So, 09:04 Uhr
27.08.2017
Klimawandel
Ein schöner Anblick?
Ja, auf den ersten Blick, gewiss. Dazu kommt noch, dass das Gras, dessen Fruchtstände sich hier in der Nähe von Steigerthal so malerisch in der Spätnachmittagssonne wiegen, in der Roten Liste gefährdeter Pflanzenarten Thüringens, ja sogar Deutschlands steht und auch aus pflanzengeografischen Gründen bei uns selten ist...
Pfriemengras (Stipa capillata) im Alten Stolberg (Foto: B. Schwarzberg)
Das Pfriemengras (Stipa capillata) beschränkt sich auf die wärmsten, trockensten und kontinentalsten Landschaften der Republik. Verbreitet in Ost-, Südosteuropa und Sibirien, genießt es bei uns einen Vorpostencharakter. Denn die Art kennzeichnet für Deutschland außergewöhnliche, ja extrem trockene lokale und regionale Klimaverhältnisse.
Die Pflanze ist ein Starktrockenheitszeiger sowie ein Zeiger für Steppenklima und viel Wärme. Auf Grund zunehmender Verbuschung unserer Trockenrasen sind die Bestände des Pfriemengrases eigentlich rückläufig. In den letzten rund zehn Jahren konnte jedoch zumindest im Landkreis Nordhausen dort eine Ausbreitung festgestellt werden, wo es auch schon früher kleinere Bestände gab, so in den Naturschutzgebieten Pfaffenköpfe und Rüdigsdorfer Schweiz. Es gab sogar Wiederentdeckungen der Art an Stellen, wo sie schon seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen wurde.
Das Foto in diesem Beitrag entstand auf einem ehrenamtlich einmal jährlich gemähten Trockenrasen im NSG Alter Stolberg, wo sich das attraktive Gras zumindest stellenweise ausbreitet. Dieser lokal gegenläufige Trend lässt aufhorchen. Das Pfriemengras scheint mit seinen besonders an Trockenheit angepassten Bohrfrüchten jene Lücken gut nutzen zu können, die weniger trockenheitsresistente Pflanzenarten nach Dürreperioden offen lassen.
Eine Steppenbildung an besonders extremen Stellen ist in Deutschland aufgrund des überwiegend ausgeglichenen, gemäßigten-atlantischen Klimas eigentlich auszuschließen. Es sei denn, der Mensch sorgt durch Schaf-/Ziegen-Beweidung oder extensive Mahd für eine künstliche Erhaltung der Steppen, so, wie es sie nach der letzten Eiszeit vor rund 12.000 Jahren natürlicherweise bei uns gab.
Allerdings scheinen sich auf Grund des Klimawandels mittlerweile an einigen, momentan noch sehr wenigen Stellen, Steppenarten auch ohne Zutun des Menschen vorläufig von selbst erhalten zu können. Normalerweise würden sich derartige Trockenrasen ohne Bewirtschaftung allmählich bewalden. In Teilen mancher NSG jedoch beobachte ich schon seit Jahren sonnenexponierte, unbewirtschaftete Südhänge, in denen Weißdornsträucher absterben, statt sich, wie für gewöhnlich, auszubreiten. Das sind Beobachtungen über kurze Zeiträume. Von daher muss dies weiter untersucht werden.
Jedoch wissen wir, dass sich auch andere, ursprünglich sogar nicht heimische, wärmeliebende Tier- und Pflanzenarten, ja auch Krankheitserreger, bei uns immer weiter ausbreiten und teils etablieren. Es gibt also durchaus einen Trend.
Im möglichen Einzelfall, wie hier beim noch seltenen, attraktiven und auch geschützten Pfriemengras, mag das toll sein. Unter dem Strich jedoch sorgt der explosionsartig verursachte Klimawandel laut verschiedener Prognosen global für ein weiteres massives Artensterben und für perspektivisch gesehen apokalyptische Veränderungen zuungunsten unserer Zivilisation.
