Fr, 14:00 Uhr
24.06.2016
Diskussion zum Fleischatlas
Der Mensch, das Fleisch, die Folgen
Vor zwanzig Jahren wussten die wenigsten, was ein "Veganer" ist. Nachdem ein Lebensmittelskandal nach dem anderen mit schöner Regelmäßigkeit die heile Verbraucherwelt erschüttert, dreht sich der Wind. Schockvideos braucht es da gar nicht mehr, es reichen nüchterne Zahlen, wie man sie etwa zusammengefasst im "Fleischatlas" findet...
Keine aufgeschlitzten Tiere, keine Todesschreie beim Schlachten, keine Schockmomente - lediglich ein rohes Steak in der Form Deutschlands ziert das Cover des aktuellen "Fleischatlas". Im Heft selbst finden sich vor allem Graphiken, Zahlen, Tabellen, farbige Landkarten.
Wer produziert wo wieviel Fleisch? Welche Tiere werden wie gehalten? Wie sehen die Folgeerscheinungen der Massentierhaltung aus? Wie hat sich der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung entwickelt? Nachdem die Skandale rund um das Essen auf unseren Tellern nicht abreißen, seien es nun belastete Eier, falsch deklariertes Fleisch, geschredderte Küken oder viel zu billige Milch, haben es die Verfechter der fleischlosen Lebensweise anscheinend weniger nötig, sich des Schockeffektes zu bedienen.
An der Nordhäuser Hochschule, an der die Initiative "GoFair" zur Zeit die Nachhaltigkeitswoche organisiert, sprach Katrin Wenz vom Naturschutzbund "BUND" gestern über das, was man im Fleischatlas so finden kann, vor allem ging zur Massentierhaltung.
Und die ist, unabhängig von allen Skandalen, weiter auf dem Vormarsch. Allein in Thüringen nahm die Zahl der Schweine in den Betrieben zwischen 2010 und 2013 um 8 Prozent auf 830.000 Tiere insgesamt zu. Kleinere Betriebe geben auf, mehr als dreiviertel aller Tiere leben inzwischen in Ställen mit 5.000 und mehr Artgenossen, bei Hühnern und Puten sind es 99%. Die rund 165 Ökobetriebe im Freistaat fallen da kaum ins Gewicht, 2010 lebten 4,8% der in Thüringen gehaltenen Tiere in einem solchen Betrieb.
Katrin Wenz vom BUND referierte an der Nordhäuser Hochschule zur Massentierhaltung aus Umweltperspektive (Foto: Angelo Glashagel)
Trotz weniger Betriebe ist die Schweinedichte im Landkreis Nordhausen dabei besonders groß, zwischen 80.000 und 90.000 Tiere leben hier. Nur im Weimarer Land und dem Saale-Holzland Kreis ist die Situation ähnlich. Allerdings gibt es hier, wie im gesamten Rest des Freistaates mit Ausnahme von Gotha, mehr Anlagen. Bei den Nordthüringer Nachbarn etwa im Eichsfeld, Kyffhäuser und Unstrut-Hainich-Kreis sind es trotz einer wesentlich höheren Dichte an Anlagen jeweils "nur" zwischen 30.000 und 60.000 Tieren. Die Zahlen stammen aus dem Jahr 2014.
Nun sind die Probleme der Massentierhaltung als solches nichts neues mehr, BUND-Referentin Katrin Wenz konzentrierte sich deswegen auf Umweltbelastungen, die mit den Methoden der industriellen Tierhaltung einher gehen. Etwa mit der Nitrat- und Stickstoffbelastung des Bodens. Anders als vor 50 Jahren werden in den Industrieländern heutzutage vor allem die "Premiumstücke" der Tiere verzehrt, der Rest wird ins Ausland exportiert (und macht mit Kampfpreisen den lokalen Kleinbauern zu schaffen) oder wird anderweitig verarbeitet. Was übrig bleibt ist die Gülle. Jede Menge Gülle. Und die muss irgendwohin, traditionell aufs Feld. Vor allem Mais verträgt den Dünger gut.
