nnz-tv Eichsfelder Nachrichten Kyffhäuser Nachrichten Mansfeld-Südharz-Zeitung Unstrut-Hainich Zeitung
Mi, 17:30 Uhr
07.11.2018
Tag der jüdisch-israelischen Kultur in Nordhausen

Sag Shalom!

Bereits zum 26. mal begeht man diese Woche im Freistaat den Tag der jüdisch-israelischen Kultur. In der Nordhäuser Stadtbibliothek versuchte man sich Israel und dem Judentum heute über Sprache, Literatur und Geschichte zu nähern. Auch für die kommenden Tage steht noch einiges auf dem Programm...


Foto: pixabay.com/prawny

Wie nähert man sich einer fremden Kultur? Am besten über die Sprache, denn die eröffnet den Weg zu allem weiteren. Lesen heißt verstehen. Oder ist doch zumindest sehr hilfreich.

Einer der es wissen muss, gab heute in der Stadtbibliothek einen Crash-Kurs in Sachen Alt-Hebräisch. Als junger Student habe Bodo Seidel schon vor dem Frühstück eine Stunde mit der Sprache des alten Testaments verbracht, erinnert sich seine Gattin und Leiterin der Stadtbibliothek, Hildegard Seidel. Heute trägt der Theologe eine Doktortitel und vermag manch interessantes Detail rund um das Volk Israel zu berichten.

Etwa den Umstand das man eine hebräische Bibel "von hinten" aufschlägt, zumindest aus europäischer Perspektive. Hebräisch wird bis heute von rechts nach links geschrieben und gelesen. Die "Kastenschrift" sieht fremdartig aus, ist über ihre Wurzeln im phönizischen aber auch mit dem griechischem, dem Latein und damit auch den weiteren europäischen Sprachen verwandt.


Tatsächlich sprechen kann man das altestamentarische Hebräisch heute kaum noch, schon zu Zeiten des Bar-Kochba Aufstandes im 2. Jahrhundert nach Christus, als man sich in Israel zum wiederholten Male gegen die römische Besatzung auflehnte, war das alte Hebräisch eine tote Sprache wie heute das Latein, zugänglich nur für wenige Gelehrte. Mit der kommenden Diaspora wurde der Abstand zur alten Sprache noch größer. Modernes Hebräisch, das "Iwrit", verhält sich zu seinem Ursprung in etwa so wie das Altgriechische zu seinem modernen Pendant.

Eine jüdische Tragödie ohne Holocaust und Exodus

Von der Theologie ging man in der Stadtbibliothek weiter zur Literatur. Bibliotheksleiterin Hildegard Seidel das Buch "Die Schönheitskönigin von Israel" vor. Interessant sei vor allem der Blickwinkel des Bestsellers aus dem Jahr 2013. Man folgt der Geschichte der Familie Ermonza, sephardische Juden die schon im 16. Jahrhundert vor der Verfolgung in Spanien flohen und im osmanischen Reich eine neue Heimat fanden.

Autorin Sarit-Yishai Levi verarbeitet im Roman auch die eigene Familiengeschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Historische Ereignisse wie der Widerstand gegen Osmanen und Engländer, die Gründung des Staates Israel oder das aufkommen der Kibbuzim-Bewegung spielen eine Rolle und werfen das traditionelle Leben der Familie gehörig durcheinander, andere weittragenden Ereignisse wie der Holocaust spielen im Leben der Familie kaum eine Rolle, sehr wohl aber ihre Folgen.

Der eigentliche Fokus liegt auf dem zwischenmenschlichen und dem Konflikt der Generationen. Die jungen Männer der Familie Ermonza verlieben sich in junge Damen aus Osteuropa, sogenannte Ashkenazim, für die sephardische Familie damals nur Menschen zweiter Klasse, erklärt Hildegard Seidel, die Tragödie zwischen verbotener Liebe, Zweckheirat und der voranschreitenden Moderne nimmt ihren Lauf.

Die historischen Hintergründe will am Abend wiederrum Dr. Bodo Seidel klären, wenn er sich mit der 70jährigen Geschichte des Staates Israel befassen will.

