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So, 19:13 Uhr
15.03.2020
25 Jahre Zirkus Zappelini

Kleine Stadt, großer Zirkus

Jeder fängt mal klein an. Beim Zirkus Zappelini gilt das sowohl für den Verein, wie auch für die unzähligen jungen Artisten, denen man in 25 Jahren die Idee des „neuen Zirkus“ ganz praktisch vermittelt hat. Die große Jubiläumsshow musste man jetzt absagen. Und die Corona-Pandemie ist nicht die einzige Sorge die der Verein im Moment hat. Dennoch blickt man optimistisch in die Zukunft…

v.l.: Alexander Jäger, Steffi Böttcher, Jessica Piper und Michael Mohr (Foto: Angelo Glashagel) v.l.: Alexander Jäger, Steffi Böttcher, Jessica Piper und Michael Mohr (Foto: Angelo Glashagel)

Wie schnell sich die Dinge ändern können, das konnte man im Laufe des Wochenendes erleben. Am Freitag hatte der junge Zirkus Zappelini zum Pressegespräch geladen, es sollte um das große Jubiläum und die Feierlichkeiten gehen.

Das erste Thema des Tages war freilich auch hier der Corona-Virus. Den Trainingsbetrieb wollte man, so hieß es am Vormittag, nicht gänzlich einstellen aber gewisse Vorsichtsmaßnahmen treffen. Man durfte noch Hoffnung haben, das dass „Best of“, die diesjährige Geburtstags-Show auf der großen Bühne des Theaters am 9. April wie geplant stattfinden würde. Immerhin galten bis dahin Veranstaltungen mit weniger als 500 Teilnehmern noch als erlaubt.
Wenige Stunden später zerschlugen sich die Hoffnungen, auf die ersten beiden bestätigten Corona-Erkrankungen im Landkreis Nordhausen folgten die Vorgaben des Landes zu Schulschließungen und weitere Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Der Zirkus reagiert, sagt erst das Training, dann die Show und schließlich auch die Mitgliederversammlung ab.
Es sind keine leichten Tagen für den Verein und das liegt nicht nur am Virus. Die Trainingsräume in der Grimmelallee wird man über kurz oder lang aufgeben müssen, soviel steht fest. Eine Alternative ist nicht in Sicht, auch weil der Fundus des Vereins nach 25 Jahren nicht mehr in einen Koffer passt. Auf eine Turnhalle auszuweichen werde nicht funktionieren, erläuterte die Pressesprecherin des Vereins, Jessica Piper. Streng genommen sei man zwar ein Sportverein, aber eben kein „normaler“. „Wir bringen einiges an Gepäck mit und auch die Räumlichkeiten an sich müssen bestimmte Anforderungen erfüllen“, sagt Piper und meint vor allem Raumhöhe und Traglast.

Am Anfang, als man noch „klein“ war, gestalteten sich die Dinge einfacher. Mit knapp 20 Kindern wurden zwei mal die Woche im Jugendclubhaus trainiert. An große Auftritte auf der Bühne war noch nicht zu denken, man zeigte kleine Kunststücke im öffentlichen Raum, mal auf dem Rathausplatz, mal zwischen Kühltruhen, erinnert sich Steffi Böttcher, die von Anfang an dabei war. Zusammen mit Alexander Jäger bildet sie das Herz und die Seele des Zirkus. Statt zwei Trainingsgruppen betreut man heute zwölf, 130 Kinder macht das aktuell im Schnitt, hinzu kommen freie Trainingseinheiten, bei denen auch Erwachsene lernen können wie man jongliert, balanciert oder in die Seile geht. Mit dem Repertoire wuchsen auch die Aufgaben. Rund 30 größere und kleinere Auftritte absolviert man im Jahr, darunter eine große Show auf der Theaterbühne und eine kleinere im Theater unterm Dach.

