Do, 18:33 Uhr
02.10.2014
nnz-doku: Rede von OB Dr. Klaus Zeh
Zur Zeit werden im Nordhäuser Theater ehrenamtlich tätige Frauen und Männer aus dem Landkreis Nordhausen ausgezeichnet. Dabei werden mehrere Festreden geredet, unter anderem von Oberbürgermeister Dr. Klaus Zeh...
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich begrüße Sie ganz herzlich in unserem Theater am Vortag des Tages der Deutschen Einheit, des 3.Oktober. Wie immer wollen wir unseren Nationalfeiertag in der Nordhäuser Tradition auch zur besonderen Ehrung des Ehrenamts nutzen. Gleichzeitig wollen wir auch den Tag der Deutschen Einheit würdigen. Diese beiden Themen gemeinsam aufzurufen, war eine gute Entscheidung.
Denn erst mit der Wiedervereinigung wurden auch dem freien ehrenamtlichen Engagement seine staatlichen Fesseln genommen! Ohne dieses freiwillige ehrenamtliche Engagement wäre unser Gemeinwesen um so vieles ärmer und könnte auf Dauer sicher nicht existieren. Natürlich gab es in der DDR auch ehrenamtliches Engagement.
Aber auch hier war es wie überall in diesem Staat, ob nun in der Gesellschaft für Sport und Technik, in der Betriebsportgruppe, im Kulturbund oder in einem Schriftstellerverband: Staatlicher Einfluss und Kontrolle war die oberste Maxime. Selbstständige Vereine, Selbsthilfegruppen oder freie Bürgerinitiativen waren nicht möglich oder konnten sehr schnell zur staatsfeindlichen Gruppierung erklärt werden. Darauf werde ich in meinen Äußerungen später noch einmal eingehen.
In der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 wurde um Mitternacht die Fahne der Einheit am großen Fahnenmast vor dem Reichstag gehisst. Mit dem Einigungsvertrag wurde der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland festgelegt und am 3. Oktober die Wiedervereinigung rechtlich abgeschlossen. Für mich und für eine große Mehrheit der Deutschen ist dieser Tag immer noch ein Glücksfall in der deutschen Geschichte und ein Geschenk. Zu diesem Geschenk haben wir Ostdeutsche den wesentlichen Anteil erbracht.
Denn dieser 3. Oktober 1990 wäre ohne den Herbst 1989 und die friedliche Revolution in der DDR nicht möglich gewesen.
Wir begehen in diesem Jahr den 25. Jahrestag der friedlichen Revolution. Wie wohl kein Ereignis zuvor war das, was sich im Herbst 1989 ereignete und sich bis zum 3. Oktober 1990 vollendete, die wohl größte Bürgerinitiative der DDR. Man kann sogar sagen: Es war die bedeutendste Bürgerbewegung und das stärkste bürgerschaftliche Engagement in der jüngsten Geschichte Deutschlands überhaupt.
Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus – diesen Satz haben die Bürger ernst genommen und in den Ruf gewandelt:Wir sind das Volk!. Er bekam in den Herbsttagen vor 25 Jahren Gesicht, Hand und Fuß. Zuerst in den Kirchen, dann in Versammlungen vor den Kirchen und letztlich auf den Straßen, erst tausend- und zehntausendfach, am Ende hunderttausend- und millionenfach.
Der anfängliche Ruf in Leipzig nach den Montagsgebeten: Wir wollen raus!, war eine Ohrfeige für die damals herrschenden Funktionäre. Aus dieser heilen und schönsten DDR der Welt konnten doch nur Wirrköpfe wirklich heraus wollen.
Als sich die Botschaften in Prag und Warschau dennoch immer mehr mit tausenden von Ausreisewilligen füllten, begann man sie mit Hasstiraden zu beschimpfen. Dass ausgerechnet vorwiegend Angehörige der fortschrittlichsten Klasse der sozialistischen Gesellschaft, nämlich Arbeiter, Bauern und auch SED-Mitglieder unter ihnen waren, störte die SED-Führung bei ihrer Häme nicht. Genau heute vor 25 Jahren stand in der SED-Zeitung Das Volk folgende Einschätzung: Jene in den Botschaften von Warschau und Prag haben sich selbst ausgegrenzt. Unter ihnen sind auch viele asoziale Elemente. Wir wollen ihnen keine Träne nachweinen.
