eic kyf msh nnz uhz tv nt
Anzeige Refinery (c1)
Do, 12:57 Uhr
18.10.2001

nnz-Forum: "Massengrab"?

Nordhausen (nnz). Das „Massengrab“ welches am 16. 10. 2001 auf dem Petrikirchplatz gefunden wurde, ist ein sogenanntes „Beinhaus“. Eine schlichte Grube, in der Gebeine unzähliger verstorbener Menschen in losem Verband sorgfältig bestattet wurden. Welche Ursachen hat nun so eine Massenbestattung auf dem Petersberg in Nordhausen?


Dafür gibt es vielerlei Möglichkeiten. Zunächst einmal muss die Topographie beleuchtet werden. Wir haben in unmittelbarer Nachbarschaft der aufgefundenen Knochen die Fundamente der einstigen Petrikirche, deren mächtiger Turm (1362 ­ 1377) den Mittelpunkt unserer Stadt kennzeichnet. Eine Kirche hat es auf dem Petersberg schon vor 1220 gegeben, um sie herum war seither der Friedhof der Petrigemeinde vorhanden. Im Jahre 1902 brach man die hohe Kirchhofmauer, die ihn im Rechteck umschloss, ab. Von dieser Mauer wissen wir, dass sie im Jahre 1658 erneuert wurde. Die Gemeindemitglieder gaben dazu Beiträge ab. Ausbesserungen erfolgten 1665 und 1701. Seinerzeit wurde auch das „Todtenhaus“ neu erbaut und mit Schiefern bedeckt, die alte Kirchhofmauer abgerissen. Gut erhaltene Gräber mit Kreuzen waren noch bis 1945 vorhanden. Auch der schmiedeiserne Zaun, welcher 1902 als Ersatz für die abgerissene Kirchhofmauer erbaut wurde, bestand zum Teil noch nach dem Bombeninferno vom April 1945, welches das Kirchenschiff bersten ließ, fort. Er ist noch heute an einem Grundstück im Borntal vorhanden.

Nach den vielen Todesopfern im April 1945 wurden, wie an anderen Stellen in der Stadt, auch Notgräber für die Bombenopfer auf dem Kirchengelände angelegt, die später aber umgebettet werden mussten. Aus welcher Zeit aber stammen die Überreste der nun gefundenen Grabanlage? Das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege schätzte die Erdbestattungen infolge dort aufgefundener Keramik auf ca. 300 Jahre. Da es sich aufgrund der übermäßig hohen Anzahl von Gebeinen in einem relativ kleinem Terrain handelt, läge zunächst der Gedanke nahe, dass es „Pesttote“ sein könnten, die dort ins Erdreich gebettet wurden. Verschiedene Seuchen suchten die Nordhäuser Bevölkerung in der Vergangenheit mehrmals heim. Jedoch wurden die Toten der Pestseuchen des 17. Jh. zum größten Teil auf dem Spendekirchhof und auf dem Gottesacker des Siechenhofes beigesetzt, die damals beide noch außerhalb der Stadt lagen. Man war bestrebt, die Toten fern von den Wohnstätten zu halten.

Die sorgfältig und eng im Verband befindlichen Gebeine lassen vielmehr auf ein sogenanntes „Beinhaus“ schließen, also um ausgegrabene menschliche Überreste, die eine Zweitbestattung erfuhren. Diese kann möglicherweise zustande gekommen sein, als man im 17. Jh. die Kirchenmauer abriss und neu erbaute. Bei der Gründung des Mauerfundamentes stieß man vermutlich auf diverse Erdbestattungen vergangener Zeiten. Nachdem die menschlichen Überreste geborgen waren, wurden sie an anderer Stelle als Sammelbestattung erneut beigesetzt. Eine andere Verbindung wäre mit dem erwähnten und zu Beginn des 18. Jh. neu erbauten „Todtenhaus“ zu sehen. Sehr wahrscheinlich ist dieses Gebäude als Beinhaus genutzt worden, dort sind also bei Grabaushebungen gefundene menschliche Gebeine aufbewahrt worden. Die Aufbewahrungsdauer währte jedoch in der Regel nur wenige Jahre, vielleicht stammen die gefundenen Knochen von dem Vorgängergebäude. Da mit dem Abbruch des alten „Todtenhauses“ mit einem Schlag sämtliche Gebeine unter die Erde gebracht werden mussten.

Die in großer Zahl gefundenen Gebeine sind die Überbleibsel der Bewohner des Petersberges, es waren einfache Handwerker und damit für ihre Zeit wenig begüterte Leute. Vermutlich lagen sie vor ihrer Zweitbestattung schon viele Jahrhunderte in heimatlicher Erde. Gedenken wir ihrer hier noch ein letztes mal, und lassen damit die Erinnerung an sie wieder im Strom der Jahrhunderte verschwinden. Bleibt zu wünschen, dass die Verstorbenen nun nach einer künftigen dritten Beerdigung, ihre endgültige Ruhestätte finden werden. Markus Veit, Nordhausen


Anmerkung der nnz-Redaktion: Die im nnz-Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht zwingend mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
Autor: nnz

Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
Anzeige symplr (6)
Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.

Kommentare sind zu diesem Artikel nicht möglich.
Es gibt kein Recht auf Veröffentlichung.
Beachten Sie, dass die Redaktion unpassende, inhaltlose oder beleidigende Kommentare entfernen kann und wird.
Anzeige symplr (8)