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Di, 16:28 Uhr
27.09.2005

nnz-jukebox: Billiges Vergnügen

Der eine oder andere Nordhäuser wird sich vielleicht noch an den genialen Volksliederabend „Der Butterräuber von Säckingen“ erinnern, der kurz vor der Wende an den „Bühnen der Stadt Nordhausen“ ein Kassenrenner war. Inszeniert wurde dieser Bühnenspaß damals von Dieter Beckert und Jürgen B. Wolff. Und genau um die beiden geht es hier.

Duo Sonnenschirm
„BilligesVergnügen“
(RUM-Records)


Sie sind die Erfinder der Brachialromantik und glänzten bereits in den mittigen Achtziger Jahren mit ihrer Duolektik, einer Mischung aus scharfer Gesellschaftskritik des real vegetierenden Sozialismus, erstaunlicher Beobachtungsgabe und einer großen Prise Nonsens. Heute liegt ein neues Live-Album des Duos vor, das die kühnsten Freunde der beiden Barden noch vor wenigen Monaten nicht zu erträumen wagten. Zu sehr waren die Sonnenbeschirmten mit Soloprojekten beschäftigt, deren Aufzählung hier den Rahmen sprengen würde. Aber wie wir die Herren Dieter Beckert und Jürgen B. Wolff kennen: Nach Jahren gegenseitigen Beargäugens drängt es sie irgendwann wieder zueinander. Glücklicherweise.

Die Zeit ist nicht spurlos vergangen, das demonstriert gleich der Opener „Bücklied,“ in dem es um Sturzarthrosen und Erfahrungen mit allerlei körperlichen Beschwerden geht. Dann sind sie aber sofort zurück in bitterster Realsatire, wenn sie in „Brief aus Bagdad“ einen polnischen Offizier seine Erlebnisse als Okkupant im Irak beschreiben lassen. Da wird die Wahrheit mitunter zu ätzendem Zynismus. In „Castor und Fuchszilla“, einer sechzehnminütigen Ballade, ziehen Beckert und Wolff so grotesk-komisch - eben brachialromantisch - vom Leder, dass dem Zuhörer der Mund offen steht ob dieser Art erdachten, aber keinesfalls unvorstellbaren Wahnsinns.

Im Titelsong „Billiges Vergnügen“ macht uns das Duo weis, dass wahre Trunksucht sich seinen Weg unaufhaltsam sucht und notfalls nur ein Glas Bier nötig ist, sich in den Rausch zu saufen. Wie unser „Kulturvolk“ rein arbeitstechnisch wieder auf Vordermann gebracht werden kann, erläutert uns ein witziges, feines Hörspiel. Abschließend siegt das Gute im Titel „Der Möwenschiss“. Oder wenigstens wird das Böse nicht zusätzlich belohnt.

Belohnt werden hingegen alle Zeitgenossen, die sich noch nicht dem täglichen Brei aus Verblödung und Abstumpfung ergeben haben und dieses Album im Handel erwerben. Sofern es der Handel führt. Sollte er aber tun.
Olaf Schulze
Autor: osch

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