Do, 09:00 Uhr
31.05.2018
Netzabend in der Stadtbibliothek
Das Internet muss weg
Schöne neue Datenwelt, nach den jüngsten Skandalen rund um Facebook und Co. ist Blogger und Comedian Schlecky Silberstein überzeugt: das Internet muss weg! Am Herder-Gymnasium und in der Stadtbibliothek gab der Buchautor gestern einen Blick unter die Oberfläche des Netzes und der Triebfedern von Fake News und Verschwörungstheorien...
Das Internet muss weg! - Schlecky Silberstein stellte in der Stadtbibliothek sein neues Buch vor (Foto: Angelo Glashagel)
Am Ende besteht die Welt in der er sich bewegt nur noch aus Wut und Hass. Irgendwann ist er überzeugt davon das der Untergang des Abendlandes unmittelbar bevor steht. Das Fenster zur Außenwelt bestimmt der Algorithmus und der sorgt dafür das er nur noch das zu sehen bekommt, für das er sich ohnehin interessiert.
Am 22. Juli 2011 schließlich greift Anders Behring Breivik zur Waffe und ermordet in Oslo und auf der Insel Utoya insgesamt 77 Menschen. Später werden Forensiker sein Weltbild auch anhand seiner Online-Historie rekonstruieren.
Ein Zeitsprung ins Jahr 2018. 700.000 Menschen sind in Myanmar auf der Flucht, die Rohingya werden von radikalen Buddhisten aus dem Land gejagt. Entscheidenden Anteil an der Katastrophe sollen Propagandabotschaften und Fake News gehabt haben, die über Facebook verbreitet wurden. In Myanmar ist Facebook quasi gleichbedeutend mit dem Internet, über 50% der Bevölkerung nutzen einen Account des Unternehmens um im Netz zu kommunizieren, andere Plattformen oder Kommunikationswege spielen kaum noch eine Rolle.
Was im Netz Verbreitung findet ist nicht Freude und Glück, nicht "gute" Nachrichten, sondern vor allem Wut, Hass und Trauer, meint Schlecky Silberstein. Als Blogger und Netz-Comedian dürfte er zu den "digital natives" zählen, den "Ureinwohnern" des Netzes. Am Herder-Gymnasium und in der Stadtbibliothek erzählt er am Dienstag wie er und "das Netz" sich auseinandergelebt haben. In seinem neuen Buch "Das Internet muss weg" nennt er die digitale Welt auch "die größte Verarschungsmaschine aller Zeiten".
Ein besonders abstruses Beispiel was aus dem Wahn im Netz werden kann zeigte 2016 "Pizzagate", eine Verschwörungstheorie die während des US-Wahlkampfes viel Verbreitung fand. Nach einem endlosen Flut an Nachrichten waren Teile der US-Bevölkerung davon überzeugt das Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton im Keller einer Pizzeria in Washington einen Kinderporno-Ring betreibe. Unfassbar das die Behörden da nicht handelten und so nahm einer der Überzeugten die Sache selbst in die Hand, begab sich schwer bewaffnet in das fragliche Etablissement und schoss um sich. Einen Keller gab es nicht, geschweige denn einen geheimen Kinderschänderring der Demokraten, verletzt wurde hier zum Glück niemand.
Das Internet muss weg! - Schlecky Silberstein stellte in der Stadtbibliothek sein neues Buch vor (Foto: Angelo Glashagel)
Fake News gibt es rechts wie links, aber was treibt solchen Wahnsinn an? Mögliche Schuldige gibt es viele: da ist zum einen der Datenhunger der Internetgiganten wie Google, Facebook und Amazon, die sich derzeit im großen Datengoldrausch befänden und auf der anderen Seite die Nutzer, die sich mit jedem "Like", jedem Kommentar, jedem Datensatz gläserner machten, erläutert Silberstein. Wer einen Account bei Facebook nutzt, das Netz per Google durchkämmt oder sich seine Unterhaltung auf Youtube sucht, der ist nicht Kunde der Unternehmen, sondern ihr Produkt. Die Geschäftspartner sind andere.
