Sa, 12:55 Uhr
24.10.2015
EIN BESORGTER BÜRGER ÜBER STREITKULTUR IN WIPPERDORF
Ich schäme mich!
In einem Live-Ticker und einem nachfolgenden Bericht haben wir über die Flüchtlingsdebatte in Wipperdorf informiert. Weitere Bemerkungen sind dennoch angebracht...
Ein schwarzer Tag für den Ort sei es gewesen, ist ein nnz-Leser überzeugt. Das sollte so stehen bleiben. Was man an diesem Abend zu hören bekam, war jenseits guter Manieren. Zweifellos war es ein schwerwiegender Fehler der Landkreisverwaltung, die Bürger nicht rechtzeitig über das Vorhaben informiert zu haben, einen leer stehenden Teil der Grundschule für Flüchtlingsunterkünfte zu nutzen. Eine Lektion für den Landrat, es künftig besser zu handhaben.
Die verspätete Information sollte aber nicht Anlass sein für eine Wortwahl jenseits des guten Geschmacks. Es ging doch an diesem Abend nicht nur um Kinder und deren Wohl. Die Wortgefechte hatten einen anderen Hintergrund. Wer heizte die Stimmung an? Waren es nicht jene, die lauthals schrien und über Flüchtlinge redeten, dass man meinen konnte, diese seien soeben dem finstersten Busch entsprungen?
Hätte nicht Bürgermeister Joachim Leßner Anerkennung verdient, als er an seine Mitbürger appellierte, Menschen in Not willkommen zu heißen und es den Sülzhaynern gleich zutun, wo es so gut funktioniere? Er nannte als Beweis die drei Familien, die schon im Ort wohnten, keinerlei Sorgen bereiteten und deren Kinder gut lernten. Unruhe stifteten andere. Das Sperrfeuer nahm aber kein Ende. Man forderte eine Risiko-Analyse.
Oder die Schulleiterin Hentschel. Ihre Nervosität war nicht zu übersehen. Aber sie bewies Mut: Sie wolle sich bemühen, die Flüchtlingskinder, die in die Schule kommen, gut zu integrieren. Lob für diese Worte war ebenfalls nicht vernehmbar. Achim Güntzel, ein älterer Herr, stand auf und rief voller Erregung, dass er sich über diese Streitkultur schäme. Er wurde überhört.
Wir sollten den Flüchtlingen eine menschenwürdige Unterkunft geben, bemühte sich Landrat Jendricke um eine sachliche Diskussion und um nachvollziehbare Antworten. Unter anderem darüber, warum man die Flüchtlinge nicht in andere Schulobjekte unterbringe – Klettenberg, Sundhausen oder im Gebäude der ehemaligen Kinder-und Jugendpsychiatrie in Nordhausen.
Stattdessen Zwischenrufe aus dem Hintergrund und Beschimpfungen: Lügner! Ein Botschafter der Regierung sei er, ein arroganter Wortbrüchiger. Wie immer man zu Matthias Jendricke auch stehen mag, er tut nur das, was man von ihm fordert: Flüchtlinge unterzubringen. Die übermächtige Sogwelle Richtung Deutschland haben andere zu verantworten.
Nehmen wir einmal an, an Jendrickes Stelle als Landrat stünden Stefan Nüßle, Egon Primas oder Jutta Krauth. Auch sie würden sich redlich bemühen, bemühen müssen, ihren Aufgaben in der gegenwärtigen schwierigen Situation gerecht zu werden. Vielleicht nicht so übereifrig wie Jendricke, dennoch wären sie Konfrontationen ausgesetzt. Würden sie es auch besser machen? Vielleicht sind sie heute froh, nicht Landrat geworden zu sein, stand doch seinerzeit die Flüchtlingsdebatte noch nicht im Fokus.
Natürlich hat nnz-Leser Bodo Schwarzberg recht, wenn er in seiner Wortmeldung die eigentlichen Ursachen der Flüchtlingsströme benennt. Aber auch er weiß um die Gegenwart, wonach weitere Völkerscharen Einlass in das gelobte Land begehren. Es wird sich weiter verändern. Wir stehen mit der Flüchtlingsproblematik erst am Anfang. Auch hierzulande.
Landkreis und Stadt Nordhausen sind händeringend auf der Suche nach weiteren geeigneten Unterbringungsmöglichkeiten. Debatten werden anderswo nicht ausbleiben. Ob so heftig wie in Wipperdorf geschehen, wird sich zeigen. Immer wieder werden die, die nach einer Bleibe suchen, hören: Wir haben nichts gegen Flüchtlinge, aber bitte nicht bei uns. Die Frage wird sein, wie man ihnen begegnet.
Unser Leser Eckart Holstein macht sich Sorgen über die Wortwahl einiger Kommentatoren. Sie bedienten sich unter anderem abfälliger Attribute über Menschen, die schlichtweg unangebracht seien. Manche, schreibt er, wählten einen Stil, der ihm Angst mache. Wenn er damit den im Vorfeld der Informationsveranstaltung in Wipperdorf meint, der nur zusätzlich Dampf auf den Kessel brachte, steht er mit seiner Meinung nicht allein. Im Gegenteil!
