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Mo, 16:26 Uhr
30.08.2021
zwei neue Stolpersteine für Nordhausen

Du hast ein Kind, du solltest gehen

Zwei neue „Stolpersteine“, die Nummern 39 und 40, wurden heute in der Stadt verlegt. Die glänzenden Steine sollen an Opfer das Nationalsozialismus erinnern. Mit einem Stein für Simon Weiß kann man nun auch in Salza über die Geschichte stolpern und in der Jahnstraße erinnert ein Stein an das Opfer der Amanda Meyer...

Erinnerung an Simon Weiß und Amanda Meyer - in Nordhausen wurden heute zwei neue "Stolpersteine" verlegt (Foto: agl) Erinnerung an Simon Weiß und Amanda Meyer - in Nordhausen wurden heute zwei neue "Stolpersteine" verlegt (Foto: agl)


Simon Weiß war Jude. Nur wusste das in Salza kaum jemand. 1888 in Bratislava geboren war Weiß zum evangelischen Glauben konvertiert, Ehefrau Paula kam aus katholischem Elternhaus. Nach Nordhausen kam die Familie nach dem ersten Weltkreg, in den 30er Jahren zog man nach Salza. Die Kinder Hans, Walter und Margarethe besuchten hier die Schule, der Vater betrieb einen Schreibwarenladen und betätigte sich als Fotograf und in seiner Freizeit in einigen Vereinen des Ortes.

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Ins Visier der Nationalsozialisten fällt der Jude Weiß dennoch, auch sein Geschäft wird in der Pogromnacht geplündert und alle Werte über 5000 Reichsmark, vor allem Fotoapparate, beschlagnahmt. Weiß kommt nach Buchenwald, „Schutzhaft“. Die „Endlösung“ ist da noch nicht beschlossen, Weiß wird nahegelegt das Land zu verlassen. Doch die Zeit in Buchenwald sollte auch in diesen frühen Jahren schon ihre Spuren hinterlassen. Erst im März 1939 schafft er es sich in einer Nacht und Nebel Aktion gen Wien abzusetzen. Hier lebt die Mutter. Lange kann Weiß in Österreich nicht bleiben, die Behörden haben ihn weiter im Visier. Also weiter, raus aus dem Reich. Nach Shanghai soll es gehen, doch Weiß wird niemals dort ankommen. Er stirbt auf der Flucht.

Die Geschichte der Familie Weiß hat der Heimatverein Salza recherchiert und sich auch für das Memento in Form eines „Stolpersteins“ stark gemacht. Simon Weiß sei zwar nicht im KZ gestorben, dennoch sei auch er ein Opfer der Nazi-Diktatur, erklärte Steffen Iffland. Seine Frau und Kinder werden die dunklen Jahre überleben, Paula stirbt 1953 in ihrem alten Wohnhaus in Salza. Wäre er nicht gezwungen worden zu fliehen, hätte vielleicht auch Simon überlebt, so Iffland. In Salza sei er gut angesehen gewesen, hatte Freunde und nicht alle hätten weggeschaut. Bekannte der Familie die selber Geschäftsräume betrieben, versteckten die gestapelten Möbel der Familie hinter einer falschen Wand, erzählt Ahnenforscher Iffland. Paula sollte sie zurückerhalten, nach dem Krieg.

Du hast ein Kind
Der zweite „Stolperstein“, die Nummer 40, wurde in der Jahnstraße 47 in den Boden eingelassen und ist Amanda Meyer gewidmet. Aus den Nordhäuser Akten war zu Frau Meyer nur wenig zu erfahren, zu viel wurde durch die Zerstörung der Stadt 1945 vernichtet. Doch ihre Großnichte Dr. Andrea Lissner-Espe fand andere Quellen. Bei der Recherche kann man sich schließlich auch auf die Arbeiten von Dr. Manfred Schröter zur Geschichte der Nordhäuser Juden stützen.

Zum Schicksal der Lehrerin Amanda Meyer war in den Nordhäuser Akten nichts mehr zu finden, ihre Großnichte tat andere Quellen auf (Foto: agl) Zum Schicksal der Lehrerin Amanda Meyer war in den Nordhäuser Akten nichts mehr zu finden, ihre Großnichte tat andere Quellen auf (Foto: agl)


Demnach war Amanda Lehrerin und Konrektorin an der Mathilden-Mittelschule. Hier unterrichtet sie Englisch. Die Sprachkenntnisse, die sie dank eines mehrjährigen Aufenthalts in England erlangt hatte, waren hilfreich und sollten ihr später eine Chance eröffnen. Amanda hatte insgesamt fünf Geschwister und prominente Verwandschaft. Der Großvater, Abraham Geiger, gilt als Begründer des Reformjudaismus im 19. Jahrhundert. Zwillingsbruder Harald ist Offizier in der Armee des Deutschen Kaiserreichs und kehrt nicht aus dem ersten Weltkrieg zurück. Amanda selbst war unverheiratet und hatte keine eigenen Kinder.