Untersuchungen von BUND und anderen Organisationen haben gezeigt, das die Grundwasserqualität vor allem dort sinkt, wo viel Massentierhaltung betrieben wird, erklärte Wenz und zeigte entsprechende Grafiken, in denen vor allem Nordrheinwestfalen aber auch andere Gegenden des Landes grell herausstachen. Über das Grundwasser gelangen die Düngemittel letztlich auch in die Gewässer, auch die Meere. Die Ostsee etwa sei zum weitesten Teil bereits "überdüngt", so Wenz, was als Wachstumsförderung auf dem trockenen Land funktioniert begünstigt auch das Algenwachstum. Strafen für Überdüngung gebe es kaum. Die Verbände fordern deswegen vor allem eine "Hoftorbilanz", mit der die Betriebe nur soviel hereinlassen dürften, wie auch wieder herauskommt, und eine maximale Obergrenze von 170 Kilogramm Stickstoff. "Das ist nichts revolutionäres, das sind Grundforderungen", sagt Wenz.
Und noch etwas bleibt - die Antibiotika. Damit die auf engem Raum gehaltenen Tiere nicht krank werden, wird gerne und reichlich Antibiotika eingesetzt. Seit 2005 hat sich die Menge an Antibiotika in der Tierhaltung fast verdoppelt, von 784 Tonnen auf 1452 Tonnen im Jahr 2014. Hinzu kommen 13 Tonnen "Reserveantibiotika", also Mittel die da helfen, wo die herkömmlichen Präparate inzwischen versagen. 2005 war diese Form der Antibiotika noch gar nicht im Einsatz.
Die Medikamente verbleiben am Ende nicht nur im Fleisch, sondern mit der Gülle am Ende auch im Boden und es entstehen mehr resistente und damit potentiell auch für den Menschen gefährliche Keime. Die Weltgesundheitsorganisation warnte bereits vor einem "post-antibiotischen Zeitalter", das sei "nicht wahnsinnig weit" sondern ein relevantes Problem, erklärte Wenz.
Mit Fleisch und auch mit den Medikamenten wird viel Geld verdient. Mit Tierarzneien wird im Jahr durchschnittlich ein Gewinn von 740 Mio. Euro erzielt, lediglich ein mageres Prozent der Umsätze entfalle dabei auf Medikamente für Haustiere wie Hund und Katze, so die BUND Referentin. Die Politik, insbesondere in Deutschland und Frankreich, agiere dabei in der Agrarpolitik "äußerst konservativ". "Sie haben alles dafür getan, das es nicht grüner und nicht gerechter wird", sagte Wenz mit Hinblick auf Inititativen auf EU-Ebene.
In den Industrieländern ist der Fleischkonsum indes seit einigen Jahren rückläufig, auch in Deutschland. Anderswo auf der Welt, in Ländern mit aufsteigender Mittelschicht, sieht das ganz anders aus. Die Firma Wiesenhof etwa investiere zur Zeit massiv in Indien, erzählt Wenz.
Aufgeben werden die Verfechter des Fleischverzichtes dennoch nicht, es gibt Lösungsansätze, die man verfolgen kann, meint Wenz. Kleinere Betriebe mit geringerer Belegdichte und mehr Auslauf für die Tiere wären ein Anfang. Und Betriebe, die ihre Futtermittel möglichst selber herstellen, die Verbindung von Ackerbau und Viehzucht ist zur Seltenheit geworden, es überwiegt der Export von häufig gentechnisch verändertem Soja als Eiweißreiches Kraftfuttermittel.
Bauernhöfe statt Agrarfabriken, könnte man sagen. Ein eingeschränkter Lieferverkehr wäre ein zweiter Schritt. Grundsätzlich gilt: mehr Klasse statt Masse, also weniger ergiebige dafür aber gesündere Tiere. Und weniger Fleisch auf deutschen Tellern.
Schuld an der Misere tragen nicht alleine die Erzeuger. In Deutschland würden rund 20% mehr Fleisch produziert, als verbraucht werde. Die Überproduktion wiederrum gebe dem Handel mehr Gewicht und der drücke die Preise, so das den Erzeugern oft keine andere Wahl bliebe als mehr Tiere zu halten oder schlicht aufzugeben.
Eine Möglichkeit hier anzusetzen, wären deutliche Kennzeichnungspflichten. Als Beispiel führt Wenz das berühmte "Ei von glücklichen Hühnern" an. Seitdem auf jeder Packung Eier deutlich sichtbar ist, aus welcher Art von Haltung sie stammen, sind Eier aus Käfighaltung Ladenhüter. Und auch der bewusste Gang zum Fleischer um die Ecke anstatt des Griffes in die Supermarkt-Kühltruhe kann schon einen kleinen Unterschied machen, denn hier kann man immerhin nachfragen, wo das Fleisch eigentlich herkommt.
