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Sa, 22:40 Uhr
24.02.2018
Gregor Gysi stellt Autobiographie in Nordhausen vor

Ein Leben ist zu wenig

Gleich zwei mal sprach Gregor Gysi heute in der Nordhäuser Stadtbibliothek über sein Leben. Geprägt von der Politik und den gesellschaftlichen Wogen die aus zwei Ländern eines werden ließen berichtete Gysi aus dem Hinterzimmer der Geschichte des 20. Jahrhunderts und der letzten zwanzig Jahre...

Gregor Gysi und Hans-Dieter Schütt stellen die Autobiographie "Ein Leben ist nicht genug" in der Nordhäuser Stadtbibliothek vor (Foto: Angelo Glashagel)
Gysi redet gerne über Gysi. Ein wenig verwunderlicher Umstand, der Mann war ganz nah dran am politischen Puls des 20. Jahrhunderts, erst in der DDR und später im geeinten Deutschland, hat viel erlebt und viel zu berichten. Ob Gysi mit Gorbatschow telefoniert, Gysi den Kollegen aus der Volksrepublik China die Folgen ihres Umgangs mit politischen Dissidenten vor Augen führt, Gysi Aktivisten im eigenen Land verteidigt und mit dem Politbüro verhandelt oder von ersten Erfolgen der PDS im Bundestag berichtet: Gysi steht im Mittelpunkt des Geschehens. Oder ist zumindest sehr nah dran. Der Mann ist langgedienter Politiker und stellt seine Autobiographie vor, eine gewisse Selbstfixierung kommt da nicht von ungefähr und ist wohl verzeihlich, vielleicht geradezu nötig.

Anderthalb Stunden redet Gysi im bis auf den letzten Platz gefüllten Ratssaal. Zeit die verfliegt, was Gysi zu berichten hat entstammt den Hinterzimmern der Geschichte: Orte, Treffen und Gespräche von denen so nur die wenigsten berichten können. Viele, die gekommen sind, gehören zur Generation des 70jährigen, teilen ihre eigene Biographie mit dem Rechtsanwalt und Politstar.

Viele Köpfe im Publikum sind lang ergraut, aber bei weitem nicht alle. Wer keine Erinnerung an die Ausweisung von Wolf Biermann hat, sich nur verschwommen an die letzten Volkskammerwahlen oder den Einzug der PDS in den Bundestag erinnern kann, für den weiß Gysi seine Erinnerungen in rhetorischer Akkuratesse und Leichtigkeit zu bebildern, häufig gemischt mit einem Schuss aufrichtiger Selbstironie. Er sei der beste Rhetoriker im Bundestag habe man ihm gesagt, erzählt Gysi, über ihn sage das nicht viel aus, wohl aber über die anderen Bundestagsmitglieder. Lachen und Applaus im Publikum. Gysi weiß zu begeistern.

Begeistert war man von ihm nicht immer, nicht von der Person und nicht von der Politik die er bis heute vertritt. 2015 hat sich Gysi "aus der ersten Reihe" der Politik zurückgezogen, erzählt er, verbleibt aber weiter im Bundestag und ist Präsident der europäischen Linken. Der mangele es in den letzten Jahren zwar an Erfolgserlebnissen, seit der Wende aber habe man den Zeitgeist in Deutschland entscheidend geändert und das Land "europäisch normalisiert", sagt Gysi. Schon in den 90er habe er über den Mindestlohn gesprochen, inzwischen hat sogar die CSU dafür votiert. Das "Die Linke" heute selbstverständlicher Teil der politischen Landschaft ist, stelle eine "Qualitätsveränderung" im Land dar, die auch aus den Erfahrungen der Wende und dem Beitritt der östlichen Bundesländer heraus entstanden sei.

"Ein Leben ist nicht genug" - Gregor Gysi in der Nordhäuser Stadtbibliothek (Foto: Angelo Glashagel)
"Der Staatssozialismus ist zu recht gescheitert aber der Kapitalismus hat nicht gewonnen, er ist übrig geblieben" - der Politiker Gysi weiß noch auszuteilen, wenn auch nicht mehr aus der ersten Reihe heraus. Eine supranationale Weltwirtschaft die von den Nationalstaaten nichts mehr zu befürchten habe, habe den Angleich der Lebensstandards und die Kommunikationstechnologien nicht auf der Rechnung gehabt. Auch in Afrika weiß man heute, wie man in Europa lebt. Wie Leben sein kann.

Hierzulande, in Europa, erlebe man eine Art "Gegenreformation" des "nationalen Egoismus", sagt Gysi. "Das löst kein einziges Problem. Wenn Sie eine Mauer gegen Immigration bauen, dann sorgen Sie nur dafür, dass das Problem für eine kurze Zeit nicht gesehen wird. Dahinter staut es sich." Eine andere Antwort als Abschottung werde aktuell nicht gefunden und die bundesdeutsche Politik wisse nicht damit umzugehen. Die Große Koalition, so sie denn kommt, würde weitere vier Jahr Stillstand bedeuten und womöglich die AfD weiter stärken. Eine Minderheitsregierung hingegen hätte das Parlament und die Demokratie als ganzes gestärkt. Der Politiker ist noch voll und ganz da, am Puls der Zeit. Auch wenn es am Nachmittag eigentlich um die Vergangenheit gehen soll.

Gysi spricht über die '68er Bewegung, sein Elternhaus, Anekdoten aus dem Alltag eines Rechtsanwaltes in der DDR, über die RAF, über Brandt, Schmidt und Kohl und ihr Verhältnis zur DDR, und, und, und. "Ein Leben ist zu wenig", hat Gysi seine Autobiographie genannt. Aktuell sei er nach Kindheit und Jugend, dem Studium, seiner Arbeit als Anwalt, der Wende und dem Leben als Bürger der BRD in seinem sechsten Leben. Er sei "wild entschlossen" das Alter zu genießen, "nur weiß ich noch nicht, wann es beginnt." Es wäre das 7. Leben des Gregor Gysi.
Angelo Glashagel
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Kommentare

24.02.2018, 23.17 Uhr
Fritz12
Der Beitrag wurde deaktiviert.
25.02.2018, 09.51 Uhr
Leser X | Lichtjahre
Zwischen dem rhetorischen Geschick von Gregor Gysi und der einschläfernden Phraseologie von Angela Merkel liegen geradezu kosmische Distanzen. 12 Jahre mussten wir uns lauwarm einlullen lassen. Wie lange noch?
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