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Mi, 18:00 Uhr
21.07.2021
Wie kann die Zukunft der Kali-Vergangenheit aussehen?

Aus Problemen Lösungen machen

Die alten Kali-Halden bei Sollstedt und Bleicherode sind ein weithin sichtbares Zeichen der Vergangenheit und ein zunehmend problematisches noch dazu. An der Nordhäuser Hochschule arbeitet man jetzt daran, aus der Altlast doch noch vernünftig Nutzen zu ziehen und aus Problemen Lösungen zu machen…

Abfall oder Rohstofflager - die alten Kali-Halden wie hier bei Sollstedt könnten in Zukunft vor allem letzteres sein (Foto: nnz-Archiv) Abfall oder Rohstofflager - die alten Kali-Halden wie hier bei Sollstedt könnten in Zukunft vor allem letzteres sein (Foto: nnz-Archiv)


„Pecunia non olet“ - Geld stinkt nicht, wusste schon der Pragmatiker Vespasian, seines Zeichens römischer Kaiser im ersten Jahrhundert nach Christus. Das „Abfall“ nicht zwingend wertlos ist, dass sei in der Moderne in Vergessenheit geraten, meinte heute Ministerpräsident Bodo Ramelow im Auditorium Maximum der Hochschule Nordhausen. Hier sollte es am Vormittag um ein altes Problem gehen, dass dem „MP“ schon vor seiner Amtszeit am Herzen lag und immer wieder in die Region lockt: das Schicksal des Kali-Bergbaus, dessen Folgen für das Land und seine Zukunft.

An der Nordhäuser Hochschule will sich ein interdisziplinäres Team der Altlasten-Problematik in Kooperation mit Verantwortlichen und Betroffenen aus der Region annehmen. Unterstützt wird man dabei durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit rund 3,5 Millionen Euro aus dem Förderprogramm „REGIONinnovativ". Im Fokus steht dabei der Klärschlamm der Halden. Bei jedem Regen spült das Wasser Salze und andere Stoffe aus den Schuttbergen. Für angrenzende Gewässer wie die Wipper ist das ein Problem, dringen die Stoffe bis ins Grundwasser vor, wird aus dem Problem eine Gefahr. Aber: der Klärschlamm enthält auch noch nutzbare Rohstoffe. Techniken diese zu extrahieren gebe es viele und keine davon sei gut, erklärt Uta Breuer, Professorin für biologische und chemische Verfahrenstechnik. Die aktuelle Praxis den Schlamm über Kilometer hinweg zu Verbrennungsanlagen zu transportieren um hier Phosphat zu gewinnen sei „ökologischer und energetischer Wahnsinn“.

Das Team um die Professoren Breuer und ihren Kollegen aus dem Fachbereich Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Prof. Dr. Elmar Hinz wollen in den kommenden Jahren einen alternativen Ansatz unter dem Titel „Carbo-Mass“ im Feldversuch erproben. Anstatt der Verbrennung wird der Klärschlamm vor Ort einer „Pyrolyse“ unterzogen, die mit deutlich niedrigeren Temperaturen auskommt, gewollte Stoffe isoliert und ungewolltes entfernt. Übrig bleibt Düngemittel in Form von Carbonat, also Kohlenstoff. Das ist der „Carbo“ Teil des Projektkonglomerats. Der „Masse“ Teil leitet sich von der Biomasse ab, die in der groß angelegten Kompostierung entsteht. Mit dem Carbonat zusammengeführt kann das Gemisch als nährstoffreiche Deckmasse für „Bergbaufolgelandschaften“ verwandt werden und die ressourcenschonende Rekultivierung erleichtern, so die Annahme der Wissenschaftler. Quasi als Nebenprodukt würde bei dem dualen Ansatz auch Biogas als Energieträger abfallen.

Drei vom Fach: Ministerpräsident Ramelow (Mitte) spricht mit Prof. Uta Breuer und Prof. Elmar Hinz über die Folgen des Kali-Bergbaus (Foto: agl) Drei vom Fach: Ministerpräsident Ramelow (Mitte) spricht mit Prof. Uta Breuer und Prof. Elmar Hinz über die Folgen des Kali-Bergbaus (Foto: agl)


Die technische Lösung sei für das Projekt aber nur „die halbe Miete“, erklärte Prof. Hinz. Sein Team soll untersuchen, wie sich der Ansatz mit den Anliegen regionaler Partner verknüpfen lässt. Dazu sitzen neben der Hochschule auch der Landkreis Nordhausen, die Landgemeinde Bleicherode, diverse Wasserverbände und die Firma „IMM“ mit im Boot. Letztere verwaltet die Sollstedter Halde und kennt die Probleme, die das ausgewaschene Salz mit sich bringt.

Das Forschungsprojekt hat viele Partner aus Wirtschaft und Verwaltung zusammengebracht (Foto: agl) Das Forschungsprojekt hat viele Partner aus Wirtschaft und Verwaltung zusammengebracht (Foto: agl)


Inwiefern der Ansatz praktisch durchführbar ist, will die Hochschule nun bis 2024 untersuchen und hat dafür Forschungsgelder in Höhe von rund 3,45 Millionen Euro zur Verfügung. Ministerpräsident Ramelow erhofft sich viel von dem Ansatz, nicht nur für den Südharz sondern auch für die Zukunft der Halden entlang der Werra. Die Lösungen die es hier bisher gebe, seien problembehaftet und nicht zuletzt teuer, meinte Ramelow am Rande der Veranstaltung. Das Wort „Abfall“ würde er dabei, ganz im Sinne Vespasians, in Zukunft gerne ganz vermeiden. Man müsse wieder lernen, die Dinge so zu denken, dass die Folgen nicht auf dem Rücken des Globus und dem kommender Generationen ausgetragen werden. Und dieses „vorher anders denken“ sei eine Spezialität der Nordhäuser Hochschule. Ist es vernünftig? Ist es ökologisch? Ist es ökonomisch? - diese Fragen gilt es nun in den kommenden Jahren zu klären.
Angelo Glashagel
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Kommentare

22.07.2021, 09.54 Uhr
Envites
Der Beitrag wurde gespeichert und die Freigabe beantragt.
22.07.2021, 09.54 Uhr
Envites | Pecunia non olet
Das lag dem Berichterstatter also auf der Seele. Geld stinkt nicht. Das meint doch aber eher, egal woher. Hier von Thüringen. Angesichts des komplexen Themas muss man (darf?) eher fragen, ist es NUR eine Geste, dieses Thema politisch grüner zu machen? Reichen denn diese Millionen, wird es nutzbar und damit umsetzbar sein?

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