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Sa, 17:06 Uhr
04.07.2020
Ausstellung im IFA-Museum eröffnet

Schicksal Treuhand

Die Zeit heilt alle Wunden, sagt das Sprichwort. Wieviel Zeit vergehen muss, bis vergangenes Unrecht vergeben und vergessen wird, darüber gibt die Volksweisheit keine Auskunft. Fast 30 Jahre sind seit der deutschen Wiedervereinigung ins Land gegangen und manch Wunde, schmerzt noch heute. Am IFA-Museum war das heute deutlich zu hören...

Schicksal Treuhand - Ausstellung im IFA-Museum eröffnet (Foto: agl) Schicksal Treuhand - Ausstellung im IFA-Museum eröffnet (Foto: agl)

Die Wut, die nach über einem Vierteljahrhundert immer noch mitschwingt, konnte man heute am IFA-Museum noch einmal hören. Im alten Kulturhaus drängen sich die metallenen Zeugnisse einer langen Geschichte, die nur noch im Akt des Erinnerns Zukunft hat und selbst die ist immer noch nicht ausgemacht.

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Es hätte anders sein können, da sind sich die alten IFA-Kollegen bis heute sicher. Wenn damals anders gehandelt worden wäre. Wenn die Errungenschaften ihrer Arbeit nicht zerlegt und verscherbelt worden wären. Die Rede ist von der „Treuhand“, die vielerorts wirtschaftliche Wüste statt blühender Landschaften hinterließ. „Man wollte nicht unsere Angestellten, unser Wissen, unsere Produkte. Man wollte den Markt und unser Geld“, wird Dr. Ferdinand Herms sagen, der letzte Chefingenieur des Nordhäuser IFA-Werkes. Gerhard Jüttemann sieht es ähnlich. Er hat in Bischofferode um die Arbeitsplätze der Kalikumpel gekämpft. Man war sich sicher gut für die Marktwirtschaft gerüstet zu sein. Die Rohstoffe waren da, die Technik war da, das Personal, die Absatzmärkte und ein williger Investor. Und doch hatte das Werk Bischofferode keine Chance, berichtet Jüttemann. Bischofferode sei ein "Paradebeispiel für das Missmanagement der Treuhand", in dem DDR-Betrieb habe man in Westdeutschland einen „lästigen Konkurrenten gesehen, der vom Markt genommen werden musste“.

Es gibt viele Geschichten zu erzählen, viele Biographien niederzuschreiben, die Anfang der 1990er Jahre durch die Treuhand geprägt wurden. Nicht alle enden in Wut und Trauer, die Nachwendezeit kennt auch ihre Erfolgsgeschichten. Beides, Erzählungen vom plötzlichen Niedergang und vom Wiederauferstehen, hat die Rosa-Luxemburg-Stiftung in ihrer Ausstellung „Schicksal Treuhand - Treuhand Schicksale“ zusammengetragen, die seit heute im IFA-Museum zu sehen ist.

MP Ramelow spricht ein Grußwort
Ziel der Schau sei es, die Geschichte der Treuhand kontrovers zur Diskussion zu stellen, im Westen des Landes wie im Osten, erklärt Paul Welsow, Geschäftsführer der Thüringer Dependance der Stiftung. Das Interesse sei hüben wie drüben „immens“ gewesen und bewege viele Menschen bis heute. „Zentrales Anliegen war es, den Menschen eine Stimme zu geben und Erlebtes weiterzugeben. Zu zeigen, dass die Treuhand nicht alternativlos war und nicht wie eine Naturkatastrophe über das Land kam, dass ihr Wirken auch eine politische und gesellschaftliche Entscheidung war“.

Pauschal an den Pranger gestellt werden soll die Treuhand dabei nicht, die Geschichte kennt immer mehr als eine Seite, in der Regel sogar mehr als zwei. Zustimmung fand das heute auch bei einem, dessen politischer Werdegang maßgeblich vom Handeln der Treuhand beeinflusst wurde. Bodo Ramelow ist heute Thüringer Ministerpräsident, damals war er als Gewerkschafter für den Einzelhandel zuständig, auch für Konsum und HO in Nordhausen.

Ministerpräsident Bodo Ramelow: die Bitterkeit ist Teil der Wahrheit   (Foto: agl) Ministerpräsident Bodo Ramelow: die Bitterkeit ist Teil der Wahrheit (Foto: agl)

Wer ihn über „damals“ reden hört, wird sich kaum des Eindrucks erwehren können, dass die Treuhand im allgemeinen und das Schicksal des Bischofferöder Kali-Werkes im Besonderen, den Linken nie losgelassen haben. Was geschehen ist, sei „nicht einfach als Alles Schlechte zu subsumieren. Man muss es einordnen, sehen was gut war und sehen wo und wann es schlecht war“, sagt Ramelow. Die erste Katastrophe sei die Bilanzeröffnung in D-Mark gewesen und die damit einhergehenden Schulden der Betriebe, die in der DDR-Planwirtschaft keine gewesen waren. Das man sich im Osten vielfach dem zuwandte, was so lange nur schwer zu bekommen war, Westgeld und Westprodukte, habe sein Übriges getan. „Im Westen wurden Überstunden gemacht während hier die Massenarbeitslosigkeit begann.“, sagt der Ministerpräsident. In der Marktneuordnung und der Marktverdrägung sei man der Wirtschaft des Ostens „mit einer Arroganz begegnet, die umfassend war. Fähigkeiten und Leistungen spielten keine Rolle, es wurden nur Einzelteile betrachtet. Wie der Neckermann-Katalog für den Westen gefüllt worden war, wo Kinderwagen und Schuhe herkamen und wie sie produziert worden waren, wollte keiner mehr wissen.“