Angelo Glashagel
Autor: redKeine aufgeschlitzten Tiere, keine Todesschreie beim Schlachten, keine Schockmomente - lediglich ein rohes Steak in der Form Deutschlands ziert das Cover des aktuellen "Fleischatlas". Im Heft selbst finden sich vor allem Graphiken, Zahlen, Tabellen, farbige Landkarten.
Wer produziert wo wieviel Fleisch? Welche Tiere werden wie gehalten? Wie sehen die Folgeerscheinungen der Massentierhaltung aus? Wie hat sich der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung entwickelt? Nachdem die Skandale rund um das Essen auf unseren Tellern nicht abreißen, seien es nun belastete Eier, falsch deklariertes Fleisch, geschredderte Küken oder viel zu billige Milch, haben es die Verfechter der fleischlosen Lebensweise anscheinend weniger nötig, sich des Schockeffektes zu bedienen.
An der Nordhäuser Hochschule, an der die Initiative "GoFair" zur Zeit die Nachhaltigkeitswoche organisiert, sprach Katrin Wenz vom Naturschutzbund "BUND" gestern über das, was man im Fleischatlas so finden kann, vor allem ging zur Massentierhaltung.
Und die ist, unabhängig von allen Skandalen, weiter auf dem Vormarsch. Allein in Thüringen nahm die Zahl der Schweine in den Betrieben zwischen 2010 und 2013 um 8 Prozent auf 830.000 Tiere insgesamt zu. Kleinere Betriebe geben auf, mehr als dreiviertel aller Tiere leben inzwischen in Ställen mit 5.000 und mehr Artgenossen, bei Hühnern und Puten sind es 99%. Die rund 165 Ökobetriebe im Freistaat fallen da kaum ins Gewicht, 2010 lebten 4,8% der in Thüringen gehaltenen Tiere in einem solchen Betrieb.
Katrin Wenz vom BUND referierte an der Nordhäuser Hochschule zur Massentierhaltung aus Umweltperspektive (Foto: Angelo Glashagel)
Trotz weniger Betriebe ist die Schweinedichte im Landkreis Nordhausen dabei besonders groß, zwischen 80.000 und 90.000 Tiere leben hier. Nur im Weimarer Land und dem Saale-Holzland Kreis ist die Situation ähnlich. Allerdings gibt es hier, wie im gesamten Rest des Freistaates mit Ausnahme von Gotha, mehr Anlagen. Bei den Nordthüringer Nachbarn etwa im Eichsfeld, Kyffhäuser und Unstrut-Hainich-Kreis sind es trotz einer wesentlich höheren Dichte an Anlagen jeweils "nur" zwischen 30.000 und 60.000 Tieren. Die Zahlen stammen aus dem Jahr 2014.
Nun sind die Probleme der Massentierhaltung als solches nichts neues mehr, BUND-Referentin Katrin Wenz konzentrierte sich deswegen auf Umweltbelastungen, die mit den Methoden der industriellen Tierhaltung einher gehen. Etwa mit der Nitrat- und Stickstoffbelastung des Bodens. Anders als vor 50 Jahren werden in den Industrieländern heutzutage vor allem die "Premiumstücke" der Tiere verzehrt, der Rest wird ins Ausland exportiert (und macht mit Kampfpreisen den lokalen Kleinbauern zu schaffen) oder wird anderweitig verarbeitet. Was übrig bleibt ist die Gülle. Jede Menge Gülle. Und die muss irgendwohin, traditionell aufs Feld. Vor allem Mais verträgt den Dünger gut.
Untersuchungen von BUND und anderen Organisationen haben gezeigt, das die Grundwasserqualität vor allem dort sinkt, wo viel Massentierhaltung betrieben wird, erklärte Wenz und zeigte entsprechende Grafiken, in denen vor allem Nordrheinwestfalen aber auch andere Gegenden des Landes grell herausstachen. Über das Grundwasser gelangen die Düngemittel letztlich auch in die Gewässer, auch die Meere. Die Ostsee etwa sei zum weitesten Teil bereits "überdüngt", so Wenz, was als Wachstumsförderung auf dem trockenen Land funktioniert begünstigt auch das Algenwachstum. Strafen für Überdüngung gebe es kaum. Die Verbände fordern deswegen vor allem eine "Hoftorbilanz", mit der die Betriebe nur soviel hereinlassen dürften, wie auch wieder herauskommt, und eine maximale Obergrenze von 170 Kilogramm Stickstoff. "Das ist nichts revolutionäres, das sind Grundforderungen", sagt Wenz.
