Di, 15:14 Uhr
09.02.2016
Besuch aus dem Bundestag (2)
Soziale Arbeit für alle
Vor kurzem erst konnte man beim Horizont Besuch aus Berlin begrüßen, heute nun hieß der Gast Manfred Grund, Abgeordneter der CDU im Bundestag. Im Gespräch mit den Sozialarbeitern ging es auch darum zu zeigen das man in Berlin wie auch vor Ort viel für diejenigen tut, die sich abgehängt fühlen. Und das seit Jahren...
Besuch aus Berlin - der Bundestagsabgeordnete Manfred Grund sprach mit Sozialarbeitern (Foto: Angelo Glashagel)
Die Flüchtlingsfrage steht nun seit gut einem halben Jahr fast tagtäglich in der einen oder anderen Form auf der Agenda. Es wird viel über Ideen und Möglichkeiten diskutiert, wie man der Situation Herr werden will. So viel das manch Zeitgenosse den Eindruck gewinnen mag, man tue alles für Flüchtlinge und nichts für die Einheimischen.
Das dass so nicht stimmt wollten der Verein Horizont und Manfred Grund zum Besuch des Bundestagsabgeordneten in den Vordergrund stellen. Wie sich die soziale Landschaft seit der Wende verändert hat, haben beide Seiten aus unterschiedlichen Perspektiven beobachten können. Der Verein Horizont wurde vor 25 Jahren mit fünf Mitarbeitern aus der Taufe gehoben und gehört heute zu den maßgeblichen Trägern, die sich in der Region um soziale Arbeit kümmern. Man beschäftigt inzwischen gut 300 Menschen Haupt- und knapp 100 Ehrenamtlich. Fast ebenso lang vertritt CDU Mann Manfred Grund als Abgeordneter in Berlin auch die Interessen der Nordthüringer. Angefangen hat er 1994 im Sozialausschuss, das Thema hat er bis heute nicht aus den Augen verloren, erzählte Grund.
Die Situation sei damals eine ganz andere gewesen. Zu Zeiten von ABM und Sozialhilfe hatte man in der Region mit gut 30% Arbeitslosigkeit zu kämpfen, erinnerte sich der Abgeordnete. Heute sind es laut offizieller Statistik noch 9,3%. Den sozialen Trägern mangelt es trotzdem nicht an Arbeit, denn mit der Zeit haben sich die Problemlagen der Menschen geändert und damit auch das Aufgabenspektrum der Vereine.
Relativ neu ist etwa der Bereich Schulbezogene Jugendsozialarbeit. Seit 2013 haben alle Regelschulen des Landkreises einen Sozialarbeiter im Haus, allein der Verbund aus Horizont und Lift-Verein ist an vier Schulen tätig. Ihre Kollegen haben in den Schulen ein Büro, feste Sprechzeiten und sind auch mobil und in den sozialen Netzwerken für alle Beteiligten erreichbar, erzählte Bereichsleiterin Jana Kleinewalter. Man beschäftigt sich mit Alltagsproblemen an der Schule, hält Angebote zu Cybermobbing, Drogenmissbrauch, Sexualkunde und Ausgrenzung vor, befasst sich viel mit Berufsberatung und vermittelt zwischen Schülern, Eltern und Lehrern. Inzwischen hätten sich sie und ihre Kollegen an den Schulen etabliert erzählt Kleinewalter, man arbeite mit der Lehrerschaft auf Augenhöhe. "Wir haben einen ganz anderen Zugang zu den Schülern", sagt die Sozialarbeiterin, "wir sind nicht die Notengeber und das merkt man". Aktive und passive Schulverweigerung sind ein wiederkehrendes Thema, aber es gibt auch andere Probleme, so Kleinewalter. Wird es konkret, etwa in Sachen Drogenmissbrauch, dann vermittelt man auch an andere Stellen.
