Do, 21:48 Uhr
02.10.2014
Hochbegabung: Fluch oder Segen?
Wer intelligent ist der hat es leichter im Leben, sollte man annehmen. Doch gerade für Kinder, die ihren Altersgenossen voraus sind, ist eine Hochbegabung oft alles andere als ein Segen. Kinder und Eltern finden nur selten Hilfe und Beratung. Das Familienzentrum will das jetzt ändern...
Ab einem Intelligenzquotienten von 130 und mehr gilt man offiziell als "hochbegabt". Das trifft laut Studien auf gut 2% der Bevölkerung zu. Doch nur weil einem komplexe Aufgaben leichter von der Hand gehen, heißt das nicht, das man auch leichter durch das Leben geht. Das gilt insbesondere für Kinder.
Gabrielle Lützkendorf ist Diplom- und Begabtenpädagogin. Letztern Titel erwarb sie sich erst, nachdem sie sich mit den Mühen und Kämpfen ihrer eigenen hochbegabten Kinder konfrontiert sah. Ihr ältester Sohn hatte schon in frühen Jahren gezeigt, das er mit seinen Altersgenossen nicht sehr viel anfangen konnte, eher suchte er den Kontakt zu älteren Kindern und Erwachsenen. In der Schule löste er komplexe Aufgaben ohne Probleme, versagte aber bei den einfachsten Aufgabenstellungen, den Hausaufgaben, den Wiederholungen. Er zog sich zurück, verbrachte viel Zeit vor dem Computer. So viel Zeit, das die Familie vermutete, der Sohn könnte Spielsüchtig sein. Eine psychologische Untersuchung kam zu einem anderen Schluss: der Sohn sei hochbegabt.
Bei den Noten half das nicht viel. In der Schule sagte man Frau Lützkendorf, man könne nicht helfen, ihr Sohn möge zwar ein "Leuchtturm" sein, ansonsten hätte man aber vor allem "U-Boote", um die man sich kümmern müsse. Nur mit viel Überzeugungsarbeit gelang es der Mutter, den Sohn davon abzuhalten, die Schule zu verlassen und sein Abitur aufzugeben. Mit 24 Jahren hat der junge Mann nun eine Ausbildung begonnen.
Pädagogin Gabriele Lützkendorf hat selbst zwei Hochbegabte Kinder (Foto: Angelo Glashagel)
Als auch die Tochter anzeichen für Hochbegabung zeigte, reagierte die Mutter. Sie hatte sich selber mit dem Thema intensiv auseinander gesetzt, denn Beratung und Hilfe gibt es in Thüringen für diese Fälle kaum. Die Tochter wurde mit fünf Jahren eingeschult, übersprang einige Klassen und ist mit zwölf Jahren inzwischen in der neunten Klasse. Wohlgemerkt, nicht in einer normalen Schule, sondern einem Sondergymnasium mit angeschlossenem Internat am anderen Ende des Freistaates. Die Tochter sei glücklich, erzählt Lützkendorf, "mit hochbegabten Kindern geht man zuweilen kuriose Wege".
Lützkendorf gab ihren Zuhörern vor allem grundsätzliche Informationen an die Hand und sprach von den Erfahrungen, die Kinder, Eltern und Lehrer machten. Ob ein Kind hochbegabt ist, kann nur schwer erkannt werden. Es gibt zahlreiche Anzeichen wie geringes Schlafbedürfnis, das frühe beherschen von Grammatik, Schrift und Rechenaufgaben, einen ausgeprägten Hang zur Perfektion und Selbstkritik (was bis in die Depression führen kann) und eine erhöhte Sensibilität. "Die Kinder saugen Informationen auf wie ein Schwamm", sagte Lützkendorf.
Doch Hochbegabung bedeute nicht gleich Hochleistung, wiederholt die Pädagogin immer wieder. Auch Hochbegabte müssten lernen, sich anzustrengen, nur eben aus anderen Gründen. In der Schule ecken die Kinder oft an, erfahren Neid und Missgunst, fühlen sich als "Fremdkörper". Jungen neigten zu Verhaltensauffälligkeiten, Mädchen versuchten eher, sich stärker anzupassen und kämen dadurch in die Gefahr psychosomatische Störungen zu entwickeln. Die meisten Lehrer wüssten wenig über Hochbegabung, das Thema würde im Studium kaum behandelt, erklärt Lützkendorf.