Ihren Beruf muss sie 1934 aufgeben, als „Halbjüdin“ darf sie nicht länger unterrichten. 1938 erhält sie ein Ausreisevisum, könnte nach Großbritannien fliehen. Doch sie verzichtet, gibt das Visum ihrer jüngeren Schwester mit der Begründung: „Du hast ein Kind. Du solltest gehen“. Dieses Kind flieht mit der Familie ins Vereinigte Königreich und überlebt. Das Kind war der Vater von Andrea Lissner-Espe.

Amanda wird am 19. September 1942 von Nordhausen in ein Sammellager nach Weimar gebracht. Das sie schwer krank ist kümmert nicht. Es geht trotzdem am nächsten Tag weiter, über Leipzig in Richtung KZ Theresienstadt. Die Deportation überlebt Amanda nicht. Sie stirbt am 20. September 1942.
Angelo Glashagel
Autor: red

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Kommentare
Kritiker2010
30.08.2021, 17:55 Uhr
Historisch korrekt, orthografisch falsch
Die Stolpersteine als Teil der Erinnerungskultur sind eine interessante Idee. Schade, dass man anderen Menschen, die unschuldig Gewalttaten zum Opfer fielen und fallen keine Gedenksteine widmet. Sei es drum.

Zumindest könnte man aber erwarten, dass die Macher der Aktion die wenigen Worte korrekt schreiben. Denn entweder müsste auf dem Stein stehen "geflüchtet ... getötet ..." oder aber "Flucht ... Tod ...". Das Adjektiv "tot" hat da jedenfalls nichts zu suchen und klingt respektlos.
schnelleschlange
30.08.2021, 18:27 Uhr
Zum Glück
Zum Glück existieren vom Stolperstein in Salza Fotos und Filmmaterial. Der jetzige Hausbesitzer hat es nicht so mit Grundstückspflege. Also wird der Stolperstein bald von Unkraut überwachsen sein. Oder übernimmt das jetzt immer der Bauhof so wie letzte Woche.?
Paulinchen
30.08.2021, 18:28 Uhr
Mir kommen bei den...
... Stolpersteinen ein wenig Zweifel auf. Wohin schaut man, wenn man in einer fremden Stadt bummeln geht? Man betrachtet die, wenn vorhanden, Schaufenster und oder die Hausfassaden. In anderen Städten ist mir aufgefallen, dass diese Schilder an der Hausfassade anbringen, denen man entnehmen kann, wer hier wann gelebt oder geboren wurde.
Sicher kann man trefflich darüber streiten, aber mir persönlich, fallen die Tafeln an der Hausfassade eher auf, als jene auf dem Gehweg. Außerdem, blickt man irgendwie zu der Persönlichkeit auf und tritt sie nicht mit den Füßen.
Halssteckenbleib
30.08.2021, 19:49 Uhr
Das finde ich
genau so mit Stolpersteine.Ich gucke nicht ständig auf den Gehweg.Wenn sich darin ein Stolperstein befindet dann merke ich das und schaue dann bewußt hin warum ich gestolpert bin.Vielleicht sind aber auch Stolpersteine genau dazu da um das Denk und Bewußtseinsvermögen anzuregen bzw. zu erhöhen...Möglich ist ja alles.
Anna O.
30.08.2021, 19:49 Uhr
Schreibweise entspricht den offiziellen Regeln der Organisatoren
@Kritiker2010: Bitte Regeln zur Schreibweise nachlesen unter http://www.stolpersteine.eu/schritte/

Ja, man könnte durchaus darüber nachdenken, weitere Formen des Erinnerns an die unzähligen anderen Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft im öffentlichen Raum einzuführen, als da wären Sinti und Roma, Jenische, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Kommunisten und Sozialdemokraten. Das wäre auf jeden Fall zu begrüßen.
nur_mal_so
30.08.2021, 22:53 Uhr
@Halssteckenbleib
Den unpassenden Witz, den Begriff "Stolpern" in "Stolperstein" wörtlich zu nehmen, haben Sie schon vor ein paar Tagen gemacht. Ein schlechter Witz wird aber nicht davon besser, dass man ihn wiederholt, wenn keiner lacht.
Hier geht es um vertriebene/ermordete Menschen. Wie armselig sind Sie eigentlich?
geloescht.20250302
30.08.2021, 23:43 Uhr
Im weitesten Sinne...
...ist Halsteckenbleib ein agent provocateur, @ nur_mal_so.

