Mi, 15:00 Uhr
05.04.2017
Öffentlichkeitstag der Suchthilfe
Müttermangel, Narzissmus, Vätermissbrauch
Nicht die Droge macht die Sucht, es ist der Mensch - zum jährlichen Öffentlichkeitstag der Nordhäuser Suchthilfe erläuterte Dr. Hans-Joachim Maaz was den "gefesselten Mensch" der Moderne ausmacht. Die Grundlagen hierzu verortete der Psychotherapeut in der jüngsten Kindheit...
Voll ist es geworden, nach der traditionellen Andacht am Morgen musste im Saal des Hauses St. Jakob kräftig aufgestuhlt werden. Bindungstheorie war das Thema des Tages, das auf offensichtlich großes Interesse stieß. Die Bedeutung, die zwischenmenschliche Beziehungen auf das Suchtverhalten der Menschen hätte, sehe man bei der Nordhäuser Suchthilfe fast täglich, meinte deren Leiter Dirk Rzepus.
Immer wieder erlebe man das die Menschen nicht vom Mittel, vom Alkohol oder der Droge, abhängig seien, sondern von dem Gefühl, das der Konsum mit sich bringe. Eine Patientin, berichtet Rzepus, habe ihm einmal erzählt das sie, wenn sie Alkohol trinke, ein "wohlig-warmes" Gefühl in ihr ausbreite. So stelle sie es sich vor, wenn man als Kind von der Mutter in den Armen gewiegt wird.
Mit der emotionalen Dynamik zwischen Eltern und ihrem Nachwuchs hat sich Dr. Hans-Joachim Maaz ausgiebig befasst. Er spricht vom "gefesselten Menschen", der sich aus Schutz vor den in seinem Inneren verankerten Belastungen flüchtet, sei es durch Kompensation, Ablenkung oder Betäubung.
Es sei nicht verwunderlich, meint Dr. Maaz, dass man in den letzten Jahre die weite Verbreitung von Entertainment- und Medienangeboten beobachten konnte. "Die Gesellschaft hat das gebraucht", meint der Psychotherapeut, Grund dafür seien "ökonomische Zwänge, Müttermangel, Narzissmus und Vätermissbrauch".
Begrifflichkeiten wie diese wählt der Therapeut nicht willkürlich, die Grundlagen für das Suchtverhalten der Menschen verortet Dr. Maaz bei Defiziten in der frühkindlichen Bindung zwischen Kindern und Eltern. Grundlage hierfür ist die Freud'sche Psychoanalyse, ergänzt um Erkenntnisse der modernen Hirn- und Säuglingsforschung. "Die Qualität der frühen Beziehung ist Bedingung für eine gute Entwicklung", sagt Maaz, statt frühkindlicher Bildung müsse man frühkindliche Bindung in den Vordergrund rücken.
Für den Therapeuten haben sich sechs essentielle Themen und Fragen herauskristallisiert:
Unter "Mutterbedrohung" versteht Maaz Störungen, die dann zu Tage treten, wenn Kinder von vornherein nicht gewollt waren und Ablehnung erfahren haben. Das Ergebnis seien meist Borderlinestörungen. Als "Mutterbesetzung" oder "Vampirmutter" bezeichnet Maaz Eltern, die das Kind zum leben brauchen, nicht genug eigene "Lebendigkeit" haben ihre Kraft allein aus ihrem Nachwuchs ziehen und die Kinder nicht allein lassen können. Die Reaktion der Kinder sei meist Verweigerung und Rückzug, aus der schizoide Persönlichkeitsstörungen entstehen könnten.
Weit verbreitet sei vor allem der "Muttermangel". Die Eltern haben nicht genug Liebe für ihr Kind, sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt, mit der eigenen Karriere, der Selbstverwirklichung. Niemand könne 100% Verfügbar sein, so Maaz weiter, man ist nicht nur Mutter oder Vater, sondern auch Frau, Mann, Partner und mehr. "Falsche Liebe aber macht verrückt, das ist der Stachel im Fleisch narzisstischer Fehlentwicklungen. Diese Menschen brauchen Bestätigung, sie müssen beweisen das sie liebenswert sind." In der Politik etwa seien Narzissmusstörungen häufig anzutreffen. Die "Muttervergiftung" beschreibt Menschen, die für ihre Eltern nur so lange "gut" waren, wie es den Eltern aus ihrer Perspektive gefallen hat. Die Folge hier: von Beginn an wird verlernt, auf sich selbst zu achten.
Bei den "Väterstörungen" unterscheidet Maaz drei Ausprägungen: den "Vaterterror", die "Vaterflucht" und den "Vatermissbrauch". Der "Terror" tritt dann auf, wenn Eltern ihre Kinder einschüchtern und keine Entfaltung zulassen. Die Hintergründe hierfür lägen im Verhältniss der Eltern zueinander, das sich nach der Ankunft des Nachwuchses verändert. Die Frau ist mit dem Kind beschäftigt und nicht mehr "Mutterersatz" für den Mann.
