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Sa, 09:50 Uhr
02.11.2019
Stadtverwaltung will neue Wege gehen

Die Nordhäuser Geschichte lebt weiter

Die Nummer 28. war die Letzte, vor kurzem wurden die "Nordhäuser Nachrichten" eingestellt. Seit 1991 hatte das Magazin Berichte, Anekdoten und Analysen zur Geschichte des Südharzes gesammelt. Die Autorinnen und Autoren, die hier geschrieben haben haben befinden sich inzwischen im fortgeschrittenen Alter. Stirbt das Interesse an der Heimatgeschichte langsam aus? Im Stadtarchiv ist man anderer Meinung...

Das Team des Stadtarchivs um Dr. Theilemann mit älteren und jüngeren Publikationen zur Nordhäuser Geschichte (Foto: Angelo Glashagel) Das Team des Stadtarchivs um Dr. Theilemann mit älteren und jüngeren Publikationen zur Nordhäuser Geschichte (Foto: Angelo Glashagel)
Das Team des Nordhäuser Stadtarchivs

Die Geschichte wirft einen längeren Schatten, das ist auch bei dieser kleinen Episode nicht anders. Als die Zeitschrift 1991 durch den damaligen Bürgermeister Dr. Schröter und den Archivar Dr. Peter Kuhlbrodt ins Leben gerufen wurde, da war die Wende noch frisch und der Mauerfall noch weit weg von runden Jubiläen. Damals habe es einen großen Nachholbedarf in Sachen Geschichte gegeben, sagt der aktuelle Herr des Nordhäuser Archivs, Dr. Wolfram Theilemann, vor allem mit Blick auf den Nationalsozialismus und die DDR-Dekaden.

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Im Arbeiter- und Bauernstaat war die Vergangenheit von nachrangigem Interesse. Mit ihrer Zerstörung im Krieg waren der Stadt auch viele sichtbare Zeichen ihrer Geschichte verloren gegangen. Im Wiederaufbau sollte man sich, "der Zukunft zugewandt", dem Fortschritt widmen und nicht mit der Rückschau befassen. R. H. Walter Müller, seines Zeichens ebenfalls Archivar, wollte seinem Nordhausen ein Stück seiner Vergangenheit zurückgeben und publizierte zwischen 1953 und 1959 den "Nordhäuser Roland". Danach war es lange ruhig, erst 1977 begann man auf betreiben geschichtlich Interessierten Bürgern wie Paul Lauerwald mit der Unterstützung des Meyenburg Museums mit den jährlichen "Beiträgen zur Nordhäuser Geschichte", heute besser bekannt als die "Gelbe Reihe".

Wenige Kilometer weiter, auf der anderen Seite der deutsch-deutschen Grenze hielt man das Interesse wach. In Bad Sachsa hatte sich eine Landsmannschaft Exil-Nordhäusern zusammengefunden, die ihre eigene Publikation auf den Weg brachten, die "Südharzer Heimatblätter". Die Abonnenten des Heftes fanden sich nicht nur verstreut im Westen des Landes, sondern in der ganzen Welt, von Namibia bis Belgien. "Die Heimatblätter boten eine westdeutsche Sicht auf die Geschichte und die Geschehnisse des zweiten Weltkrieges", erklärt Dr. Theilemann, "da ging es um persönliche Nachrichten, um die Weitergabe von Traditionen aber auch um Abrechnungen und Rechtfertigungen."

Das Ende der Geschichte?

Als mit dem nahenden Ende des Jahrhunderts die Wiedervereinigung kam, war das Publikum der "Heimatblätter" in die Jahre gekommen, der Verein aus Bad Sachsa konnte die Publikation nicht mehr stemmen und so übernahm man in Nordhausen die Veröffentlichung des Magazins. Heute sei man in einer ähnlichen Situation wie die Landsmannschaft Anfang der 90er Jahre, sagt Nordhausens Stadtarchivar, zwar hätten sich die "Nordhäuser Nachrichten" mit gut 200 Abonnements noch getragen, das Ende sei jedoch absehbar. Noch stehe man gut da, man habe jetzt aussteigen wollen, bevor sich das ändere.