Eingekleidet war diese Nachricht übrigens in die Grußaderesse von Erich Honecker an Deng Xiaoping zum 40. Jahrestag des Bestehens der Volksrepublik China. Zitat: Beide Länder, die Deutsche Demokratische Republik und die Volksrepublik China, verteidigen jeder die Sache des Sozialismus. Ihr in Peking, wir in Berlin, so schrieb Honecker.
Vielen Menschen in der DDR wurde schlecht bei diesem Satz. Sie verstanden die Drohung, denn sie wussten, was auf dem Platz des Himmlischen Friedens für ein Blutbad angerichtet wurde.
Bedrohlicher noch als der Satz: Wir wollen raus!, klang den Genossen der Ruf in den Ohren: Wir bleiben hier! und der Ruf Die Mauer muss weg! Die ersten Rufer konnte die DDR ja noch in den Westen abschieben und los werden und wenn es gut ging, sogar für hartes Westgeld und Devisen.
Die zweiten wurde man nicht so einfach los. Die wollten ja nicht weg und waren deshalb die größere Bedrohung. Da musste man sich etwas anderes einfallen lassen.
So wurde der Druck auf die Bevölkerung über die Presse verstärkt. In den Tagen vor dem 7. Oktober 1989 drohte die Junge Welt, die Zeitung der Freien Deutschen Jugend (FDJ) unter der Überschrift:
Was ist staatsfeindlich? u. a.: … Staatsfeindlich handelt, wer ‚Die Mauer muss weg‘ ruft und damit Artikel 7 der Verfassung verletzt, der da lautet: …Die Staatsorgane gewährleisten die territoriale Integrität der DDR und die Unverletzlichkeit ihrer Staatsgrenzen‘ … Staatsfeindlich handelt, wer Reformen zur Wiederherstellung kapitalistischer Produktionsverhältnisse anstrebt. … Staatsfeindlich handelt, wer das in Artikel 21 verbriefte Recht auf Mitbestimmung durch Schaffung einer Opposition nach westlichem Vorbild ersetzen will. …. Sieben weitere Gründe für staatsfeindliches Handeln werden aufgeführt.
Die Zeit reicht nicht, um sie alle aufzählen. Ich denke, unter diesen Prämissen wären wir hier fast alle Staatsfeinde gewesen.
Nun, es half dennoch alles nichts: Die Demonstrationen in Leipzig und anderswo wuchsen sehr schnell zu einer Massenbewegung. Waren es im Jahr 1989 am 18. September noch die für DDR-Verhältnisse unvorstellbare Zahl von 1.500 Teilnehmern in Leipzig, so waren es am 2. Oktober bereits 10.000, am 9. Oktober, der Tag der Entscheidung für den friedlichen Verlauf, 70.000, und am 23. Oktober 300.000, am 6. November gar 500.000!
Hier in Nordhausen war die Altendorfer Kirche Ausgangspunkt der friedlichen Revolution. Ab September wurden hier regelmäßig Fürbittandachten abgehalten. Am 24. Oktober zogen ca. 1.000 Demonstranten mit Kerzen von der Altendorfer Kirche in Richtung Rathaus. In Berlin waren am 4. November weit mehr als 500.000 Bürger auf dem Alexanderplatz unterwegs. Unter ihnen mischten sich auch immer mehr SED-Genossen.
Der Schriftsteller Stefan Heim war einer von ihnen! Er sagte auf dieser Groß-Demo: Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen! Nach all' den Jahren der Stagnation – der geistigen, wirtschaftlichen, politischen; – den Jahren von Dumpfheit und Mief, von Phrasengewäsch und bürokratischer Willkür, von amtlicher Blindheit und Taubheit. […] Einer schrieb mir – und der Mann hat recht: Wir haben in diesen letzten Wochen unsere Sprachlosigkeit überwunden und sind jetzt dabei, den aufrechten Gang zu erlernen!.