Andere Ansätze verfolgen die Projekte "Tizian" und "Gecko". Ersteres beschäftigt sich seit 2009 mit erwerbslosen Familien. Das Spektrum reicht dabei von der alleinerziehenden Mutter bis zur Großfamilie mit fünf oder mehr Kindern. Die sozialpädagogische Betreuung soll den Menschen helfen, wieder Stabilität in ihr Leben zu bringen und ihnen so einen Weg zur beruflichen Integration zu ebnen. Allein im Jahr 2015 hat man 78 Teilnehmer und 134 Kinder betreut, erzählte Projektmitarbeiterin Stephanie Schüler. Thorsten Wendts Projekt "Gecko" geht noch einen Schritt weiter und befasst sich seit kurzem mit klinischer Sozialarbeit, legt also den Fokus vor allem auch auf die geisitige Gesundheit.
v.l.: Horizont Geschäftsführer René Kübler und der Abgeordnete Manfred Grund haben die Entwicklung der sozialen Landschaft aus unterschiedlichen Blickwinkeln erlebt (Foto: Angelo Glashagel)
Und was macht man in Berlin? Vor allem erst einmal Rahmenbedingungen schaffen und Geld geben. Ein Teil der Projekte des Horizont finanziert zum Beispiel Stellen über den Topf "soziale Teilhabe". Das es diese Möglichkeit gibt, nachdem Maßnahmen wie die Bürgerarbeit ausgelaufen sind, ist auch dem Einsatz eines Manfred Grund zu verdanken, lobte Horizont Chef René Kübler. Im Verein könnten dank der Maßnahme 48 Stellen besetzt und Menschen eine sinnvolle Beschäftigung gegeben werden, im ganzen Landkreis sind es 204 Stellen. Gut angelegtes Geld sei das, meint der Abgeordnete, die Ergebnisse seien greifbar und nachhaltig in ihrer Wirkung. Wenn man als Abgeordneter so etwas in die Ministerien hinein tragen wolle, gehe das nicht ohne den Anstoß aus der Region, den Institutionen wie der Horizont geben, so Grund.
Der Abgeordnete hatte denn auch Zettel und Stift gezückt und löcherte die Sozialarbeiterbasis mit Fragen. Die können im verwobenen und immer noch verlgeichsweise engmaschigen sozialen Netz schnell eklatante Lücken aufzeigen. Torsten Wendt etwa erzählt das beide Projekte, "Tizian" und "Gecko" bei freiwilliger Teilnahme und jeweils 40 Plätzen inzwischen mit Wartelisten arbeiten müssten und man vielen Leuten nicht helfen könne, weil sie nicht in das Raster der Vorgaben passten. Wer nicht Hartz IV Empfänger oder Langzeitarbeitslos ist, der kann Hilfsangebote oft nicht wahrnehmen. Der Anteil an psychosozialen Beeinträchtigungen sei hier zwar höher als unter den Menschen die in Lohn und Brot stehen, erklärte Wendt, man erlebe aber auch vermehrt das gut ausgebildete Personen die Arbeit haben sich hilfesuchend an die Sozialarbeiter wenden. Alles was es bräuchte, wäre eine kleine Veränderung im Text der Vorgaben und man könnte auch hier aktiv werden.
"Wir sind als Land reich genug zu helfen und die Hilfe auch zu finanzieren", sagte Grund, "dort, wo es etwas bringt". Nur ist das nicht immer ganz einfach. Klammen Kommunen per Kooperation von Seiten des Bundes unter die Arme zu greifen verbietet das Grundgesetz, der Weg führt zwangsläufig über die Länder. Andererseits seien die Probleme nicht selten selbst verschuldet. Bringen leere Stadtsäckel kleinere Vereine und Träger in Bedrängnis, müssten die Verantwortlichen sich dort darum kümmern, ihre Arbeit auf eine breitere Basis zu stellen und andere Fördermöglichkeiten zu finden.
Es ist also nicht alles eitel Sonnenschein. Im Gegenteil, es bleibt auf allen Ebenene, von Berlin bis zum Träger vor Ort, viel zu tun. Dabei wird sich der Arbeitsalltag der deutschen Sozialarbeiterschaft auch in Zukunft zumeist im Stillen abspielen, ohne viel Aufmerksamkeit von außen. Aber nur weil etwas nicht jeden Tag in großen Lettern zu lesen steht, heißt das nicht, das es nicht existiert.
