Mi, 10:51 Uhr
04.05.2005
Wie war das vor 100 Jahren?
Wie war das vor 100 Jahren? (Foto: nnz)
Nordhausen (nnz). Das Jahr 2005 ist in den deutschen Landen auch geprägt durch den Dichter Friedrich Schiller, dem man in zahlreichen Publikationen und Veranstaltungen in vielfältigster Art begegnen kann, wenn man sich darauf einlassen will. In einem nnz-Beitrag schreibt Heidelore Kneffel die Feierlichkeiten vor 100 Jahren.Und man sollte sich einlassen, denn die Dichtung dieses Mannes gehört nicht der Vergangenheit an. Um das zu erfahren, muss man sie lesen, hören und die Dramen ansehen. Der Schriftsteller Rudolf Hagelstange (1912 - 1984), gebürtiger Nordhäuser, Ende 1947 in die Westzonen gegangen, schrieb 1959 den Essay Friedrich Schiller und die Deutschen und leitete ihn folgendermaßen ein: Warum und zu welchem Zweck gedenken die Völker ihrer großen Dichter? - solche Überlegung scheint gerade zum 200. Geburtstag Friedrich Schillers geraten, wenn nicht gar geboten. Die Routine, mit der unser Jahrhundert dem Kalender huldigt, wenn es gilt, die wirklichen oder vermeintlichen Schätze der Nation auszustellen, läßt uns nicht die beste Meinung haben von jenen mnemotechnischen Eselsohren, durch die wir uns zu vorgetäuschtem Interesse, zu nationalem Stolz oder wenigstens zur Pietät aufgerufen sehen.
Es macht den Eindruck, als riefen gerade die toten Dichter diese merkwürdigen Bewegungen, Emotionen, Exaltationen hervor - vermutlich, weil die lebenden nicht mit der Kraft ausgestattet sind, in auch nur annäherndem Maße Aufmerksamkeit, Teilnahme oder gar Ehrfurcht zu erwecken. Schiller, der einmal von der geringen Teilnahme höherer Stände an den Erzeugnissen der deutschen Literatur gesprochen hat, hat in den letzten Jahren vor seinem Tod - am erwärmendsten wohl in Leipzig und 1804 in Berlin - die ungebrochenen Strahlen nationalen Ruhmes auf sich fallen sehen und war gerührt und glücklich darüber. Aber, wer will uns das Recht bestreiten zu vermuten, daß dieser unbestechliche Geist vor dem Ausmaß heute geläufiger publicity erschreckt zurückweichen würde - wahrscheinlich in die Problematik seiner Arbeit, seines noch lange nicht abgeschätzten Künstlertums, das gerade in der Fülle pauschaler Lobhudelei die tiefestgehende Kränkung und Verwundung empfinden würde... Große nationale Dichtung, recht verstanden, gibt es nur als große Dichtung an sich. Das will besagen, daß es zuerst auf die Dichtung ankommt, die ihren Dichter macht. Dann aber: daß Nationales - als Wurzelgrund, Element, Temperament begriffen - keine Beschränkung, kein Nachteil für die Größe eines Werkes ist ... Diese Einschätzung gilt auch 2005 zum 200. Todestag am 9. Mai.
Im Theater Nordhausen spielt man Die Jungfrau von Orleans, die am 8. April Premiere hatte. Da die Sparte Schauspiel seit dieser Spielzeit nicht mehr existiert, tritt das Ensemble des Thüringer Landestheaters Rudolstadt auf. In der Dichterstätte Sarah Kirsch in Limlingerode kommen Schiller und Goethe gemeinsam mit ihrem Balladenschaffen vor, zu dem sie sich gegenseitig inspirierten. Die Veranstaltung am 21. Mai 2005 um 14.30 Uhr trägt den Titel: Leben Sie recht wohl und lassen Ihren Taucher je eher je lieber ersaufen, so heißt es in einem Brief Goethes an Schiller vom 10. Juni 1797. Das Team des Schillerhauses (Gartenhäuschen) in Jena gestaltet das Programm.