Warum behandele ich das hier so ausführlich? Reicht diese Thematik nicht bestenfalls für ein Veteranentreffen friedlicher Revolutionäre? Haben wir hier und heute nicht andere Probleme? – Nein! Diese Thematik ist hochaktuell. Mit Blick auf die Ukraine, Hongkong, den arabischen Frühling und andere Brennpunkte in dieser Welt, wo der Hunger nach Freiheit und Selbstbestimmung noch mit Füßen getreten wird, komme ich zu folgender Feststellung:
Wir schätzen unsere Freiheit leider noch viel zu wenig. Natürlich kann man nicht täglich Morgen für Morgen aufstehen und sich überlegen, wie man an diesem Tag seine Freiheit noch optimaler nutzen und schätzen wird. Wir müssen auch feststellen, dass Freiheit eben viel alltäglicher ist, als unser Traum von ihr.
Dennoch: Ohne Freiheit ist kein demokratisches Gemeinwesen möglich und würde unser Rechtsstaat nicht funktionieren. Wir brauchen die Freiheit wie die Luft zum Atmen, sagte einst Michail Gorbatschow. Deshalb müssen wir die Freiheit auch schützen, wo sie in Gefahr ist. Das gehört zu unserer DDR-Erfahrung und diese müssen wir an unsere Kinder in der Bundesrepublik Deutschland weitergeben.
Außerdem ist in diesen Tagen, ausgerechnet genau ein Viertel Jahrhundert nach dem Umbruch in der DDR, der Blick zurück auf die DDR wieder hochaktuell, ist die DDR-Vergangenheit zurückgekehrt. Am Dienstag vergangener Woche hatte LINKE, SPD und Grüne ein Papier zur Aufarbeitung zur DDR-Geschichte vorgelegt. Darin heißt es: Für eine Aufarbeitung in die Gesellschaft hinein ist es von Bedeutung festzuhalten: die DDR war eine Diktatur, kein Rechtsstaat. Weil durch unfreie Wahlen bereits die strukturelle demokratische Legitimation staatlichen Handelns fehlte, weil jedes Recht und jede Gerechtigkeit in der DDR ein Ende haben konnte, wenn einer der kleinen oder großen Mächtigen es so wollte, weil jedes Recht und Gerechtigkeit für diejenigen verloren waren, die sich nicht systemkonform verhielten, war die DDR in der Konsequenz ein Unrechtsstaat. Zitat Ende. Ich persönlich begrüße dieses Papier außerordentlich. Andere bewerten es anders.
Manchmal fragt wir uns aber auch: Hat uns die Freiheit in neue Unfreiheit geführt? Sind wir abhängig von rein materiellen Kategorien? Lassen wir uns beherrschen vom Konsumdrang unserer Zeit? Sie, die ‚Ehrenamtlichen‘, sind der lebendige Beweis des Gegenteils.
Sie haben die Freiheit sinnvoll genutzt, sie schaffen Werke und Werte. Sie tun dies nicht für den kurzen Applaus. Gebraucht zu werden schafft Lebenssinn, sozialen Zusammenhalt und das Empfinden von Glück.
Jeder kennt das: Man packt gerne mit an, man hilft sich gegenseitig, man tut sich mit anderen zu gemeinsamen Zwecken zusammen. Und man empfindet Freude dabei, weil es gut tut. Wo Bürgerinnen und Bürger erleben, dass sie selbst ihr eigenes Gemeinwesen gestalten, da wenden sie sich auch nicht verbittert ab, wenn es schwierig wird.
Man kann die Tätigkeiten, die im Ehrenamt ausgeführt werden, gar nicht hoch genug veranschlagen. Unsere Gesellschaft wäre ohne dieses ehrenamtliche Engagement nicht nur gefühlsärmer und unpersönlicher; ein funktionierendes Gemeinwesen ist ohne solches Engagement gar nicht denkbar.
Oft sind es jedoch auch gerade die kleinen Gesten und Taten der Nächstenliebe, die das Zusammenleben verbessern. Das Bürgerengagement beginnt dort, wo einer dem anderen die Hand reicht oder dort, wo man einen Blick für die kleinen Nöte seiner Mitmenschen hat und darauf reagiert.
