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Mo, 10:49 Uhr
29.10.2018
Betrachtet

Hubertus, Jagd und Kirche

Alljährlich finden um den 3. November herum, dem Hubertustag, die so genannten und von den Kirchen gesegneten Hubertusjagden und -messen statt. Die 11. Auflage der Hubertusmesse war gestern Abend im Dom zum Heiligen Kreuz. Als ökumenischer Gottesdienst...

Hubertusmesse im Dom (Foto: Kurt Frank) Hubertusmesse im Dom (Foto: Kurt Frank)
Nordhausen. Ich war wieder Gast. Nicht der Reden wegen. Die gleichen sich. In Inhalt und Aussage: Bewahrung der Schöpfung. Auch Drehbuch und Regie ändern sich nicht. Optischer Blickfang das Hirschgeweih mit dem Kreuz, an die Hubertus-Legende erinnernd. Und Jesus Christus am Kreuz.

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Keine grundlegend neue An - oder Einsichten. Oder doch? Gedanken zur Jagd sprach Egon Primas. Der CDU-Politiker ist Mitglied des Thüringer Landtages, Verwaltungsratsmitglied von Thüringen-Forst und Jäger. Er sah sich, schweren Herzens, zu einer Erkenntnis veranlasst: Als er vor Jahren das erste Mal hier im Dom anlässlich der Hubertusmesse sprach, glaubte er noch, Vorbehalte der Jagd gegenüber der Bevölkerung abbauen zu können. Das sei nicht gelungen. Im Gegenteil.

Vorbehalte? Bei Drückjagden, so Primas, müsse künftig besser darauf geachtet werden, Unsicherheiten in der Bevölkerung zu vermeiden. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, es werde gegen das Wild ein Feldzug geführt. Wie zu lesen war, entstand ein solcher in Rothesütte. Stundenlang habe es dort geknallt.

Fehlende Akzeptanz. Ist sie nicht auch hausgemacht? Jagd, Sicherheit und Folgen. Der Redner ließ letztlich den Mut vermissen, kritischer darauf einzugehen. Erst jüngst ereigneten sich unliebsame Dinge, die unter anderem einem kleinen Mädchen fast das Leben gekostet hätten. Begebenheiten, die allesamt nicht einem besseren Verständnis der Jagd gegenüber dienlich waren.

Beindruckende Umrahmung (Foto: Kurt Frank) Beindruckende Umrahmung (Foto: Kurt Frank)
Es ist die Atmosphäre in diesem ehrwürdigen Gotteshaus in hellem Glanz, die mich bislang Jahr für Jahr in den Dom führte. Es sind die beeindruckenden Orgelklänge. Es sind die Jagdhornbläser Birkenmoor, die mit ihren Instrumenten den Dom erschallen lassen. Es sind die Gesänge einer Chorgemeinschaft mit Jagd -und Kirchenliedern.

Und doch überkommen mich jedes Mal Zweifel. Wir erinnern uns: Hubertus führte einst ein vergnügungssüchtiges Leben. Er tötete alles Getier, das ihm vor den Bogen kam. Bis zur Begegnung mit dem Hirsch mit dem leuchtenden Kreuz im Geweih. Die Legende besagt: In der Gestalt des Hirsches fragte Christus: „Hubertus, warum verfolgt du mich?“ Was bedeuten soll: Warum willst du mich töten?

Vor die Wahl gestellt, entweder das Tier zu töten, dann tötete er Christus. Oder es nicht zu tun und sich zu Christus und dem Glauben zu bekennen. Hubertus bekannte sich zu Christus, zum Glauben. Der Jagd entsagte er völlig. Trotz alledem finden Jahr für Jahr die von Kirchen gesegneten Jagdstrecken, Hubertusjagden und -messen statt. Wo aber, mit Verlaub, ist zu lesen, dass Christus – beide Kirchen verehren ihn als Sohn Gottes – jemals Tiere verfolgt oder gar gejagt haben soll?