Vor allem Betroffene waren zum Vortrag erschienen, Lehrer und Fachkräfte nur wenige (Foto: Angelo Glashagel)
Und so stoßen nicht nur die Heranwachsenden auf Unverständnis, auch die Eltern müssen sich mit einer unverständigen Umwelt auseinandersetzen, seien es nun die Lehrer oder der Bekanntenkreis, in dem manche Eltern als überfürsorglich oder in Bezug auf ihr Kind als besonders ehrgeizig erschienen. Eine Möglichkeit, das eigene Kind zu unterstützen ist es, ihm auch nach der Schule passende Aufgaben zu stellen und Aktivitäten zu ermöglichen, die den oft sehr breit gefächerten Interessen der Kinder entsprechen. Ihre Tochter die eine auf Sprachen spezialisierte Schule besuche, spiele drei Instrumente, nicht weil sie müsste, sondern weil es ihr Spaß mache, sagte Lützkendorf.
Die Erfahrungen der Pädagogin teilten viele im Publikum. Nach dem Vortrag berichteten sie von ihren Kindern, die schon in der KITA den anderen die Geschichte zum Mittagsschlaf vorgelesen oder die Erzieher korrigiert hätten, die in der Schule auffälig wurden, erzählten von Auseinandersetzungen mit Lehrern und der Suche nach Rat und Hilfe. Vertreter der Schulen waren leider nur wenige zugegen, die Gymnasien hatten trotz Einladung niemanden geschickt.
Ob ein Kind tatsächlich hochbegabt ist, können nur entsprechende Tests klären. Die werden jedoch von der Krankenkasse nicht bezahlt. Nur wenn, wie im Falle des Sohnes von Frau Lützkendorf, Verdacht auf eine psychische Störung bestehe, können Institutionen wie die Kinderpsychatrie in Nordhausen entsprechende Tests durchführen. Auch das Schulamt kann eine Untersuchung veranlassen, allerdings nur auf Betreiben der jeweiligen Schule oder des Kindergartens. Das am Ende auch ein klares Ergebnis steht, ist aber nicht sicher.
Fragen zur Unterstützung von Betroffenen und zu Fördermöglichkeiten sollen nach Möglichkeit bald innerhalb eines Angebotes des Familienzentrums beantwortet werden. Eltern und Kindern könnten mit Fachkräften ins Gespräch kommen, insofern sich der Bedarf herauskristallisiert.
Angesichts des regen Zuspruchs der heutigen Veranstaltung scheint das aber Gewiss.
Wer sich näher informieren will, findet das Familienzentrum im Internet unter: http://www.jugendsozialwerk.de/familien/treffs-kurse/familienzentrum-nordhausen/ oder erreicht die Einrichtung telefonisch unter: 03631-462650
Angelo Glashagel
Autor: redAb einem Intelligenzquotienten von 130 und mehr gilt man offiziell als "hochbegabt". Das trifft laut Studien auf gut 2% der Bevölkerung zu. Doch nur weil einem komplexe Aufgaben leichter von der Hand gehen, heißt das nicht, das man auch leichter durch das Leben geht. Das gilt insbesondere für Kinder.
Gabrielle Lützkendorf ist Diplom- und Begabtenpädagogin. Letztern Titel erwarb sie sich erst, nachdem sie sich mit den Mühen und Kämpfen ihrer eigenen hochbegabten Kinder konfrontiert sah. Ihr ältester Sohn hatte schon in frühen Jahren gezeigt, das er mit seinen Altersgenossen nicht sehr viel anfangen konnte, eher suchte er den Kontakt zu älteren Kindern und Erwachsenen. In der Schule löste er komplexe Aufgaben ohne Probleme, versagte aber bei den einfachsten Aufgabenstellungen, den Hausaufgaben, den Wiederholungen. Er zog sich zurück, verbrachte viel Zeit vor dem Computer. So viel Zeit, das die Familie vermutete, der Sohn könnte Spielsüchtig sein. Eine psychologische Untersuchung kam zu einem anderen Schluss: der Sohn sei hochbegabt.
Bei den Noten half das nicht viel. In der Schule sagte man Frau Lützkendorf, man könne nicht helfen, ihr Sohn möge zwar ein "Leuchtturm" sein, ansonsten hätte man aber vor allem "U-Boote", um die man sich kümmern müsse. Nur mit viel Überzeugungsarbeit gelang es der Mutter, den Sohn davon abzuhalten, die Schule zu verlassen und sein Abitur aufzugeben. Mit 24 Jahren hat der junge Mann nun eine Ausbildung begonnen.