Angelo Glashagel
Autor: red
Besuch aus Berlin - der Bundestagsabgeordnete Manfred Grund sprach mit Sozialarbeitern (Foto: Angelo Glashagel)
Die Flüchtlingsfrage steht nun seit gut einem halben Jahr fast tagtäglich in der einen oder anderen Form auf der Agenda. Es wird viel über Ideen und Möglichkeiten diskutiert, wie man der Situation Herr werden will. So viel das manch Zeitgenosse den Eindruck gewinnen mag, man tue alles für Flüchtlinge und nichts für die Einheimischen.
Das dass so nicht stimmt wollten der Verein Horizont und Manfred Grund zum Besuch des Bundestagsabgeordneten in den Vordergrund stellen. Wie sich die soziale Landschaft seit der Wende verändert hat, haben beide Seiten aus unterschiedlichen Perspektiven beobachten können. Der Verein Horizont wurde vor 25 Jahren mit fünf Mitarbeitern aus der Taufe gehoben und gehört heute zu den maßgeblichen Trägern, die sich in der Region um soziale Arbeit kümmern. Man beschäftigt inzwischen gut 300 Menschen Haupt- und knapp 100 Ehrenamtlich. Fast ebenso lang vertritt CDU Mann Manfred Grund als Abgeordneter in Berlin auch die Interessen der Nordthüringer. Angefangen hat er 1994 im Sozialausschuss, das Thema hat er bis heute nicht aus den Augen verloren, erzählte Grund.
Die Situation sei damals eine ganz andere gewesen. Zu Zeiten von ABM und Sozialhilfe hatte man in der Region mit gut 30% Arbeitslosigkeit zu kämpfen, erinnerte sich der Abgeordnete. Heute sind es laut offizieller Statistik noch 9,3%. Den sozialen Trägern mangelt es trotzdem nicht an Arbeit, denn mit der Zeit haben sich die Problemlagen der Menschen geändert und damit auch das Aufgabenspektrum der Vereine.
Relativ neu ist etwa der Bereich Schulbezogene Jugendsozialarbeit. Seit 2013 haben alle Regelschulen des Landkreises einen Sozialarbeiter im Haus, allein der Verbund aus Horizont und Lift-Verein ist an vier Schulen tätig. Ihre Kollegen haben in den Schulen ein Büro, feste Sprechzeiten und sind auch mobil und in den sozialen Netzwerken für alle Beteiligten erreichbar, erzählte Bereichsleiterin Jana Kleinewalter. Man beschäftigt sich mit Alltagsproblemen an der Schule, hält Angebote zu Cybermobbing, Drogenmissbrauch, Sexualkunde und Ausgrenzung vor, befasst sich viel mit Berufsberatung und vermittelt zwischen Schülern, Eltern und Lehrern. Inzwischen hätten sich sie und ihre Kollegen an den Schulen etabliert erzählt Kleinewalter, man arbeite mit der Lehrerschaft auf Augenhöhe. "Wir haben einen ganz anderen Zugang zu den Schülern", sagt die Sozialarbeiterin, "wir sind nicht die Notengeber und das merkt man". Aktive und passive Schulverweigerung sind ein wiederkehrendes Thema, aber es gibt auch andere Probleme, so Kleinewalter. Wird es konkret, etwa in Sachen Drogenmissbrauch, dann vermittelt man auch an andere Stellen.
