Mo, 06:55 Uhr
16.03.2020
Opfer von Gipsabbau, Pilzen und Trockenheit:
Alpen-Gänsekresse überlebt an neuem Standort
Schon mehrfach berichtete Bodo Schwarzberg in der nnz über das Schicksal der Alpen-Gänsekresse (Arabis alpina), einer Kühle liebenden, arktisch-alpin verbreiteten Pflanzenart, die außerhalb der Alpen in Deutschland nur über sehr wenige, isolierte Wuchsorte verfügt und deren ursprüngliche Vorkommen im Landkreis Nordhausen dem Gipsabbau und dessen Folgen zum Opfer fielen. Eine neue Erhaltungsbemühung zeigt nun erste, kleine Erfolge...
Alpenkresse (Foto: Bodo Schwarzberg)
Ein Exemplar der Alpen-Gänsekresse am 26.04.2011 an einem der damals zwei Wuchsorte im Landkreis Nordhausen.
Da die Alpen-Gänsekresse eine Art ist, die am Südharzrand seit ihrer vermuteten Einwanderung vor ca. 125.000 Jahren zwischen der vorletzten und der letzten Eiszeit wohl stets nur ausgesprochen kühle und dauerfeuchte Gipsschutthänge in Nordhanglage, also ganz spezielle Nischen bewohnte, reagiert sie entsprechend sensibel auf Veränderungen der für sie entscheidenden und hier nur auf wenigen Quadratmeter gegebenen Lebensbedingungen.
Unter dem Titel Viermal vernichtet – und sie lebt doch, stellte ich kurz die Folgen der menschgemachten Umweltveränderungen für die seltene Art im Landkreis Nordhausen dar, der in Ostdeutschland der einzige Landkreis ist, in dem sie je nachgewiesen wurde.
Viele Generationen von Heimatforschern und Berufsbotanikern bemühten sich um die Erhaltung der 1840 durch Friedrich Wilhelm Wallroth bei Ellrich entdeckten Alpen-Gänsekresse mitunter auch gegen Widerstände, aber letztlich mit gewissem Erfolg. Dieser beinhaltet immerhin die Bewahrung des heimischen Genotyps vor dem endgültigen Verlust.
Denn die beiden bekannten und mehrfach bestätigten Wuchsorte im Raum Ellrich/Cleysingen wurden durch den Gipsabbau direkt vernichtet (ein Wuchsort), bzw. durch die Veränderungen der Lebensbedingungen der Art durch den Gipsbbaus so verändert, dass sie letztlich und trotz aller persönlichen Bemühungen dort keine Überlebenschance mehr hatte. Am letzten verbliebenen natürlichen Wuchsort bei Cleysingen sah ich im Mai 2018, also zu Beginn der damaligen Jahrhundertdürre, die letzten Exemplare.
Zwischen Ende der 60er und Anfang der 80er Jahre jedoch gab es mehrere, schließlich erfolgreiche Versuche, die Art an einem ebenfalls im Landkreis Nordhausen gelegenen Ersatzwuchsort anzusiedeln und zugleich im Botanischen Garten Halle eine Erhaltungskultur aufzubauen.
Seit mindestens 40 Jahren konnte sie, vor allem dank des Engagements mehrerer Spezialisten (siehe oben genannter nnz-Beitrag) an diesem Ersatzwuchsort überdauern. - Eine Pilzinfektion und schließlich die beiden Dürrejahre 2018 und 2019 sorgten jedoch auch in der verbliebenen letzten noch 2013 individuenreichen Population (damals mehrere hundert Pflanzen) für einen dramatischen Rückgang. Gegenwärtig gibt es dort dort gerade einmal acht augenscheinlich nicht sehr vitale Exemplare der eigentlich ausdauernden Art zu sehen. Eine solch kleine Population ist bereits durch relativ geringfügige Ereignisse, wie z.B. einen kleineren Felssturz, zu vernichten (so genannter Flaschenhalseffekt).
Da auch noch die Zahl trockener und heißer Jahre laut der Prognose von Klimawissenschaftlern weiter deutlich zunehmen werden, hätte die auf kühle und dauerfeuchte Verhältnisse angewiesene Alpen-Gänsekresse an diesem Wuchsort aber auch längerfristig wohl keine Überlebenschance mehr.