Für mich sind die besten Antriebsfedern des bürgerschaftlichen Engagements die Freude am Leben, die Lust auf eine lebendige Gemeinschaft mit anderen Menschen und der Spaß am Gestalten der eigenen Lebenswelt.
Autor: redSehr geehrte Damen und Herren,
ich begrüße Sie ganz herzlich in unserem Theater am Vortag des Tages der Deutschen Einheit, des 3.Oktober. Wie immer wollen wir unseren Nationalfeiertag in der Nordhäuser Tradition auch zur besonderen Ehrung des Ehrenamts nutzen. Gleichzeitig wollen wir auch den Tag der Deutschen Einheit würdigen. Diese beiden Themen gemeinsam aufzurufen, war eine gute Entscheidung.
Denn erst mit der Wiedervereinigung wurden auch dem freien ehrenamtlichen Engagement seine staatlichen Fesseln genommen! Ohne dieses freiwillige ehrenamtliche Engagement wäre unser Gemeinwesen um so vieles ärmer und könnte auf Dauer sicher nicht existieren. Natürlich gab es in der DDR auch ehrenamtliches Engagement.
Aber auch hier war es wie überall in diesem Staat, ob nun in der Gesellschaft für Sport und Technik, in der Betriebsportgruppe, im Kulturbund oder in einem Schriftstellerverband: Staatlicher Einfluss und Kontrolle war die oberste Maxime. Selbstständige Vereine, Selbsthilfegruppen oder freie Bürgerinitiativen waren nicht möglich oder konnten sehr schnell zur staatsfeindlichen Gruppierung erklärt werden. Darauf werde ich in meinen Äußerungen später noch einmal eingehen.
In der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 wurde um Mitternacht die Fahne der Einheit am großen Fahnenmast vor dem Reichstag gehisst. Mit dem Einigungsvertrag wurde der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland festgelegt und am 3. Oktober die Wiedervereinigung rechtlich abgeschlossen. Für mich und für eine große Mehrheit der Deutschen ist dieser Tag immer noch ein Glücksfall in der deutschen Geschichte und ein Geschenk. Zu diesem Geschenk haben wir Ostdeutsche den wesentlichen Anteil erbracht.
Denn dieser 3. Oktober 1990 wäre ohne den Herbst 1989 und die friedliche Revolution in der DDR nicht möglich gewesen.
Wir begehen in diesem Jahr den 25. Jahrestag der friedlichen Revolution. Wie wohl kein Ereignis zuvor war das, was sich im Herbst 1989 ereignete und sich bis zum 3. Oktober 1990 vollendete, die wohl größte Bürgerinitiative der DDR. Man kann sogar sagen: Es war die bedeutendste Bürgerbewegung und das stärkste bürgerschaftliche Engagement in der jüngsten Geschichte Deutschlands überhaupt.
Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus – diesen Satz haben die Bürger ernst genommen und in den Ruf gewandelt:Wir sind das Volk!. Er bekam in den Herbsttagen vor 25 Jahren Gesicht, Hand und Fuß. Zuerst in den Kirchen, dann in Versammlungen vor den Kirchen und letztlich auf den Straßen, erst tausend- und zehntausendfach, am Ende hunderttausend- und millionenfach.
Der anfängliche Ruf in Leipzig nach den Montagsgebeten: Wir wollen raus!, war eine Ohrfeige für die damals herrschenden Funktionäre. Aus dieser heilen und schönsten DDR der Welt konnten doch nur Wirrköpfe wirklich heraus wollen.
Als sich die Botschaften in Prag und Warschau dennoch immer mehr mit tausenden von Ausreisewilligen füllten, begann man sie mit Hasstiraden zu beschimpfen. Dass ausgerechnet vorwiegend Angehörige der fortschrittlichsten Klasse der sozialistischen Gesellschaft, nämlich Arbeiter, Bauern und auch SED-Mitglieder unter ihnen waren, störte die SED-Führung bei ihrer Häme nicht. Genau heute vor 25 Jahren stand in der SED-Zeitung Das Volk folgende Einschätzung: Jene in den Botschaften von Warschau und Prag haben sich selbst ausgegrenzt. Unter ihnen sind auch viele asoziale Elemente. Wir wollen ihnen keine Träne nachweinen.
