Fr, 06:27 Uhr
18.09.2015
Nordhausen entgegen dem Trend?
Zu wenig Taten für bedrohte Arten
Das wird Deutschland von der Bertelsmann-Stiftung in einer aktuellen Studie zur Nachhaltigkeit bescheinigt. Der Landkreis Nordhausen sollte entgegen dem Trend Vorreiter sein, meint Bodo Schwarzberg. Ist er es schon...
Bedrohte Art: Blasses Knabenkraut (Orchis pallens) (Foto: Bodo Schwarzberg)
Durch das Zusammenwirken von Landschaftspflegeverband, Unterer Naturschutzbehörde, Pächter und aktiven Artenschützern verfünffachte sich der Bestand des in Thüringen stark gefährdeten Blassen Knabenkrautes (Orchis pallens) an einem Wuchsort im Landkreis Nordhausen innerhalb weniger Jahre.
In dem Ranking von 34 OECD-Staaten schnitt Deutschland bezüglich seines Einsatzes für die auf seinem Territorium gefährdeten Pflanzen- und Tierarten auffallend schlecht ab. Dies betraf auch die Vergiftung der Umwelt mit Nitraten und Phosphaten durch die Landwirtschaft. 94 Kilogramm pro Hektar und Jahr würde das Land zu viel auf die Felder bringen.
Auch im Landkreis Nordhausen lassen sich beide Einschätzungen der Bertelsmann-Stiftung bestätigt finden. Immer mehr Vorkommen von Pflanzenarten magerer Standorte wurden in den vergangenen Jahrzehnten u.a. ein Opfer der Nährstoffanreicherung in Böden und Gewässern oder können nur mit ehrenamtlichem Einsatz erhalten werden.
Ein weiteres Problem: Während für die Schafhaltung bisher immer weitere Einbrüche zu beklagen sind, werden wider der Einschätzung von Fachleuten in weiten Teilen Thüringens zunehmend auch auf Halbtrocken- und Trockenrasen Rinder zur Beweidung eingesetzt, - was nun auch dort zu einer nachweisbaren, die Biodiversität mindernden Eutrophierung führt.
Zwischen Wort und Tat klaffen im Freistaat unübersehbare, aber gern übersehene Lücken: Vorbildliche Schutzgebietsausweisungen (das sagt die Bertelsmann-Stiftung auch für ganz Deutschland), eine vorbildliche Biodiversitätsstrategie und flächendeckende Kartierung bedrohter Arten, stehen einer nicht ausreichenden Umsetzung von alledem in die tägliche Naturschutzpraxis gegenüber. Ökonomie contra Ökologie – dies ist fast allerorten zu studieren. Vielfach trägt der Gesetzgeber für diese Widersprüche die Verantwortung.
Im Landkreis Nordhausen wurde unter Federführung des Landschaftspflegeverbandes Südharz-Kyffhäuser und in Zusammenarbeit mit der Unteren Naturschutzbehörde zunächst zwischen 2013 und 2015 erfolgreich versucht, mit Hilfe des so genannten Referenzprojekts Artenschutz gegenzusteuern (Auftragnehmer Bodo Schwarzberg): Wuchsorte bedrohter Pflanzenarten wurden entsprechend den Ansprüchen dieser Arten bewirtschaftet und die Resultate analysiert.
Es zeigt sich, dass es durchaus möglich ist, die verbreiteten Bestandsrückgänge durch das Zusammenwirken von Kenntnissen zu den Arten, ihren Stand- und Wuchssorten einerseits und einer auf deren Ansprüche abgestimmten Bewirtschaftung andererseits, zu stoppen, ja umzukehren. Die Ergebnisse sind vielversprechend.
Um den genannten, für Deutschland wenig schmeichelhaften Ergebnissen der Bertelsmannstudie etwas entgegenzusetzen, sollten Programme, wie das Referenzprojekt Artenschutz flächendeckend und über viele Jahre kontinuierlich fortgesetzte Nachahmer finden. Denn noch scheint es auch in Thüringen ansonsten kaum überregional wirksamen Möglichkeiten zu geben, die eigenen Beschlüsse zur Umkehr des Wuchsort- bzw. Artensterbens umzusetzen.
Dem stehen bisher auch das Primat der intensiven Landwirtschaft mit ihren Einflüssen auf politische Mandatsträger und ökologisch vielfach ungeeignete Vorgaben bzw. Umsetzungen der bisherigen Landschaftspflegeprogramme und FFH-Managementpläne entgegen.
Um die dramatischen Wuchsort- bzw. Artenrückgänge zu stoppen, ist auch mehr Mut und gezieltes Handeln der Landwirtschafts- und Naturschutzbehörden sowie Landschaftspflegeverbände notwendig. Auf die Landwirte sollte mehr Einfluss genommen werden, um die ordnungsgemäße Erfüllung vergüteter Landschaftspflegeverträge auch durchzusetzen, Wuchsorte bedrohter Arten verdienen bei Bewirtschaftungsentscheidungen mehr Beachtung. Wo möglich, sollten sie verstärkt neue, individuelle und unbürokratische Wege beschreiten und den ehrenamtlichen Naturschutzsektor verstärkt fördern. Im Landkreis Nordhausen gibt es zu letzterem eine positive Entwicklung.
Den nachdenklich stimmenden Ergebnissen der Bertelsmannstudie kann nur durch regionales Handeln begegnet werden. Das Artensterben in Deutschland findet vor unserer Haustür statt. Im Vergleich zur intensiven Landwirtschaft verfügt der Artenschutz kaum über finanzielle Mittel, Lobbyisten für die Interessenvertretung des Artenschutzes in der großen Politik sind spärlich gesät.