Pädagogin Gabriele Lützkendorf hat selbst zwei Hochbegabte Kinder (Foto: Angelo Glashagel)
Als auch die Tochter anzeichen für Hochbegabung zeigte, reagierte die Mutter. Sie hatte sich selber mit dem Thema intensiv auseinander gesetzt, denn Beratung und Hilfe gibt es in Thüringen für diese Fälle kaum. Die Tochter wurde mit fünf Jahren eingeschult, übersprang einige Klassen und ist mit zwölf Jahren inzwischen in der neunten Klasse. Wohlgemerkt, nicht in einer normalen Schule, sondern einem Sondergymnasium mit angeschlossenem Internat am anderen Ende des Freistaates. Die Tochter sei glücklich, erzählt Lützkendorf, "mit hochbegabten Kindern geht man zuweilen kuriose Wege".
Lützkendorf gab ihren Zuhörern vor allem grundsätzliche Informationen an die Hand und sprach von den Erfahrungen, die Kinder, Eltern und Lehrer machten. Ob ein Kind hochbegabt ist, kann nur schwer erkannt werden. Es gibt zahlreiche Anzeichen wie geringes Schlafbedürfnis, das frühe beherschen von Grammatik, Schrift und Rechenaufgaben, einen ausgeprägten Hang zur Perfektion und Selbstkritik (was bis in die Depression führen kann) und eine erhöhte Sensibilität. "Die Kinder saugen Informationen auf wie ein Schwamm", sagte Lützkendorf.
Doch Hochbegabung bedeute nicht gleich Hochleistung, wiederholt die Pädagogin immer wieder. Auch Hochbegabte müssten lernen, sich anzustrengen, nur eben aus anderen Gründen. In der Schule ecken die Kinder oft an, erfahren Neid und Missgunst, fühlen sich als "Fremdkörper". Jungen neigten zu Verhaltensauffälligkeiten, Mädchen versuchten eher, sich stärker anzupassen und kämen dadurch in die Gefahr psychosomatische Störungen zu entwickeln. Die meisten Lehrer wüssten wenig über Hochbegabung, das Thema würde im Studium kaum behandelt, erklärt Lützkendorf.
Vor allem Betroffene waren zum Vortrag erschienen, Lehrer und Fachkräfte nur wenige (Foto: Angelo Glashagel)
Und so stoßen nicht nur die Heranwachsenden auf Unverständnis, auch die Eltern müssen sich mit einer unverständigen Umwelt auseinandersetzen, seien es nun die Lehrer oder der Bekanntenkreis, in dem manche Eltern als überfürsorglich oder in Bezug auf ihr Kind als besonders ehrgeizig erschienen. Eine Möglichkeit, das eigene Kind zu unterstützen ist es, ihm auch nach der Schule passende Aufgaben zu stellen und Aktivitäten zu ermöglichen, die den oft sehr breit gefächerten Interessen der Kinder entsprechen. Ihre Tochter die eine auf Sprachen spezialisierte Schule besuche, spiele drei Instrumente, nicht weil sie müsste, sondern weil es ihr Spaß mache, sagte Lützkendorf.
Die Erfahrungen der Pädagogin teilten viele im Publikum. Nach dem Vortrag berichteten sie von ihren Kindern, die schon in der KITA den anderen die Geschichte zum Mittagsschlaf vorgelesen oder die Erzieher korrigiert hätten, die in der Schule auffälig wurden, erzählten von Auseinandersetzungen mit Lehrern und der Suche nach Rat und Hilfe. Vertreter der Schulen waren leider nur wenige zugegen, die Gymnasien hatten trotz Einladung niemanden geschickt.
Ob ein Kind tatsächlich hochbegabt ist, können nur entsprechende Tests klären. Die werden jedoch von der Krankenkasse nicht bezahlt. Nur wenn, wie im Falle des Sohnes von Frau Lützkendorf, Verdacht auf eine psychische Störung bestehe, können Institutionen wie die Kinderpsychatrie in Nordhausen entsprechende Tests durchführen. Auch das Schulamt kann eine Untersuchung veranlassen, allerdings nur auf Betreiben der jeweiligen Schule oder des Kindergartens. Das am Ende auch ein klares Ergebnis steht, ist aber nicht sicher.
Fragen zur Unterstützung von Betroffenen und zu Fördermöglichkeiten sollen nach Möglichkeit bald innerhalb eines Angebotes des Familienzentrums beantwortet werden. Eltern und Kindern könnten mit Fachkräften ins Gespräch kommen, insofern sich der Bedarf herauskristallisiert.
Angesichts des regen Zuspruchs der heutigen Veranstaltung scheint das aber Gewiss.
Wer sich näher informieren will, findet das Familienzentrum im Internet unter: http://www.jugendsozialwerk.de/familien/treffs-kurse/familienzentrum-nordhausen/ oder erreicht die Einrichtung telefonisch unter: 03631-462650
Angelo Glashagel