Ins Alter gekommen sind auch diejenigen, die regelmäßig einen Blick auf die Nordhäuser Vergangenheit werfen. Heimatforscher wie Hans-Jürgen Gröhnke, Dr. Kuhlbrodt, Heidelore Kneffel und einige andere machen sich seit Jahrzehnten verdient um die lokale Geschichtsforschung doch auch dieses Engagement wird einmal ein Ende haben. Die Stadt- und Gästeführergilde und dem Geschichtsverein plagen Nachwuchssorgen, die Frage ob das Interesse an der Geschichte der Stadt und der Region demnächst den Weg alles irdischen geht, liegt da nicht fern.

Das sei ganz und gar nicht der Fall, meint Dr. Theilemann, in Nordhausen genieße man im Vergleich zu anderen Städten ähnlicher Größe sogar eine relativ komfortable Situation. Zum einen gibt es "jüngeren" Nachwuchs, Thomas Müller und Markus Veith seien als umtriebige Autoren hier stellvertretend genannt, zum anderen gebe es neben altgedienten Publikationen wie der "Gelben Reihe" neue Formen der Veröffentlichung und Wissens-Konservierung wie das "Nordhausen Wiki". Hin und wieder treffen auch eigentlich Fachfremde den Nerv des allgemeinen Interesses wie zuletzt Fotograf Michael Garke mit seinen Vorträgen und dem daraus resultierenden Buch zu den "Nordhäuser Unterwelten". Hinzu kommen Institutionen wie die "Lesser-Stiftung", die vor allem wissenschaftliche Arbeiten fördert.

Neue Wege

Dennoch habe man sich zuletzt die Frage gestellt, wie es weitergehen kann und soll. Den "Nachholbedarf" der 90er und frühen 2000er Jahre gebe es so heute nicht mehr. Die Defizite im Nachwuchs werde man nicht ausgleichen, indem man mit der Lupe nach engagierten Rentnern suche, meint Dr. Theilemann.

Der neue Weg hat mehrere Pfade: mit der Aufgabe der "Nordhäuser Nachrichten" werde man "mehr Kraft" in die "Gelbe Reihe" setzen, erklärt Theilemann. Die inzwischen 40 Bände starke Reihe wird weiterhin nachgefragt, über die zuletzt im Stadtrat diskutierte Kooperation mit dem Geschichtsverein soll in Zukunft die Qualität weiter gehoben werden. Pfad zwei führt in die Digitalisierung. Sowohl der Verein wie auch das Archiv arbeiten an neuen Internetauftritten. Auf Seiten des Archivs werden dabei die eigentlichen Leistung der Institution im Vordergrund stehen. "Wir sind zuallererst ein Behördenarchiv. Die Auseinandersetzung mit der Stadtgeschichte ist für uns das Fleisch an den Knochen unserer bürokratischen Aufgabe". Deswegen wolle man im Netz auch einen Platz für die Geschichte und Themen wie die "Archivalie des Monats" schaffen.

Auf Pfad Nummer drei soll ein neues Stadtmagazin führen, die Überlegungen hierzu stecken aber noch in den Kinderschuhen. "Wir haben keine städtische Publikation als solche, außer dem Amtsblatt. Mit dem Stadtmagazin soll die Traditionslinie der "Nordhäuser Nachrichten" fortgeführt, aber um andere Themen aus dem Alltagsleben der Stadt erweitert werden.", erläutert Lutz Fischer, Pressesprecher der Stadt, das Vorhaben. Soweit als möglich soll das Magazin nach dem Prinzip "von unten nach oben" funktionieren und den Bürgerinnen und Bürgern eine Möglichkeit geben, ihre Beiträge zu veröffentlichen, wie das auch bei den "Nordhäuser Nachrichten" der Fall war, nur das der Themenkreis nicht auf historische Ausarbeitungen beschränkt ist.

