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Mi, 13:15 Uhr
18.03.2020
Berichte aus den Hotspots der Artenvielfalt 18 und 19

Maßnahmen für den Orchideenschutz

Seit Jahren beobachten wir, dass sich die Reste der sprichwörtlich hohen Artenvielfalt im Gebiet des Südharzer Zechsteinrandes ohne zusätzliche Maßnahmen kaum erhalten lässt. Denn die zahlreichen, auf dem Papier stehenden Regelungen sind die eine Seite, deren Umsetzung aber eine ganz andere Seite, schreibt Bodo Schwarzberg...

Das zeigen auch die Bemühungen um zwei Wuchsorte heimischer Orchideen. Diese zeichnen sich durch je einen Bestand des Blassen und des Stattlichen Knabenkrautes (Orchis pallens und Orchis mascula) aus und liegen in einem Naturschutzgebiet des Landkreises Nordhausen.

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Besonders bedeutsam ist vor allem das in seinem gesamten europäischen Verbreitungsgebiet seltene Blasse Knabenkraut, von dem hier, verteilt in einem Halbtrockenrasen und in einem angrenzenden Eschengehölz, alljährlich bis zu 300 Exemplare zur Blüte kommen. Mit mehreren hundert Exemplaren, gehört eine Orchis-pallens-Population in Deutschland schnell zu den größten bekannten Populationen, was der Arbeitskreis Heimische Orchideen (AHO) Thüringen in einer schriftlichen Mitteilung bestätigte. Im Gebiet um Nordhausen bestehen gleich zwei dieser mit hunderten Exemplaren ausgestatteten Orchis-pallens-Populationen, was die hohe Verantwortlichkeit des Landkreises für die Erhaltung der Art in Deutschland unterstreicht. Das Blasse Knabenkraut hat überdies seinen wichtigsten deutschen Verbreitungsschwerpunkt in Thüringen.

Werden extensiv beweidete Flächen nicht optimal nachgepflegt, kann die eigentlich zu verdrängende Verbuschung noch zunehmen. Auf dieser Weidefläche im NSG Rüdigsdorfer Schweiz befand sich bis etwa 2010 ein Vorkommen des Purpur-Knabenkrauts (Orchis purpurea), welches von der immer stärker aufkommenden Schlehe verdrängt wurde. (Foto: Bodo Schwarzberg) Werden extensiv beweidete Flächen nicht optimal nachgepflegt, kann die eigentlich zu verdrängende Verbuschung noch zunehmen. Auf dieser Weidefläche im NSG Rüdigsdorfer Schweiz befand sich bis etwa 2010 ein Vorkommen des Purpur-Knabenkrauts (Orchis purpurea), welches von der immer stärker aufkommenden Schlehe verdrängt wurde. (Foto: Bodo Schwarzberg)

Werden extensiv beweidete Flächen nicht optimal nachgepflegt, kann die eigentlich zu verdrängende Verbuschung noch zunehmen. Auf dieser Weidefläche im NSG Rüdigsdorfer Schweiz befand sich bis etwa 2010 ein Vorkommen des Purpur-Knabenkrauts (Orchis purpurea), welches von der immer stärker aufkommenden Schlehe verdrängt wurde.

Die beiden Flächen sind Teil eines rund 40 bedeutende Pflegeobjekte umfassenden „Pflegepools“ mit Vorkommen bedrohter Pflanzenarten, um die sich Mitglieder und Freunde des BUND-Kreisverbandes Nordhausen seit Jahren ehrenamtlich kümmern. Durch die damit verbundenen kontinuierlichen Aktivitäten konnten auch an den beiden genannten Orchideenbeständen insbesondere die Folgen mehrerer Nutzungsänderungen, sowie, bezogen auf die Ansprüche der beiden Arten, Bewirtschaftungsfehler abgefedert werden.

Das Purpur-Knabenkraut (Orchis purpurea) an derselben Stelle am 19. Mai 2010. (Foto: Bodo Schwarzberg) Das Purpur-Knabenkraut (Orchis purpurea) an derselben Stelle am 19. Mai 2010. (Foto: Bodo Schwarzberg)

Das Purpur-Knabenkraut (Orchis purpurea) an derselben Stelle am 19. Mai 2010.