Die "Flucht" kommt dann zum tragen, wenn Eltern kein Interesse an Familie oder Kind haben und vermeintlich wichtigere Aufgaben vornan stellen. Auch diese Form sei weit verbreitet, meint Maaz. Der "Missbrauch" findet dann statt, wenn der Nachwuchs beständig dazu angehalten wird, noch besser zu sein, wenn Kinder etwas besonderes sein müssen und es immer höher, schneller, weiter gehen muss.
Müttermangel, Narzissmus und Vätermangel seien die Basis für unsere Gesellschaft, meint Maaz. Defizite, die in frühen Jahren auftreten, könnten zwar später in der Kindheit ausgeglichen werden, diese neuen neuronalen Bahnen seien aber weniger prägend. Das Gehirn entwickelt sich weiter,d der Mensch aber bediene sich ein Leben lang dieser in frühester Kindheit angelegten Bahnen. Kommt es zu Fehlentwicklungen, reagiert das Gehirn mit Abwehrmaßnahmen, der Geist schützt sich selbst vor negativen Erfahrungen. "Das sichert das Überleben, aber es macht noch kein gutes Leben", sagt Dr. Maaz, man verwende beständig Energie auf diese Mechanismen des Selbstschutzes. "Wir fesseln uns als Menschen vor den innerseelischen Belastungen."
Volkskrankheiten wie Kopf- und Rückenschmerzen kann das mit sich bringen, oder eben die Tendenz zu kompensieren, etwa über die Arbeit oder ausgiebigen Sport, sich abzulenken, die moderen Welt hält hier eine Unzahl an Möglichkeiten bereit, oder sich zu betäuben. Hier kommen dann Drogen ins Spiel, oder auch Alkohol, die über ihre chemische Zusammensetzung dann zusätzliche Abhängigkeiten mit sich bringen.
Reichlich düstere Aussichten, die aber auch einen Lösungsansatz in sich bergen. Zum einen für Therapeuten, die Sucht prinzipiell als einen "innerseelischen Zustand, der sich betäuben will" betrachten können. Zum anderen für die Gesellschaft als solche. Prävention sei wichtiger als Therapie, meint Psychotherapeut Maaz, und man müsste die "Qualität der Frühbeziehung verbessern".
Angelo Glashagel
Autor: redVoll ist es geworden, nach der traditionellen Andacht am Morgen musste im Saal des Hauses St. Jakob kräftig aufgestuhlt werden. Bindungstheorie war das Thema des Tages, das auf offensichtlich großes Interesse stieß. Die Bedeutung, die zwischenmenschliche Beziehungen auf das Suchtverhalten der Menschen hätte, sehe man bei der Nordhäuser Suchthilfe fast täglich, meinte deren Leiter Dirk Rzepus.
Immer wieder erlebe man das die Menschen nicht vom Mittel, vom Alkohol oder der Droge, abhängig seien, sondern von dem Gefühl, das der Konsum mit sich bringe. Eine Patientin, berichtet Rzepus, habe ihm einmal erzählt das sie, wenn sie Alkohol trinke, ein "wohlig-warmes" Gefühl in ihr ausbreite. So stelle sie es sich vor, wenn man als Kind von der Mutter in den Armen gewiegt wird.
Mit der emotionalen Dynamik zwischen Eltern und ihrem Nachwuchs hat sich Dr. Hans-Joachim Maaz ausgiebig befasst. Er spricht vom "gefesselten Menschen", der sich aus Schutz vor den in seinem Inneren verankerten Belastungen flüchtet, sei es durch Kompensation, Ablenkung oder Betäubung.
Es sei nicht verwunderlich, meint Dr. Maaz, dass man in den letzten Jahre die weite Verbreitung von Entertainment- und Medienangeboten beobachten konnte. "Die Gesellschaft hat das gebraucht", meint der Psychotherapeut, Grund dafür seien "ökonomische Zwänge, Müttermangel, Narzissmus und Vätermissbrauch".
Begrifflichkeiten wie diese wählt der Therapeut nicht willkürlich, die Grundlagen für das Suchtverhalten der Menschen verortet Dr. Maaz bei Defiziten in der frühkindlichen Bindung zwischen Kindern und Eltern. Grundlage hierfür ist die Freud'sche Psychoanalyse, ergänzt um Erkenntnisse der modernen Hirn- und Säuglingsforschung. "Die Qualität der frühen Beziehung ist Bedingung für eine gute Entwicklung", sagt Maaz, statt frühkindlicher Bildung müsse man frühkindliche Bindung in den Vordergrund rücken.