Der "Tod" der "Nordhäuser Nachrichten" sei kein Grund zur Trauer, sagt Archivar Theilemann, das Interesse an der Geschichte habe sich zwar verändert, sei aber ungebrochen. Neben den regelmäßigen Publikationen sind im Moment weitere Veröffentlichen in Arbeit, darunter ein zweiter Band der "Nordhäuser Persönlichkeiten", eine Fortschreibung der städtischen Chronik ab 1989 sowie der nunmehr 11. Band der "Heimatgeschichtlichen Forschungen des Stadtarchivs", die noch von R. H. Walter Müller ins Leben gerufen worden.
Angelo Glashagel
Autor: red

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Kommentare
DDR-Facharbeiter
03.11.2019, 14:14 Uhr
SS-Untaten dürfen nicht die Erinnerung an technische Großtaten verdecken..
Technikgeschichte ist Kulturgeschichte.
Geschichtsbewusste Nordthüringer sind froh, dass die Geschichts-Schreibung über
Erfindungen und Entwicklungen aus Nordthüringen, nicht nur schriftlich, weitergeführt wird.
Es besteht Hoffnung, dass auch im IFA-Museum und zukünftigen Ausstellungs-Stätten beim Mittelwerk Dora anschaulich dargestellt wird, was hier erfunden, entwickelt und produziert wurde.
Technische Großtaten wie die Antriebs- und Steuerungs-Aggregate von Weltraum-Raketen
wurden in Nordthüringen entwickelt und produziert.
Die Sowjets liessen von 1945 bis 1947 im IFA-Werk V2- Aggregate für ihre Fernraketen produzieren.
Auf den Reissbrettern des "Planungsbüros der Entwicklungsgemeinschaft Mittelwerk", Leiter Wernher von Braun, entstanden die Konstruktionen, die später die Raketen der Sowjets und der Amerikaner ins Weltall trugen.
SS-Untaten gegen Menschen aus aller Welt dürfen nicht die Erinnerung an
technische Großdaten für die Menschen dieser Welt verdecken.
Susanne Blau
03.11.2019, 15:30 Uhr
... und nicht zu vergessen: Die Autobahnen!
Wat hat der Führer nicht alles dolles janz allene und selbst erfunden und jebaut. Dat muss doch auch mal gesagt werden dürfen. *** Ironie OFF ***
Selten einen so geschichtsvergessenen Kommentar gelesen. Man kann eben die durch Krieg und Sklavenarbeit erzwungenen technischen Entwicklungen nicht von ihrem Zweck - der Weiterführung eines Vernichtungskrieges - trennen. Wer das versucht, landet ganz schnell bei den Geschichtsrevisionisten und ihren Märchen vom Präventivkrieg.
Latimer Rex
03.11.2019, 16:44 Uhr
Nordhäuser Nachrichten/Auf ein Neues
Mit Bedauern ist die Einstellung der „Nordhäuser Nachrichten“, herausgegeben vom Stadtarchiv Nordhausen, von geschichtsbewußten Einwohnern und heimatverbundenen Nordhäusern in der Diaspora aufge-
nommen werden. Dank und Anerkennung gebühren den Gründern wie der Redaktion und den Autoren der im 28. Jahrgang erschienenen "Südharzer Heimatblätter" (so der Untertitel).
Der Spruch früherer Northisser Generationen "Dr ollen Erbe losst nech verderbe" wird mit der Zusammen-assung der heimatkundlichen Ressourcen befolgt. Gutes Gelingen! möchte man dem neuen Projekt und seinen Sachwaltern zurufen. Das Vorhaben bleibt bei Stadt-
archivar Dr. Wolfram Theilemann in den besten, wissenschaftlich unabhängigen Händen.
Während der NS-Diktatur und dem SED-Regime konnte es nicht ausbleiben, dass der Zeitgeist auch in die Heimatgeschichte eindrang. Umso größer war die Erleichterung nach der friedlichen Revolution in der DDR.
Denn in Beiträgen nach 1945 ist nicht selten „der Aufbau des Sozialismu“ verklärt, sind bürgerliche Politiker verunglimpft worden wie der Oberbürgermeister Dr. Richard Senger, der im Juni 1945 von den US-Besatzung ein- und im Juli von der Sowjet-Militärverwaltung in
Nordhausen abgesetzt wurde.
Auf der anderen Seite der Zonengrenze, im „Exil“ vieler Nordhäuser in Bad Sachsa, brachte Dr. Heinz Sting, Oberbürgermeister von 1933 bis 1934, schon früher „Nordhäuser Nachrichten“ heraus. Sie waren ein Stück Heimat für in den Westen geflüchtete Nordhäuser.
Sting nutzte das Blatt in kleinem Format auch zu seiner Rechtfertigung; denn er war im Streit mit dem NSDAP-Kreisleiter Keiser beurlaubt worden.
Ein neues Stadt-Magazin und die Fortführung der „Gelben Reihe“ heimatgeschichtlicher Publikationen werden die Lücke der „ Nordhäuser Nachrichten“ schließen helfen. Zunehmende Bedeutung erlangt auch das NordhausenWki. Je weiter die Globalisierung voran-schreitet, desto wohltuender wird es sein, sich auf die Heimat zu besinnen und ihr Vermächtnis weiterzu-geben.#
Andreas Dittmar
03.11.2019, 17:53 Uhr
Kann man so nicht stehen lassen DDR-Facharbeiter
Zitat :"SS-Untaten dürfen nicht die Erinnerung an technische Großtaten verdecken.." Auf das was in Dora geschah, bin ich definitiv nicht stolz. Hier wurde nichts erfunden. Hier wurde getötet. Mittelbau-Dora steht für Serienfertigung von Waffen unter Kriegsbedingungen, die Tausende Häftlinge aus ganz Europa mit dem Leben bezahlten.
Der Schwur von Buchenwald war eindeutig und lässt keinen Interpretationsspielraum, noch nicht mal für W. v. Braun. Denn auch er hatte die Chance, in den Dachauer Prozessen Verantwortung zu übernehmen.
Wolfi65
03.11.2019, 19:01 Uhr
Der Beitrag wurde deaktiviert – Verstoß gegen AGB
Paulinchen
03.11.2019, 19:12 Uhr
Darf man fragen,...
... was an den vielen Vernichtungslagern positiv gewesen sein könnte?