Viele Menschen, übrigens auch Jäger, fragen sich daher: Ist es heute noch im Sinne Christi, ausgerechnet den Namen Hubertus, der nach seiner Besinnung absolut mit der Jagd nichts mehr am Hut hatte, für eine Messe zu verwenden, um den Dank dem Weidwerk gegenüber zum Ausdruck zu bringen?

Kirche, Jagd und Tiere seien von jeher eine unheilige Allianz, sagen Jagdgegner und Kirchenkritiker. Wann, fragen sie, habe es jemals ein offizielles kirchliches Wort gegen Massentierhaltung und Tierquälerei gegeben? Wann hätten sich die großen Kirchen jemals gegen Tierversuche und Tiertransporte ausgesprochen. Hingegen sprechen sie den Tieren Seele und Gefühle ab.

Prof. Dr. Erich Gräßer war unter anderem Ordinarius für Neues Testament an der Universität Bonn. Was ist mit Kirche und Tierschutz? fragte er sich und gab die Antwort: Wenn einst die Geschichte unserer Kirche geschrieben wird, dann wird das Thema „Kirche und Tierschutz“ ein ebenso schwarzes Kapitel darstellen wie das Thema „Kirche und Hexenverbrennungen im Mittelalter“.

Wenngleich nicht alle, sehen Vertreter der Kirche in den Hubertusmessen hingegen ein Zeichen der Verbindung von Jagd und christlichem Glauben und demnach keinen Widerspruch. Außerdem sei Jagd auch Tradition und Brauchtum. Keine Hubertusmesse im Dom zum Heiligen Kreuz ohne diese Mahnung: Respekt und Achtung vor der Schöpfung. Was Dompfarrers Richard Hentrich und Andreas Schwarze, Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Südharz, gestern zelebrierten, hatte mit der Jagd allerdings direkt nichts zu tun.

Eine Jagd aus christlichem Geist müsse mit Respekt und Verantwortung vor der Schöpfung geschehen, meint die Kirche.

Ein Jäger, so die Jagdbefürworter, werde dieser Verantwortung nur dann gerecht, der Tiere mit großer Sorge behandelt, sie hegt und pflegt, ihrem Wohl und dem Gleichgewicht in der Natur dient. Die Tötung durch einen sauberen Schuss, wird argumentiert, sei oft schonender für Tiere, als an einer Krankheit in Massentierhaltungen zu verenden und sich dort zu quälen.

Auch Jagdgegner beziehen sich auf die Hubertusmessen. Sie seien nicht mehr zeitgemäß. Und argumentieren: Zu Hubertus Zeit wäre die Jagd eine Selbstverständlichkeit gewesen. Das einfache Volk beschaffte sich die lebensnotwendige Nahrung. Für den Adel war sie lediglich beliebte Freizeitbeschäftigung. Heute lebe man in Zeiten der Massentierhaltung, des Überflusses. Die Jagd habe ihre ursprüngliche Funktion verloren. Als Folge stehe sie in der Kritik.

Jagd, Sicherheit und Folgen. Seit 2001 dokumentiert eine Initiative Jagdunfälle. Da weder der Jagdverband noch staatliche Behörde oder das Bundesamt darüber Statistik führt – gezählt werde nur die Strecke der getöteten Tiere – bezieht sie sich auf Zeitungsberichte und andere Informationen. Demnach ereignen sich jährlich 800 Jagdunfälle. Andere Quellen sprechen von 1600. Allein 14 Tote im Jahr 2016. Tödliche Beziehungsdramen mit Jagdwaffen gelten nicht als Jagdunfall, sondern als Straftat.

Dann solche Schlagzeilen: „Jäger erschießt Frau“, „Treibjagd: Autofahrerin schwer verletzt“, „Jäger erschießt aus Versehen seine Tochter“, „Jäger erschießt Nachbarn“, „Jäger zielen auf Wanderer“, „Schüsse auf Spazierweg“, „Wildschweinjagd: Einschussloch im Haus“, „Jäger erschießt Jäger bei Treibjagd“. Hinzu kommen Beiträge über Tiere, die sich keines sauberen Schusses „erfreuten“ und irgendwo qualvoll verendeten, weil sie Jäger und Hunden entkamen. Berichte in den Medien, die die Jagd nicht attraktiver machen.