Trotz der hohen Verantwortlichkeit des Landkreises Nordhausen bzw. des Freistaates für derartig bedeutende Vorkommen seltener Arten, kamen die Initiativen zu deren Erhaltung praktisch immer aus dem ehrenamtlichen Bereich. Und das, obwohl die Erhaltung der Biodiversität in zahlreichen Regelungen und Strategien festgeschrieben wurde und die Artvorkommen durch Kartierungsprojekte punktgenau erfasst wurden.

Diesen Widersprüchen wird der Rot-Rot-Grünen Landesregierung noch viel stärker Ausdruck verliehen werden müssen, auch durch den BUND-Landesverband.

Zurück zu den beiden Orchideenvorkommen: Während um das Jahr 2007 zunächst noch eine eher zu geringe Intensität der Bewirtschaftung zu Problemen wie Verbuschung führte (wir begegneten dem mit Entbuschung und Beräumung), so war dies ab etwa 2010 eine verstärkte Weidenutzung in Koppelhaltung. Diese führte zu einer zunehmenden Nährstoffanreicherung im Boden, statt zu der artenschutzseitig wünschenswerten Aushagerung, mit der Folge der Entwicklung so genannter Stör- und Nährstoffzeiger, die eine allmähliche Beeinträchtigung der Orchideenbestände nach sich zu ziehen drohten. Als besonders problematisch erwies sich die Entwicklung zumindest einer Brombeerart, deren Ranken sich schon im Frühjahr begannen auf den Halbtrockenrasen zum Teil flächig auszubreiten. Vor allem im Bereich des Vorkommens vom Stattlichen Knabenkraut bildet sich seitdem bereits bis zum Sommer eines jeden Jahres ein teilweise dichtes Geflecht der Ranken aus, die die konkurrenzschwachen Orchideen zunehmend bedrohen. Weitere problematische und sich seit etwa 2010 ausbreitende Stickstoffzeiger vor Ort sind der Gewöhnliche Rainfarn (Tanacetum vulgare) und der Rüben-Kälberkropf (Chaerophyllum bulbosum), welche sich alljährlich unweit des Bestandes vom stark gefährdeten Blassen Knabenkraut entwickeln und, so zeigen es Fotovergleiche, weiter ausbreiten.

Trotz dieser bedenklichen Entwicklungen nahmen beide Orchideenbestände bis 2017, also vor den beiden Dürrejahren, eine positive Entwicklung (285 bei Orchis pallens bzw. 357 blühende Exemplare bei Orchis mascula). Im Vergleich zu den Zählungen zwischen 2006 und 2010 ist das in etwa eine Verdopplung der Anzahl blühender Exemplare.

Dies lag vor allem an der Entfernung der aufkommenden Stickstoff- und Störzeiger von der Fläche durch Mitglieder und Freunde des BUND-Kreisverbandes rechtzeitig vor Beginn der Vegetationsperiode.

Vor zwei Wochen unternahmen wir zu zweit die oben genannten Ergänzungsarbeiten. Dies geschah mit der nötigen Umsicht, da sich, auch angesichts der erfreulich hohen Niederschläge der letzten Wochen, gerade zahlreiche Orchideenexemplare in der Entwicklung befinden.

Es scheint so, als sei es erst durch ein Nebeneinander von nicht zu intensiver Rinderweide und der nachfolgenden ehrenamtlichen Mahd nebst Entbuschung zu dieser positiven Entwicklung bei der Zahl blühender Pflanzen gekommen. Fest jedoch steht, und das ist allgemein gut dokumentiert, dass die Beweidung mit Rindern allein außerhalb von Steilhängen (wie in den Alpen) meist nicht zu einer positiven Entwicklung gerade bei Orchideenbeständen führt, wenn diese nicht mit zusätzlichen Maßnahmen gekoppelt wird. So verschwand ganz in der Nähe der beiden Bestände ein Vorkommen des Purpur-Knabenkrautes inmitten eines Schlehenfeldes, das sich auf rinderbeweideter Fläche entwickelt und ausgebreitet hat (Foto). - Hier hatten wir vom BUND nicht pflegend eingegriffen:

Und hier wird ein grundlegendes Problem deutlich:
So unterliegen die mit Rindern beweideten Flächen oft einer allmählichen, oder wie im geschilderten Fall, stellenweise schnell zunehmenden Verbuschung, die seitens der bewirtschaftenden Landwirte je nach Gebiet nur manchmal, und wenn doch, dann oft mit einem Mulcher beseitigt wird. Dies aber reicht nicht aus, um die Sträucher zurückzudrängen und damit die Orchideenbestände zu schonen. Im Gegenteil: Durch das nur gelegentliche Beseitigen des Strauchaufwuches vor allem im Herbst und Winter (dann sind die Nährstoffe in der Wurzel) werden manche Sträucher, vor allem die Schlehe (Prunus spinosa) in ihrem Bestreben gefördert, noch größere Flächen zu besiedeln. So können sich an einem einzigen, im Winter entfernten Schlehenast durchaus fünf oder mehr neue Zweige bilden.

Schon nach wenigen Wochen Vegetationsperiode im Frühjahr wird so aus einem augenscheinlich perfekt gepflegten Halbtrockenrasen stellenweise ein fast ausschießlich von Schlehe und anderen Gehölzen dominiertes Biotop, in der Orchideen verständlicherweise keinen Platz mehr haben.

Für die Weidetiere bleiben dadurch meist auch nicht allzuviel fressbare Gräser und Kräuter übrig.

Das alternativ zur Mahd oft bequemere Mulchen solcher Flächen oder Flächenteile aber führt zusätzlich zum zunehmenden Konkurrenzdruck der Sträucher auch noch zur Generierung einer Streuauflage, die weitere für bedrohte Arten wichtige physikalische Parameter an der Bodenoberfläche ändert. Durch diese „biologischer Bodenversiegelung“ entstehen eine schnellere Nährstoffverfügbarkeit, es verändern sich pH-Wert und Temperatur- sowie Belüftungsverhältnisse und die für viele Arten so wichtigen offenen Bodenstellen werden abgedeckt. Die naturschutzfachlichen Folgen des Mulchens sind in der Literatur gut dokumentiert, trotzdem wird es auch im Landkreis Nordhausen weiterhin auch in Naturschutzgebieten praktiziert.

Die Aufmerksamkeit hierfür auch seitens der Politik scheint jedoch in der letzten Zeit etwas gestiegen zu sein.

Wir Mitglieder und Freunde des BUND-Kreisverbandes Nordhausen entfernen daher zumindest an den besonders wichtigen Orchideenwuchsorten, so auch an den beiden hier genannten, stehengebliebenen Gehölzaustrieb und vom Mulchen liegengebliebene Biomasse von der Fläche, und das, zumindest in mehreren Jahren hintereinander, bevorzugt während oder unmittelbar vor der Vegetationsperiode, weil da die Schädigung der zu entfernenden Sträucher maximal ist.
Durch die per Mahd im Gegensatz zum Mulchen erzeugte Aushagerung und die entstehenden Bodenverwundungen werden die Orchideen und zahlreiche andere bedrohte Arten gefördert, was zu den oben genannten positiven Bestandsentwicklung beim seltenen Blassen Knabenkraut wesentlich beigetragen haben dürfte und sich mit wissenschaftlich fundierten Empfehlungen zur Pflege von Orchideenvorkommen deckt...

Bewirtschaftung wichtiger Artvorkommen ist ein generelles Problem

Die Mehrzahl bedrohter Pflanzenarten siedelt im Landkreis Nordhusen heute nur noch oder bevorzugt auf Flächen, auf denen es unter dem Strich eine Aushagerung, gekoppelt mit zahlreichen Bodenvewundungen, gibt. Die Vorkommen der beiden oben erwähnten Orchideen Orchis mascula und Orchis pallens, aber auch ein Vorkommen von Orchis militaris (Helm-Knabenkraut) sind hierfür gut dokumentierte Beispiele. Viele Bestände von zum Teil hochgradig bedrohten Pflanzenarten würden ohne unsere ehrenamtlichen Maßnahmen nicht mehr bestehen.