Eingekleidet war diese Nachricht übrigens in die Grußaderesse von Erich Honecker an Deng Xiaoping zum 40. Jahrestag des Bestehens der Volksrepublik China. Zitat: Beide Länder, die Deutsche Demokratische Republik und die Volksrepublik China, verteidigen jeder die Sache des Sozialismus. Ihr in Peking, wir in Berlin, so schrieb Honecker.
Vielen Menschen in der DDR wurde schlecht bei diesem Satz. Sie verstanden die Drohung, denn sie wussten, was auf dem Platz des Himmlischen Friedens für ein Blutbad angerichtet wurde.
Bedrohlicher noch als der Satz: Wir wollen raus!, klang den Genossen der Ruf in den Ohren: Wir bleiben hier! und der Ruf Die Mauer muss weg! Die ersten Rufer konnte die DDR ja noch in den Westen abschieben und los werden und wenn es gut ging, sogar für hartes Westgeld und Devisen.
Die zweiten wurde man nicht so einfach los. Die wollten ja nicht weg und waren deshalb die größere Bedrohung. Da musste man sich etwas anderes einfallen lassen.
So wurde der Druck auf die Bevölkerung über die Presse verstärkt. In den Tagen vor dem 7. Oktober 1989 drohte die Junge Welt, die Zeitung der Freien Deutschen Jugend (FDJ) unter der Überschrift:
Was ist staatsfeindlich? u. a.: … Staatsfeindlich handelt, wer ‚Die Mauer muss weg‘ ruft und damit Artikel 7 der Verfassung verletzt, der da lautet: …Die Staatsorgane gewährleisten die territoriale Integrität der DDR und die Unverletzlichkeit ihrer Staatsgrenzen‘ … Staatsfeindlich handelt, wer Reformen zur Wiederherstellung kapitalistischer Produktionsverhältnisse anstrebt. … Staatsfeindlich handelt, wer das in Artikel 21 verbriefte Recht auf Mitbestimmung durch Schaffung einer Opposition nach westlichem Vorbild ersetzen will. …. Sieben weitere Gründe für staatsfeindliches Handeln werden aufgeführt.
Die Zeit reicht nicht, um sie alle aufzählen. Ich denke, unter diesen Prämissen wären wir hier fast alle Staatsfeinde gewesen.
Nun, es half dennoch alles nichts: Die Demonstrationen in Leipzig und anderswo wuchsen sehr schnell zu einer Massenbewegung. Waren es im Jahr 1989 am 18. September noch die für DDR-Verhältnisse unvorstellbare Zahl von 1.500 Teilnehmern in Leipzig, so waren es am 2. Oktober bereits 10.000, am 9. Oktober, der Tag der Entscheidung für den friedlichen Verlauf, 70.000, und am 23. Oktober 300.000, am 6. November gar 500.000!
Hier in Nordhausen war die Altendorfer Kirche Ausgangspunkt der friedlichen Revolution. Ab September wurden hier regelmäßig Fürbittandachten abgehalten. Am 24. Oktober zogen ca. 1.000 Demonstranten mit Kerzen von der Altendorfer Kirche in Richtung Rathaus. In Berlin waren am 4. November weit mehr als 500.000 Bürger auf dem Alexanderplatz unterwegs. Unter ihnen mischten sich auch immer mehr SED-Genossen.
Der Schriftsteller Stefan Heim war einer von ihnen! Er sagte auf dieser Groß-Demo: Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen! Nach all' den Jahren der Stagnation – der geistigen, wirtschaftlichen, politischen; – den Jahren von Dumpfheit und Mief, von Phrasengewäsch und bürokratischer Willkür, von amtlicher Blindheit und Taubheit. […] Einer schrieb mir – und der Mann hat recht: Wir haben in diesen letzten Wochen unsere Sprachlosigkeit überwunden und sind jetzt dabei, den aufrechten Gang zu erlernen!.