Ich bin weder Jagdgegner noch leidenschaftlicher Befürworter. Wer aber in der Jagd mehr sieht als Hege mit der Büchse, darf ihre Schattenseiten nicht ausblenden. Hubertus, Jagd und Kirche – darüber wird es noch viele Dispute geben. Schon der erste Präsident der Bundesrepublik Deutschland, Prof. Dr. Theodor Heuss, hatte sie schon vor über 50 Jahren entfacht: „Jägerei ist eine Nebenform von menschlicher Geisteskrankheit“.

Auf jeden Fall waren diejenigen nicht mit Verstand gesegnet, die kürzlich eine Entenjagd auf einer Fläche neben einer Kleingartenanlage genehmigten, bei der ein kleines Mädchen, das im Kleingarten der Eltern spielte, blutüberströmt zusammensackte und durch einen Querschläger beinahe getötet wurde.
Kurt Frank
Autor: red

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Kommentare
Leser X
29.10.2018, 11:11 Uhr
Befremdlich
Ich kann es nicht verstehen, dass ausgerechnet die Kirche einem solchen Treiben eine Bühne gibt. Das ist mir leider auch nicht nach dem Lesen des Beitrages von Herrn Frank klar geworden, so interessant er es auch dargestellt hat.

Ich kann den Widerspruch nicht auflösen: Hier die Liebe predigende Kirche und dort die Menschen, die Tiere abknallen. Und das alles unter einem Dach. Das riecht doch eher nach einer Art verklärender Folklore.
Janko
29.10.2018, 13:35 Uhr
@LeserX
Da gibt es keinen Widerspruch: laut Bibel gab der Herr Adam die Herrschaft über alle Tiere der noch jungen Welt - er darf demzufolge alles abknallen, was ihm vor Steinschleuder, Speer, Bogen, Gewehr und Atombombe kommt, ohne dabei in ein ethisches, moralisches oder religiöses Dilemma zu geraten.

Und das tut der Adam seither ja auch (Achtung, Wortspiel:) waidlich.
Peppone
29.10.2018, 14:03 Uhr
Mehr Musikantenstadl als Tradition
Von einem Gottesdienst neue Ein- oder Ansichten über die Jagd innerhalb der Jägerschaft zu erwarten ist schon ein klein wenig naiv. Noch dazu sind die sogenannten Hubertusmessen bisher keine breite Tradition. Diese Messen wurden vor der Wende in den Altbundesländern erfunden und sind erst in den letzten Jahren hier zu uns herüber geschwappt. In der deutschen Weidgerechtigkeit ist und war es nicht üblich, Hirschknochen unter Hornmusik durch die Kirche zu tragen und fromme Reden zu halten.

Also bitte mal die Kirche im Dorf lassen Herr Frank und nicht einen größeren Teil der hiesigen Jägerschaft dort verorten. Unseren Verhaltenskodex beziehen wir immer noch aus der überlieferten Weidgerechtigkeit und den jeweils gültigen Gesetzen, aber nicht aus einer Predigt, weder der vom Pfarrer, noch der vom Kommentarschreiber.