Besinnen wir uns zurück und fragen, wie verlief die Schillerwürdigung von 100 Jahre, also in einer Zeit, als der Dichter 100 Jahre tot war, in Nordhausen, das eine lange Theatertradition besitzt. Man war damals in der Stadt am Südharzrand bestrebt, der Verehrung für diesen Dichter in verschiedenster Weise nachzukommen. Betrachten wir das Geschehen genauer. Zuerst bildete man einen Ausschuss, der für die Vorhaben anlässlich der Schillergedächtnisfeier verantwortlich war, ihm gehörte der Oberbürgermeister Dr. Karl Contag höchstpersönlich an. Als Leitmotiv wählte man den Spruch: Das Volk, das seine Großen ehrt, es ehrt sich selbst! Was wurde den Bürgerinnen und Bürgern angeboten? Als Einleitung der Schiller-Gedächtnis-Feier gab man am 6. und 7. Mai drei Veranstaltungen im Theater. Ein extra engagiertes Schauspiel-Ensemble - man hatte noch kein festes - führte Wilhelm Tell auf. Der Darsteller des Tell kam vom Schillertheater Berlin, der Melchthal vom Stadttheater Düsseldorf, der Geßler vom Hoftheater Sondershausen. Eintrittskarten gab es für 30 Pfennige, für alle Plätze gleich, die Schüler kamen kostenlos hinein.
Am 8. Mai setzte man die Würdigung mit einer Vorfeier zum Schillertag fort, es gab im Theater eine Festvorstellung, die als Auftakt die Ouvertüre zu Wilhelm Tell von Rossini bot. Nach einem Festvortrag spielte man Wallensteins Lager, danach Beethovens Oper Fidelio. Erst nach Mitternacht war die Veranstaltung beendet. Man hatte um zahlreiches Erscheinen und um das Anlegen festlicher Kleidung gebeten, um allem ein festliches Gepräge zu geben. Auch Flaggenschmuck erschien zur Ehrung im Stadtbild.
Am 9. Mai, dem Schiller-Tage selbst, wurde im Stadtpark an der Zorge eine Schiller-Linde gepflanzt. Von den Kirchen der Stadt klang das Extrageläut bis hin zur Grünanlage. Der Oberbürgermeister hielt die Ansprache, in der er u.a. ausführte: Und wo hat die Freiheit einen glühenderen Verehrer gefunden, als in Schiller? Mit stürmischer Kraft hat sein Feuergeist für Freiheit und Menschenrechte gestritten. Freiheit, Freundschaft, Menschenrechte und Menschenglück hat keiner so herrlich besungen. So feiert ihn, rufen wir mit Goethe aus, denn, was dem Manne das Leben nur halb erteilt, soll ganz die Nachwelt geben. ... Eine Linde pflanzen wir. Webt sich nicht um die Dorflinde, unter der sich Alt und Jung zu ernsthaftem Gespräch, zu Lust und Scherz und Tanz zusammenfinden, ein besonders poetischer Zauber? Die Linde ist der Baum der Poesie ...
Das war der Auftakt zum Anlegen eines Schillerhaines, was sich bis zum 10. November 1905 hinzog. Dazu heißt es in einem Verwaltungsbericht: Der Schillerhain wird durch Hinüberschaffung von ca. 800 m³ Erde aus dem mittleren Teich erweitert und erhöht, im Vordergrund das abgerundete Plateau für die Schillerbank hergerichtet und bekiest. Beiderseitig sind Solitär-Coniferen gepflanzt, und in dem zurückliegenden Teil ist mit der Anpflanzung von Linden begonnen worden.