Vorbehaltlich weiterer Untersuchungen kann uns das obige Foto also momentan erfreuen. Als Symptom einer Entwicklung mit kaum vorhersehbarem Ausgang könnte es uns aber auch nachdenklich stimmen.
Bodo Schwarzberg
Autor: red
Pfriemengras (Stipa capillata) im Alten Stolberg (Foto: B. Schwarzberg)
Das Pfriemengras (Stipa capillata) beschränkt sich auf die wärmsten, trockensten und kontinentalsten Landschaften der Republik. Verbreitet in Ost-, Südosteuropa und Sibirien, genießt es bei uns einen Vorpostencharakter. Denn die Art kennzeichnet für Deutschland außergewöhnliche, ja extrem trockene lokale und regionale Klimaverhältnisse.
Die Pflanze ist ein Starktrockenheitszeiger sowie ein Zeiger für Steppenklima und viel Wärme. Auf Grund zunehmender Verbuschung unserer Trockenrasen sind die Bestände des Pfriemengrases eigentlich rückläufig. In den letzten rund zehn Jahren konnte jedoch zumindest im Landkreis Nordhausen dort eine Ausbreitung festgestellt werden, wo es auch schon früher kleinere Bestände gab, so in den Naturschutzgebieten Pfaffenköpfe und Rüdigsdorfer Schweiz. Es gab sogar Wiederentdeckungen der Art an Stellen, wo sie schon seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen wurde.
Das Foto in diesem Beitrag entstand auf einem ehrenamtlich einmal jährlich gemähten Trockenrasen im NSG Alter Stolberg, wo sich das attraktive Gras zumindest stellenweise ausbreitet. Dieser lokal gegenläufige Trend lässt aufhorchen. Das Pfriemengras scheint mit seinen besonders an Trockenheit angepassten Bohrfrüchten jene Lücken gut nutzen zu können, die weniger trockenheitsresistente Pflanzenarten nach Dürreperioden offen lassen.
Eine Steppenbildung an besonders extremen Stellen ist in Deutschland aufgrund des überwiegend ausgeglichenen, gemäßigten-atlantischen Klimas eigentlich auszuschließen. Es sei denn, der Mensch sorgt durch Schaf-/Ziegen-Beweidung oder extensive Mahd für eine künstliche Erhaltung der Steppen, so, wie es sie nach der letzten Eiszeit vor rund 12.000 Jahren natürlicherweise bei uns gab.
Allerdings scheinen sich auf Grund des Klimawandels mittlerweile an einigen, momentan noch sehr wenigen Stellen, Steppenarten auch ohne Zutun des Menschen vorläufig von selbst erhalten zu können. Normalerweise würden sich derartige Trockenrasen ohne Bewirtschaftung allmählich bewalden. In Teilen mancher NSG jedoch beobachte ich schon seit Jahren sonnenexponierte, unbewirtschaftete Südhänge, in denen Weißdornsträucher absterben, statt sich, wie für gewöhnlich, auszubreiten. Das sind Beobachtungen über kurze Zeiträume. Von daher muss dies weiter untersucht werden.
Jedoch wissen wir, dass sich auch andere, ursprünglich sogar nicht heimische, wärmeliebende Tier- und Pflanzenarten, ja auch Krankheitserreger, bei uns immer weiter ausbreiten und teils etablieren. Es gibt also durchaus einen Trend.
Im möglichen Einzelfall, wie hier beim noch seltenen, attraktiven und auch geschützten Pfriemengras, mag das toll sein. Unter dem Strich jedoch sorgt der explosionsartig verursachte Klimawandel laut verschiedener Prognosen global für ein weiteres massives Artensterben und für perspektivisch gesehen apokalyptische Veränderungen zuungunsten unserer Zivilisation.
Vorbehaltlich weiterer Untersuchungen kann uns das obige Foto also momentan erfreuen. Als Symptom einer Entwicklung mit kaum vorhersehbarem Ausgang könnte es uns aber auch nachdenklich stimmen.
Bodo Schwarzberg