Unsere Unfallstatistiken beziehen wir nicht von Ihrer genannten Initiative, schon gar nicht von einer, die sich Initiative zur Abschaffung der Jagd nennt und mit erfundenen Mondzahlenahlen operiert. Amen
Psychoanalytiker
29.10.2018, 19:01 Uhr
Recht hat(te) er ...
... der Theodor Heuss ...
NAKS
30.10.2018, 08:39 Uhr
Zu viel erwartet?!
"Keine grundlegenden neuen An-oder Einsichten."
Die hätten auch Ihnen gut zu Gesicht gestanden Herr Frank! Sie jedoch bedienen sich Statistiken von Organisationen die verbotenen Sekten nahe stehen und "Andere Quellen", welche auch immer das sind. Ein Blick auf die Seite der Landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft oder des Statistischen Bundesamtes hätte Ihnen belastbare Zahlen geliefert. Zumal Sie suggerieren, dass es sich hierbei um Unfälle mit Schusswaffen handelt. Das ist allerdings nicht der Fall, denn auch ein gebrochenes Bein eines Jägers beim Pflanzen von Hecken oder Aufhängen von Nistkästen zählt als Jagdunfall!
Über den Inhalt bzw. die Leere der Wortbeiträge kann man sicher streiten.
Vielleicht sollten wir die Veranstaltung aber einfach als das sehen, was sie ist - nämlich Folklore im Sinne des Wortes. Die hörenswerten Darbietungen der Jagdhornbläser Birkenmoor, der stimmgewaltigen Chorgemeinschaft Großlohra/Trebra und die beeindruckenden Klänge der restaurierten Orgel in der unvergleichlichen Kulisse des Nordhäuser Doms waren den Besuch im Dom allemal wert!
Der Sinn des Hubertustages liegt m.E. darin, sein eigenes Tun zu überdenken, zu hinterfragen und den Blick auf das eigene Handeln zu schärfen.
Kritisch hinterfragen ist wichtig und hilft die Dinge im "Lot" zu halten. Jeder Unfall bei dem ein Mensch zu Schaden kommt, egal wodurch, ist einer zu viel! Wer Umgang mit Schusswaffen hat, ist besonders gefordert und hier gibt es in Punkto Sicherheit keinen Ermessensspielraum! Alle Jäger hierbei unter Generalverdacht zu stellen ist jedoch sicher genau so wenig richtig, wie allen Autofahrern zu unterstellen, sie würden rücksichtslos sein und bei nächster Gelegenheit einen Unfall verursachen.
Theodor Heuss zu zitieren setzt voraus den Zusammenhang dieses Zitates zu kennen! Das scheint bei Ihnen offenbar nicht der Fall zu sein, sehr geehrter Herr Frank! Nach dem zweiten Weltkrieg beanspruchten Jugoslawien und Italien Teile Istriens. Beim Treffen hoher Diplomaten auf dem Höhepunkt der Krise, gingen die beiden Botschafter der Kontrahenten gemeinsam zur Fasanenjagd und pflegten in Folge ein freundschaftliches Verhältnis, was zur Entspannung der Triestkrise und der Abwendung eines drohenden Krieges führte! Das Zitat bezieht sich darauf und entstand also mit einem klaren Unterton und nicht in dem von Ihnen (und anderen) verwandtem Sinne!
Wenn Sie zur Diskreditierung der gesamten Jägerschaft dann auch noch den schrecklichen Jagdunfall vom Juli dieses Jahres in Großsaara heranziehen, dann sollten Sie doch bitte nicht das Halbwissen Ihrer Kollegen übernehmen. Wenn dort nämlich aus einer "Erntejagd" eine "Entenjagd" wird, ist das leider nur ein weiteres Beispiel für mittelmäßige Recherche. Immerhin müssen Sie davon ausgehen, dass es Leser gibt, die glauben was Sie hier so schreiben!

Mit freundlichen Grüßen
Sven Becker
Wyatt Earp
30.10.2018, 20:34 Uhr
Hallo Herr Kurt Frank,
darf ich mich als Landwirt und kleiner Forstwirt in Zukunft an Sie wenden, wenn meine Felder leer und meine Anpflanzungen im Wald vom Wild kaputt gefressen werden?

Da sie hier den Jägern Versagen und hauptsächlich Unfall- Geschehen attestieren, haben Sie sicher den Schlüssel in der Tasche, wie das alles ohne Schießen funktionieren kann.

Warte sehnlichst auf Ihre Lösung. Der Wolf ist leider keine, der frisst meistens nur Schafe oder Rinder. Die lassen sich leichter erbeuten als Wildschweine!

Bitte helfen Sie mir Herr Frank.
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