Angesichts des drohenden Aussterbens der Alpen-Gänsekresse für Thüringen und Ostdeutschland wurde 2019 der wahrscheinlich einzige noch geeignete Standort nordöstlich von Nordhausen mit in gärtnerischer Kultur herangezogenen Pflanzen besiedelt. Dem gingen jahrelange Beobachtungen voraus. - Seine Besonderheit: Im Gegensatz zu anderen Gipsschuttflächen trocknete er auch in den Dürrejahren 2018 und 2019 nicht aus.
Zwar sind von den 2019 dort ausgebrachten rund 50 Pflanzen aktuell nur sechs übrig, drei von ihnen jedoch sind so kräftig und mitlerweile mehrrosettig, dass sie 2020 blühen und fruchten werden. Das ist ein erster Erfolg. Denn es könnte sich die auch von anderen Autoren publizierte Vermutung bestätigen, dass die übrigens wintergrüne Arabis alpina bestimmte Korngrößen des Gipsschutts bevorzugt. Nun scheint klarer, in welchen Bereichen die Ausbringung weiterer Jungpflanzen erfolgversprechend sein könnte. Auf Grund ihrer besonderen Ansprüche insbesondere an die gleichbleibende Feuchte, ist dies nur ein relativ kleiner Bereich. Samen hierfür könnten vom Botanischen Garten Halle bezogen werden, der die Art auch mit dem Ziel einer Erhaltung ihres urprünglichen Genotyps kultiviert.
Ein weiterer kleiner Schritt zur Erhaltung der Alpen-Gänekresse für Thüringen und Ostdeutschland ist damit getan.
Ob Arabis alpina jedoch dauerhaft Teil unserer Thüringer Flora bleiben kann, ist trotz aller Bemühungen fraglich: Der fortschreitende Klimawandel könnte auch an diesem wohl letzten geeigneten Ersatzwuchsort die Verhältnisse zuungunsten der seltenen Art verändern. Dann könnte die mitteldeutsche Arabis alpina nur noch in Botanischen Gärten beobachtet werden.
Die Geschichte der Alpen-Gänsekresse in Thüringen ist eine Geschichte des Verlustes, aber auch vieler Bemühungen um ihren Schutz. Diese sollten für Verantwortliche in Politik, Behörden und Landschaftspflegeverbänden Anlass sein, sich verstärkt den einzelnen bedrohten Arten zuzuwenden. Denn die ebenso notwendige Erhaltung ihrer Wuchsorte durch geeignete Landschaftspflege reicht unter den heutigen Verhältnissen leider nicht mehr aus, um weitere dramatische Artenverluste zu verhindern und damit die selbstgesteckten Ziele zu erreichen.
Bodo Schwarzberg
Autor: red
Alpenkresse (Foto: Bodo Schwarzberg)
Ein Exemplar der Alpen-Gänsekresse am 26.04.2011 an einem der damals zwei Wuchsorte im Landkreis Nordhausen.Da die Alpen-Gänsekresse eine Art ist, die am Südharzrand seit ihrer vermuteten Einwanderung vor ca. 125.000 Jahren zwischen der vorletzten und der letzten Eiszeit wohl stets nur ausgesprochen kühle und dauerfeuchte Gipsschutthänge in Nordhanglage, also ganz spezielle Nischen bewohnte, reagiert sie entsprechend sensibel auf Veränderungen der für sie entscheidenden und hier nur auf wenigen Quadratmeter gegebenen Lebensbedingungen.
Unter dem Titel Viermal vernichtet – und sie lebt doch, stellte ich kurz die Folgen der menschgemachten Umweltveränderungen für die seltene Art im Landkreis Nordhausen dar, der in Ostdeutschland der einzige Landkreis ist, in dem sie je nachgewiesen wurde.
Viele Generationen von Heimatforschern und Berufsbotanikern bemühten sich um die Erhaltung der 1840 durch Friedrich Wilhelm Wallroth bei Ellrich entdeckten Alpen-Gänsekresse mitunter auch gegen Widerstände, aber letztlich mit gewissem Erfolg. Dieser beinhaltet immerhin die Bewahrung des heimischen Genotyps vor dem endgültigen Verlust.
Denn die beiden bekannten und mehrfach bestätigten Wuchsorte im Raum Ellrich/Cleysingen wurden durch den Gipsabbau direkt vernichtet (ein Wuchsort), bzw. durch die Veränderungen der Lebensbedingungen der Art durch den Gipsbbaus so verändert, dass sie letztlich und trotz aller persönlichen Bemühungen dort keine Überlebenschance mehr hatte. Am letzten verbliebenen natürlichen Wuchsort bei Cleysingen sah ich im Mai 2018, also zu Beginn der damaligen Jahrhundertdürre, die letzten Exemplare.