Eine solche Diskussion halte ich für mehr als unangemessen. Dort wurden Menschen durch Arbeit vernichtet, die wurden ganz bestimmt nicht in der Forschung und Entwicklung mit einbezogen. Somit hat auch Wernher v. Braun, Blut an seinen Händen gehabt, egal ob er etwas entwickelt hat oder nicht. Nur gut, dass er in den USA nicht als Held gestorben ist. Das Leiden der Opfer ist zu Ende gegangen, aber die Erinnerungen an sie, sollten wir gerade in den gegenwärtigen Zeiten, sehr wach halten.
Iffland
03.11.2019, 19:26 Uhr
Nordhäuser Geschichte
Die Nordhäuser Nachrichten wurden in den 1960er Jahren von Heinz Sting herausgegeben. Erst als vier Bücher, dann folgten Hefte zum sammeln. Darin wurden sämtliche Nachrichten verzeichnet, die für ehemalige Nordhäuser in ganz Deutschland und im Ausland wichtig war. Vor allem Hochzeiten und Taufen, Baumaßnahmen und anderer alltägliche Beiträge. Mehrere tausend Abonnenten gab es, von denen einige auch ihre Erlebnisse bzw. Erinnerungen der Redaktion einreichten.
Mit dem Jahr 1990 löste sich der Verein auf, das seine Existenzgrundlage mit der Deutsche Einheit aufgehoben wurde.
Der Harz-Kurier übernahm die Publikation und die zahlreichen Abonnenten. Nachdem der Harz-Kurier seinen Nordhäuser Teil einstellte, übernahm die Thüringer Allgemeine die Ausgabe und stelle diese für wenige Jahre in einfacher Papierform her.
Danach übernahm die Stadt die Nordhäuser Nachrichten, welche nun eingestellt wurde, da von den einstigen ca. 1.000 Abonnenten nur noch ca 200 über blieben.
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