Sa, 11:05 Uhr
25.05.2019
Aus der Geschichte der ehemals Freien Reichsstadt
Der gemütliche Sinn der Nordhäuser
Als tausendjährige, ehemals Freie Reichsstadt hat Nordhausen eine bedeutsame Geschichte. Ihr historisches Stadtbild versank bei den Luftangriffen zu Ostern 1945 in Schutt und Asche. Umso wichtiger ist es, lebendige Erinnerungen für folgende Generationen zu bewahren. Heimatforscher und Historiker sind sich darüber einig, dass Nordhausen früher ein besonders ausgeprägter Bürgersinn auszeichnete...
Nordhausen im Mai 1945 (Foto: privat)
Dieses Gemeinschaftsgefühl dürfte durch die Umwälzungen zweier aufeinander folgender Diktaturen im östlichen Teil Deutschlands gelitten haben. Wer möchte heute in Nordhausen nicht in Frieden und Eintracht leben, aber - frei nach Bertold Brecht – die Verhältnisse sind nicht so.
Ein Stimmungsbild von der pulsierenden Stadtmitte vor der Zerstörung fällt ins Auge, so ein zufällig entdeckter Eintrag im Gästebuch von NordhausenWiki. In gereimter Form schrieb ein Leser namens Sommerfeld: Die Rautenstraße in meiner Erinnerung war sehr beliebt bei alt und jung. Es gab Geschäfte in großer Zahl, und die Auswahl der Sachen war eine Qual. Was man haben wollte, konnte man kaufen, brauchte nicht stundenlang rumzulaufen. In einem Geschäft gab es Kaffee und Schokolade, schon der Duft im Laden war eine Labe. Ein großes Kaufhaus, Pinthus & Ahlfeld genannt, war bei allen Leuten bekannt, und eine Treppe führte in die 1. Etage, auch hier konnte man kaufen alle Tage. Und was ich noch ganz besonders weiß, in der Nähe gab es wunderbares Eis. Luigi Tragella hieß der italienische Mann. Er fabrizierte ein Eis, wie es keiner kann.
Und zwischen all den Herrlichkeiten fuhr die Straßenbahn auf ihren Gleisen, auf dem Kornmarkt ein Schutzmann stand, er regelte den Verkehr per Hand. Dann war da noch ein bekanntes Gebäu-de, der ‚Römische Kaiser’, ein Hotel für reiche Leute. Sie kamen von weit her angereist, weil man dort vorzüglich speist. Auch der Neptun in seinem Brunnen hatte dort seinen Platz gefunden. Und am Martinstag kamen die Bürger gelaufen, denn hier konnten sie ihren Karpfen kaufen. So könnte ich noch lange weiter berichten von all den Geschäften mit ihren Geschichten.
Rückblende um mehr als 120 Jahre. Da veröffentlichte Rudolf Eckardt, Inspektor des Waisenhauses in Nörten, im Leipziger Verlag Bernhard Franke die Gedenkblätter seines Vaters Theodor, eines Professors für Theologie und Geschichte, über dessen Heimatstadt Nordhausen (damals 26 847 Einwohner).
Im heute verstaubt anmutendem Kanzleistil heißt es darin: Der ächte Nordhäuser hat eine besondere Vorliebe für seine Vaterstadt, ist offenherzig, wohl-thätig, gastfrei und gesellig, hat jedoch auch sein Geschäft, welches ihm besonders am Herzen liegen muß, stets im Auge. Daß unter diesen Umständen auch die Sprache sich verändert hat, versteht sich von selbst. Man hört den früheren breiten thüringer Dialekt weniger als sonst, und es läßt sich erwarten, daß er, wie in andern Städten, nach und nach immer mehr verschwindet. Der gemütliche Sinn der Nordhäuser sucht, wie ein Bürger der Stadt es ausgesprochen, dem Leben die beste Seite abzugewinnen. Dahin zielen denn auch die Volksfeste.
In preußischer Hörigkeit vor Thron und Altar wurde 1895 weiter ausgeführt: In jedem Freistaate herrscht eine ewige Reibung der Aristokraten und Demokraten; nichts wird dem regierenden Senate vorgeschlagen, wobei sich nicht Parteien fänden. Deshalb sind monarchische Regierungen den beiden vorher angegebenen gewiß vorzuziehen, wo nicht ein jeder unwissende Schreier sich Ansehen und Ruhm erwerben kann, sondern wo bloß Geschicklichkeit, innere Kraft und Würde gilt; wo nicht jeder Revolutionssüchtige seiner Willkür unge-straft freien Lauf lassen kann, sondern wo Gesetze und Veränderungen der Prüfung einsichtsvoller Männer unterworfen werden.
In der wechselvollen Stadtgeschichte begehrten die stolzen Nordhäuser mehrmals gegen geistliche Herren, herrschende Patrizier oder gegen die kommunale Obrigkeit auf. Über ein Schicksalsjahr im Mittelalter berichtete Prof. Eckardt: Es war in der Karwoche im Jahre 1324, als der erste bedeutende Bürgeraufruhr entstand. Unter dem Bürgermeister Thiele rotteten sich die unzufriedenen Bürger zusammen, unter Anführung des Ratsherrn Heinrich von Wechsungen, dem sie anhingen. Die Häuser des Bürgermeisters Conrad Thiele und vierzig Ratsherren wurden erstürmt, zerstört und geplündert. Thiele mußte mit seinen Anhängern die Stadt verlassen.
