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Di, 21:39 Uhr
11.06.2019
Neue Sonderausstellung im Museum Tabakspeicher

Kinderlust und Kinderfrust

Die Zeit als Kind ist zumeist leicht und unbeschwert. Hier und heute. In der Vergangenheit hatte auch der Nachwuchs an der Härte des Lebens zu leiden. Insbesonders muss das für die "dunklen Jahrhunderte" des Mittelalters gelten. Oder nicht? Eine neue Sonderausstellung im Tabakspeicher geht jetzt dem Thema nach und zeigt viel Schatten aber auch Licht...


Um die Jahrhunderte zwischen dem Fall der antiken Welt und dem Beginn des Aufbruchs in die Neuzeit ranken sich allgemeinhin viele Mythen, verformt durch die Betrachtung von Generationen an Nachgeborenen. Alles dunkel, alles düster, alles dumm und voller Aberglaube - ein zivilisatorischer Tiefpunkt. Oder voller Heldentum, buntem Gemenge, ehrbaren Rittern und edlen Hofdamen, ein Ausdruck höchster Rechtschafftenheit und voller Ideale.

Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte, soweit ist die historische Betrachtung des Mittelalters inzwischen gediehen. Dennoch bleibt die faktische Basis für unser Wissen um die Vergangenheit an vielen Stellen dünn. Eine neue Sonderausstellung im Museum Tabakspeicher befasst sich seit heute mit einem dieser dunkleren Flecken des Mittelalters: der Kindheit.

Die auf uns gekommenen Belege zum Leben der jungen und jüngsten befassen sich vor allem mit dem Alltag der gehobenen Schichten, des Adels und später auch des wohlhabenden Bürgertums. Die Ausstellung im Tabakspeicher aus der Feder von Dr. Alice Selinger macht den Versuch etwas tiefer zu blicken und auch die Realität der niederen Stände zu beleuchten und dabei grundsätzliche Fragen zu beantworten.

Wie etwa stand es um das Bildungswesen? Alles dumm und ungebildet? Die Antwort ist ein emphatisches "Jain". Es ist der Ausstellung zu Gute zu halten das sie sich nicht einfach "das Mittelalter" zur Brust nimmt, sondern immer wieder zwischen einzelnen historischen Abschnitten und Epochen differenziert. Im 6. Jahrhundert waren es vor allem rar gesäte Klosterschulen, die ein wenig Bildung vermittelten. Ganz anders im 13. und 14. Jahrhundert, die mit dem erblühen der städtischen Kultur auch weiteren Teilen der Bevölkerung, sogar den Ärmsten, Bildungschancen eröffnen. So zählt man im Florenz des 14. Jahrhunderts rund 10.000 Grundschüler, die nicht nur Bibelverse auswendig lernen.

Freilich muss man erst einmal ein schulfähiges Alter erreichen und das war auch im Spätmittelalter keine Selbstverständlichkeit. Die Ausstellung geht auch zur Kindersterblichkeit, zum Umgang mit Säuglingen, zum Ammenwesen, zur Rolle von Vater und Mutter und vielen anderen Aspekten in die Tiefe.

Große Schauwerte sollte man allerdings nicht erwarten, "Kindheit im Mittelalter" glänzt vor allem durch informative Texte und Annäherungen an "echte" Artefakte. Zum einen liegt das daran, dass erhaltene Gegenstände selten sind. Spielzeuge etwa wurden, wie viele andere Alltagsgegenstände auch, zumeist aus Naturmaterialien wie Holz oder Knochen hergestellt und haben die Jahrhunderte nur in Glücksfällen überdauert. Zum anderen befasst sich die Literatur der Zeit selten mit ihren jüngsten Mitgliedern.

Wer Zeit zum lesen mitbringt, dem ist ein Besuch dennoch empfohlen, die Sonderausstellung kann hier und da Lichts ins dunkel jahrhunderterlanger Überformungen bringen, hält die eine oder andere unerwartete Überraschung parat und lässt manchen Zeitgenossen die eigene, gesegnete Kindheit im 20. und 21. Jahrhundert vielleicht noch einmal mit anderen Augen sehen.
Angelo Glashagel
Neue Sonderausstellung im Museum Tabakspeicher (Foto: Angelo Glashagel)
Neue Sonderausstellung im Museum Tabakspeicher (Foto: Angelo Glashagel)
Neue Sonderausstellung im Museum Tabakspeicher (Foto: Angelo Glashagel)
Neue Sonderausstellung im Museum Tabakspeicher (Foto: Angelo Glashagel)
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