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So, 00:01 Uhr
21.02.2016
Erinnerung an den 21. Februar 1945, einen Mittwoch

D-Zug bei Berga unter Beschuss

Es war Mittwoch, der 21. Februar 1945. Um 10.55 Uhr meldete der Beobachter auf dem Bahnhof Berga – Herr Haselhof von Stock & Co., Rottleberode - den Anflug von neun US-Tieffliegern. Der D-Zug (D-190) aus Leipzig nach Köln fuhr gerade aus dem Bahnhof Berga in Richtung Nordhausen, als der Angriff erfolgte.


Aus den US-Flugzeugen wurde wahllos auf die Waggons und auf die Menschen geschossen, die aus den Türen ins Freie stürzten. In dieser Zeit gab es Hochwasser – es stand bis auf 20 Meter an die Gleise. Viele Menschen standen im Wasser und wurden auch dort beschossen.

Der Zug stand mit seinem Ende 400 Meter vor dem Bahnübergang nach Kelbra. Der Lokführer drehte noch Dampfhähne zu und sprang ab, verletzte sich aber an der Signaldrahtaufhängung (Winkeleisen mit Rollen) und blieb dort liegen. Der Heizer sprang auf der anderen Seite ab und kroch unter der Maschine zu seinem Lokführer (Kurt Lommatzsch), um zu helfen. Der jedoch wies auf die Menschen, er solle dort helfen. Erneuter Angriff, auch den Lokführer erwischte es, er war sofort tot.

Der Heizer sah zwei junge Frauen im Wasser, die sich um
ein altes Mütterchen kümmerten – er lief dorthin, nahm die alte Frau auf den Arm und kehrte zurück – dabei hatte er seine Knobelbecher im Schlamm stecken lassen und kam barfuß an. Nach dem 4. Angriff ( 27 Minuten ) drehten die Flugzeuge ab und flogen Richtung Auleben.

Die Blockstellenwärterin (Block Nr. 63), Frau Irmgard
Strejc aus Berga, hatte den Anflug der US-Flugzeuge mitbekommen und meldete das weiter über ihr Diensttelefon.

Zu spät! Ein Militärzug kam von Heringen – sie wollte
warnen und lief mit einer roten Fahne auf dem Gleis dem
Zug entgegen – die US-Flugzeuge kehrten in Berga um
und hielten auf den Militärzug zu. Fingen an zu feuern,
dabei trafen Splitter die Frau am Kopf – sie verlor ein
Augenlicht. Sie stürzte in ihr Blockhäuschen, welches kurze Zeit später aufgrund des Beschusses zusammenbrach. Soldaten aus dem Zug befreiten die Frau, brachten sie nach Nordhausen ins Krankenhaus – sie überlebte!

Die meisten der schwer Verwundeten wurden nach Nordhausen ins Krankenhaus verbracht. Nach Archivangaben sollen es etwa 82 Menschen gewesen sein. Ein Bus von Stock & Co kam sofort und brachte viele der Verletzten nach Nordhausen ins Krankenhaus.

Auch zwei Krankenwagen vom Roten Kreuz halfen bei dem Transport. Aus Auleben radelten zwei (oder drei) Rot-Kreuz-Schwestern am Bahndamm entlang und trafen gegen 12 Uhr ein. Sie konnten noch vielen leichter Verletzten helfen. Desgleichen kamen aus Berga Rot-Kreuz Schwestern und halfen überall. Ein Leutnant, etwa 30 Jahre, ist sofort nach dem letzten Angriff schnell nach Kelbra zur Apotheke gelaufen und hat zwei große Beutel mit Verbandsmaterial herbeigeschafft.

Ein größeres Fahrzeug von Stock & Co. brachte im Anschluss alle übrigen Fahrgäste mit Gebäck nach Nordhausen. Die Bahnstrecke nach Nordhausen soll seit diesem Zeitpunkt gesperrt gewesen sein. Zwischen Auleben und Heringen gab es Stellen, wo kein Gleis mehr vorhanden war. Das schlimmste Stück ist durch die Explosion eines Munitionswaggons zerstört worden. Nach Augenzeugenberichten soll der D-Zug auf einem Abstellgleis in Kelbra gestanden haben.