Und das für sein eigenes Pläsier, dass sich die Leute über ihn aufregen, weil er selbst ernste Themen wie Stolpersteine zu einem Buchstabenbattle auf Grundschulniveau pervertiert.

Meine Theorie bestätigt er mit jedem neuen Beitrag: Er ist uns als Kommentator wohlbekannt und erfreut sich in seiner Zweitrolle als Horst Schlämmer für Analphabeten an empörten Kommentaren.

Fällt schwer, aber am besten ignorieren. Dann taucht er hier irgendwann wieder als "seriöser" Kommentator auf.
Sonntagsradler 2
31.08.2021, 08:03 Uhr
Wieder einmal Klasse kommentare
Ich habe es doch schon immer geahnt dass wirwenn es nach den Willen einiger Kommentatoren in Deutschland bald besser gepflasterte Gehwege und straßen bekommen.
Nachtrag
Die Gräueltaten der NS sind auf keinen Fall zu leugnen oder ins lächerliche zu ziehen.
Aber jetzt einzelne Opfer einen Stolperstein setzen zu wollen obwohl es im ganzen Land schon genug Gedenksteine zur Erinnerung alle Opfer der NS stehen, ist mehr als fragwürdig.
Nun gut jeder kann wenn er möchte (soweit es die Stadt oder Kommune erlauben) aus eigenen Finanziellen Mittel solche Steine setzen. Er sollte aber auch selber für die nötige Pflege selber sorgen und nicht auf Kosten der Steuerzahler agieren oder auf dumm fang gehen.
Noch eines
Nnz
Ein nachtrag
Manchmal glaube ich die Menschen werden immer bescheuerter.
Sie erinnern an für sie eigentlich wildfremde Leute aber um die Gräber ihre nächsten Angehörigen scheinen sich manche nicht sooo zu kümmern.
Na ja.
So sind sie halt manche Menschen. Populistische hoch drei ;-)
Kritiker2010
31.08.2021, 08:50 Uhr
Rechtschreibung als Kunstprojekt
Auch nach dem Studium der der Schreibregeln auf der Projekt-Website, bleibt die Schreibweise falsch. Damit der Betrachter die gewünschte Deutung versteht, bedarf es wohl einer Anleitung direkt neben dem Stein:

Zitat: "Als Schicksalsangabe ist möglich: TOT oder ERMORDET; für unklare Fälle: SCHICKSAL UNBEKANNT.
Statt Selbstmord schreiben wir FLUCHT IN DEN TOD. Den Begriff 'verschollen' verwenden wir nicht, genauso wenig wie den Begriff 'TOD', da dieser einen natürlichen Tod suggeriert."

Ähm nö. "Tot" ist der Zustand in dem sich der Mensch seit dem angegebenen Datum bis heute befindet. "Tod" wäre die korrekte Bezeichnung für das Lebensende zum angegebenen Datum. Weder "tot" noch "Tod" lassen Rückschlüsse auf die Art des Sterbens zu. Vielleicht wurde die Erklärung ja nachträglich bemüht, nachdem man genügend falsche Inschriften gesetzt hatte? Na egal, es wird dennoch verstanden werden.

Anderer Aspekt:

Mit "anderen Menschen" meinte ich solche, die unter politischer oder religiöser Verfolgung in der DDR und bis heute in Deutschland leiden und sterben oder in den Suizid getrieben werden. Diese Opfer werden von den ideologisch Verantwortlichen ignoriert oder klein geredet.

Ich sehe keine SED-Nachfolgepartei, die jedes einzelne Opfer des Sozialismus/Kommunismus betrauert und mahnend mit dem Finger auf andere totalitäre kommunistische Regime in der Welt zeigt.

Mir fehlen auch bleibende Trauerbekundungen der Islamverbände, wenn mal wieder eine junge Frau einem Ehrenmord zum Opfer fiel oder als in Würzburg 3 Frauen umgebracht oder in Dresden ein schwules Männerpaar aus religiösen Gründen angegriffen wurden.

Das sind wohl Opfer zweiter Klasse. Aber vielleicht findet sich ja jemand der ein Kunstprojekt zur Erinnerung an die anderen Schicksaale etabliert.
Halssteckenbleib
31.08.2021, 22:29 Uhr
Da kann ich nur zustimmen..
Es gibt viele andere Opfer die auch so ein Stolperstein brauchen.Schon allein deshalb sollte man Kommentare ernst nehmen und nicht ignorieren.Ich finde die Stolpersteine sinnvoll.Wie soll man sonst Menschen würdigen?...Vielleicht nal vor den Kommentar nachdenken und evtl. auch überlegen .
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