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So, 08:00 Uhr
18.06.2017
„Dichterstätte Sarah Kirsch“

Jacob Michael Reinhold Lenz in Wort und Bild

Am letzten Sonntag im Juni finden zum 20. Mal die immer um 10.00 Uhr beginnenden „Limlingeröder Diskurse“ statt. Lesung, Kunstausstellung und Vortrag sind Jacob Michael Reinhold Lenz gewidmet. Als Gäste sind die Künstlerin Susanne Theumer und die Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Inge Stephan anwesend, die den Besuchern den außergewöhnlichen Menschen vorstellen...


Dieser Dichtende des „Sturm-und Drang“, 1751 in Livland geboren, sagte von sich selbst, dass er „von Jugend auf... gegen die Wand gerannt ist.“ Johann Gottfried Herder, zu dem er sich hingezogen fühlte, schrieb ihm 1776, als Lenz ihn wegen seines Dramas „Die Soldaten“ um Rat gefragt hatte: „Aber bist Du nicht zu sorgfältig und selbstquälend? Ziehst Spinnweb von Beziehungen im Kopfe herum, die niemand vielleicht als Du siehest...? Sei mutig und hülle Dich in Deinen abgeschabten Mantel: Alles geht vorüber u. dem Mutigen mehr vorüber als dem Sorgsamen.“

So verlief das Leben des J. M. R. Lenz indessen in seinem 41- jährigen Leben nicht. Er selbst formulierte: „Und mögen auch Jahrhunderte über meinem armen Schädel verachtungsvoll fortschreiten...“ Sein Wünschen nach Anerkennung in kommenden Zeiten wurde wahr, denn heute lebt er mehr denn je mit seiner Literatur.

In Limlingerode werden wichtige Spuren zur Annäherung an dieses dichtende Originalgenie gelegt, dessen Werk vor allem in den Jahren von 1771 bis 1776 in Straßburg und Weimar entstand, wo er Begegnungen mit Johann Wolfgang Goethe hatte, die sein Leben prägen würden in Hoffnung und Freude und im Absturz.

Der Dichter Georg Büchner widmete ihm die 1839 erschienene, berühmt gewordene Erzählung „Lenz“. Sie beruht auf wahren Begebenheiten und beschreibt die zunehmende psychische Erkrankung des Jakob Michael Reinhold Lenz und seinen Aufenthalt im Elsass bei dem Pfarrer Oberlin. Darin heißt es: „Die Welt, die er hatte nutzen wollen, hatte einen ungeheuren Riß.“

Büchner, nach dem der wichtigste deutsche Literaturpreis benannt wurde, den auch Sarah Kirsch erhielt, rückte Lenz viele Jahre nach seinem Tod, den er auf einer Straße in Moskau am 14. Mai 1792 erlitt, mit seinem Schicksal in das Bewusstsein der Nachgeborenen. Bis dahin war er ein fast Vergessener, so, wie er es ausgedrückt hatte. Auch der Dichter der Romantik, Ludwig Tieck, der die bis dahin bekannt gewordenen Werke des Lenz herausgab, hatte das erst 1828 getan.

Zu den 20. „Limlingeröder Diskursen“ erklingen seine ungewöhnlichen Gedichte und Briefe. Den Hörenden rühren diese Wortmeldungen, denn das Schicksal dieses Mannes lässt niemanden kalt.

So geschah es auch der Künstlerin Susanne Theumer, Jahrgang 1975, die wir zu dem 20. Jubiläumsdiskurs eingeladen haben. Sie ist in ihrer Kunst häufig mit Literaten befasst. Einige davon stellten sich in der „Dichterstätte“ vor oder wurden vorgestellt: Ingeborg Bachmann, Heinrich Heine, Peter Huchel, Günter Eich, Wulf Kirsten, André Schinkel, Johannes Bobrowski, Richard Pietraß.



Wir wussten von ihren Grafiken in Schwarzweiß, die sie Lenz gewidmet hat, Radierungen und Kohlezeichnungen, in unterschiedlichen Formaten gestaltet. Aus diesem intensiven Studium entstand 2014 auch das Blatt „Lenz und Oberlin“ aus der Unikatmappe mit Kohle-und Kreidezeichnungen: „Wir, die Juden, die da kamen, wie Lenz, durchs Gebirg.“ (Paul Celan).

Die Bekanntschaft der Künstlerin zu Inge Stephan, „eine der Lenzforscherinnen der ersten Stunde“, so die Theumer, geht auf eine Begegnung im Künstlerdorf Wiepersdorf im Jahr 2004 zurück,wo sie einen Stipendium-Aufenthalt verbrachte. Die Stephan machte sie mit Lenz bekannt, dem sie sich seit dem in Abständen zeichnerisch und druckgraphisch näherte. Wiepersdorf spielte auch im Leben der Sarah Kirsch eine wichtige Rolle. Sie weilte dort 1973 und es entstand ihr berühmter Wiepersdorf-Zyklus. Außerdem hatte sie wie die Theumer ein ihr Werk beeinflussendes Aha-Erlebnis, und zwar mit der Dichterin Annette von Droste Hülshoff. Sie entdeckte deren Fragment „Ledwina“ und es entstand das Essay „Geschenk des Himmels“, worin sie von dieser Entdeckung erzählt. Ein Literaturereignis war auch ihr Gedicht: „Der Droste würde ich gern Wasser reichen.“

Zu Beginn des Jahres 2014 unternahm Susanne Theumer eine Forschungsreise auf den Spuren von Lenz mit den Literaturprofessoren Inge Stephan und Hans-Gerd Winter, sie wollten „bestimmte Stationen seiner Suche, seines Weges, auch seines Leidens folgen“. 2015 wurde dazu eine Ausstellung im Literaturforum im Brecht-Haus (Berlin) präsentiert, parallel zu einem Lenz Symposium. Dort war bereits im Oktober 2008 unter dem Titel „Zauberlicht“ eine Veranstaltung zum lyrischen Werk Sarah Kirschs gewesen mit einer Kunstausstellung der Künstlerin Ruth Tesmar und eine Lesung von Gedichten durch den Förderverein aus Limlingerode.

Damals kam es zu einer Begegnung mit der Literaturwissenschaftlerin Inge Stephan, die das Gespräch auf die Künstlerin Susanne Theumer aus Halle/Höhnstedt lenkte und ihre Graphiken zu Lenz hervorhob. Nun also werden wir einigen Kunstblättern im Original im Geburtshaus der Sarah Kirsch begegnen gemeinsam mit den beiden genannten Frauen.
Heidelore Kneffel

25. Juni, 10 Uhr: 20. Limlingeröder Diskurse
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