eic kyf msh nnz uhz tv nt
Do, 10:00 Uhr
03.11.2016
nnz-Betrachtung

Ein kleines Lob der Reform

Die Diskussion um die Gebietsreform spaltet den Freistaat bis in die regionalen Gremien hinein. Und das ist gut so. Das zu erwartenden Chaos könnte eine reinigende Wirkung entfalten und die vertrauten Systeme und Seilschaften sprengen...

Die Gebietsreform - ein kleines Lob (Foto: Angelo Glashagel) Die Gebietsreform - ein kleines Lob (Foto: Angelo Glashagel)

Wider dem Wandel

Seit Innenminister Holger Poppenhäger seine Vorstellung der neuen Kreisstrukturen präsentiert hat, schlagen die Wogen in Thüringen hoch, gerade auch im Norden. Dem SPD geführten Nordhäuser Landratsamt missfällt der Vorschlag des Genossen Poppenhäger ebenso wie der christdemokratischen Rathausspitze, aus unterschiedlichen Gründen wohlgemerkt. In Sömmerda oder dem Eichsfeld will man von den Nordhäusern so gar nichts wissen, grundsätzliche Zustimmung kommt bisher nur aus dem Kyffhäuserkreis. Enthusiasmus sieht anders aus.

Anzeige Refinery (lang)
Die Landesregierung hat diese Woche eine Anzeigenkampagne begonnen, die mit dem Slogan "Gegen diese Reform kann man nicht sein" für das Rot-Rot-Grüne Großprojekt werben soll. Der Spruch hat in seinem Absolutismus den Beigeschmack des TINA-Prinzips und reizt allein durch seine Formulierung schon zum Widerstand. Gute Werbung geht anders.

Auch wenn es laut Ministerpräsident Ramelow inzwischen nicht mehr um das "ob" sondern nur noch um das "wie" der Reform gehe - Kritiker gibt es genug die versuchen werden, die Gebietsreform doch noch zu kippen. Einspareffekte wird es kaum geben, dass hat man auch in Erfurt inzwischen zugegeben, damit ist das bisherige Hauptnarrativ dahin. Und um zu vermuten, dass die Neuordnung der Kreise wohl leider auch zuerst wahltaktischem Kalkül folgt, muss man kein Zyniker sein.

Die Regierung sei gerade dabei das Land zu spalten, stand gestern in der nnz zu lesen, Vereine und Verbände würden zerschlagen, es müssten neue Strukturen geschaffen werden, kurzum: Chaos wohin das Auge blickt. Die Reform "vergeigt", bevor sie überhaupt umgesetzt wurde.

Kreative Zerstörung

Gerade das Chaos aber, die Zerschlagung, könnte das stärkste Argument für die Reform sein. In der Ökonomie kennt man das Prinzip der "schöpferischen Zerstörung" - erst muss das Alte weichen, bevor das Neue blühen kann, verkürzt gesprochen. Eben dies könnte die Gebietsreform für den Freistaat schaffen.

Nehmen wir Nordhausen. In der Stadt und dem Landkreis hat seit einem guten Vierteljahrhundert ein überschaubarer Kreis an Personen das Sagen. Man kennt sich, arbeitet miteinander, bekämpft einander, teilt dem Proporz entsprechend die Posten untereinander auf. Das "Nordhäuser System" ist fest verwachsen, um nicht zu sagen verkrustet. Selbst wer als Neuzugang Aufnahme in den Kreis der politischen Schicht findet, kann sich den gewachsenen Strukturen von Macht und Einfluss schwer entziehen, so er oder sie denn darin arbeiten will.

Die Reform würde hier zur Veränderung nötigen, würde "das System" zwangsweise zerschlagen. Eine Personalrochade wie sie sich jüngst zwischen Rathaus und Landratsamt mehrfach vollzogen hat, wäre in einem Großkreis, in dem dann auch Akteure aktiv wären, die mit den Strukturen vor Ort bisher keine oder nur wenig Berührung hatten, nur schwer vorstellbar. Die Kandidaten für die hohen Weihen der Kommunalpolitik kamen, bei wechselnden Logos, bisher noch immer aus dem eigenen Stall. Anwärter von außerhalb waren bei den Wahlen lediglich ein für jeden offensichtliches Feigenblatt. Im Sinne der Stabilität und der Machtbalance haben die Damen und Herren Stadt- und Kreisräte diejenigen in Amt und Würden gewählt, die sie kannten, die sie innerhalb des Systems einzuordnen wussten, derer man sich sicher sein konnte. Auch das würde sich in einem größeren Kreis, mit unterschiedlichen Regionen, Interessenslagen und Netzwerken anders gestalten, würde die Kommunalpolitik zu neuen Kompromissen zwingen.

Größe hieße auch mehr Abstand untereinander. Kommunale Beteiligungen etwa bei der Kreissparkasse, dem Südharz Klinikum oder auch dem Theater müssten neu austariert werden, mit deutlich vermindertem Einfluss der üblichen Entscheidungs-Zirkel. Man wäre gezwungen, sich neue Gedanken zur Lastenverteilung bei Sport, Kultur, Jugend, Bildung und Sozialem zu machen. Das heißt nicht automatisch, dass dadurch alles besser würde. Es hieße aber, dass zumindest in neuen Bahnen gedacht werden müsste.