Silberstein vergleicht das Geschäftsmodell mit einem Bauernhof, der seine Produkte weiter verkauft. Der Nutzer ist das "Datenvieh", Abnehmer Unternehmen wie der Marketingsdienstleister "axciom" oder die in Ungnade gefallene Firma "Cambridge Analytica", die in den vermeintlichen Datenskandal um die Brexit-Kampagne und den Präsidentschaftswahlkampf Donald Trumps verwickelt war. "Das war kein Skandal. Der Skandal ist der das wir es so nennen.", sagt Silberstein, was man gesehen habe sei das legale Geschäftsmodell mit dem Facebook operiere. Der Verkauf von Daten zu Werbezwecken. Nur das man statt Industriegütern politische Gesinnungen beworben hat.
"68 Likes reichen und man weiß über einen Nutzer schon ziemlich viel, 300 und man weiß mehr über einen Menschen als er selbst", zitiert der Autor, es gebe Studien nachdem Anhand des Online-Verhaltens präzise Vorraussagen gemacht werden können, etwa zu psychischen Erkrankungen, politischen Überzeugungen oder sexuellen Präferenzen.
Die Neurowissenschaft spielt in der Entwicklung der digitalen Angebote eine immer größere Rolle, "addictive desgin", suchterzeugendes Design, soll die Nutzer dazu bewegen immer wieder zurückzukommen, länger auf den Seiten zu bleiben und mehr Daten zu hinterlassen.
Was beim Glücksspiel über finanzielle Anreize funktioniert, läuft im Web unter anderem über die soziales Feedback, das vom Gehirn mit reichlich Glückshormonen belohnt wird. Der politische Gegner hat wieder einmal etwas unerhörtes gesagt oder getan? Ein Klick, ein Kommentar, ein Aufschrei und "der eigene Newsfeed explodiert im gegenseitigen Schulterklopfen". Mehr Klicks, mehr Daten, mehr Gold. Aufregung verkauft sich, die Datensammler haben ein Interesse daran das man sich im Netz gegenseitig zerfleischt.
Aktuell sieht Silberstein wenig Chancen dem Wahnsinn im Netz zu entgehen, wenn man nicht ganz aussteigen will. Als Monopolisten seien Google und Co. inzwischen Systemrelevant. In der aktuellen Entwicklung sehe er aber auch einen Nährboden für eine mündige Debatte, erst einmal gelte es zu verstehen was da vor sich gehe. Letzteres gilt vor allem für die älteren Semester, unter der Jugend sei die vielfach geforderte Medienkompetenz schon solide gewachsen.
Angelo Glashagel
Autor: red
Das Internet muss weg! - Schlecky Silberstein stellte in der Stadtbibliothek sein neues Buch vor (Foto: Angelo Glashagel)
Am Ende besteht die Welt in der er sich bewegt nur noch aus Wut und Hass. Irgendwann ist er überzeugt davon das der Untergang des Abendlandes unmittelbar bevor steht. Das Fenster zur Außenwelt bestimmt der Algorithmus und der sorgt dafür das er nur noch das zu sehen bekommt, für das er sich ohnehin interessiert.
Am 22. Juli 2011 schließlich greift Anders Behring Breivik zur Waffe und ermordet in Oslo und auf der Insel Utoya insgesamt 77 Menschen. Später werden Forensiker sein Weltbild auch anhand seiner Online-Historie rekonstruieren.
Ein Zeitsprung ins Jahr 2018. 700.000 Menschen sind in Myanmar auf der Flucht, die Rohingya werden von radikalen Buddhisten aus dem Land gejagt. Entscheidenden Anteil an der Katastrophe sollen Propagandabotschaften und Fake News gehabt haben, die über Facebook verbreitet wurden. In Myanmar ist Facebook quasi gleichbedeutend mit dem Internet, über 50% der Bevölkerung nutzen einen Account des Unternehmens um im Netz zu kommunizieren, andere Plattformen oder Kommunikationswege spielen kaum noch eine Rolle.
Was im Netz Verbreitung findet ist nicht Freude und Glück, nicht "gute" Nachrichten, sondern vor allem Wut, Hass und Trauer, meint Schlecky Silberstein. Als Blogger und Netz-Comedian dürfte er zu den "digital natives" zählen, den "Ureinwohnern" des Netzes. Am Herder-Gymnasium und in der Stadtbibliothek erzählt er am Dienstag wie er und "das Netz" sich auseinandergelebt haben. In seinem neuen Buch "Das Internet muss weg" nennt er die digitale Welt auch "die größte Verarschungsmaschine aller Zeiten".
