Fr, 12:45 Uhr
07.10.2016
"Ghettobilder" in der Gedenkstätte
Weiß ist der Tod
Wenn er aus dem Fenster sah, dann konnte er alles sehen, was vor sich ging im Ghetto von Sosnowiec. Er sah und er malte - einige der eindringlichen Bilder des polnischen Künstlers Zdzislaw Lachur sind seit gestern in der Gedenkstätte Mittelbau-Dora zu sehen. Die Geschichten hinter der Farbe geben sie nur denen Preis, die sich Zeit nehmen ebenfalls zu sehen...
Wieviel hat man wirklich gewusst, damals während des Krieges? Wieviel von dem was in Dora und in den 40 Außenlagern geschah war der breiten Bevölkerung bekannt? Was hat man gesehen, gehört, erlebt? In den ersten Jahren nach dem Krieg war die Anwort auf diese Fragen ein klares deutliches: nichts.
Die Forschung der letzten 20 Jahre zeichnet ein anderes Bild, auch was Nordhausen betrifft. Gewalt und Zwang hätten in aller Öffentlichkeit stattgefunden, es habe ein breites gesellschaftliches Bewusstsein gegeben, sagte gestern Abend Dr. Stefan Hördler, Leiter der Gedenkstätte Mittelbau-Dora anlässlich der Eröffnung der neuen Ausstellung "Ghettobilder".
Wohin die nationalsozialistische Ideologie geführt hat, wozu sie Menschen gebracht hat und was aus ihren Opfern wurde, das konnte Zdzislaw Lachur vom Fenster seiner Wohnung aus beobachten. Der junge Maler blickte direkt auf das Ghetto von Sosnowiec, konnte die jüdischen Wohnbezirke auf dem Weg zur Arbeit durchqueren.
Dr. Stefan Hördler eröffnete die Ausstellung (Foto: Angelo Glashagel)
Die Ghettos und auch die Konzentrationslager "waren keine abgeschlossenen und voneinander isolierten Räume", erklärt Hördler am Abend, die "Gewalt- und Zwangsräume" befanden sich, verteilt über ganz Europa, mitten in der Gesellschaft.
Für die Ghettos waren nicht Polizei oder SS verantwortlich, sondern die Stadtverwaltungen und mit ihnen Banken und Sparkassen. In Sosnowiec, Bedzin und dem Rest Schlesiens zogen Unternehmen wie die "Organisation Schmeldt", benannt nach einem SS-Offizier, den "nutzen" aus den zusammengetriebenen Juden in Form von Zwangsarbeit.
80.000 Menschen leben in dem Ghetto, auf das Lachur tagtäglich schaut. Die meisten von ihnen werden in Auschwitz umkommen. Ihre Mörder verrichten ihr Werk später auch vor den Toren Nordhausens im KZ-Mittelbau. Im August 1943 wird das Ghetto "aufgelöst", es kommt zu einem zum Scheitern verurteilten Aufstand der verbliebenen Bewohner, der blutig niedergeschlagen wird. Was folgt sind Massenexekutionen. "Lachur muss die Gräber gesehen haben", wird Gedenkstättenleiter Hördler am Abend sagen, der Maler hat die Gewalt, die Deportationen und den Widerstand mit eigenen Augen gesehen.
Seine Erfahrungen hat Lachur in seinen Bildern verarbeitet. Einige seiner Werke sind seit gestern in der ehemaligen Feuerwache des Lagers zu sehen. Auf den ersten Blick sind es erratische Bilder, voller Chaos, wilden Pinselstrichen und schwer zu entziffernden Formen. "Sie können nicht einfach an den Bildern vorbei gehen und erkennen worum es geht", sagt Dieter Kauffmann, "das wollte Lachur gar nicht. Sie müssen sich Zeit nehmen, sich auf die Bilder einlassen." Kauffmann ist Kunstsammler und Kunstkenner, kann die Feinheiten der Bildsprache Lachurs auch dem Unbeflissenen erläutern. Mehrere hundert mal habe er mit dem Künstler sprechen können, damals in den 70er und 80er Jahren, als er beruflich in Polen unterwegs war. "Lachur war ein feiner Mensch, der gutes wollte und gutes getan hat", erzählt Kauffmann, Geld habe ihm nicht viel bedeutet, sein Glaube habe im Zuversicht gegeben, auch wenn es er und seine Familie schwere Zeiten zu durchleben hatten.
Diese Zuversicht spricht nicht eben deutlich aus seinen Bildern, aber man kann sie finden. Wenn man denn sucht. Die Figuren, ausgemergelte Wesen, alte Männer, Soldaten, Frauen, Kinder, liegen verborgen unter Schichten von Farben und Formen. "Rot ist das Feuer, Schwarz das Leid, Weiß ist der Tod", erzählt Kauffmann und zeigt andere Details, die sich dem flüchtigen Betrachter nicht erschließen. Da ist zum Beispiel, ganz am Rand des Bildes, die christliche Kirche, die sich aus dem Geschehen heraus hält, rauchende Schlote oder die von weiß bedeckten Kinder, die trotz allem noch tanzen.
