Netzwerk Lokalgeschichte
Getroffen hatte man sich um eine Idee zu besprechen. René Fiedler schwebt als designiertem Koordinator ein „Netzwerk Lokalgeschichte“ vor, dass die disparaten Teile der nunmehr 14 Kommunen der Landgemeinde zusammenträgt und dabei nicht den Zwängen eines Vereins oder politischer Gesichtspunkte unterliegt. Keine leichte Aufgabe, auch wenn vielerorts fleißige Lokalhistoriker vorgearbeitet haben. Allein die Chronik des kleinen Örtchens Kraja umfasst 600 Seiten. In der Stadt Bleicherode hat sich seit 60 Jahren niemand mehr systematisch an der Vergangenheit abgearbeitet und derjenige der es damals getan hat, war zwar Sammler aber nicht Ordner. In 16 Bänden liegen die gesammelten Werke von Hans Jürgen Dietrich vor, Notizen denen ein roter Faden fehlt. Vierzehn mal (mindestens) 500 Jahre spannender Geschichte gelte es zusammenzutragen, sagte Bürgermeister Frank Rostek, der sich über die große Resonanz freute.

Im Bleicheröder Kulturhaus kamen gestern über 20 Interessierte zusammen (Foto: agl) Im Bleicheröder Kulturhaus kamen gestern über 20 Interessierte zusammen (Foto: agl)


Allein ist das nicht zu schaffen und auch ein Seniorenbeirat kann so etwas nicht leisten. Deswegen der Netzwerk-Gedanke. Es braucht viele Hände, viel die ihre Wissen einbringen und teilen. Es mache keinen Sinn, historische Themen isoliert ohne Gesamtzusammenhang anzusprechen, meinte gestern René Fiedler. Er hatte sich ursprünglich darum kümmern sollen, dass auch Bleicherode ein paar „Stolpersteine“ erhält, die an die jüdischen Mitbürger erinnern, die unter der Nazi-Herrschaft ums leben kamen. Nur: man weiß kaum etwas über die einstigen Mitbürger und Nachbarn. Nicht einmal wie viele tatsächlich Opfer des Nationalsozialismus wurden. Unter diesen Umständen, erklärte Fiedler gestern noch einmal, mache es keinen Sinn eine Aktion wie die „Stolpersteine“ umzusetzen. Es brauche Aufarbeitungm nicht nur der jüngeren Vergangenheit. Heutzutage müsse er vermehrt darum gehen, Zusammenhänge zu erkennen und das auf der Basis von Faktenwissen.

Der Umgang mit der jüdischen Geschichte zeigt auch, wie schnell gesammeltes Wissen verschütt gehen kann. Im Jahr 2011 befassten sich drei Bleicheröder Schülerinnen mit dem Thema im Rahmen ihrer Seminarfacharbeit. Was an Informationen zu haben war trug das Trio auf rund 60 Seiten zusammen. Vierzig mal ließen sie ihre Arbeit drucken. Auffindbar war nach gerade einmal zehn Jahren noch ein einziges Exemplar. Derweil firmiert die Bleicheröder Synagoge im Archiv noch unter dem Stichwort "jüdische Kirche" und Fiedler wird nach "dem Judentempel" gefragt. Ein Grundwissen gebe es bei vielen Leuten, doch wenn es ins Detail geht, um das was vor der eigenen Haustür einmal passiert ist, dann fehlt es.

Koordinator René Fiedler will über die Auseinandersetzung mit der Geschichte die jungen Landgemeinde näher zusammenbringen (Foto: agl) Koordinator René Fiedler will über die Auseinandersetzung mit der Geschichte die jungen Landgemeinde näher zusammenbringen (Foto: agl) Das verbliebene Schriftstück wurde genutzt, um die erste Ausgabe der „Geschichtsblätter“ zu befüllen und wurde so wieder in Umlauf gebracht. Das „Netzwerk“ soll sich in Zukunft nicht allein auf die jüngere Vergangenheit beschränken, nicht nur Bleicherode als Stadt in den Blick nehmen, sondern nach den Möglichkeiten der Interessierten Zuträger die Geschichte der Region als Ganzes in den Blick nehmen.

Der 16-teiligen Bleicheröder Chronik will etwa Dr. Christoph Malitz einen roten Faden geben, sie ordnen, nacharbeiten und in ein publizierungsfähiges Format bringen. Denkbar wäre auch ein historischer Weg durch die 14 Gemeinden, die unter sich auf gute 300 Denkmalgeschützte Gebäude kommen. Eine weitere Idee wären „sprechende Häuser“ die mit kleinen Info-Tafeln und QR-Codes bestückt werden könnten. Die "Alte Kanzlei" könnte eine dringend nötige Renaissance erleben, mit einer neuen, erweiterten Aufgabe.

Sechs größere Themenkomplexe schweben dem „Netzwerk“ im Moment vor, weitere könnten folgen. Aktuell schätzt Fiedler den Interessenkreis auf rund 30 Personen. Das rege Interesse gestern zeige, dass es sich bei dem Netzwerk nicht um ein „Hirngespinst einiger weniger Eingeweihter“ handele. Die Auseinandersetzung mit der lokalen Geschichte wirkt Identitätsstiftend für die Menschen vor Ort und stärkt die Gemeinschaft in Zeiten, in denen die Widersprüche oft größer scheinen als das Gemeinsame, ist sich Fiedler sicher.

Will man die „14 x 500“ in den Griff bekommen, könnten ein paar mehr historisch interessierte Landgemeindebewohner sicher nicht schaden. Als Ansprechpartner stehen Projektkoordinator René Fiedler unter Tel.: 036338 322 33 und Klaus Schweineberg vom Seniorenbeirat der Landgemeinde unter 036338 43545 bereit.

Die nächste Gelegenheit sich ein wenig historische Bildung angedeihen zu lassen besteht in Bleicherode am 23. September. Dann kommt das "History Mobil" des Vereins "Spuren" aus Bad Langensalza zur Alten Kanzlei und bringt Zeitzeugenberichte und Dokumente mit, welche die ersten Monate nach Kriegsende 1945 und den Einmarsch der Amerikaner und Sowjets genauer beleuchten.
Angelo Glashagel
Autor: red

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