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Sa, 11:56 Uhr
13.01.2018
Eine Poeten-Anthologie aus dem Jahr 1502

Enchiridion poetarum clarissimorum

Jahresauftakt im Haus der Lyrik in Limlingerode: vor 20 Jahren gründete sich in dem Geburtsort der Dichterin Sarah Kirsch der Förderverein „Dichterstätte Sarah Kirsch“, der im Sinne der Kirsch Lyrik im Dorf an der Sete erklingen lassen wollte. Das will man nun mit einer besonderen Lesung feiern...

Das geschah zuerst im Dorfgemeinschaftshaus, dann ab Ende 2002 im restaurierten Geburtshaus, der ehemaligen Pfarre. Seit dem können Besucher einmal im Monat Programme erleben, in denen Gedichte im Mittelpunkt stehen. Wer zählt die Dichter, zählt die Namen, die gastlich hier zusammen kamen?, kann man frei nach Friedrich Schiller fragen.

Am Samstag, den 20.1. werden ab 14.30 Uhr im Haus für Lyrik in Limlingerode Poeten der griechischen und römischen Antike aus dem im Jahr 1502 in Erfurt gedruckte Buch „Enchiridion poetarum clarissimorum“ vorgestellt, einer Dichter-Anthologie des Nicolaus Marschalk, entstammend der ehemaligen Klosterbibliothek „Himmelgarten“ bei Nordhausen.

Titelseite des "Enchiridion poetarum clarissimorum" (Foto: Heidelore Kneffel)
Titelblatt des „Enchiridion...“ mit Eintrag des Priors Pilearius/Huter

Einige der im Buch vorgestellten Dichter wie Homer, Orpheus, Pindar, Sappho, Lukrez, Cicero, Martialis, Vergil, Dante, Petrarca kommen in der Lesung zu Wort, eine Entdeckungsreise zu unserer geistigen Herkunft! Der Band, der vier Bücher über die Dichter mit zahlreichen illustrierenden Holzschnitten enthält, wurde im Jahr 2017 mit Spendengeldern in Leipzig restauriert, darunter mehrere Mitglieder des Fördervereins „Dichterstätte Sarah Kirsch.“ Dieses Druckwerk wird in Limlingerode gezeigt und in den Vitrinen gibt es eine Ausstellung darüber. Der Druck ist die erste systematische Einführung über antike Poeten in Deutschland und in der Zwischenzeit eine Rarität, die sich „merklich selten gemacht hat.“, wie es bereits1756 eine Wiener Zeitschrift beschrieb. Zwei Holzschnitte, etwas voneinander unterschieden, zeigen Marschalk, denn auch er, selbst dichtend, hat sich zum Ende des Buches als Poet eingebracht. Als Sein Wappen und gleichzeitig Druckerzeichen sieht man eine Meerjungfrau. Diese Sammlung sollte ein Lese- und Unterhaltungsbuch sein, gleichfalls aber durchaus auch in Schulen angewandt werden.

Nicolaus Marschalk mit Meerjungfrau als Druckerzeichen (Foto: Heidelore Kneffel)
Nicolaus Marschalk mit Meerjungfrau als Druckerzeichen

Was ist von diesem Mann bekannt? Er erwarb sich einen anerkannten Ruf als Humanist, Philologe, Rechtswissenschaftler, als Historiker. Seine Lebensjahre umfassen den Zeitpunkt vor 1470 bis zum 12. Juli 1525. Für unsere Breiten ist sein Geburtsort von Interesse, denn es gilt in der Zwischenzeit als gesichert, dass er im thüringischen Roßla in der Goldenen geboren wurde. Seine wissenschaftliche Ausbildung begann im brabantischen Löwen, heute Belgien, wo er seine humanistische Vorbildung bekam, führte ihn dann nach Heidelberg und 1491 zog es ihn an die Erfurter Universität, wo er 1496 den Grad eines Magisters in der Artistenfakultät, danach das Bakkalaureat an der juristischen Fakultät erwarb. In Erfurt versammelte Marschalk einen ersten Kreis humanistisch denkender Personen um sich, eine „sodalitas“.

Er hat seit 1500 das Erfurter Ratsschreiberamt inne und vertraute dem gedruckten Buch. Als der Drucker Wolfgang Schenck sich in Erfurt niederließ, verband er sich mit diesem und druckte Schriften humanistischen Inhalts. Darin formulierte er seine Vorstellungen humanistischer Bildung zur Vermittlung moralischer Tugenden im Sinne Ciceros. Für Marschalk war es selbstverständlich, dass Lateinisch und Griechisch zur Erreichung wahrer, allgemeiner Bildung gepflegt werden müssten, auch das Hebräische.

Er äußert, dass die Rede, die den Menschen vom Tier unterscheidet, ein göttliches Geschenk sei und dass diejenigen, die ihre Kinder früh an den „ „studia humanitatis“ teilhaben lassen, verhindern, dass sie den „Schmutz der Barbarismen“ kennenlernen, sondern befähigt werden, zutreffend und elegant zu reden. Durch zahlreiche Lektüre - Marschalk muss im Besitz einer für damalige Verhältnissen umfangreichen und wertvolle Bibliothek mit vielen italienischen Drucken gewesen sein -, sei er der Ansicht, dass Gott die Dichter als seine Diener gebrauche, um den Geist wachzurufen, und dass alle durch ihre Gesänge ausgezeichneten Dichter nicht durch die Kunst, sondern durch göttliche Eingebung alle jene herrlichen Gedichte sängen und dass sie, wenn von der Begeisterung ergriffen, die Dolmetscher der Götter sind, von welcher Gottheit auch ein jeder ergriffen sei. 1501 gründete er in seinem Erfurter Haus eine Privatdruckerei, in der das „Enchiridion“ gedruckt wurde. Neugierig geworden? Ein Besuch am 20.1. lohnt sich!
Heidelore Kneffel
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