Jüdisch-Israelische Kulturtage in Nordhausen

Die Stadtbibliothek ist in den kommenden Tagen nur ein Veranstaltungsort von vielen. Im Weltladen lädt man morgen Nachmittag um 16 Uhr zum Puppenspiel Isaak und der Elefant Abul Abbas. Das Stück erzählt die bewegende Geschichte des jüdischen Händlers Isaak, der ein Geschenk des Kalifen zu Karl dem Großen bringen soll: den weißen Elefanten Abul Abbas. Es beginnt eine gefährliche Reise die über Jerusalem, durch die Wüsten Afrikas, das wilde Mittelmeer und die Alpen bis nach Aachen führt.


Eine ganz und gar nicht alltägliche Kinderoper bringt das Junge Theater dann am Abend auf die Bühne: „Brundibár“ von Hans Krása feiert am Donnerstag um 18 Uhr Premiere im Theater unterm Dach. Die Oper ist ein starkes Symbol für Freundschaft, Überleben und Hoffnung. Aufgeführt 1941 im Konzentrationslager Theresienstadt, stellte die Oper für die Mitwirkenden einen kleinen Funken Normalität im KZ-Alltag dar. Dieses entstehende Gemeinschaftsgefühl, dieser Zusammenhalt, die nicht nur im Stück erzählt, sondern von den damaligen Interpreten auch gelebt wurden, sind heute immer noch in der Musik hörbar und in den Inszenierungen spürbar.

Im Anschluss bittet man um 19:30 Uhr ins große Haus zur Diskussionsrunde Erinnern an GESTERN diskutieren. HEUTE Chancen für MORGEN mit Intendant Daniel Klajner, Prof. Dr. Reinhard
Schramm, dem Vorsitzenden der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Dr. Stefan Hördler, Leiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau Dora, Oberbürgermeister Kai Buchmann, und Alexander Scharff, der für den Verein Schrankenlos im Podium Platz nimmt.

Am 9. November wird um 16 Uhr der Zerstörung der Nordhäuser Synagoge in der Reichspogromnacht gedacht. Um 19.30 Uhr lädt das Loh-Orchester unter der Leitung von Generalmusikdirektor Michael Helmrath zum 3. Sinfoniekonzert, das ebenfalls im Gedenken an die Reichspogromnacht stattfindet. Unter dem Motto „Erinnern für die Zukunft“ stehen Werke von Prokofjew, Yusupov, Schostakowitsch und Beethoven auf dem Programm. Eine Gedenkansprache hält der Präsident des Thüringer Landtags, der die Schirmherrschaft der Gedenkveranstaltungen übernommen hat. Ab 21 Uhr folgt eine bunte Feier der Toleranz mit dem Aletchko-Quartet.

Am Samstag findet um 19 Uhr im Ratssaal ein Comic-Konzert mit Itay Dvori statt. Die zum Teil komponierten und zum Teil improvisierten Vertonungen verknüpfen sich mit den gleichzeitig projizierten Bildern und Texten der Comics und Graphic Novels zu einem besonderen Erlebnis.

Am Sonntag schließt sich dem Reigen auch die junge Kirche Herzschlag an. In Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Mittelbau-Dora will man hier ab 18 Uhr mit Lyrik und Vorträgen der Novemberpogrome von 1938, an Ausgrenzung, Gewalt und die Zerstörung jüdischen Lebens gedenken. Mit dabei sind Dr. Christoph Kreutzmüller, Dr. Björn Weigel und Dr. Stefan Hördler, musikalisch untermalt wird das Ganze mit Liedern von Viktor Aslund nach Gedichten von Marianne Dora Rein.
Angelo Glashagel
→ Druckversion
← zum Nachrichtenüberblick

Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.
→ Kommentar hinzufügen



Es gibt kein Recht auf Veröffentlichung.
Beachten Sie, dass die Redaktion unpassende, inhaltlose oder beleidigende Kommentare entfernen kann und wird.

 
Wir verwenden Cookies um die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren und geben hierzu Informationen zu Ihrer Nutzung unserer Website an Partner weiter. Mehr Informationen hierzu finden Sie im Impressum und der Datenschutzerklärung.