Die erwähnte Bank wurde aus Granit vom Brocken angefertigt und bestand aus einem breiten Sitzplatz auf Konsolen. Auf der hohen Rückenlehne standen in Stein erhaben ausgehauen die Jahreszahlen 1805 - 1905. In der Mitte der nochmals erhöhten Lehne befand sich ein Schillermedaillon, in Galvano ausgeführt. Die ganze Anlage kostete damals 1800 Mark. Diese Bank überstand den ersten und den zweiten Weltkrieg. Aber 1969 wurde sie entfernt statt restauriert. An der Stelle steht jetzt ein Granitblock aus dem Harz, an dem das bronzene Schillerrelief befestigt wurde. Der Ausschuss hatte in einer Inseration die Herren Kaufleute, Fabrikbesitzer und sonstigen Gewerbetreibenden gebeten, ihre Geschäfte bitte am 9. Mai um 3 Uhr nachmittags zu schließen, damit das Personal an den Schillerfeiern teilnehmen könne. Viele hielten sich daran, wofür ihnen öffentlich gedankt wurde.
Neben der Schillerlindenpflanzung traf man sich am Abend des 9. Mai zu verschiedenen unentgeltlichen Festveranstaltungen, weil man möglichst die gesamte Bürgerschaft erreichen wollte. Deshalb ergingen auch keine besonderen Einladungen. Allerdings konnten pro Familie höchstens drei Personen Einlass erhalten und nur Erwachsene (nicht unter 16 Jahren) die Aufführungen besuchen. Die Einlasskarten, die es an verschiedenen Orten gab, musste man sich vorher besorgen. Als Veranstaltungsorte wählte man Häuser mit großen Sälen, das waren Zu den drei Linden und die Spangenbergsche Brauerei, dritte Stätte war das Theater. Geboten wurden Gedenkreden, Deklamationen, gesangliche und musikalische Aufführungen, lebende Bilder. Im Gehege, dem Stadtwald Nordhausens, konnten die Bürger nachmittags und abends ein Konzert erleben.
Auch die Schulen standen nicht abseits und begingen in ihren Aulen den 100. Todestag mit Gedichtvorträgen, dem Singen von Vertonungen Schillerscher Verse und dem Vortragen von Festreden. In den oberen Klassen vergab man zum ersten Mal Schiller-Prämien, d. h., man stellte 300 Mark zur Verfügung, um Schillers Werke zu kaufen, die an solche Schülerinnen und Schüler verteilt wurden, die sich im Unterricht ausgezeichnet hatten. Dieser Brauch wurde noch mehrere Jahre beibehalten. Die Bücher stammten von angesehenen Verlagen und wiesen eine vorzügliche Ausstattung auf.
Die Zeitung Nordhäuser Post druckte am 8. Mai einen Artikel über Schillers Zeit und unsere Mode, am 9. Mai Schiller in der Umgangssprache, darauf verweisend, dass viele die Sprachschöpfungen des Dichters als geflügelte Worte verwenden, ohne zu wissen, dass Schiller der Urheber ist. Als besonderes Geschenk an die Leser gab es am 9. Mai eine achtseitige reich illustrierte Sonderbeilage.In diesen Maitagen beschloss man in Nordhausen auch die Einrichtung eines Schillergedächtnisfonds, der zur Ausstattung der Volksbücherei dienen sollte. Als Grundstock wurden diesem Fond 3000 Mark aus Sparkassenüberschüssen zugeführt. Soweit die Geschehnisse zum 100. Todestag Friedrich Schillers in Nordhausen im Jahr 1905.
Vielleicht nutzt der eine oder andere den 9. Mai des Jahres 2005, um in den Nordhäuser Stadtpark zu gehen, zum Schillergedächtnisstein hin. Man hat eine Blume mitgebracht, ein Schillerbuch in der Tasche, aus dem man etwas zitiert. Oder aber, man hat Teile einer Ballade noch im Gedächtnis, kennt einige Schillerworte auswendig. Wie dem auch sei, die Dichtung Schillers lebt!
Heidelore Kneffel

