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Mi, 20:30 Uhr
24.01.2018
Nordhausen auf der Grünen Woche

Die Apotheke des Bauern

Zur Internationalen Grünen Woche in Berlin präsentieren sich dieser Tage neben Branchengrößen auch kleine und Kleinstunternehmen aus der Region, darunter Enthusiasten, Traditionalisten, alte Hasen und Anfänger. Die nnz wird die Nordhäuser auf der Grünen Woche in loser Reihenfolge vorstellen. Heute geht es um Erfahrungswerte mit einer vielseitigen Pflanze...

Holunderwein aus Auleben: am vergangenen Samstag gab es den auch auf der Grünen Woche in Berlin  (Foto: Angelo Glashagel) Holunderwein aus Auleben: am vergangenen Samstag gab es den auch auf der Grünen Woche in Berlin (Foto: Angelo Glashagel)

Die Gläser erklingen in einem fort, über einen Mangel an Interesse konnte sich das Ehepaar Wiegleb am vergangenen Samstag nicht beschweren, der Durchgang der Gäste sei gut, meinte Dieter Wiegleb, der Holunderwinzer aus Auleben.

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Viele Menschen würden sich mehr für bewusste Ernährung interessieren, das merke man, erklärt sich Herr Wiegleb das Interesse der Messebesucher, für ihn ist Holunder Genuss und Medizin in einem. Die Pflanze ist zu seinem Hobby geworden, seit 15 Jahren übt er sich in der Verarbeitung, erzählt er und die Erfahrung brauche man auch. "Sie können so ziemlich alle Teile der Pflanze auf die eine oder andere Art verwenden, die Wurzeln genauso wie die Schale, Innenrinde, Blätter, Blüten und natürlich die Beere".

Aus letzteren keltern die Wieglebs ihren würzigen Wein, 10 Jahre Erfahrung hätten sie gebraucht, um ihren Wein so hinzubekommen wie man ihn auf der Grünen Woche verkosten kann. "Viele Leute versuchen das selbst zu machen aber so leicht ist das nicht, das ist ein schwerer Wein. Wer Holunder etwa kalt presst wird sich nur den Magen verderben weil die Beeren Blausäure enthalten", erläutert Dieter Wiegleb, erst wenn man den Wein auf mindestens 80 Grad erhitze werde aus saurem Gift wohltuende und vor allem leckere Medizin.

Holunder, das sei früher die "Apotheke des Bauern" gewesen, 700 Krankheiten habe man mit der Pflanze versucht zu heilen oder zu lindern gesucht, "von Haarausfall bis Schweißfuß und allem was dazwischen liegt" scherzt der Winzer. Ganz aus der Luft gegriffen sit das nicht, tatsächlich finden sich seine Erzeugnisse auch heute in der Apotheke wieder, etwa bei Kathrin Mucke am Nordhäuser Theater. Traditionell werden Blüte und Beeren bei Fieber, Schnupfen und Husten genutzt. Zu Hause würden er und seine Frau Tee aus Holunderblüten genießen, an Schale und Blätter hätten sie sich bisher aber noch nicht herangetraut, erzählt Winzer Wiegleb, doch das soll sich bald ändern, ein paar Kräuterlehrgänge seien für das neue Jahr schon geplant.

Bald 15 Jahre Erfahrung haben Gerdi und Dieter Wiegleb mit ihrem geliebtem Holunder (Foto: Angelo Glashagel) Bald 15 Jahre Erfahrung haben Gerdi und Dieter Wiegleb mit ihrem geliebtem Holunder (Foto: Angelo Glashagel)

Wie die meisten Standnachbarn aus der Region hat auch das Ehepaar keine großen Aspirationen auf die weite Welt der Vermarktung. "Wir sind hier um Thüringen und den Südharz zu vertreten und das machen wir gerne", erzählt Dieter Wiegleb. Rund 150 Pflanzen verteilt auf 2000 qm Fläche nennt das Paar sei Eigen. Aus der Produktion zum Eigenbedarf und als Geschenk an Freunde und Verwandte wurde ein kleines Geschäft und genau das soll es auch bleiben. Inzwischen bietet man liebliche, halbtrockene und trockene Varianten an und führt gelegentlich Verkostungen durch. Im Supermarkt wird man den Wiegleb'schen Wein aber vergebens suchen, man muss sich schon direkt an die Produzenten wenden, per Telefon unter 0162 27 84 418 oder per Mail unter di-ge-wiegleb@freenet.de.

Neben der Gesundheit geht es den Holunderenthusiasten eben vor allem auch um den Genuss, nicht das große Geschäft. Wie einen "echten" Rebenwein sollte man auch seinen Holunderwein einen Tag an der Luft lassen und dann bei Zimmertemperatur genießen, am besten zu einem schönen Braten, sagt Dieter Wiegleb, "das streichelt den Magen und sorgt für eine ganz andere Verdauung", schwärmt der Winzer und lässt das Glas erklingen.
Angelo Glashagel
Autor: red

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Kommentare
Bodo Schwarzberg
24.01.2018, 21:57 Uhr
lokale Vermarkter: Chance für und Verklärung der Landwirtschaft
Ob Holunderwein oder Apfelmost aus dem Landkreis: Angesichts der gewaltigen und gern wegdiskutierten sowie verdrängten ökologisch-ökonomischen Herausforderungen der globalen Umweltsituation, ist das Engagement der regionalen landwirtschaftlichen Klein-Unternehmer nicht hoch genug einzuordnen. Das, was noch vor wenigen Jahrzehnten völlig normal war, überwiegend regionale Produktion und regionaler Konsum mit lokalen Kreisläufen und geringen Umweltbelastungen, führt, dank Globalisierung und Konzernübermacht, ein Schattendasein. Darüber kann auch die alljährliche Grüne Woche nicht hinwegtäuschen. Denn am Ende bestimmen die Handelsriesen, was und wie in der Landwirtschaft produziert wird. Angesichts nitratverseuchten Grundwassers in immer mehr deutschen Flächenstaaten und steigender Treibhausgas-Emissionen der globalen Landbewirtschaftung, sollten wir das Hochglanzbild, dass uns die Grüne Woche liefert, ein wenig zurechtrücken.
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