Der Wunsch nach Stabilität ist hierzulande tief verankert und menschlich nachvollziehbar. 26 Jahre nach der Einheit zeigt sich aber immer deutlicher, dass aus Stabilität auch Stillstand erwachsen kann und die gewachsenen Strukturen nur noch um sich selbst kreisen. Die Gebietsreform wird die Beteiligten zwingen, ihren vertrauten Orbit zu verlassen und neue Strukturen aufzubauen. Es wird eine Weile dauern, es wird nicht einfach werden und sparen wird man bei dem Ganzen wahrscheinlich nichts.

Aber es bleibt nicht alles beim Alten. Zumindest eine Zeit lang. Die Reform könnte das Schwert zum gordischen Knoten der herrschenden Verhältnisse sein, man wird nur den Mut aufbringen müssen, es auch zu schwingen.
Angelo Glashagel
Autor: red

Anzeige symplr (6)
Kommentare
Flitzpiepe
03.11.2016, 10:15 Uhr
Ich lese wohl nicht recht?
Kreative Zerstörung - das ist ja wohl das Verquerste, das ich seit langem gelesen habe.

Warum dann nicht gleich einen 3. Weltkrieg?
Wäre der dann nicht das Nonplusultra einer kreativen Zerstörung?
Die Lösung für alle Probleme auf der Welt?
Alles bisherige Zerstören um es dann (vielleicht) besser wieder aufbauen zu können!

Wenn einem kreativen Zerstörer wie Ramelow so viel kreativer Gegenwind zu teil wird, dann hat Ramelow 2 Möglichkeiten. Entweder er nimmt die Ideen auf und gelobt Besserung oder er zieht es ohne Rücksicht auf Verluste durch.
Es sieht nach Letzterem aus und das geht dann in Richtung Diktatur.
Paulinchen
03.11.2016, 13:16 Uhr
"Es ist beschlossen...
...und daran wird sich nichts mehr ändern." Mit diesen Worten wurde eine Rede dass MP Ramelow zur Gebietsreform in dem "Thüringen-Journal" vor drei Tagen des MDR wiedergegeben. Der Mann kommt ja aus Niederschsen, wo es schon mal einen BASTA-Politiker gegeben hat. Muss man sich deshalb noch wundern?

Ein toller "Gewerkschaftler", der über die Köpfe seiner Wählerschaft so bestimmt. Wurde er deshalb in Niedersachsen weggelobt?
geloescht 011
03.11.2016, 14:18 Uhr
Der dritte Weg ist
ein neues Mehrheitsverhältnis der Parteien.
Erst wenn es eine richtige Opposition gibt, werden die " Macher " effektiv kontrolliert.
Dato gibt es etwas wie eine Opposition nicht. Eher ein Zweckbündnis zur gegenseitigen Duldung - wie treffend beschrieben wurde. Heute Abend wieder zu bewundern bei der öffentlichen Stadtratssitzung. Dito die nächste Kreistagssitzung.

Mir hat jemand aus der Bürokratie mit Jahrzehnte langer Erfahrung dargelegt, das wie keine Gebietsreform sondern eine Verwaltungsreform benötigen. Transparente Wege der Entscheidungen - das würde auch dem Bürger nützen.
Vieles nach dem " Besteller - Prinzip ".

Letztlich würde es auch zur Veränderung des Systemes führen.
Der Bürger hat es in der Hand ( Stimmzettel ).
Nordhäuser Freiheit
06.11.2016, 19:02 Uhr
Nüßle, Jendricke und Co. vielleicht alle mal zusammen auf Berlinreise schicken!
Sie haben Recht, Herr Glashagel: Um das "Nordhäuser System" zu brechen, braucht es eine ganze Gebietsreform!

Das ist schlimm und macht mich noch weiter wütend.

Um den Klüngel wegzukriegen, muss ich meine Heimat opfern? Während man "oben" in Nordhausen Privataffären unserer Politiker pflegt, die ich auch noch bezahlen muss? Ich finanziere die Berliner Hotelbetten, durch die sich die nordhäuser Oberschicht kugelt.

Darüber hinaus muss ich jetzt noch hilflos zuschauen, wie der Kreis Nordhausen mit 30 Millionen in die Miesen gejagt wird? Und alle Dienstreisenden und Systemvertreter aller Parteien kassieren munter weiter?! Wo lebe ich?
Gudrun1974
09.11.2016, 09:47 Uhr
Trump Wahl zeigt, daß Otto N. eine Gefahr sein kann
Otto Normalverbraucher hat sein wahres Gesicht gezeigt bei der Präsidentenwahl in den USA. Parallelen kann man ziehen zu Volkes Meinung gegen die zukunftsweisende Gebietsreform der Thüringer Landesregierung in Erfurt.
NDHler
09.11.2016, 10:04 Uhr
Die Trump Wahl zeigt,
dass die Politik den Otto N. vielleicht mal etwas ernster nehmen sollte als das RRG momentan tut!
Kommentare sind zu diesem Artikel nicht mehr möglich.
Es gibt kein Recht auf Veröffentlichung.
Beachten Sie, dass die Redaktion unpassende, inhaltlose oder beleidigende Kommentare entfernen kann und wird.
Anzeige symplr (8)