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Mo, 11:11 Uhr
22.10.2001

JS-Special: Baut Reemtsma weiter ab?

Nordhausen (nnz). In der Rolandstadt wehrt sich die Belegschaft der hiesigen Fertigungsstätte der Firma Reemtsma, unterstützt von einer breiten Front der Kommunalpolitiker, gegen die beabsichtigte Schließung des Standortes Nordhausen (nnz berichtete wiederholt).


In der vergangenen Woche drohte nun die Leitung des Konzerns, auch das Werk in Berlin-Wilmersdorf zu schließen, falls die Bundesregierung ihre Absicht verwirklicht, die Tabaksteuer zu erhöhen. Und zumindest in Fachkreisen fragt man sich, was Reemtsma wirklich beabsichtigt.

Die Ankündigung der Reemtsma-Konzernleitung vom Dienstag der vergangenen Woche, das Werk in Berlin-Wilmersdorf für den Fall zu schließen, dass die Bundesregierung ihre Absicht verwirklicht und die Tabaksteuer anhebt, um mit dem Geld das Anti-Terror-Sicherheitspaket zu bezahlen, hat mehrfache Auswirkungen. Zunächst wird damit der Behauptung die Grundlage entzogen, man habe sich für die Neuorganisation des Konzerns ­ weltweit der viertgrößte Zigarettenhersteller ­ zunächst die Nordhäuser Betriebsstätte ausgesucht, weil man von den ostdeutschen Mitarbeitern den geringsten Widerstand erwarte. Es wird aber auch nicht mehr behauptet werden können, „man“ habe es bei beabsichtigten Betriebsschließungen eines westdeutschen Konzerns zunächst einmal auf solche in Ostdeutschland abgesehen (siehe dazu auch Archiv der nnz). Für derartige Entscheidungen spielen ganz andere Gesichtspunkte eine Rolle, über die man sich im Falle Reemtsma allerdings noch nicht klar ist.

Die Ankündigung, nun auch möglicherweise das Wilmersdorfer Werk zu schließen, hat unter der dortigen Belegschaft nach Informationen der nnz verständlicherweise große Verunsicherung hervorgerufen und die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) einmal mehr auf den Plan gerufen. Als „sehr unglücklich und falsch“ bezeichnete danach der Berliner NGG-Vorsitzende Edmund Mayer in einem Pressegespräch die Ankündigung von Reemtsma-Chef Thierry Paternot. Insgesamt fordert die NGG im Interesse ihrer Mitglieder umgehend ein „klares Bekenntnis zum Standort Berlin“.

Inzwischen hat ja die Bundesregierung auf Intervention des Verbandes der Cigarettenindustrie in Sachen Tabaksteuer einen Rückzieher gemacht. Offensichtlich wurde aber durch den Vorgang, dass ein Konzern im Rahmen seiner Geschäftspolitik auch ohne langes Zögern Betriebsteile und die darin Beschäftigten ins Feld führt und zur Disposition stellt. Wobei man sich in Branchen- wie in Gewerkschaftskreisen noch immer unsicher ist, ob es sich bei der Art, wie Reemtsma operiert, um eine reine „Drohgebärde“ handelt, oder ein Anlass gesucht wird, um ökonomische Veränderungsabsichten politisch zu motivieren.

Für Nordhausen ist der Vorgang schon deshalb interessant, weil ja die NGG Nordost ihre ursprüngliche Überlegung, den Konzern zu verklagen zurückzog, weil sich unter sozialen Gesichtspunkten dafür keine Grundlage erkennen ließ, nachdem der Konzern den in Nordhausen Beschäftigten Ausweichmöglichkeiten in Hannover aber auch Berlin angeboten hatte. Wie unter diesem Gesichtspunkt jene „Drohung“ der Schließung des Wilmersdorfer Werkes zu werten ist, dürfte jedenfalls einer Überlegung wert sein.

Nun stehen unternehmerische bzw. ökonomische Überlegungen der Firma Reemtsma nicht für sich, denn bereits in der vergangenen Woche verlautete, dass zum Beispiel Philip Morris nicht (mehr) bereit wäre, für sein Werk in Dresden (f6) ein Bekenntnis abzulegen. Wie dem auch sei ist jedenfalls Tatsache, dass die Markenhersteller zwischen Januar und September Umsatzeinbußen von etwa fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr zu beklagen haben. Richtig ist auch nach Angaben der Gewerkschaft NGG, dass es seit 1993 einen Abbau der Beschäftigten in dieser Branche um ein Viertel auf 12 500 gegeben hat.

Weiß man, dass die größten drei Zigarettenhersteller ­ Reemtsma, Philip Morris und British American Tobacco ­ in Osteuropa über hochmoderne Anlagen verfügen, liegt die Annahme nahe, dass zumindest ein Teil der Produktion nach dort verlagert werden könnte. Reemtsma produziert in Polen, der Ukraine, Slowenien, Russland, der Slowakei und Ungeran. Der Hamburger Konzern dementiert zumindest nicht, dass man auch ohne eine Erhöhung der Tabaksteuer Arbeitsplätze abbauen wird. Das trifft auf Berlin zu, während für Nordhausen unversehens die Eichelschen Steuerpläne zusätzliche Schließungsargumente liefern könnten.
Autor: nnz

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