Wolfgang Ramdor – in jener Zeit ein sehr aktiver Junge in Berga, war überall zu finden, wo es etwas Neues gab. Er besuchte auch den Beobachter auf dem Dachboden des Bahnhofes Berga. Den Ausbau dazu finanzierte Stock & Co. (Erbauer?). Ramdor konnte sich noch an den Namen Haselhof erinnern. Den Mann besuchte er öfter – der hatte ein sehr gutes Fernglas. Und in seinem kleinen Käfig einen Funk und ein Telefon. Irmgard Strejc bestätigte den Namen Haselhof.

Ob es jedoch noch andere Beobachter gegeben haben
könnte, wussten beide nicht. Den Heizer dieser Lokomotive besuchte der Autor 1993 in seiner Wohnung in Kassel. Er berichtete alles in Einzelheiten so genau, dass ihm oft dabei die Tränen kamen. Auch dass vier Waggons mit großen roten Kreuzen auf den Dächern versehen waren.

Als seine Frau bemerkte, wie ihr Mann sich aufregte, wurde der Autor angezählt – sollte den Gatten nicht derart ausfragen. Nach Angaben seiner Ehefrau ist der Mann 1997 verstorben.

Der Flugwarndienst funktionierte eigentlich sehr gut – nur, wenn die Einflüge schnell und kurz hintereinander erfolgten, klappte alles nicht mehr so reibungslos.
Die Aufsicht im Bahnhof Berga sei für Stock & Co. eine
sehr wichtige Angelegenheit gewesen, denn nur so durften Züge mit Kriegsmaterial unbehelligt den Bahnknotenpunkt passieren. Ein zerstörter Güterzug stand auch in Berga auf einem Abstellgleis.

Unter den Getöteten waren 20 Frauen, 13 Männer und 8
Kinder bzw. Jugendliche. Nachträglich verstarben in
Nordhausen weitere 8 Personen. Die Beisetzung erfolgte am 26. Februar auf dem Friedhof in Berga unter großer Beteiligung der Bevölkerung.

Übrigens waren die Soldatenverluste bei den Militärzügen
ebenfalls erheblich hoch. Übrigens gibt es den Auslug auf dem Gebäudedach des Bergaer Bahnhofs heute noch.
(Aufgezeichnet im Februar 2015)
Fred Dittmann
Autor: jm

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Kommentare
Gehard Gösebrecht
21.02.2016, 07:38 Uhr
Der Beitrag wurde deaktiviert – Gehört nicht mehr zum Thema des Beitrags
Bodo Schwarzberg
21.02.2016, 10:44 Uhr
Krieg kann so nahe sein...
...das zeigt dieser wichtige, denkwürdige Beitrag unter anderem. Und auch heute leben wir nicht isoliert: Damals kam der Weltkrieg zu uns nach Nordhausen, rund zwei Monate nach dem Beschuss des D-Zuges wurde die Stadt zerstört, 8.800 Menschen fielen den Bomben der Befreier zum Opfer - niemand hätte damals einen derartigen Angriff auf die Stadt erwartet. Niemand erwartete 2015, dass uns die vom Markt regierte Destabilisierungspolitik des Westens mit all ihren Folgen - bis hin zum Krieg - in Form von bisher 1 Mio. Flüchtlingen in unserem Glashaus einholt.

Zwar sterben hier bei uns noch nicht wieder Menschen, aber die westlichen und US-Politiker tun gerade mit ihrer unangemessenen, aggressiven Russland- und Ostexpanionspolitik eine Menge, damit die Spannungen auch ja nicht entschärft werden. Und wie schon um 1930 verschließt die Bevölkerung die Augen, ist mit Konsum aller Art beschäftigt und erkennt die wahren Schuldigen nicht. Bis es zu spät ist.

Die Einseitigkeit der Sichtweisen, Ende des 2. Weltkriegs vergewaltigende Rotarmisten einerseits, und schokoladenverschenkende, Frauen nur liebevoll beglückende US-Soldaten andererseits, wird durch den obigen Text erneut als Geburt der "Lügenpresse" von Jahrzehnten entlarvt. Nur die Rosinenbomber nach dem Krieg sollen wahrgenommen werden, nicht aber die Bomben der Alliierten auf Zivilisten als fragwürdiges, zutiefst inhumanes Kriegsmittel.