Autor: red
Bedrohte Art: Blasses Knabenkraut (Orchis pallens) (Foto: Bodo Schwarzberg)
Durch das Zusammenwirken von Landschaftspflegeverband, Unterer Naturschutzbehörde, Pächter und aktiven Artenschützern verfünffachte sich der Bestand des in Thüringen stark gefährdeten Blassen Knabenkrautes (Orchis pallens) an einem Wuchsort im Landkreis Nordhausen innerhalb weniger Jahre.In dem Ranking von 34 OECD-Staaten schnitt Deutschland bezüglich seines Einsatzes für die auf seinem Territorium gefährdeten Pflanzen- und Tierarten auffallend schlecht ab. Dies betraf auch die Vergiftung der Umwelt mit Nitraten und Phosphaten durch die Landwirtschaft. 94 Kilogramm pro Hektar und Jahr würde das Land zu viel auf die Felder bringen.
Auch im Landkreis Nordhausen lassen sich beide Einschätzungen der Bertelsmann-Stiftung bestätigt finden. Immer mehr Vorkommen von Pflanzenarten magerer Standorte wurden in den vergangenen Jahrzehnten u.a. ein Opfer der Nährstoffanreicherung in Böden und Gewässern oder können nur mit ehrenamtlichem Einsatz erhalten werden.
Ein weiteres Problem: Während für die Schafhaltung bisher immer weitere Einbrüche zu beklagen sind, werden wider der Einschätzung von Fachleuten in weiten Teilen Thüringens zunehmend auch auf Halbtrocken- und Trockenrasen Rinder zur Beweidung eingesetzt, - was nun auch dort zu einer nachweisbaren, die Biodiversität mindernden Eutrophierung führt.
Zwischen Wort und Tat klaffen im Freistaat unübersehbare, aber gern übersehene Lücken: Vorbildliche Schutzgebietsausweisungen (das sagt die Bertelsmann-Stiftung auch für ganz Deutschland), eine vorbildliche Biodiversitätsstrategie und flächendeckende Kartierung bedrohter Arten, stehen einer nicht ausreichenden Umsetzung von alledem in die tägliche Naturschutzpraxis gegenüber. Ökonomie contra Ökologie – dies ist fast allerorten zu studieren. Vielfach trägt der Gesetzgeber für diese Widersprüche die Verantwortung.
Im Landkreis Nordhausen wurde unter Federführung des Landschaftspflegeverbandes Südharz-Kyffhäuser und in Zusammenarbeit mit der Unteren Naturschutzbehörde zunächst zwischen 2013 und 2015 erfolgreich versucht, mit Hilfe des so genannten Referenzprojekts Artenschutz gegenzusteuern (Auftragnehmer Bodo Schwarzberg): Wuchsorte bedrohter Pflanzenarten wurden entsprechend den Ansprüchen dieser Arten bewirtschaftet und die Resultate analysiert.
Es zeigt sich, dass es durchaus möglich ist, die verbreiteten Bestandsrückgänge durch das Zusammenwirken von Kenntnissen zu den Arten, ihren Stand- und Wuchssorten einerseits und einer auf deren Ansprüche abgestimmten Bewirtschaftung andererseits, zu stoppen, ja umzukehren. Die Ergebnisse sind vielversprechend.
Um den genannten, für Deutschland wenig schmeichelhaften Ergebnissen der Bertelsmannstudie etwas entgegenzusetzen, sollten Programme, wie das Referenzprojekt Artenschutz flächendeckend und über viele Jahre kontinuierlich fortgesetzte Nachahmer finden. Denn noch scheint es auch in Thüringen ansonsten kaum überregional wirksamen Möglichkeiten zu geben, die eigenen Beschlüsse zur Umkehr des Wuchsort- bzw. Artensterbens umzusetzen.
Dem stehen bisher auch das Primat der intensiven Landwirtschaft mit ihren Einflüssen auf politische Mandatsträger und ökologisch vielfach ungeeignete Vorgaben bzw. Umsetzungen der bisherigen Landschaftspflegeprogramme und FFH-Managementpläne entgegen.
Um die dramatischen Wuchsort- bzw. Artenrückgänge zu stoppen, ist auch mehr Mut und gezieltes Handeln der Landwirtschafts- und Naturschutzbehörden sowie Landschaftspflegeverbände notwendig. Auf die Landwirte sollte mehr Einfluss genommen werden, um die ordnungsgemäße Erfüllung vergüteter Landschaftspflegeverträge auch durchzusetzen, Wuchsorte bedrohter Arten verdienen bei Bewirtschaftungsentscheidungen mehr Beachtung. Wo möglich, sollten sie verstärkt neue, individuelle und unbürokratische Wege beschreiten und den ehrenamtlichen Naturschutzsektor verstärkt fördern. Im Landkreis Nordhausen gibt es zu letzterem eine positive Entwicklung.
Den nachdenklich stimmenden Ergebnissen der Bertelsmannstudie kann nur durch regionales Handeln begegnet werden. Das Artensterben in Deutschland findet vor unserer Haustür statt. Im Vergleich zur intensiven Landwirtschaft verfügt der Artenschutz kaum über finanzielle Mittel, Lobbyisten für die Interessenvertretung des Artenschutzes in der großen Politik sind spärlich gesät.


