Di, 20:00 Uhr
28.06.2016
die Lotsen gehen von Bord
Freunde, das Leben ist schön!
Viele warme Worte, Danksagungen, Glückwünsche und auch ein paar ausgefallene Geschenke gab es heute im Nordhäuser Theater. Im "kleinen" Kreis wurden Intendant Lars Tietje und die kreative Führungsriege des Theaters und des Loh-Orchesters verabschiedet...
Es ist eine Zäsur für das kulturelle Leben in Nordthüringen. Eine, die lange absehbar war und heute trotzdem sehr herzlich und ganz offiziell vollzogen wurde - Lars Tietje, seit 12 Jahren Intendant des Nordhäuser Theaters und des Sondershäuser Loh-Orchesters und mit ihm fünf seiner langjährigen Mitstreiter, verlässt die Region und wendet sich neuen Aufgaben zu.
Im kleinen Kreis hatte man feiern wollen, das Parkett des Nordhäuser Bühnenhauses füllte sich dennoch ansehnlich. Nicht nur die vier Gesellschafter aus Nordhausen und dem Kyffhäuserkreis waren gekommen, auch viele Freunde, Unterstützer und Weggefährten aus Kultur, Wirtschaft, Politik.
Gemeinsam ließ man die letzten Jahre noch einmal Revue passieren und sang wohl verdiente Loblieder auf eine Mannschaft, die Theater und Orchester nicht nur durch schwere Zeiten sondern auch zu neuen Höhen gebracht haben. Lange Grußworte und Geschenke sollte es nicht geben, man wollte lieber das Gespräch suchen, sollte Intendant Tietje später sagen - Geschenke und Abschiedsreden gab es natürlich trotzdem.
Für die Gesellschafter des Nordthüringer Verbundes sprachen die Oberbürgermeister und Bürgermeister von Nordhausen und Sondershausen, Klaus Zeh und Joachim Kreyer. Das Ausscheiden eines ganzen Teams sei in der Theaterwelt kein ungewöhnlicher Vorgang, meinte Zeh, besonders sei, dass fast das ganze Team gemeinsam an eine neue Wirkungsstätte geht.
Ballettdirektorin Jutta Ebnotter konnte deswegen heute Abend nicht vor Ort sein, sie weilt bereits am Schweriner Staatstheater, wo wichtige Proben anstehen. Vielfach gedankt wurde ihr dennoch, sie war als jüngste Ballettdirektorin Deutschlands nach Nordhausen gekommen und hat ihre Kunst nicht nur zu einer viel beachteten Sparte gemacht, sondern auch einen brummenden Skeptiker wie Sondershausens Bürgermeister Kreyer von der Schönheit der Bewegung überzeugen können. "Sie hat meine Vorstellung von dem was Ballett ist geändert", sagte Kreyer, "das ist für mich zu etwas ganz Besonderem geworden".
Bianca Sue-Henne wird nach Heilbronn gehen, die Spezialistin für Kinder- und Jugendtheater bekam hier die einzige freie Stelle in ganz Deutschland in diesem Bereich, erzählte Lars Tietje und wird ein eigenes Ensemble leiten können. In Nordhausen habe sie mit ihrer spürbaren Begeisterung dafür gesorgt, dass ihre Stücke wie zuletzt die "Tänzerin von Auschwitz", auch über die Region hinaus für Aufmerksamkeit sorgten, sagte Nordhausens Oberbürgermeister Zeh. Joachim Kreyer dankte ihr im Namen seiner Enkel, insbesondere für "Die Königin der Farben".
Angelika Kalms ist eigentlich ein Urgestein des Nordhäuser Theaters, schon zu DDR-Zeiten begann sie im Haus zu arbeiten. Nach fünf Intendanten sei es nun für sie an der Zeit einmal nicht diejenige zu sein, die bleibt. Sie wird mit Lars Tietje nach Schwerin gehen, die beiden sind über die Jahre zu einem eingespielten Team geworden. Sowohl Zeh wie auch Kreyer bescheinigten der Verwaltungsdirektorin absolute Integrität und Transparenz. Sie sei die "Meisterin der Zahlen", sagte Kreyer, habe aber dennoch immer die Inhalte dahinter gesehen.
Wie schon Bianca Sue-Henne kam auch Toni Burkhardt als Berufsanfänger nach Nordhausen. Damals war er Regieassistent, heute verlässt er das Haus als Oberspielleiter der mit seinen Inszenierungen auf den Sondershäuser Schlossfestspielen, wie "My fair Lady" oder gerade dieser Tage mit "Anatevka", Besucher und Kritiker begeistern konnte.
Musikdirektor Markus Frank, den es nach Dessau zieht, habe einmalige, abwechslungsreiche Klangerlebnisse geschaffen, sagte Oberbürgermeister Zeh, er habe das Loh-Orchester zu neuen Höhen geführt, meinte Kreyer, Frank sei "unübertroffen".
