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So, 11:31 Uhr
17.02.2019
nnz-historisch

Nordhausen im Jahre 1790

„Der Charakter der Nordhäuser ist offen, frei, ohne Ziererei.“ So beginnt der Bericht des Schriftstellers Jonas Ludwig von Heß (1756–1823) über die Bürger der Rolandstadt. In seinem Werk Durchflüge durch Deutschland, die Niederlande und Frankreich, welches zu Ende des 18. Jahrhunderts erschien und es auf sieben Bände brachte, zeichnet Heß ein rührendes Bild von Nordhausen…


Heß, geboren 1756 zu Stralsund, gestorben 1823 in Hamburg, war zuerst schwedischer Offizier, ließ sich 1780 in Hamburg als Schriftsteller nieder und unternahm dann Reisen; das Ergebnis davon war oben genanntes Werk.

Über 200 Jahre sind seitdem vergangen, doch der Reisebericht von Heß über Nordhausen ist für jeden Geschichtsinteressierten ein wahrer Schatz und liegt nun vollständig digitalisiert vor. Besonders der Bericht über ‚den‘ Nordhäuser mit seinen Charaktereigenschaften ist heute zum Schmunzeln:

"Man spricht über Staats- und Stadtsachen ohne Umschweife und Aengstlichkeit, selbst in Gegenwart der Senatoren. Vor diesen nimmt man den Hut ein ganz klein wenig tiefer ab, sonst bezahlt man ihnen keine Ehrerbietung. Es gefällt ihnen, daß man anderswo Reformen macht, sie selbst aber glauben sich keiner Reformen zu bedürfen. Nebenher bemengen sich die Brenner und Schweinefütterer ein bißchen mit der Politik und blättern so viel in fremden Zeitungen daß sie das Historische der Zeitläufe ziemlich inne haben, ohne sonderlich ins Feine zu gehen. Die Bürger sind mittelmäßig wohlhabend und setzen ihr Glück nicht sowohl in Luxus und Glanz als in Zufriedenheit, unübereilte Tätigkeit und gute Laune.

Gesunden Menschenverstand trifft man fast überall. Falsche Anmaßungen, Prahlsucht und Witzelgeist sind mir nicht vorgekommen. Sie finden sich nicht lächerlich und klein, wie die zu Goslar und sind nicht aufgeblasen. Man beschwert sich nicht über den Magistrat, nicht über schlechte Nahrung, nicht über die Eingriffe der Fürsten. Man prahlt nicht mit seinen Herrlichkeiten und begnügt sich mit dem goldenen Mittelstände bei dem Bewußtsein, es so ziemlich mit dem Schicksal getroffen zu haben. Zu neuen Unternehmungen taugen die Nordhäuser nicht, können aber sehr Wohl bestehen, wenn es mit ihrem Nährstande beim alten bleibt, worin sie jetzt noch von Niemanden gestört werden.

Die Religiosität steht im Mittelpunkt; man spottet nicht, aber man ist lau. Der Nordhäuser besucht den Gottesdienst unausgesetzt mit anständiger Andacht, aber ohne religiösen Enthusiasmus.

Weniger Modesucht, Nachahmung und französische Sitten findet man in keiner der Reichsstädte. Noch hat kein Franzose, selbst als Sprachmeister hier gedeihen können, auch jetzt hat und verlangt die Stadt keinen dieser in Deutschland so reichlich verstreuten Menschwesen.

Den Sitten sieht man das Obersächsische schon an. Die eiserne Tätigkeit, das harte, verdrossene Arbeiten, die gefurchten Stirnen der Niedersachsen sind schon verschwunden. Der Dialekt ist hochdeutsch mit Vermischung plattdeutscher Redensarten."

Alle Bände sind online bei der Bayerischen Staatsbibliothek abrufbar sowie eine Textauswahl im NordhausenWiki.
Vincent Eisfeld
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Kommentare

17.02.2019, 19.42 Uhr
janko
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