Warum behandele ich das hier so ausführlich? Reicht diese Thematik nicht bestenfalls für ein Veteranentreffen friedlicher Revolutionäre? Haben wir hier und heute nicht andere Probleme? – Nein! Diese Thematik ist hochaktuell. Mit Blick auf die Ukraine, Hongkong, den arabischen Frühling und andere Brennpunkte in dieser Welt, wo der Hunger nach Freiheit und Selbstbestimmung noch mit Füßen getreten wird, komme ich zu folgender Feststellung:
Wir schätzen unsere Freiheit leider noch viel zu wenig. Natürlich kann man nicht täglich Morgen für Morgen aufstehen und sich überlegen, wie man an diesem Tag seine Freiheit noch optimaler nutzen und schätzen wird. Wir müssen auch feststellen, dass Freiheit eben viel alltäglicher ist, als unser Traum von ihr.
Dennoch: Ohne Freiheit ist kein demokratisches Gemeinwesen möglich und würde unser Rechtsstaat nicht funktionieren. Wir brauchen die Freiheit wie die Luft zum Atmen, sagte einst Michail Gorbatschow. Deshalb müssen wir die Freiheit auch schützen, wo sie in Gefahr ist. Das gehört zu unserer DDR-Erfahrung und diese müssen wir an unsere Kinder in der Bundesrepublik Deutschland weitergeben.
Außerdem ist in diesen Tagen, ausgerechnet genau ein Viertel Jahrhundert nach dem Umbruch in der DDR, der Blick zurück auf die DDR wieder hochaktuell, ist die DDR-Vergangenheit zurückgekehrt. Am Dienstag vergangener Woche hatte LINKE, SPD und Grüne ein Papier zur Aufarbeitung zur DDR-Geschichte vorgelegt. Darin heißt es: Für eine Aufarbeitung in die Gesellschaft hinein ist es von Bedeutung festzuhalten: die DDR war eine Diktatur, kein Rechtsstaat. Weil durch unfreie Wahlen bereits die strukturelle demokratische Legitimation staatlichen Handelns fehlte, weil jedes Recht und jede Gerechtigkeit in der DDR ein Ende haben konnte, wenn einer der kleinen oder großen Mächtigen es so wollte, weil jedes Recht und Gerechtigkeit für diejenigen verloren waren, die sich nicht systemkonform verhielten, war die DDR in der Konsequenz ein Unrechtsstaat. Zitat Ende. Ich persönlich begrüße dieses Papier außerordentlich. Andere bewerten es anders.
Manchmal fragt wir uns aber auch: Hat uns die Freiheit in neue Unfreiheit geführt? Sind wir abhängig von rein materiellen Kategorien? Lassen wir uns beherrschen vom Konsumdrang unserer Zeit? Sie, die ‚Ehrenamtlichen‘, sind der lebendige Beweis des Gegenteils.
Sie haben die Freiheit sinnvoll genutzt, sie schaffen Werke und Werte. Sie tun dies nicht für den kurzen Applaus. Gebraucht zu werden schafft Lebenssinn, sozialen Zusammenhalt und das Empfinden von Glück.
Jeder kennt das: Man packt gerne mit an, man hilft sich gegenseitig, man tut sich mit anderen zu gemeinsamen Zwecken zusammen. Und man empfindet Freude dabei, weil es gut tut. Wo Bürgerinnen und Bürger erleben, dass sie selbst ihr eigenes Gemeinwesen gestalten, da wenden sie sich auch nicht verbittert ab, wenn es schwierig wird.
Man kann die Tätigkeiten, die im Ehrenamt ausgeführt werden, gar nicht hoch genug veranschlagen. Unsere Gesellschaft wäre ohne dieses ehrenamtliche Engagement nicht nur gefühlsärmer und unpersönlicher; ein funktionierendes Gemeinwesen ist ohne solches Engagement gar nicht denkbar.
Oft sind es jedoch auch gerade die kleinen Gesten und Taten der Nächstenliebe, die das Zusammenleben verbessern. Das Bürgerengagement beginnt dort, wo einer dem anderen die Hand reicht oder dort, wo man einen Blick für die kleinen Nöte seiner Mitmenschen hat und darauf reagiert.
Für mich sind die besten Antriebsfedern des bürgerschaftlichen Engagements die Freude am Leben, die Lust auf eine lebendige Gemeinschaft mit anderen Menschen und der Spaß am Gestalten der eigenen Lebenswelt.

