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Fr, 21:35 Uhr
24.10.2014

Die Gewalt der Kerzen

Vor 25 Jahren drängten sich hunderte Nordhäuser Bürger in der Altendorfer Kirche, um der Fürbitte beizuwohnen. Es war nicht das erste Mal, das man sich traf und aussprach was schief lief im Land. Doch dieser Abend sollte anders werden. Am Ende der Andacht gingen die ersten Nordhäuser auf die Straße demonstrieren. Heute taten sie es wieder...

Die Gewalt der Kerzen (Foto: Angelo Glashagel) Die Gewalt der Kerzen (Foto: Angelo Glashagel)

Vor 25 Jahren, als die DDR noch existierte, da war die Altendorfer Kirche bis zum bersten gefüllt. Heute waren es nicht die zweitausend, die damals durch die Straßen der Stadt zogen. Aber immerhin waren gut 150 Leute erschienen, um dem Beginn der friedlichen Demonstrationen in Nordhausen zu Gedenken.

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Viele von ihnen waren auch damals dabei. Menschen die bis heute in der Öffentlichkeit stehen, wie Pfarrer Peter Kube, der aus Magdeburg angereist war, Gisela Hartmann, die für die Grünen im Stadtrat sitzt, Holger Wengler, der in der Verwaltung arbeitet oder Oberbürgermeister Zeh. Auch solche, die sich zurückgezogen haben, die den Ruhestand genießen, wie das Ehepaar Rüther. Und auch jene, die nicht fest verankert sind im kollektiven Gedächtnis der Stadt, sondern nach der friedlichen Revolution ihr Leben in der Anonymität des Alltags fortgesetzt haben, ohne welche die Wende aber niemals möglich gewesen wäre.

Wie vor einem Vierteljahrhundert, war es Peter Kube, damals Pfarrer in der Altendorfer Kirche, der die Worte sprach, die dem Anlass gerecht wurden. "Wir wollen uns erinnern an diesen Aufbruch hier in Nordhausen, Teil eines großen Aufbruchs, eines Bruchs mit eigenen Vergangenheiten in Biographien hinein. Zur Gesellschaftswende kommt die persönliche Revolution.", sprach Kube, "der Mensch erkennt sich hier und andernorts, im Land und über Grenzen hinaus. Über Grenzen gesteckt durch ein Gefüge von Macht und Abhängingkeit, von vorlaufendem und nacheilendem Gehorsam".

Pfarrer Peter Kube war aus Magdeburg zu seiner alten Wirkstätte zurückgekehrt (Foto: Angelo Glashagel) Pfarrer Peter Kube war aus Magdeburg zu seiner alten Wirkstätte zurückgekehrt (Foto: Angelo Glashagel)
Er spricht über damals, über Ungewissheit, Zögern, Angst und Mut: "Als wir damals hier zusammen waren, schlug vielen das Herz bis zum Hals. Und das schöne und gute war: der Hals war nicht mehr zugeschnürt". Kube spricht aber auch über das, was geblieben ist, das heute, das jetzt und die Angst, fragt nach dem "nächsten schöpferischen Akt" in der Gesellschaft, der zeigt "das es mehr als Leben als Überleben bei den Bedrofhungen auf dieser Erde gibt".

Und dann bittet er die Anwesenden zu sprechen. Wie damals. Nur das es heute ein Mikrofon gibt. Einen Moment herrscht Ruhe im Raum, niemand rührt sich. Das Zögern ist so lange spürbar, bis ein Mann aufsteht und nach vorne tritt. Er spricht über diejenigen, die mit neuen Ideen weitergemacht und die "Stadt umgekrempelt" haben. "Das ich das erleben durfte, war für mich einfach ein Geschenk". Und damit war der Bann gebrochen. Man erzählt Anekdoten und Begebenheiten rund um die erste Demonstration. Wie sich die Nachricht verbreitete, von Menschen die sich anschlossen, von Spitzeln und von den Ereignissen an anderen Orten wie Ellrich.