Viele der Bilder gehören Dieter Kauffmann und Jürgen Dawo, welche sie der Gedenkstätte zur Verfügung gestellt haben. Ihre Sammlung umfasst etwa 750 Bilder aus einem Gesamtwerk von mindestens 1 500 Bildern. Die Ausstellung wird vom 7. Oktober 2016 bis 31. März 2017 in der ehemaligen Feuerwache in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora gezeigt.
Angelo Glashagel
Autor: redWieviel hat man wirklich gewusst, damals während des Krieges? Wieviel von dem was in Dora und in den 40 Außenlagern geschah war der breiten Bevölkerung bekannt? Was hat man gesehen, gehört, erlebt? In den ersten Jahren nach dem Krieg war die Anwort auf diese Fragen ein klares deutliches: nichts.
Die Forschung der letzten 20 Jahre zeichnet ein anderes Bild, auch was Nordhausen betrifft. Gewalt und Zwang hätten in aller Öffentlichkeit stattgefunden, es habe ein breites gesellschaftliches Bewusstsein gegeben, sagte gestern Abend Dr. Stefan Hördler, Leiter der Gedenkstätte Mittelbau-Dora anlässlich der Eröffnung der neuen Ausstellung "Ghettobilder".
Wohin die nationalsozialistische Ideologie geführt hat, wozu sie Menschen gebracht hat und was aus ihren Opfern wurde, das konnte Zdzislaw Lachur vom Fenster seiner Wohnung aus beobachten. Der junge Maler blickte direkt auf das Ghetto von Sosnowiec, konnte die jüdischen Wohnbezirke auf dem Weg zur Arbeit durchqueren.
Dr. Stefan Hördler eröffnete die Ausstellung (Foto: Angelo Glashagel)
Die Ghettos und auch die Konzentrationslager "waren keine abgeschlossenen und voneinander isolierten Räume", erklärt Hördler am Abend, die "Gewalt- und Zwangsräume" befanden sich, verteilt über ganz Europa, mitten in der Gesellschaft. Für die Ghettos waren nicht Polizei oder SS verantwortlich, sondern die Stadtverwaltungen und mit ihnen Banken und Sparkassen. In Sosnowiec, Bedzin und dem Rest Schlesiens zogen Unternehmen wie die "Organisation Schmeldt", benannt nach einem SS-Offizier, den "nutzen" aus den zusammengetriebenen Juden in Form von Zwangsarbeit.
80.000 Menschen leben in dem Ghetto, auf das Lachur tagtäglich schaut. Die meisten von ihnen werden in Auschwitz umkommen. Ihre Mörder verrichten ihr Werk später auch vor den Toren Nordhausens im KZ-Mittelbau. Im August 1943 wird das Ghetto "aufgelöst", es kommt zu einem zum Scheitern verurteilten Aufstand der verbliebenen Bewohner, der blutig niedergeschlagen wird. Was folgt sind Massenexekutionen. "Lachur muss die Gräber gesehen haben", wird Gedenkstättenleiter Hördler am Abend sagen, der Maler hat die Gewalt, die Deportationen und den Widerstand mit eigenen Augen gesehen.
Seine Erfahrungen hat Lachur in seinen Bildern verarbeitet. Einige seiner Werke sind seit gestern in der ehemaligen Feuerwache des Lagers zu sehen. Auf den ersten Blick sind es erratische Bilder, voller Chaos, wilden Pinselstrichen und schwer zu entziffernden Formen. "Sie können nicht einfach an den Bildern vorbei gehen und erkennen worum es geht", sagt Dieter Kauffmann, "das wollte Lachur gar nicht. Sie müssen sich Zeit nehmen, sich auf die Bilder einlassen." Kauffmann ist Kunstsammler und Kunstkenner, kann die Feinheiten der Bildsprache Lachurs auch dem Unbeflissenen erläutern. Mehrere hundert mal habe er mit dem Künstler sprechen können, damals in den 70er und 80er Jahren, als er beruflich in Polen unterwegs war. "Lachur war ein feiner Mensch, der gutes wollte und gutes getan hat", erzählt Kauffmann, Geld habe ihm nicht viel bedeutet, sein Glaube habe im Zuversicht gegeben, auch wenn es er und seine Familie schwere Zeiten zu durchleben hatten.
Diese Zuversicht spricht nicht eben deutlich aus seinen Bildern, aber man kann sie finden. Wenn man denn sucht. Die Figuren, ausgemergelte Wesen, alte Männer, Soldaten, Frauen, Kinder, liegen verborgen unter Schichten von Farben und Formen. "Rot ist das Feuer, Schwarz das Leid, Weiß ist der Tod", erzählt Kauffmann und zeigt andere Details, die sich dem flüchtigen Betrachter nicht erschließen. Da ist zum Beispiel, ganz am Rand des Bildes, die christliche Kirche, die sich aus dem Geschehen heraus hält, rauchende Schlote oder die von weiß bedeckten Kinder, die trotz allem noch tanzen.
Viele der Bilder gehören Dieter Kauffmann und Jürgen Dawo, welche sie der Gedenkstätte zur Verfügung gestellt haben. Ihre Sammlung umfasst etwa 750 Bilder aus einem Gesamtwerk von mindestens 1 500 Bildern. Die Ausstellung wird vom 7. Oktober 2016 bis 31. März 2017 in der ehemaligen Feuerwache in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora gezeigt.
Angelo Glashagel