Da wir auf mittlerweile rund 40 derartigen und ähnlichen Flächen mit wertvollem Artenbestand pflegend tätig sind, können wir dies nicht unendlich auf weitere Wuchsorte bedrohter Arten ausweiten. Es ist also auch an den zuständigen Institutionen, hier Veränderungen herbeizuführen, und sich verstärkt den unmittelbaren Ansprüchen bedrohter Arten zu widmen.

Hierzu gab es bereits 2019 engere Kontakte zum Thüringer Umweltministerium (bisher ohne spürbare Auswirkungen). Ein von 2013 bis 2015 bestehendes exklusives Projekt zur gezielten Pflege wichtiger Artvorkommen inklusive Monitoring mit dem Landschaftspflegeverband wurde trotz nachweislicher Erfolge seitens des Landes Thüringen nicht verlängert.

Das derzeit lobenswerte und wichtige Engagement des mit rund 4,5 Mio. Euro über das so genannte Hotspotprojekt geförderten Landschaftspflegeverbandes Südharz-Kyffhäuser zur Wiederaufnahme extensiver Bewirtschaftung einer Reihe wertvoller Trocken- und Halbtrockenrasen sollte unbedingt die konkreten Bestände bedrohter Pflanzenarten berücksichtigen.

Dies im Vorfeld anstehender Bewirtschaftungsmaßnahmen zu tun, darum ersuchten wir die Verantwortlichen schon mehrfach. Einige zum Teil gravierende Schäden an Artvorkommen hätten im Falle einer Abstimmung möglicherweise verhindert werden können.

So würde es beispielsweise in einem Naturschutzgebiet des Landkreises auch mehr Sinn machen, dass, wenn sich Mitglieder des BUND-Kreisverbands um die gezielte Erhaltung einer vom Aussterben bedrohten Pflanzenart (Aussaat Feld-Enzian) und um eine lokal geeignete Bewirtschaftung der Aussaatfläche bemühen, ein gleich danebenliegender Halbtrockenrasen nicht, wie geschehen, gemulcht, sondern gemäht werden würde (Stand Januar 2020). Sollte die von der Thüringer Fachbehörde unterstützte Ansaat des Feld-Enzians erfolgreich sein, benötigt dieser nämlich geeignete Flächen, auf die er sich potenziell ausbreiten könnte.

Dies ist aber auf einer gemulchten Fläche aus den oben genannten Gründen leider kaum möglich.Über so etwas hätte man sich zum Beispiel abstimmen können.

Der Landschaftspflegeverband sollte zudem die unter seiner Trägerschaft erstgepflegten Flächen zur Weiterbewirtschaftung stets nur an landwirtschaftliche Betriebe abgeben, die nachweislich weiterhin extensiv und unter Berücksichtigung wertvoller Artvorkommen bewirtschaften.

Dies muss ein zentrales Ergebnis des bis 2023 laufenden Hotspotprojekts sein, da dieses ja die Erhaltung und Förderung der Biodiversität zum Hauptinhalt hat. Letztlich geht es ja um den effektiven und langfristig wirksamen Einsatz der 4,5 Mio. Euro.

Weitere Verluste bedrohter Arten können wir uns auf Grund der immer länger werdenden Roten Listen gefährdeter Arten nicht mehr erlauben. Der aktuelle Entwurf der Roten Liste gefährdeter Gefäßpflanzenarten Thüringens malt ein katastrophales Bild. Die Naturschutzmaßnahmen von Jahrzehnten waren offenbar überwiegend unzureichend, weswegen dringend geeignetere Wege beschritten werden müssen.
Bodo Schwarzberg
Autor: red

Kommentare
Frankledig
19.03.2020, 00.46 Uhr
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