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Fr, 19:00 Uhr
06.03.2015

Mauern, Gebeine und ein alter Streit

Die Altendorfer Kirche soll bis zum Jahr 2017 zur "Jugendkirche" umgebaut werden. Bevor aber die Bagger anrollen können, dürfen die Archäologen erst einmal mit Spaten und Pinsel zu Werke gehen. Mit etwas Glück könnten die Grabungen am geschichtsträchtigen Ort vielleicht eine alte Diskussion beenden...

Ausgegraben (Foto: Angelo Glashagel) Ausgegraben (Foto: Angelo Glashagel)
Die alte Frauenbergkirche wird, wenn mit der Finanzierung alles klappt, bis zum Jahr 2017 ein neues Gesicht erhalten. Das fehlende Seitenschiff soll in modernem Gewand aus Glas und Beton neu erstehen. Bevor aber die Arbeiten am ersten Bauabschnitt begonnen werden können, haben die Archäologen des Landesamtes für Denkmalpflege einiges zu tun.

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Denn die Kirche ist alt. 1294 wird sie vom Nonnenorden der Zisterzensierinnen als Klosterkirche errichtet. Im 16. Jahrhundert verfällt das Gebäude zusehends, sodass ein Teil der Kirche ab 1639 abgetragen, der Rest umgebaut wird. Erst 1697 wird das Gotteshaus erneut geweiht.

Seit Montag leitet Archäologe Jörg Wüstemann die Grabungen an der Altendorfer Kirche. Reste des abgetragenen Kirchenschiffs sowie christliche Grablegungen in traditioneller Ost-West-Orientierung hat man bereits entdeckt. Zudem traten erste Hinweise auf einen möglichen Vorgängerbau des Gotteshauses zu Tage.

Bis zum April dürfen Wüstemann und seine Kollegen noch graben, vielleicht auch etwas länger, je nachdem, was gefunden wird.

Ausgrabungen an der Altendorfer Kirche - Neben sterblichen Überresten und Teilen des alten Seitenschiffes wurden auch Hinweise auf einen möglichen Vorgängerbau entdeckt (Foto: Angelo Glashagel) Ausgrabungen an der Altendorfer Kirche - Neben sterblichen Überresten und Teilen des alten Seitenschiffes wurden auch Hinweise auf einen möglichen Vorgängerbau entdeckt (Foto: Angelo Glashagel)

Mit etwas Glück könnten die Ausgrabungen dann sogar eine alte Diskussion unter Nordhausens Historikern beenden. Denn bis heute ist unklar, unter welchem Stadteil Nordhausens sich die früheste Ansiedlung aus historischer Zeit verbirgt. Karl Meyer vertrat Ende des 19. Jahrhunderts die Ansicht, die älteste Siedlung müsse sich unterhalb des Frauenbergs befinden und sei fränkischen Ursprungs. Früher war dieser Teil der Stadt als "Alt-Nordhausen" bekannt und Meyer führte aus, dass die Siedlung, die im Schatten der Burg Heinrichs I. im 10 Jahrhundert zwischen dem heutigen Dom und dem Rathaus entstand, den Namen "Nordhausen" von dieser früheren Anlage entlehnt haben müsse. Daher rühre die Bezeichnung "Alt"-Nordhausen für den Stadtteil zu Füßen des Frauenberges.

Auf dem Areal rund um die Kirche am Frauenberg vermutete Meyer einen kleinen fränkischen Militärstützpunkt, einen so genannten "Garthof". Die These findet bis heute breite Zustimmung unter Nordhausens Historikern, konnte aber bisher nicht archäologisch belegt werden.

Andere Überlegungen sehen im Altendorf den ältesten besiedelten Flecken des heutigen Nordhausens und vermuten eine thürinigische Ansiedlung, die noch älter wäre, als der fränkische Reichshof am Frauenberg. Umfassende Überlegungen hierzu stellte der ehemalige Stadtarchivar R.H. Walther Müller Mitte des vergangenen Jahrhunderts an. In seinem Aufsatz zur Merwigslindensage beschäftigte sich Müller eingehend mit den Argumenten für und wider dem Altendorf. Wie schon beim Reichshof entbehren die gelehrten Gedankenspiele bisher aber der Unterfütterung durch archäologische Funde.

Das die Ausgrabungen an der Altendorfer Kirche hier neue Erkenntnissen liefern könne, könne man zumindest nicht ausschließen, meinte Grabungsleiter Wüstemann, Indizien gebe es aber bisher noch nicht, man grabe schließlich erst seit einer Woche. Wüstemann ist Nordhausen nicht unbekannt. Er hatte im Zuge der Landesgartenschau bereits am Petersberg wie auch am Frauenberg gegraben und ein wenig Licht in die Stadtgeschichte Nordhausens bringen können.

Dass Rätsel der Vergangenheit, wie die Lage des fränkischen Reichshofes, tatsächlich einmal archäologisch belegt werden können, ist indes unwahrscheinlich. "Gezielte Grabungen zum Selbstzweck werden vor allem als Forschungsgrabungen von Universitäten durchgeführt. In der Stadtgeschichtlichen Forschung sind sie eher selten", erzählte der Grabungsleiter. In den Städten rücken die Archäologen vor den Baggern an und gegraben wird meist nur so tief, wie es der spätere Baukörper verlangt.

Da Bereiche Nordhausens, wie der Frauenberg, nach dem zweiten Weltkrieg mit Trümmerschutt aufgefüllt wurden und die Schichten aus Schutt zum Teil mehere Meter mächtig sind, wird wohl auch in Zukunft so manches Geheimniss der Vergangenheit vor uns verborgen bleiben.

Jörg Wüstemann und seine Kollegen sind dennoch zuversichtlich, das sie etwas Licht in die Geschichte bringen können, zumindest was die Altendorfer Kirche anbelangt. Die Anfänge dieser Woche waren in dieser Hinsicht bereits vielversprechend.
Angelo Glashagel
Autor: red

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Kommentare
Hans Dittmar
07.03.2015, 08:11 Uhr
Grabungen im Altendorf
Ein sehr guter Artikel mit Hintergrundwissen!
Bin mal gespannt was man so alles findet.
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