Kurt Frank
Autor: redEin schwarzer Tag für den Ort sei es gewesen, ist ein nnz-Leser überzeugt. Das sollte so stehen bleiben. Was man an diesem Abend zu hören bekam, war jenseits guter Manieren. Zweifellos war es ein schwerwiegender Fehler der Landkreisverwaltung, die Bürger nicht rechtzeitig über das Vorhaben informiert zu haben, einen leer stehenden Teil der Grundschule für Flüchtlingsunterkünfte zu nutzen. Eine Lektion für den Landrat, es künftig besser zu handhaben.
Die verspätete Information sollte aber nicht Anlass sein für eine Wortwahl jenseits des guten Geschmacks. Es ging doch an diesem Abend nicht nur um Kinder und deren Wohl. Die Wortgefechte hatten einen anderen Hintergrund. Wer heizte die Stimmung an? Waren es nicht jene, die lauthals schrien und über Flüchtlinge redeten, dass man meinen konnte, diese seien soeben dem finstersten Busch entsprungen?
Hätte nicht Bürgermeister Joachim Leßner Anerkennung verdient, als er an seine Mitbürger appellierte, Menschen in Not willkommen zu heißen und es den Sülzhaynern gleich zutun, wo es so gut funktioniere? Er nannte als Beweis die drei Familien, die schon im Ort wohnten, keinerlei Sorgen bereiteten und deren Kinder gut lernten. Unruhe stifteten andere. Das Sperrfeuer nahm aber kein Ende. Man forderte eine Risiko-Analyse.
Oder die Schulleiterin Hentschel. Ihre Nervosität war nicht zu übersehen. Aber sie bewies Mut: Sie wolle sich bemühen, die Flüchtlingskinder, die in die Schule kommen, gut zu integrieren. Lob für diese Worte war ebenfalls nicht vernehmbar. Achim Güntzel, ein älterer Herr, stand auf und rief voller Erregung, dass er sich über diese Streitkultur schäme. Er wurde überhört.
Wir sollten den Flüchtlingen eine menschenwürdige Unterkunft geben, bemühte sich Landrat Jendricke um eine sachliche Diskussion und um nachvollziehbare Antworten. Unter anderem darüber, warum man die Flüchtlinge nicht in andere Schulobjekte unterbringe – Klettenberg, Sundhausen oder im Gebäude der ehemaligen Kinder-und Jugendpsychiatrie in Nordhausen.
Stattdessen Zwischenrufe aus dem Hintergrund und Beschimpfungen: Lügner! Ein Botschafter der Regierung sei er, ein arroganter Wortbrüchiger. Wie immer man zu Matthias Jendricke auch stehen mag, er tut nur das, was man von ihm fordert: Flüchtlinge unterzubringen. Die übermächtige Sogwelle Richtung Deutschland haben andere zu verantworten.
Nehmen wir einmal an, an Jendrickes Stelle als Landrat stünden Stefan Nüßle, Egon Primas oder Jutta Krauth. Auch sie würden sich redlich bemühen, bemühen müssen, ihren Aufgaben in der gegenwärtigen schwierigen Situation gerecht zu werden. Vielleicht nicht so übereifrig wie Jendricke, dennoch wären sie Konfrontationen ausgesetzt. Würden sie es auch besser machen? Vielleicht sind sie heute froh, nicht Landrat geworden zu sein, stand doch seinerzeit die Flüchtlingsdebatte noch nicht im Fokus.
Natürlich hat nnz-Leser Bodo Schwarzberg recht, wenn er in seiner Wortmeldung die eigentlichen Ursachen der Flüchtlingsströme benennt. Aber auch er weiß um die Gegenwart, wonach weitere Völkerscharen Einlass in das gelobte Land begehren. Es wird sich weiter verändern. Wir stehen mit der Flüchtlingsproblematik erst am Anfang. Auch hierzulande.
Landkreis und Stadt Nordhausen sind händeringend auf der Suche nach weiteren geeigneten Unterbringungsmöglichkeiten. Debatten werden anderswo nicht ausbleiben. Ob so heftig wie in Wipperdorf geschehen, wird sich zeigen. Immer wieder werden die, die nach einer Bleibe suchen, hören: Wir haben nichts gegen Flüchtlinge, aber bitte nicht bei uns. Die Frage wird sein, wie man ihnen begegnet.
Unser Leser Eckart Holstein macht sich Sorgen über die Wortwahl einiger Kommentatoren. Sie bedienten sich unter anderem abfälliger Attribute über Menschen, die schlichtweg unangebracht seien. Manche, schreibt er, wählten einen Stil, der ihm Angst mache. Wenn er damit den im Vorfeld der Informationsveranstaltung in Wipperdorf meint, der nur zusätzlich Dampf auf den Kessel brachte, steht er mit seiner Meinung nicht allein. Im Gegenteil!
Kurt Frank