Doch man könne und müsse auch andere Bögen schlagen. Zu Helmut Peter zum Beispiel, der sich Anfang der 90er Jahre selbstständig machte und dessen Erfolg heute das Überleben des IFA-Museums sichert und so, zu einem Teil, hier auch die Auseinandersetzung mit dem Thema Treuhand 30 Jahre später möglich macht. Nicht alle sind untergegangen, zerlegt und verscherbelt worden. Aus der VEB Brauerei Lübz wurde die „Mecklenburgische Brauerei Lübz GmbH“, das Chemiewerk in Buna fand amerikanische Investoren und bietet heute rund 4.000 Menschen Arbeit und das „Schwermaschinenkombinat Ernst Thälmann“, kurz SKET, existiert in diversen Nachfolgefirmen weiter. Diese und andere Geschichten werden in der Ausstellung ebenso beleuchtet wie solche, die dass Schicksal der IFA oder der Bischofferöder Kali-Kumpelt teilten.

Die Ausstellung wird bis zum 11. August im IFA-Museum zu sehen sein (Foto: agl) Die Ausstellung wird bis zum 11. August im IFA-Museum zu sehen sein (Foto: agl)

In der Gesamtbilanz der Ausstellung sinkt das Gewicht der Waage, trotz der Lichtblicke und mancher persönlichen Erfolgsgeschichte, aber doch deutlich auf Seiten einer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Katastrophe, deren Folgen bis heute spürbar sind. Aus der Wirtschaft der DDR wurde die „verlängerte Werkbank“ des Westens, woran sich bis heute wenig geändert habe, kritisiert auch Ramelow. Die wirtschaftlichen Zentralen liegen im Westen und in den Zentralen lande die Steuerkraft, die Zulieferindustrie in Thüringen werde hingegen nur „nach Metallwert“ berechnet.

In der aktuellen Diskussion um die Corona-Hilfe drohe eine neuerliche Ost-West-Spaltung, warnt der Ministerpräsident, der manche Parallele zu damals sieht. Wie von der Treuhand heute werde man in Jahren auch von der Corona-Krise sprechen. Dabei könne man Konflikte benennen, ohne darunter zu leiden. „Es lohnt sich hinter diese Geschichte zu schauen, ohne eine Anklagemauer aufzubauen. Denn aus dieser Geschichte kann man auch Kraft holen und sich Stolz für die geleistete Arbeit zugestehen. Und ich wünsche mir, das wir mit Kraft und Stolz auch aus Corona herausgehen werden“.

Wer sich selber ein Bild der Ausstellung machen möchte, wird das bis zum 11. August während der Öffnungszeiten des Museums tun können. Die IFA plant zudem eine Abschlussveranstaltung mit dem Vortrag eines besonderen Gastes, der letzten Wirtschaftsministerin der DDR, Christa Luft.
Angelo Glashagel
Schicksal Treuhand - Ausstellung im IFA-Museum eröffnet (Foto: agl)
Schicksal Treuhand - Ausstellung im IFA-Museum eröffnet (Foto: agl)
Schicksal Treuhand - Ausstellung im IFA-Museum eröffnet (Foto: agl)
Schicksal Treuhand - Ausstellung im IFA-Museum eröffnet (Foto: agl)
Schicksal Treuhand - Ausstellung im IFA-Museum eröffnet (Foto: agl)
Schicksal Treuhand - Ausstellung im IFA-Museum eröffnet (Foto: agl)
Schicksal Treuhand - Ausstellung im IFA-Museum eröffnet (Foto: agl)
Schicksal Treuhand - Ausstellung im IFA-Museum eröffnet (Foto: agl)
Schicksal Treuhand - Ausstellung im IFA-Museum eröffnet (Foto: agl)
Schicksal Treuhand - Ausstellung im IFA-Museum eröffnet (Foto: agl)
Schicksal Treuhand - Ausstellung im IFA-Museum eröffnet (Foto: agl)
Schicksal Treuhand - Ausstellung im IFA-Museum eröffnet (Foto: agl)
Schicksal Treuhand - Ausstellung im IFA-Museum eröffnet (Foto: agl)
Schicksal Treuhand - Ausstellung im IFA-Museum eröffnet (Foto: agl)
Schicksal Treuhand - Ausstellung im IFA-Museum eröffnet (Foto: agl)
Schicksal Treuhand - Ausstellung im IFA-Museum eröffnet (Foto: agl)
Schicksal Treuhand - Ausstellung im IFA-Museum eröffnet (Foto: agl)
Schicksal Treuhand - Ausstellung im IFA-Museum eröffnet (Foto: agl)
Schicksal Treuhand - Ausstellung im IFA-Museum eröffnet (Foto: agl)
Schicksal Treuhand - Ausstellung im IFA-Museum eröffnet (Foto: agl)
Autor: red

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