Und schließlich Intendant Lars Tietje. Seine Verdienste aufzuzählen würde den Rahmen sprengen, meinte Zeh, er habe Weichen für das Theater gestellt, es nah ans Publikum herangebracht und die Qualität der künstlerischen Arbeit gesichert. Und er hat verhandelt, mit den Städten, den Kreisen, dem Freistaat Thüringen. Musste kämpfen, damals 2006, als das Theater vor dem Aus stand. Heute fehlt nur noch die Unterschrift von Kulturminister Immanuel Hoff unter den neuen Theaterverträgen, eine kurze, aber nicht ganz unbedeutende Nachricht am Rande des Abends.
Verabschiedung im Nordhäuser Theater (Foto: Angelo Glashagel)
Auch der Intendant selbst vergaß nicht ein paar Worte des Abschieds zu sprechen, für sich selbst und seine Gefährten. Das Nordhäuser Theater sei tief in der Bürgerschaft veranktert, die Leute liebten ihr Theater. Das waren nicht allein Tietjes Worte, auch andere wie Bianca Sue-Henne und Markus Frank betonten die Nähe von Theater und Bevölkerung, die man gerade dann wahrnehme, wenn man von außerhalb neu dazu kommt in den Nordthüringer Theaterbetrieb. Das sie gehen sei schwer, aber gut und richtig, sagte Tietje, "für die Kunst ist Veränderung wichtig, auch für das Theater". Vieles habe in den vergangenen Jahren gut funktioniert, manches nicht. Dabei habe man wenig Widerstände erfahren, habe auch Fehler machen dürfen. Abseits der Sanierungsfragen sei es ein schönes, ansehnliches Haus, das gut klingt und eine besondere, eine freundliche Atmosphäre habe, die eine Nähe zum Publikum erlaube, die anderswo nicht selbstverständlich sei.
Er und seine Familie seien in Nordhausen heimisch geworden, sagte Tietje, zwei der drei Kinder wurden hier geboren, alle sind hier aufgewachsen, da wurde selbst dem Bühnenprofi die Stimme schwer. Seiner Frau Gunde und seinen Kindern galt sein Dank, für ihre Geduld und ihre Unterstützung.
Auf Geschenke hatte man in der Einladung ausdrücklich verzichtet, lieber sollte man für die Fördervereine spenden. Die beiden Bürgermeister hatten sich dennoch etwas einfallen lassen, etwas das zur Kreativität der Bühne passte. Die sechs Theatermacher bekamen kleine Handpuppen, "König Lars" und "Königin Angelika", den "Zauberer Markus" und andere.
Und musikalisch wurde noch etwas geboten, versteht sich: "Freunde, das Leben ist schön".
Angelo Glashagel
Autor: redEs ist eine Zäsur für das kulturelle Leben in Nordthüringen. Eine, die lange absehbar war und heute trotzdem sehr herzlich und ganz offiziell vollzogen wurde - Lars Tietje, seit 12 Jahren Intendant des Nordhäuser Theaters und des Sondershäuser Loh-Orchesters und mit ihm fünf seiner langjährigen Mitstreiter, verlässt die Region und wendet sich neuen Aufgaben zu.
Im kleinen Kreis hatte man feiern wollen, das Parkett des Nordhäuser Bühnenhauses füllte sich dennoch ansehnlich. Nicht nur die vier Gesellschafter aus Nordhausen und dem Kyffhäuserkreis waren gekommen, auch viele Freunde, Unterstützer und Weggefährten aus Kultur, Wirtschaft, Politik.
Gemeinsam ließ man die letzten Jahre noch einmal Revue passieren und sang wohl verdiente Loblieder auf eine Mannschaft, die Theater und Orchester nicht nur durch schwere Zeiten sondern auch zu neuen Höhen gebracht haben. Lange Grußworte und Geschenke sollte es nicht geben, man wollte lieber das Gespräch suchen, sollte Intendant Tietje später sagen - Geschenke und Abschiedsreden gab es natürlich trotzdem.
Für die Gesellschafter des Nordthüringer Verbundes sprachen die Oberbürgermeister und Bürgermeister von Nordhausen und Sondershausen, Klaus Zeh und Joachim Kreyer. Das Ausscheiden eines ganzen Teams sei in der Theaterwelt kein ungewöhnlicher Vorgang, meinte Zeh, besonders sei, dass fast das ganze Team gemeinsam an eine neue Wirkungsstätte geht.
Ballettdirektorin Jutta Ebnotter konnte deswegen heute Abend nicht vor Ort sein, sie weilt bereits am Schweriner Staatstheater, wo wichtige Proben anstehen. Vielfach gedankt wurde ihr dennoch, sie war als jüngste Ballettdirektorin Deutschlands nach Nordhausen gekommen und hat ihre Kunst nicht nur zu einer viel beachteten Sparte gemacht, sondern auch einen brummenden Skeptiker wie Sondershausens Bürgermeister Kreyer von der Schönheit der Bewegung überzeugen können. "Sie hat meine Vorstellung von dem was Ballett ist geändert", sagte Kreyer, "das ist für mich zu etwas ganz Besonderem geworden".