Zwischen Ende der 60er und Anfang der 80er Jahre jedoch gab es mehrere, schließlich erfolgreiche Versuche, die Art an einem ebenfalls im Landkreis Nordhausen gelegenen Ersatzwuchsort anzusiedeln und zugleich im Botanischen Garten Halle eine Erhaltungskultur aufzubauen.
Seit mindestens 40 Jahren konnte sie, vor allem dank des Engagements mehrerer Spezialisten (siehe oben genannter nnz-Beitrag) an diesem Ersatzwuchsort überdauern. - Eine Pilzinfektion und schließlich die beiden Dürrejahre 2018 und 2019 sorgten jedoch auch in der verbliebenen letzten noch 2013 individuenreichen Population (damals mehrere hundert Pflanzen) für einen dramatischen Rückgang. Gegenwärtig gibt es dort dort gerade einmal acht augenscheinlich nicht sehr vitale Exemplare der eigentlich ausdauernden Art zu sehen. Eine solch kleine Population ist bereits durch relativ geringfügige Ereignisse, wie z.B. einen kleineren Felssturz, zu vernichten (so genannter Flaschenhalseffekt).
Da auch noch die Zahl trockener und heißer Jahre laut der Prognose von Klimawissenschaftlern weiter deutlich zunehmen werden, hätte die auf kühle und dauerfeuchte Verhältnisse angewiesene Alpen-Gänsekresse an diesem Wuchsort aber auch längerfristig wohl keine Überlebenschance mehr.
Angesichts des drohenden Aussterbens der Alpen-Gänsekresse für Thüringen und Ostdeutschland wurde 2019 der wahrscheinlich einzige noch geeignete Standort nordöstlich von Nordhausen mit in gärtnerischer Kultur herangezogenen Pflanzen besiedelt. Dem gingen jahrelange Beobachtungen voraus. - Seine Besonderheit: Im Gegensatz zu anderen Gipsschuttflächen trocknete er auch in den Dürrejahren 2018 und 2019 nicht aus.
Zwar sind von den 2019 dort ausgebrachten rund 50 Pflanzen aktuell nur sechs übrig, drei von ihnen jedoch sind so kräftig und mitlerweile mehrrosettig, dass sie 2020 blühen und fruchten werden. Das ist ein erster Erfolg. Denn es könnte sich die auch von anderen Autoren publizierte Vermutung bestätigen, dass die übrigens wintergrüne Arabis alpina bestimmte Korngrößen des Gipsschutts bevorzugt. Nun scheint klarer, in welchen Bereichen die Ausbringung weiterer Jungpflanzen erfolgversprechend sein könnte. Auf Grund ihrer besonderen Ansprüche insbesondere an die gleichbleibende Feuchte, ist dies nur ein relativ kleiner Bereich. Samen hierfür könnten vom Botanischen Garten Halle bezogen werden, der die Art auch mit dem Ziel einer Erhaltung ihres urprünglichen Genotyps kultiviert.
Ein weiterer kleiner Schritt zur Erhaltung der Alpen-Gänekresse für Thüringen und Ostdeutschland ist damit getan.
Ob Arabis alpina jedoch dauerhaft Teil unserer Thüringer Flora bleiben kann, ist trotz aller Bemühungen fraglich: Der fortschreitende Klimawandel könnte auch an diesem wohl letzten geeigneten Ersatzwuchsort die Verhältnisse zuungunsten der seltenen Art verändern. Dann könnte die mitteldeutsche Arabis alpina nur noch in Botanischen Gärten beobachtet werden.
Die Geschichte der Alpen-Gänsekresse in Thüringen ist eine Geschichte des Verlustes, aber auch vieler Bemühungen um ihren Schutz. Diese sollten für Verantwortliche in Politik, Behörden und Landschaftspflegeverbänden Anlass sein, sich verstärkt den einzelnen bedrohten Arten zuzuwenden. Denn die ebenso notwendige Erhaltung ihrer Wuchsorte durch geeignete Landschaftspflege reicht unter den heutigen Verhältnissen leider nicht mehr aus, um weitere dramatische Artenverluste zu verhindern und damit die selbstgesteckten Ziele zu erreichen.
Bodo Schwarzberg


