Fr, 07:00 Uhr
11.12.2015
PRODUKTIONSLEITER JÜRGEN KUCHER ERINNERT SICH MIT WEHMUT
Nachruf für einen Ex-Vorzeigebetrieb
Der ehemalige Vorzeigebetrieb Drei Streif fällt. Mit dem Abriss beauftragt wurde die Firma Ruppert GmbH aus Beucha in Sachsen. In den nächsten Tagen schafft sie vor Ort eine Baustelleneinrichtung, teilt Bauamtsleiter Jens Kohlhause auf Anfrage mit...
Nordhausen. Die Abrisskosten belaufen sich auf 690.000 Euro. Verschwinden werde nicht nur das Dreistreif-Objekt. Es fallen auch die Geisterhäuser im Umfeld nebst Garagen.
Die Arbeiten nehmen 2016 daher mehrere Wochen oder Monate in Anspruch. Zu entfernen sei zudem tonnenweise allerlei Unrat, der sich im Laufe der Jahre in erschreckender Vielfalt angesammelt hat.
Bis zur Wende herrschte in der kleinen Wohnsiedlung am Hüpedenweg unweit der Kaffeefabrik reges Leben. Hier wohnten einmal Familien. Etwa sechs in einem Haus. Sie bauten sich Garagen und für ihre Kinder einen hübschen Spielplatz. Neu eingedeckte Dächer mit Schneefängern, erneuerte Fensterumrahmungen und Briefkästen ließen die Hoffnung keimen, das Leben gehe weiter. Sie war trügerisch. Die Wohnsiedlung starb.
Bald wird das ehemalige Drei Streif-Gebäude nur noch Geschichte sein.
Verbunden sind die umfangreichen Abrissarbeiten mit Lärm und Beeinträchtigungen. Zu gegebener Zeit, versichert Bauamtsleiter Kohlhause, werde man die Anlieger eingehend informieren. Mit dem Abriss und allem Drum und Dran werde der Weg geebnet für das Projekt IFA-Industriepark. Die Förderwürdigkeit des Projekts war schon 2013 vom Landesverwaltungsamt bestätigt worden.
Die geschätzte Investitionssumme war auf drei Millionen Euro, der Eigenanteil der Stadt auf 300000 Euro geschätzt worden. Alles andere soll über Fördermittel finanziert werden. Ein Bebauungsplan soll die neue Straße und die Gewerbeflächen sichern. Vorgesehen ist auch, die Salza von technischen Einbauten freizulegen.
Jedes Mal, wenn der Weg Jürgen Kucher an seine ehemalige Arbeitsstelle vorbei führt, überkommt ihn Wehmut. Hier, in der Kaffeefabrik, war ich über 16 Jahre tätig. Zuletzt als Produktionsleiter, blickt er sinnierend zurück. Rondo, Mona, Melange waren begehrte Produkte. In Weichpackungen, gemahlen zu je 125 Gramm, weiß der Produktionsleiter. Später, sagt er, seien die Sorten Der Milde und Der Mokka hinzugekommen. Als Bohnen verpackt.
Über 50 Mitarbeiter fühlten sich in dem Betrieb wohl und geborgen, ist Jürgen Kucher überzeugt. Die Firma habe kostendeckend gearbeitet. Dann kam die Wende. Der Betrieb produzierte weiter. Auf Messen, auf denen Drei Streif seine Waren präsentierte, bestätigten westdeutsche Experten ihnen eine gute Qualität und Markt-Chancen.
Auch die Geisterhäuser um Umfeld der ehemaligen Kaffee-Fabrik fallen.
Jürgen Kucher war verantwortlich für Export, Qualität und den Einkauf von Rohkaffee. Für die Türkei sei die Sorte Säray produziert worden. Dann übernahm die Firma Tchibo Drei Streif. Wir hatten das Gefühl, dass Tchibo kein Interesse am Erhalt unseres Betriebes hatte, meint der heute 75-Jährige. Zeitweise, erzählt der Ex-Produktionsleiter, gab es Bestrebungen innerhalb der Belegschaft, den Betrieb selbstständig weiterzuführen.
Die Treuhand lehnte ab. Stattdessen setzte sie einen jungen Mann als Geschäftsführer ein. Einen gelernten Drogisten. Der kam aus Bayern. Wir ermahnten ihn, in neue Technik zu investieren, erinnert sich Jürgen Kucher. Zeitgemäße Verpackungen sollten es werden, um auf dem Markt mithalten zu können. Doch der Bayer beließ alles beim alten.
Zur Rede gestellt, habe sich Nikolaus Sedlmayer, so hieß der Mann, vor ihm aufgebaut und im Brustton der Überzeugung erklärt: Ich kann alles, ich weiß alles, ich habe recht!
Drei Streif ging den Bach hinunter. Erst allmählich, dann rasant. Die Belegschaft schrumpfte. Auf 15 Mitarbeiter. Dann auf 7. Der Produktionsleiter verließ die Firma als einer der letzten. 1999 ging das Licht aus.