Für den Therapeuten haben sich sechs essentielle Themen und Fragen herauskristallisiert:
- bin ich als Mensch gewollt gewesen?
- bin ich frei gelassen worden?
- wurde ich hinreichend geliebt?
- wurde ich in die Eigenständigkeit geführt oder in Abhängigkeit gehalten?
- habe ich Unterstützung erfahren, etwa in meiner Neugierde?
- wurden meine Begrenzungen akzeptiert?
Unter "Mutterbedrohung" versteht Maaz Störungen, die dann zu Tage treten, wenn Kinder von vornherein nicht gewollt waren und Ablehnung erfahren haben. Das Ergebnis seien meist Borderlinestörungen. Als "Mutterbesetzung" oder "Vampirmutter" bezeichnet Maaz Eltern, die das Kind zum leben brauchen, nicht genug eigene "Lebendigkeit" haben ihre Kraft allein aus ihrem Nachwuchs ziehen und die Kinder nicht allein lassen können. Die Reaktion der Kinder sei meist Verweigerung und Rückzug, aus der schizoide Persönlichkeitsstörungen entstehen könnten.
Weit verbreitet sei vor allem der "Muttermangel". Die Eltern haben nicht genug Liebe für ihr Kind, sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt, mit der eigenen Karriere, der Selbstverwirklichung. Niemand könne 100% Verfügbar sein, so Maaz weiter, man ist nicht nur Mutter oder Vater, sondern auch Frau, Mann, Partner und mehr. "Falsche Liebe aber macht verrückt, das ist der Stachel im Fleisch narzisstischer Fehlentwicklungen. Diese Menschen brauchen Bestätigung, sie müssen beweisen das sie liebenswert sind." In der Politik etwa seien Narzissmusstörungen häufig anzutreffen. Die "Muttervergiftung" beschreibt Menschen, die für ihre Eltern nur so lange "gut" waren, wie es den Eltern aus ihrer Perspektive gefallen hat. Die Folge hier: von Beginn an wird verlernt, auf sich selbst zu achten.
Bei den "Väterstörungen" unterscheidet Maaz drei Ausprägungen: den "Vaterterror", die "Vaterflucht" und den "Vatermissbrauch". Der "Terror" tritt dann auf, wenn Eltern ihre Kinder einschüchtern und keine Entfaltung zulassen. Die Hintergründe hierfür lägen im Verhältniss der Eltern zueinander, das sich nach der Ankunft des Nachwuchses verändert. Die Frau ist mit dem Kind beschäftigt und nicht mehr "Mutterersatz" für den Mann.
Die "Flucht" kommt dann zum tragen, wenn Eltern kein Interesse an Familie oder Kind haben und vermeintlich wichtigere Aufgaben vornan stellen. Auch diese Form sei weit verbreitet, meint Maaz. Der "Missbrauch" findet dann statt, wenn der Nachwuchs beständig dazu angehalten wird, noch besser zu sein, wenn Kinder etwas besonderes sein müssen und es immer höher, schneller, weiter gehen muss.
Müttermangel, Narzissmus und Vätermangel seien die Basis für unsere Gesellschaft, meint Maaz. Defizite, die in frühen Jahren auftreten, könnten zwar später in der Kindheit ausgeglichen werden, diese neuen neuronalen Bahnen seien aber weniger prägend. Das Gehirn entwickelt sich weiter,d der Mensch aber bediene sich ein Leben lang dieser in frühester Kindheit angelegten Bahnen. Kommt es zu Fehlentwicklungen, reagiert das Gehirn mit Abwehrmaßnahmen, der Geist schützt sich selbst vor negativen Erfahrungen. "Das sichert das Überleben, aber es macht noch kein gutes Leben", sagt Dr. Maaz, man verwende beständig Energie auf diese Mechanismen des Selbstschutzes. "Wir fesseln uns als Menschen vor den innerseelischen Belastungen."
Volkskrankheiten wie Kopf- und Rückenschmerzen kann das mit sich bringen, oder eben die Tendenz zu kompensieren, etwa über die Arbeit oder ausgiebigen Sport, sich abzulenken, die moderen Welt hält hier eine Unzahl an Möglichkeiten bereit, oder sich zu betäuben. Hier kommen dann Drogen ins Spiel, oder auch Alkohol, die über ihre chemische Zusammensetzung dann zusätzliche Abhängigkeiten mit sich bringen.
Reichlich düstere Aussichten, die aber auch einen Lösungsansatz in sich bergen. Zum einen für Therapeuten, die Sucht prinzipiell als einen "innerseelischen Zustand, der sich betäuben will" betrachten können. Zum anderen für die Gesellschaft als solche. Prävention sei wichtiger als Therapie, meint Psychotherapeut Maaz, und man müsste die "Qualität der Frühbeziehung verbessern".
Angelo Glashagel