Und noch etwas bleibt - die Antibiotika. Damit die auf engem Raum gehaltenen Tiere nicht krank werden, wird gerne und reichlich Antibiotika eingesetzt. Seit 2005 hat sich die Menge an Antibiotika in der Tierhaltung fast verdoppelt, von 784 Tonnen auf 1452 Tonnen im Jahr 2014. Hinzu kommen 13 Tonnen "Reserveantibiotika", also Mittel die da helfen, wo die herkömmlichen Präparate inzwischen versagen. 2005 war diese Form der Antibiotika noch gar nicht im Einsatz.
Die Medikamente verbleiben am Ende nicht nur im Fleisch, sondern mit der Gülle am Ende auch im Boden und es entstehen mehr resistente und damit potentiell auch für den Menschen gefährliche Keime. Die Weltgesundheitsorganisation warnte bereits vor einem "post-antibiotischen Zeitalter", das sei "nicht wahnsinnig weit" sondern ein relevantes Problem, erklärte Wenz.
Mit Fleisch und auch mit den Medikamenten wird viel Geld verdient. Mit Tierarzneien wird im Jahr durchschnittlich ein Gewinn von 740 Mio. Euro erzielt, lediglich ein mageres Prozent der Umsätze entfalle dabei auf Medikamente für Haustiere wie Hund und Katze, so die BUND Referentin. Die Politik, insbesondere in Deutschland und Frankreich, agiere dabei in der Agrarpolitik "äußerst konservativ". "Sie haben alles dafür getan, das es nicht grüner und nicht gerechter wird", sagte Wenz mit Hinblick auf Inititativen auf EU-Ebene.
In den Industrieländern ist der Fleischkonsum indes seit einigen Jahren rückläufig, auch in Deutschland. Anderswo auf der Welt, in Ländern mit aufsteigender Mittelschicht, sieht das ganz anders aus. Die Firma Wiesenhof etwa investiere zur Zeit massiv in Indien, erzählt Wenz.
Aufgeben werden die Verfechter des Fleischverzichtes dennoch nicht, es gibt Lösungsansätze, die man verfolgen kann, meint Wenz. Kleinere Betriebe mit geringerer Belegdichte und mehr Auslauf für die Tiere wären ein Anfang. Und Betriebe, die ihre Futtermittel möglichst selber herstellen, die Verbindung von Ackerbau und Viehzucht ist zur Seltenheit geworden, es überwiegt der Export von häufig gentechnisch verändertem Soja als Eiweißreiches Kraftfuttermittel.
Bauernhöfe statt Agrarfabriken, könnte man sagen. Ein eingeschränkter Lieferverkehr wäre ein zweiter Schritt. Grundsätzlich gilt: mehr Klasse statt Masse, also weniger ergiebige dafür aber gesündere Tiere. Und weniger Fleisch auf deutschen Tellern.
Schuld an der Misere tragen nicht alleine die Erzeuger. In Deutschland würden rund 20% mehr Fleisch produziert, als verbraucht werde. Die Überproduktion wiederrum gebe dem Handel mehr Gewicht und der drücke die Preise, so das den Erzeugern oft keine andere Wahl bliebe als mehr Tiere zu halten oder schlicht aufzugeben.
Eine Möglichkeit hier anzusetzen, wären deutliche Kennzeichnungspflichten. Als Beispiel führt Wenz das berühmte "Ei von glücklichen Hühnern" an. Seitdem auf jeder Packung Eier deutlich sichtbar ist, aus welcher Art von Haltung sie stammen, sind Eier aus Käfighaltung Ladenhüter. Und auch der bewusste Gang zum Fleischer um die Ecke anstatt des Griffes in die Supermarkt-Kühltruhe kann schon einen kleinen Unterschied machen, denn hier kann man immerhin nachfragen, wo das Fleisch eigentlich herkommt.
Angelo Glashagel