Bianca Sue-Henne wird nach Heilbronn gehen, die Spezialistin für Kinder- und Jugendtheater bekam hier die einzige freie Stelle in ganz Deutschland in diesem Bereich, erzählte Lars Tietje und wird ein eigenes Ensemble leiten können. In Nordhausen habe sie mit ihrer spürbaren Begeisterung dafür gesorgt, dass ihre Stücke wie zuletzt die "Tänzerin von Auschwitz", auch über die Region hinaus für Aufmerksamkeit sorgten, sagte Nordhausens Oberbürgermeister Zeh. Joachim Kreyer dankte ihr im Namen seiner Enkel, insbesondere für "Die Königin der Farben".
Angelika Kalms ist eigentlich ein Urgestein des Nordhäuser Theaters, schon zu DDR-Zeiten begann sie im Haus zu arbeiten. Nach fünf Intendanten sei es nun für sie an der Zeit einmal nicht diejenige zu sein, die bleibt. Sie wird mit Lars Tietje nach Schwerin gehen, die beiden sind über die Jahre zu einem eingespielten Team geworden. Sowohl Zeh wie auch Kreyer bescheinigten der Verwaltungsdirektorin absolute Integrität und Transparenz. Sie sei die "Meisterin der Zahlen", sagte Kreyer, habe aber dennoch immer die Inhalte dahinter gesehen.
Wie schon Bianca Sue-Henne kam auch Toni Burkhardt als Berufsanfänger nach Nordhausen. Damals war er Regieassistent, heute verlässt er das Haus als Oberspielleiter der mit seinen Inszenierungen auf den Sondershäuser Schlossfestspielen, wie "My fair Lady" oder gerade dieser Tage mit "Anatevka", Besucher und Kritiker begeistern konnte.
Musikdirektor Markus Frank, den es nach Dessau zieht, habe einmalige, abwechslungsreiche Klangerlebnisse geschaffen, sagte Oberbürgermeister Zeh, er habe das Loh-Orchester zu neuen Höhen geführt, meinte Kreyer, Frank sei "unübertroffen".
Und schließlich Intendant Lars Tietje. Seine Verdienste aufzuzählen würde den Rahmen sprengen, meinte Zeh, er habe Weichen für das Theater gestellt, es nah ans Publikum herangebracht und die Qualität der künstlerischen Arbeit gesichert. Und er hat verhandelt, mit den Städten, den Kreisen, dem Freistaat Thüringen. Musste kämpfen, damals 2006, als das Theater vor dem Aus stand. Heute fehlt nur noch die Unterschrift von Kulturminister Immanuel Hoff unter den neuen Theaterverträgen, eine kurze, aber nicht ganz unbedeutende Nachricht am Rande des Abends.
Verabschiedung im Nordhäuser Theater (Foto: Angelo Glashagel)
Auch der Intendant selbst vergaß nicht ein paar Worte des Abschieds zu sprechen, für sich selbst und seine Gefährten. Das Nordhäuser Theater sei tief in der Bürgerschaft veranktert, die Leute liebten ihr Theater. Das waren nicht allein Tietjes Worte, auch andere wie Bianca Sue-Henne und Markus Frank betonten die Nähe von Theater und Bevölkerung, die man gerade dann wahrnehme, wenn man von außerhalb neu dazu kommt in den Nordthüringer Theaterbetrieb. Das sie gehen sei schwer, aber gut und richtig, sagte Tietje, "für die Kunst ist Veränderung wichtig, auch für das Theater". Vieles habe in den vergangenen Jahren gut funktioniert, manches nicht. Dabei habe man wenig Widerstände erfahren, habe auch Fehler machen dürfen. Abseits der Sanierungsfragen sei es ein schönes, ansehnliches Haus, das gut klingt und eine besondere, eine freundliche Atmosphäre habe, die eine Nähe zum Publikum erlaube, die anderswo nicht selbstverständlich sei.Er und seine Familie seien in Nordhausen heimisch geworden, sagte Tietje, zwei der drei Kinder wurden hier geboren, alle sind hier aufgewachsen, da wurde selbst dem Bühnenprofi die Stimme schwer. Seiner Frau Gunde und seinen Kindern galt sein Dank, für ihre Geduld und ihre Unterstützung.
Auf Geschenke hatte man in der Einladung ausdrücklich verzichtet, lieber sollte man für die Fördervereine spenden. Die beiden Bürgermeister hatten sich dennoch etwas einfallen lassen, etwas das zur Kreativität der Bühne passte. Die sechs Theatermacher bekamen kleine Handpuppen, "König Lars" und "Königin Angelika", den "Zauberer Markus" und andere.
Und musikalisch wurde noch etwas geboten, versteht sich: "Freunde, das Leben ist schön".
Angelo Glashagel