Kaiser Ludwig V. befahl, sich der Obrigkeit zu unterwerfen, die Vertriebenen wieder aufzunehmen und in ihre alten Würden wieder einzusetzen, auch die Ruhe und Ordnung wieder herzustellen; aber sie gehorchten nicht. Der Pöbel wurde nur noch wütender. Sie überfielen die Geistlichen des Stifts St. Crucis, welche die Sache vermitteln wollten, mißhan-delten und verjagten sie aus der Stadt, zündeten ihre Häuser an und erschlugen die Juden, die in der Stadt wohnten.
Matthias, Erzbischof von Mainz, citierte die Rädelsführer, unter Androhung des Bannes, vor seinen Richterstuhl. Die Bürger kehrten sich wenig an die Drohungen des Erzbischofs, sie plünderten und brannten vielmehr alle Stiftshäuser ab; die Folge davon war, daß der Bannfluch wirklich über die Bürgerschaft ausgesprochen wurde. Da nun die Kirchen den Aufrührern geschlossen wurden, erbauten sie, der Kaiser, Könige und Fürsten schrecklichem Spruche zum Trutz, eine Kirche und nannten sie St. Georgii (das Gebäude, welches früher die Nummer 22 führte), in der einige den Aufrührern zugethane Geistliche, unter andern Magister Meinhardt zu St. Nikolai, predigten. Da nun alle vorgeschlagenen Vergleiche, Anträge, alle Mittel, die Ruhe wieder herzustellen, umsonst waren, so verbot Dietrich, Graf von Hohnstein, seinen Unterthanen alle Gemeinschaft mit den Rebellen.
Hierdurch gerieten die Bürger in drückende Not, denn durch die Unterthanen des Grafen waren sie bis jetzt mit Früchten und Holz versehen worden. Aber auch diese Maßregel brachte die Wütenden noch nicht zur Ordnung. Nun zog endlich der Erzbischof selbst vor die Stadt, brannte die Mühle ab, und hielt alle Zugänge eng besetzt, bis 1326, wo endlich durch Vermittelung der Domherren Seiffart von Halle und Hermann von Bebra ein Vergleich zustande kam. Der Bann wurde aufgehoben, die Rädelsführer wurden bestraft, die Stadt mußte dem Erzbischof 600 Mark Silber auszahlen, und die Bürger mußten am St. Jakobstage die Geistlichen mit Kreuzen und Fahnen am Thore empfangen, von da nach dem Rathause und sodann nach dem Dome geleiten.
Martin Roland
Autor: red
Nordhausen im Mai 1945 (Foto: privat)
Dieses Gemeinschaftsgefühl dürfte durch die Umwälzungen zweier aufeinander folgender Diktaturen im östlichen Teil Deutschlands gelitten haben. Wer möchte heute in Nordhausen nicht in Frieden und Eintracht leben, aber - frei nach Bertold Brecht – die Verhältnisse sind nicht so.
Ein Stimmungsbild von der pulsierenden Stadtmitte vor der Zerstörung fällt ins Auge, so ein zufällig entdeckter Eintrag im Gästebuch von NordhausenWiki. In gereimter Form schrieb ein Leser namens Sommerfeld: Die Rautenstraße in meiner Erinnerung war sehr beliebt bei alt und jung. Es gab Geschäfte in großer Zahl, und die Auswahl der Sachen war eine Qual. Was man haben wollte, konnte man kaufen, brauchte nicht stundenlang rumzulaufen. In einem Geschäft gab es Kaffee und Schokolade, schon der Duft im Laden war eine Labe. Ein großes Kaufhaus, Pinthus & Ahlfeld genannt, war bei allen Leuten bekannt, und eine Treppe führte in die 1. Etage, auch hier konnte man kaufen alle Tage. Und was ich noch ganz besonders weiß, in der Nähe gab es wunderbares Eis. Luigi Tragella hieß der italienische Mann. Er fabrizierte ein Eis, wie es keiner kann.
Und zwischen all den Herrlichkeiten fuhr die Straßenbahn auf ihren Gleisen, auf dem Kornmarkt ein Schutzmann stand, er regelte den Verkehr per Hand. Dann war da noch ein bekanntes Gebäu-de, der ‚Römische Kaiser’, ein Hotel für reiche Leute. Sie kamen von weit her angereist, weil man dort vorzüglich speist. Auch der Neptun in seinem Brunnen hatte dort seinen Platz gefunden. Und am Martinstag kamen die Bürger gelaufen, denn hier konnten sie ihren Karpfen kaufen. So könnte ich noch lange weiter berichten von all den Geschäften mit ihren Geschichten.