Ein besonders abstruses Beispiel was aus dem Wahn im Netz werden kann zeigte 2016 "Pizzagate", eine Verschwörungstheorie die während des US-Wahlkampfes viel Verbreitung fand. Nach einem endlosen Flut an Nachrichten waren Teile der US-Bevölkerung davon überzeugt das Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton im Keller einer Pizzeria in Washington einen Kinderporno-Ring betreibe. Unfassbar das die Behörden da nicht handelten und so nahm einer der Überzeugten die Sache selbst in die Hand, begab sich schwer bewaffnet in das fragliche Etablissement und schoss um sich. Einen Keller gab es nicht, geschweige denn einen geheimen Kinderschänderring der Demokraten, verletzt wurde hier zum Glück niemand.
Das Internet muss weg! - Schlecky Silberstein stellte in der Stadtbibliothek sein neues Buch vor (Foto: Angelo Glashagel)
Fake News gibt es rechts wie links, aber was treibt solchen Wahnsinn an? Mögliche Schuldige gibt es viele: da ist zum einen der Datenhunger der Internetgiganten wie Google, Facebook und Amazon, die sich derzeit im großen Datengoldrausch befänden und auf der anderen Seite die Nutzer, die sich mit jedem "Like", jedem Kommentar, jedem Datensatz gläserner machten, erläutert Silberstein. Wer einen Account bei Facebook nutzt, das Netz per Google durchkämmt oder sich seine Unterhaltung auf Youtube sucht, der ist nicht Kunde der Unternehmen, sondern ihr Produkt. Die Geschäftspartner sind andere.
Silberstein vergleicht das Geschäftsmodell mit einem Bauernhof, der seine Produkte weiter verkauft. Der Nutzer ist das "Datenvieh", Abnehmer Unternehmen wie der Marketingsdienstleister "axciom" oder die in Ungnade gefallene Firma "Cambridge Analytica", die in den vermeintlichen Datenskandal um die Brexit-Kampagne und den Präsidentschaftswahlkampf Donald Trumps verwickelt war. "Das war kein Skandal. Der Skandal ist der das wir es so nennen.", sagt Silberstein, was man gesehen habe sei das legale Geschäftsmodell mit dem Facebook operiere. Der Verkauf von Daten zu Werbezwecken. Nur das man statt Industriegütern politische Gesinnungen beworben hat.
"68 Likes reichen und man weiß über einen Nutzer schon ziemlich viel, 300 und man weiß mehr über einen Menschen als er selbst", zitiert der Autor, es gebe Studien nachdem Anhand des Online-Verhaltens präzise Vorraussagen gemacht werden können, etwa zu psychischen Erkrankungen, politischen Überzeugungen oder sexuellen Präferenzen.
Die Neurowissenschaft spielt in der Entwicklung der digitalen Angebote eine immer größere Rolle, "addictive desgin", suchterzeugendes Design, soll die Nutzer dazu bewegen immer wieder zurückzukommen, länger auf den Seiten zu bleiben und mehr Daten zu hinterlassen.
Was beim Glücksspiel über finanzielle Anreize funktioniert, läuft im Web unter anderem über die soziales Feedback, das vom Gehirn mit reichlich Glückshormonen belohnt wird. Der politische Gegner hat wieder einmal etwas unerhörtes gesagt oder getan? Ein Klick, ein Kommentar, ein Aufschrei und "der eigene Newsfeed explodiert im gegenseitigen Schulterklopfen". Mehr Klicks, mehr Daten, mehr Gold. Aufregung verkauft sich, die Datensammler haben ein Interesse daran das man sich im Netz gegenseitig zerfleischt.
Aktuell sieht Silberstein wenig Chancen dem Wahnsinn im Netz zu entgehen, wenn man nicht ganz aussteigen will. Als Monopolisten seien Google und Co. inzwischen Systemrelevant. In der aktuellen Entwicklung sehe er aber auch einen Nährboden für eine mündige Debatte, erst einmal gelte es zu verstehen was da vor sich gehe. Letzteres gilt vor allem für die älteren Semester, unter der Jugend sei die vielfach geforderte Medienkompetenz schon solide gewachsen.
Angelo Glashagel