Andere Ansätze verfolgen die Projekte "Tizian" und "Gecko". Ersteres beschäftigt sich seit 2009 mit erwerbslosen Familien. Das Spektrum reicht dabei von der alleinerziehenden Mutter bis zur Großfamilie mit fünf oder mehr Kindern. Die sozialpädagogische Betreuung soll den Menschen helfen, wieder Stabilität in ihr Leben zu bringen und ihnen so einen Weg zur beruflichen Integration zu ebnen. Allein im Jahr 2015 hat man 78 Teilnehmer und 134 Kinder betreut, erzählte Projektmitarbeiterin Stephanie Schüler. Thorsten Wendts Projekt "Gecko" geht noch einen Schritt weiter und befasst sich seit kurzem mit klinischer Sozialarbeit, legt also den Fokus vor allem auch auf die geisitige Gesundheit.
v.l.: Horizont Geschäftsführer René Kübler und der Abgeordnete Manfred Grund haben die Entwicklung der sozialen Landschaft aus unterschiedlichen Blickwinkeln erlebt (Foto: Angelo Glashagel)
Und was macht man in Berlin? Vor allem erst einmal Rahmenbedingungen schaffen und Geld geben. Ein Teil der Projekte des Horizont finanziert zum Beispiel Stellen über den Topf "soziale Teilhabe". Das es diese Möglichkeit gibt, nachdem Maßnahmen wie die Bürgerarbeit ausgelaufen sind, ist auch dem Einsatz eines Manfred Grund zu verdanken, lobte Horizont Chef René Kübler. Im Verein könnten dank der Maßnahme 48 Stellen besetzt und Menschen eine sinnvolle Beschäftigung gegeben werden, im ganzen Landkreis sind es 204 Stellen. Gut angelegtes Geld sei das, meint der Abgeordnete, die Ergebnisse seien greifbar und nachhaltig in ihrer Wirkung. Wenn man als Abgeordneter so etwas in die Ministerien hinein tragen wolle, gehe das nicht ohne den Anstoß aus der Region, den Institutionen wie der Horizont geben, so Grund.Der Abgeordnete hatte denn auch Zettel und Stift gezückt und löcherte die Sozialarbeiterbasis mit Fragen. Die können im verwobenen und immer noch verlgeichsweise engmaschigen sozialen Netz schnell eklatante Lücken aufzeigen. Torsten Wendt etwa erzählt das beide Projekte, "Tizian" und "Gecko" bei freiwilliger Teilnahme und jeweils 40 Plätzen inzwischen mit Wartelisten arbeiten müssten und man vielen Leuten nicht helfen könne, weil sie nicht in das Raster der Vorgaben passten. Wer nicht Hartz IV Empfänger oder Langzeitarbeitslos ist, der kann Hilfsangebote oft nicht wahrnehmen. Der Anteil an psychosozialen Beeinträchtigungen sei hier zwar höher als unter den Menschen die in Lohn und Brot stehen, erklärte Wendt, man erlebe aber auch vermehrt das gut ausgebildete Personen die Arbeit haben sich hilfesuchend an die Sozialarbeiter wenden. Alles was es bräuchte, wäre eine kleine Veränderung im Text der Vorgaben und man könnte auch hier aktiv werden.
"Wir sind als Land reich genug zu helfen und die Hilfe auch zu finanzieren", sagte Grund, "dort, wo es etwas bringt". Nur ist das nicht immer ganz einfach. Klammen Kommunen per Kooperation von Seiten des Bundes unter die Arme zu greifen verbietet das Grundgesetz, der Weg führt zwangsläufig über die Länder. Andererseits seien die Probleme nicht selten selbst verschuldet. Bringen leere Stadtsäckel kleinere Vereine und Träger in Bedrängnis, müssten die Verantwortlichen sich dort darum kümmern, ihre Arbeit auf eine breitere Basis zu stellen und andere Fördermöglichkeiten zu finden.
Es ist also nicht alles eitel Sonnenschein. Im Gegenteil, es bleibt auf allen Ebenene, von Berlin bis zum Träger vor Ort, viel zu tun. Dabei wird sich der Arbeitsalltag der deutschen Sozialarbeiterschaft auch in Zukunft zumeist im Stillen abspielen, ohne viel Aufmerksamkeit von außen. Aber nur weil etwas nicht jeden Tag in großen Lettern zu lesen steht, heißt das nicht, das es nicht existiert.
Angelo Glashagel