Der Zug folgte der alten Route und endete am Neuen Rathaus (Foto: Angelo Glashagel) Der Zug folgte der alten Route und endete am Neuen Rathaus (Foto: Angelo Glashagel)
Schließlich geht es auf die Straße. Kerzen werden verteilt und der kleine Zug setzt sich durch die Altstadt in Bewegung. Es ist ein anderes Nordhausen, durch das die Gedenkdemonstration zieht. Die wenigen Passanten welche die Nordhäuser Nacht bevölkern, schauen konsterniert ob des seltsamen Zuges, versuchen die Transparente zu entziffern. Die vom Schein der Neonreklame hell erleuchtete Kranichstraße bildet den krassen Gegensatz zu den Bildern, die viele derjenigen noch im Kopf haben dürften, die damals mitgegangen sind. Das Licht spricht von einem anderen Land, einer anderen Welt mit anderen Problemen.

Am Neuen Rathaus wird halt gemacht, es werden Kerzen abgestellt. Gisela Hartmann ist überzeugt, das es "die Gewalt der Kerzen" war, welche die Eskalation im Herbst 1989 verhinderte. Holger Wengler, damals Sprecher des Neuen Forums, berichtet über die Demonstrationen, die danach kamen. Von den zehntausenden, die sich auf dem Bebelplatz einfanden, durch die Stadt zogen und friedlich blieben.

Der Abend war, wie damals, ein Erfolg. Allerdings unter anderen Vorzeichen. Eine Gedenkveranstaltung wie diese, die sich so wohltuend vom beständig wiederkehrenden, ritualisierten Erinnern samt dem damit verbundenen Pathos und der verblassenden Betroffenheit abheben konnte, war nur möglich, weil der Herbst 1989 noch im Wesen einiger Nordhäuser verankert ist. Trotz allem.
Angelo Glashagel
Autor: red

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Kommentare
Zukunft
25.10.2014, 10:03 Uhr
Nüchtern
Die Stadt feiert 25 Jahre friedliche Revolution und 150 Menschen kommen. 150 Menschen bei einer Einwohnerzahl von ca. 95.000 Einwohner im Landkreis. Geht es den Menschen zu gut? Sind sie nicht dankbar endlich in Freiheit und Demokratie leben zu können? Oder ist das nicht eingetroffen, was sich die Menschen damals erhofft haben? Die Verlockungen des Westens waren groß, insbesondere wirtschaftlicher Natur. Schicke Autos, ein riesen Angebot an Lebensmitteln, Obst , Gemüse, und, und und. Haben sich die Leute nicht danach gesehnt? Natürlich. Die damals im Neuen Forum oder im Demokratischen Aufbruch waren sind heute in guten und sehr guten "Positionen" in der Gesellschaft angekommen oder sind Rentner.

Da lässt sich schon über die Vergangenheit schwelgen . Auch heute läuft in unserer Gesellschaft nicht alles rund. Wo sind da die kritischen Stimmen dieser Leute von damals ? Man hört keine. Ist auch klar, wer kritisiert schon etwas von dem er profitiert, insbesondere in finanzieller Hinsicht. Mit der Vergangenheit abzurechnen ist immer leichter und einfacher , wie eine Gegenwart zu kritisieren, weil man dann vielleicht seine Position auf Spiel setzt heute wie früher........
Janko
25.10.2014, 15:21 Uhr
weil es, "nüchtern" betrachtet...
...den leuten noch immer immer noch zu gut geht. selbst allen dauernörglern und systemkritikern geht es gut. selbst hartz4-empfängern geht es (vergleichsweise) gut. erst, wenn es irgendwann dem überwiegendem teil der bevölkerung gar nicht mehr gut geht, so wie dies in den letzten tagen der DDR der fall war, wird etwas passieren. wer sollte denn im moment wofür oder wogegen den hintern hoch bekommen? ist doch viel zu bequem.
Von um die Ecke
25.10.2014, 17:53 Uhr
Genau wie vor 25 Jahren
War ich leider arbeiten.

Der Termin stand in meinem Kalender, doch nicht so wichtig das ich extra Urlaub oder Überstunden hätte dafür genommen.
Doch wenn ich lese, wie wenige teil genommen haben, stimmt es mich nachdenklich, auch meiner eigenen Einstellungen wegen.
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