Mein Urgroßvater Willy Schwarzberg war übrigens selbst in zwei Weltkriegen Lokomotivführer. In beiden Kriegen wurden seine Schnellzüge beschossen und er wurde verletzt. 1945 befuhr auch er regelmäßig die Strecken Halle/Leipzig in Richtung Kassel. Vor diesem Hintergrund haben die Vorkommnisse vom 21.2.45 bei Berga auch für mich eine besondere Bedeutung.
Paulinchen
21.02.2016, 13:16 Uhr
Ist so etwas nicht schrecklich?
Ein ehemaliger Kollege von mir, hat mir von diesem Ereignis mal erzählt. Er hat dies als Kind dort nach dem Geschehen gesehen. Sie seinen dann von ihren Eltern auf die Gefahren hingewiesen worden, welche von dem Munitionszug ausgehen könnten. In einigen Waggons sollen wohl auch Kartoffeln gewesen sein, welche sich dann die dortigen Anwohner geholt hätten.

Nur sind wir eigentlich heute weit ab von solchen Ereignissen? Ich glaube mal eher nicht. Meiner Meinung nach spielt doch gerade die Türkei mit dem Feuer! Wähnt sie sich dabei in absoluter NATO-Sicherheit? Syrien hat der Türkei das Betreten seines Landes strikt untersagt und den Russen hingegen um militärische Unterstützung gebeten. Die Türkei hat das Jagdflugzeug der Russen im Sept. 15 vom Himmel „geholt“ und seit diesem Tag befindet sich meiner Meinung nach, der Russe in Lauerstellung. Seit Freitag verlegt Putin Jagdflugzeuge nach Armenien, an die türkische Grenze. Also so ähnlich wie einst die UdSSR auf /vor Kuba und die USA im Gegenzug mit Drohgebärde (Okt. 1962)?

Man kann heute wohl davon ausgehen, dass Putin eher ein Mann ist, der Fakten schafft, denn er wurde ja vom westlichen Bündnis nahezu isoliert. Er wird deshalb alles unternehmen, um zu beweisen, dass sein Land noch immer eine Weltmacht ist, mit der jeder rechnen muss. Weil dem meiner Meinung nach so ist, wäre unsere Kanzlerin doch gut beraten, sich beim nächsten Gipfel mit den türk. Spitzenpolitikern nicht nur über das von ihr (!) verursachte Flüchtlingsproblem zu unterhalten.
Herr Taft
21.02.2016, 22:52 Uhr
Leute ! Seid ihr wahnsinnig ?
Hier wird über ein schreckliches historisches Ereignis berichtet. Gut und detailliert recherchiert, wie ich glaube.
Nichts davon ist auf die aktuelle Situation übertragbar...und das ist verdammt noch mal gut so. Hört doch mal mit dieser Panikmache auf. Das was ihr provoziert, wollt ihr doch gar nicht.
henry12
22.02.2016, 07:56 Uhr
wieso wahnsinnig ?
Es ist zwar ein ganz schöner Schwenk, aber die beiden haben absolut Recht mit ihrem Bezug zur Gegenwart. Das kann nicht oft genug betont werden. Die feigen Amerikaner ballern heute wieder auf Frauen und Kinder , wir liefern dafür die Zieldaten und zerfließen gleichzeitig im Schuldkult zum 2. Weltkrieg.
Wolfi65
22.02.2016, 10:43 Uhr
Hier haben wohl einige einen wichtigen Punkt vergessen!?
Daß die meisten Städte in Deutschland in den "letzten Fünf Minuten" des deutschen Reiches sinnlos!!!! zerstört wurden.
Einen militärischen Nutzen können selbst heute die Kriegshistoriker nicht so richtig erkennen.
Aber man musste ja die Deutschen für die Verbrechen bestrafen um sie später mit Schokolade und Essensrationen zu Entnazifizieren.
Dabei war es auch egal, ehemalige Nazigrößen in streng geheime Raketen- und Nuklearprojekte zu integrieren, um dessen Wissen zu nutzen.
Da waren die Nazis noch gut genug und man vergas auf wundersame Weise, deren Verbrechen.
Übrigens gilt das auch für unsere Russischen Freunde.
Und wie war der Slogan nach dem 2.Weltkrieg?
"Kein Deutscher soll jemals wieder eine Waffe in die Hand bekommen, um Kriege zu führen!"
Wo sind wir denn jetzt angekommen?
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