Rückblende um mehr als 120 Jahre. Da veröffentlichte Rudolf Eckardt, Inspektor des Waisenhauses in Nörten, im Leipziger Verlag Bernhard Franke die Gedenkblätter seines Vaters Theodor, eines Professors für Theologie und Geschichte, über dessen Heimatstadt Nordhausen (damals 26 847 Einwohner).
Im heute verstaubt anmutendem Kanzleistil heißt es darin: Der ächte Nordhäuser hat eine besondere Vorliebe für seine Vaterstadt, ist offenherzig, wohl-thätig, gastfrei und gesellig, hat jedoch auch sein Geschäft, welches ihm besonders am Herzen liegen muß, stets im Auge. Daß unter diesen Umständen auch die Sprache sich verändert hat, versteht sich von selbst. Man hört den früheren breiten thüringer Dialekt weniger als sonst, und es läßt sich erwarten, daß er, wie in andern Städten, nach und nach immer mehr verschwindet. Der gemütliche Sinn der Nordhäuser sucht, wie ein Bürger der Stadt es ausgesprochen, dem Leben die beste Seite abzugewinnen. Dahin zielen denn auch die Volksfeste.
In preußischer Hörigkeit vor Thron und Altar wurde 1895 weiter ausgeführt: In jedem Freistaate herrscht eine ewige Reibung der Aristokraten und Demokraten; nichts wird dem regierenden Senate vorgeschlagen, wobei sich nicht Parteien fänden. Deshalb sind monarchische Regierungen den beiden vorher angegebenen gewiß vorzuziehen, wo nicht ein jeder unwissende Schreier sich Ansehen und Ruhm erwerben kann, sondern wo bloß Geschicklichkeit, innere Kraft und Würde gilt; wo nicht jeder Revolutionssüchtige seiner Willkür unge-straft freien Lauf lassen kann, sondern wo Gesetze und Veränderungen der Prüfung einsichtsvoller Männer unterworfen werden.
In der wechselvollen Stadtgeschichte begehrten die stolzen Nordhäuser mehrmals gegen geistliche Herren, herrschende Patrizier oder gegen die kommunale Obrigkeit auf. Über ein Schicksalsjahr im Mittelalter berichtete Prof. Eckardt: Es war in der Karwoche im Jahre 1324, als der erste bedeutende Bürgeraufruhr entstand. Unter dem Bürgermeister Thiele rotteten sich die unzufriedenen Bürger zusammen, unter Anführung des Ratsherrn Heinrich von Wechsungen, dem sie anhingen. Die Häuser des Bürgermeisters Conrad Thiele und vierzig Ratsherren wurden erstürmt, zerstört und geplündert. Thiele mußte mit seinen Anhängern die Stadt verlassen.
Kaiser Ludwig V. befahl, sich der Obrigkeit zu unterwerfen, die Vertriebenen wieder aufzunehmen und in ihre alten Würden wieder einzusetzen, auch die Ruhe und Ordnung wieder herzustellen; aber sie gehorchten nicht. Der Pöbel wurde nur noch wütender. Sie überfielen die Geistlichen des Stifts St. Crucis, welche die Sache vermitteln wollten, mißhan-delten und verjagten sie aus der Stadt, zündeten ihre Häuser an und erschlugen die Juden, die in der Stadt wohnten.
Matthias, Erzbischof von Mainz, citierte die Rädelsführer, unter Androhung des Bannes, vor seinen Richterstuhl. Die Bürger kehrten sich wenig an die Drohungen des Erzbischofs, sie plünderten und brannten vielmehr alle Stiftshäuser ab; die Folge davon war, daß der Bannfluch wirklich über die Bürgerschaft ausgesprochen wurde. Da nun die Kirchen den Aufrührern geschlossen wurden, erbauten sie, der Kaiser, Könige und Fürsten schrecklichem Spruche zum Trutz, eine Kirche und nannten sie St. Georgii (das Gebäude, welches früher die Nummer 22 führte), in der einige den Aufrührern zugethane Geistliche, unter andern Magister Meinhardt zu St. Nikolai, predigten. Da nun alle vorgeschlagenen Vergleiche, Anträge, alle Mittel, die Ruhe wieder herzustellen, umsonst waren, so verbot Dietrich, Graf von Hohnstein, seinen Unterthanen alle Gemeinschaft mit den Rebellen.
Hierdurch gerieten die Bürger in drückende Not, denn durch die Unterthanen des Grafen waren sie bis jetzt mit Früchten und Holz versehen worden. Aber auch diese Maßregel brachte die Wütenden noch nicht zur Ordnung. Nun zog endlich der Erzbischof selbst vor die Stadt, brannte die Mühle ab, und hielt alle Zugänge eng besetzt, bis 1326, wo endlich durch Vermittelung der Domherren Seiffart von Halle und Hermann von Bebra ein Vergleich zustande kam. Der Bann wurde aufgehoben, die Rädelsführer wurden bestraft, die Stadt mußte dem Erzbischof 600 Mark Silber auszahlen, und die Bürger mußten am St. Jakobstage die Geistlichen mit Kreuzen und Fahnen am Thore empfangen, von da nach dem Rathause und sodann nach dem Dome geleiten.
Martin Roland