Übrig blieben mit der Zeit gähnende Fensterfronten, abfallender Putz und ein vermülltes und verdrecktes Umfeld. Das soll sich 2016 ändern.
Kurt Frank
Autor: redNordhausen. Die Abrisskosten belaufen sich auf 690.000 Euro. Verschwinden werde nicht nur das Dreistreif-Objekt. Es fallen auch die Geisterhäuser im Umfeld nebst Garagen.
Die Arbeiten nehmen 2016 daher mehrere Wochen oder Monate in Anspruch. Zu entfernen sei zudem tonnenweise allerlei Unrat, der sich im Laufe der Jahre in erschreckender Vielfalt angesammelt hat.
Bis zur Wende herrschte in der kleinen Wohnsiedlung am Hüpedenweg unweit der Kaffeefabrik reges Leben. Hier wohnten einmal Familien. Etwa sechs in einem Haus. Sie bauten sich Garagen und für ihre Kinder einen hübschen Spielplatz. Neu eingedeckte Dächer mit Schneefängern, erneuerte Fensterumrahmungen und Briefkästen ließen die Hoffnung keimen, das Leben gehe weiter. Sie war trügerisch. Die Wohnsiedlung starb.
Bald wird das ehemalige Drei Streif-Gebäude nur noch Geschichte sein.
Verbunden sind die umfangreichen Abrissarbeiten mit Lärm und Beeinträchtigungen. Zu gegebener Zeit, versichert Bauamtsleiter Kohlhause, werde man die Anlieger eingehend informieren. Mit dem Abriss und allem Drum und Dran werde der Weg geebnet für das Projekt IFA-Industriepark. Die Förderwürdigkeit des Projekts war schon 2013 vom Landesverwaltungsamt bestätigt worden.
Die geschätzte Investitionssumme war auf drei Millionen Euro, der Eigenanteil der Stadt auf 300000 Euro geschätzt worden. Alles andere soll über Fördermittel finanziert werden. Ein Bebauungsplan soll die neue Straße und die Gewerbeflächen sichern. Vorgesehen ist auch, die Salza von technischen Einbauten freizulegen.
Jedes Mal, wenn der Weg Jürgen Kucher an seine ehemalige Arbeitsstelle vorbei führt, überkommt ihn Wehmut. Hier, in der Kaffeefabrik, war ich über 16 Jahre tätig. Zuletzt als Produktionsleiter, blickt er sinnierend zurück. Rondo, Mona, Melange waren begehrte Produkte. In Weichpackungen, gemahlen zu je 125 Gramm, weiß der Produktionsleiter. Später, sagt er, seien die Sorten Der Milde und Der Mokka hinzugekommen. Als Bohnen verpackt.
Über 50 Mitarbeiter fühlten sich in dem Betrieb wohl und geborgen, ist Jürgen Kucher überzeugt. Die Firma habe kostendeckend gearbeitet. Dann kam die Wende. Der Betrieb produzierte weiter. Auf Messen, auf denen Drei Streif seine Waren präsentierte, bestätigten westdeutsche Experten ihnen eine gute Qualität und Markt-Chancen.
Auch die Geisterhäuser um Umfeld der ehemaligen Kaffee-Fabrik fallen.
Jürgen Kucher war verantwortlich für Export, Qualität und den Einkauf von Rohkaffee. Für die Türkei sei die Sorte Säray produziert worden. Dann übernahm die Firma Tchibo Drei Streif. Wir hatten das Gefühl, dass Tchibo kein Interesse am Erhalt unseres Betriebes hatte, meint der heute 75-Jährige. Zeitweise, erzählt der Ex-Produktionsleiter, gab es Bestrebungen innerhalb der Belegschaft, den Betrieb selbstständig weiterzuführen.
Die Treuhand lehnte ab. Stattdessen setzte sie einen jungen Mann als Geschäftsführer ein. Einen gelernten Drogisten. Der kam aus Bayern. Wir ermahnten ihn, in neue Technik zu investieren, erinnert sich Jürgen Kucher. Zeitgemäße Verpackungen sollten es werden, um auf dem Markt mithalten zu können. Doch der Bayer beließ alles beim alten.
Zur Rede gestellt, habe sich Nikolaus Sedlmayer, so hieß der Mann, vor ihm aufgebaut und im Brustton der Überzeugung erklärt: Ich kann alles, ich weiß alles, ich habe recht!
Drei Streif ging den Bach hinunter. Erst allmählich, dann rasant. Die Belegschaft schrumpfte. Auf 15 Mitarbeiter. Dann auf 7. Der Produktionsleiter verließ die Firma als einer der letzten. 1999 ging das Licht aus.
Übrig blieben mit der Zeit gähnende Fensterfronten, abfallender Putz und ein vermülltes und verdrecktes Umfeld. Das soll sich 2016 ändern.
Kurt Frank