Man ist, trotz über die Jahre wiederkehrender Rückschläge weit gekommen. Vor fünf Jahren konnte man sich einen lang gehegten Wunsch erfüllen und dank vieler Spenden und Unterstützung aus der Region ein eigenes Zirkuszelt anschaffen. In Sommer verlagert sich seitdem das Zirkusleben für drei Monate auf den alten Sportplatz an der Rothleimmühle. Neben den eigenen Workshops, Auftritten und Trainingseinheiten lädt man hierhin seit der ersten Stunde in der Szene namenhafte Künstler ein. Der Stadt und der Region hat man damit ein kulturelles Kleinod beschert, das im ländlich geprägten Raum seinesgleichen sucht und so erst wieder in den nächsten Metropolen und Großstädten zu finden ist.

Der große Zirkus in der kleinen Stadt hat sich damit auch in der Szene des „neuen“ oder „zeitgenössischen“ Zirkus einen Namen gemacht. „Wir sind da inzwischen berüchtigt und berühmt und bekommen inzwischen sogar Anfragen an das Zelt ohne das wir vorher anklopfen müssen“, sagt Steffi Böttcher. Ziel ist es dabei auch immer, die Ideen des „cirque nouveau“ den eigenen, jungen Artisten und dem Publikum zu vermitteln. Staunen und Zauber im Zirkuszelt funktionieren auch ohne Tiere, atemberaubende Artistik ist nicht nur schön anzusehen, sondern kann auch Geschichten erzählen und selbst Clownerie, Pantomime und Jonglage können nachdenkliche Töne anschlagen.

Um das Zelt müsse man sich in diesem Jahr keine Sorgen machen, erklärte „Zirkusdirektor“ Michael Mohr. Zwar hätten sich die Bedingungen am Alten Tor etwas geändert und man halte immer nach Alternativen Ausschau, der diesjährigen Saison stehe, auch Dank der Unterstützung von Landkreis, Stadt und Freistaat, theoretisch nichts im Wege. So sich die Corona-Situation wieder entspannt, könnte man im Mai mit dem Aufbau des Zeltes beginnen.

Man ist vorsichtig optimistisch, meint Mohr, nicht nur in Sachen Zelt, sondern auch in der Raumfrage und der Zusammenarbeit mit dem Theater. Mit dem ist man von Beginn an verbunden. Intendant Christoph Nix unterstützt Mitte der 90er Jahre den jungen Zirkus in der ersten Zeit nach Kräften, den „Abenteuerspielplatz“ in der Grimmelallee teilt man sich seit 18 Jahren mit dem jungen Theater, ist sowohl „Untermieter“ als auch „Lieferant“ für die Spielzeit. Der Um- und Ausbau des großen Hauses stellt nun auch den Zirkus vor neue Herausforderungen. Die alte Halle in der Grimmelallee ist baufällig, ein Verkauf steht im Raum und die Zusammenarbeit mit dem Theater könnte in diesen schwierigen Zeiten auf der Kippe stehen. Theaterintendant Daniel Klajner hatte zu Jahresbeginn erklärt, das man noch nicht wisse wie es beim jungen Theater und dem Zirkus weitergehen könne und man dringend nach Lösungen suchen müsse.

Leicht sei das alles nicht, meinte Mohr am Freitag, aber auch keine „akute Sorge“. „Wir suchen nach neuen Proberäumen und stehen dabei im Kontakt mit vielen Einrichtungen. Kurzfristig sind Ausweichlösungen machbar, langfristig suchen wir aber ein neues zu Hause für die nächsten zehn bis 15 Jahre“. An der Kooperation mit dem Theater festhalten, niemand wolle die Zappelinis „über die Klinge springen lassen“.

Das alles wurde am Freitag besprochen. Die langfristigen Probleme sind zwei Tage später klar in den Hintergrund gerückt, die Sorgen die man heute hat, sind drückender. Hält sich die Pandemie, kommen auch auf die Kulturschaffenden harte Zeiten zu. Wann die Show weiter geht, das weiß aktuell niemand.
Angelo Glashagel
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